Multimorbidität bei schwerem Asthma
Bericht:
Moana Mika, PhD
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Bei der gemeinsamen Jahrestagung der Schweizer Gesellschaften für Kardiologie und Pneumologie beleuchtete Prof. Dr. Jörg D. Leuppi, PhD, Liestal und Basel, das Ausmaß der Multimorbidität bei schwerem Asthma.
Keypoints
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Multimorbidität bei schwerem Asthma ist häufig: Mehr als die Hälfte aller Betroffenen haben mindestens zwei Komorbiditäten.
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Multimorbidität hat nicht nur einen direkten Einfluss auf die Asthmakontrolle, sondern auch auf die Lebensqualität und das Wohlbefinden von Patient:innen.
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Studien zeigten, dass insbesondere die COPD, die gastroösophageale Refluxerkrankung und Depressionen einen negativen Effekt haben.
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Der MiDAS kann dabei helfen, Patient:innen mit hohem Risiko zu identifizieren. Eine interdisziplinäre, ganzheitliche Versorgung ist bei Menschen mit schwerem Asthma und Multimorbidität angezeigt.
Rund 3–4% aller von Asthma Betroffenen leiden unter einer schweren Form der Atemwegserkrankung. Dies zeigte eine große Untersuchung aus den Niederlanden aus dem Jahr 2015 mit über 2300 Teilnehmenden.1 Schweres Asthma bedeutet, dass die Symptome trotz intensiver Therapie persistieren. Dazu kommen häufige Exazerbationen, sodass die Krankheit unkontrolliert bleibt.2 Doch dem nicht genug: Das Schweizer Severe Asthma Registry (SSAR) zeigte in einer retrospektiven Studie von 2025 auf, dass rund 60% der Patient:innen mit schwerem Asthma auch noch an zwei oder mehreren Komorbiditäten leiden, das heißt, dass eine Multimorbidität vorliegt.3 Was bedeutet dies? Der Pneumologe Leuppi ordnete es in seinem Vortrag ein.
Die korrekte Diagnose
„Zuerst muss sichergestellt werden, dass es sich tatsächlich um ein schweres Asthma handelt“, sagte Leuppi. Auch wenn schweres Asthma eine hohe Krankheitslast mit sich bringt, so bleibt es doch eine eher seltene Diagnose. „Deutlich häufiger kommt es vor, dass Betroffene die Therapie nicht richtig einhalten“, so Leuppi. Dies führe womöglich dazu, dass fälschlicherweise angenommen werde, das Asthma sei unkontrollierbar. Die Global Initiative for Asthma (GINA) geht davon aus, dass um die 80% aller Patient:innen ihre Medikamente falsch inhalieren und rund 75% nicht vollkommen therapieadhärent sind.2
Bevor also die Diagnose „schweres Asthma“ gestellt wird, müssen alle anderen Faktoren, die Asthmasymptome hervorrufen können, ausgeschlossen werden. „Dies bedingt, dass man die betroffene Person gut kennt“, sagte Leuppi. Die Diagnose „schweres Asthma“ ist daher immer eine retrospektive Diagnose.2
Multimorbidität – die hohe Krankheitslast
Gleich drei große Kohorten haben die Last der Multimorbidität bei schwerem Asthma in den letzten zwei Jahren ausgewertet. Die Kohorte des SSAR schloss 234 Patient:innen ein. Die häufigsten Komorbiditäten waren Allergien (55,1% der Studienteilnehmenden), chronische Rhinosinusitis (48,3%), nasale Polypen (35,0%), gastroösophagealer Reflux (29,1%) und arterielle Hypertonie (21,4%).3 Einige Komorbiditäten waren in der Studie signifikant mit einer schlechteren Asthmakontrolle und einer niedrigeren Lebensqualität assoziiert, wie beispielsweise die Refluxkrankheit oder die COPD. Die Teilnehmenden an der Schweizer Studie wurden über zwei Jahre begleitet – in dieser Zeit verbesserte sich im Schnitt die Asthmakontrolle. Interessant war, dass die Komorbiditäten hingegen persistierten.3
Zu ähnlichen Resultaten betreffend Auftreten und Auswirkung von Multimorbidität kam eine Studie des International Severe Asthma Registry, das Daten von über 11800 Patient:innen aus 22 Ländern umfasst. Insgesamt 57% der Studienteilnehmenden hatten drei oder mehr Komorbiditäten. Die Studie zeigte auf, dass von schwerem Asthma und komorbider allergischer Rhinitis, nasaler Polyposis oder chronischer Rhinosinusitis Betroffene signifikant mehr Exazerbationen hatten. Viele Komorbiditäten waren zudem mit einer verminderten Asthmakontrolle und ganz generell mit einem schlechteren Behandlungsergebnis assoziiert.4
Die europäische Datenbank „Severe Heterogeneous Asthma Research collaboration, Patient-centred“ (SHARP) ist eine Initiative der europäischen respiratorischen Gesellschaft (ERS). Die Datenbank setzt sich aus Registern aus elf Ländern zusammen. In einer Studie von 2026 wurden die insgesamt 2690 Patient:innen mit schwerem Asthma in vier europäische Regionen eingeteilt – Nord, Süd, Ost und West – und deren zehn häufigsten Komorbiditäten erhoben. Basierend darauf wurde eine bioinformatische Clustering-Methode angewendet, um sogenannte Multimorbiditätsphänotypen und deren klinische Merkmale zu bestimmen.5
Die Studie berechnete drei Komorbiditäts-Cluster. Sie kamen in allen vier geografischen Regionen vor und waren anhand der vorherrschenden Komorbiditäten charakterisiert durch Osteoporose und steroidinduzierte Gewichtszunahme, Ekzem und Rhinitis sowie chronische Sinusitis und nasale Polyposis. Patient:innen konnten Anteile verschiedener Cluster haben. Basierend darauf identifizierte die Studie bei den Studienteilnehmenden vier dominierende Phänotypen. Die zwei häufigsten Phänotypen waren der sinonasale und der Phänotyp ohne spezifische Assoziation zu einem Cluster. Die zwei anderen waren der steroidassoziierte sowie der maximale Multimorbiditätsphänotyp.5
Anhand der klinischen Daten konnten die Phänotypen anschließend mit gewissen Merkmalen und Behandlungsergebnissen korreliert werden. So hatten Studienteilnehmende mit steroidassoziiertem Phänotyp etwa einen höheren BMI, eine schlechtere Lungenfunktion und Asthmakontrolle sowie eine höhere Exazerbationsfrequenz. Oder der maximale Multimorbiditätsphänotyp: Von diesem Phänotyp Betroffene benötigten mehr orale Kortikosteroide und wurden eher mit Biologika behandelt.5
Ziel: ganzheitliche Versorgung
„Die drei Studien zeigen, dass Multimorbidität einen deutlichen Effekt auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität von Betroffenen hat“, so Leuppi. Die Studienautor:innen der Schweizer Kohorte schlussfolgerten basierend auf ihren Ergebnissen, dass integrierte, multidisziplinäre Behandlungsstrategien bei schwerem Asthma notwendig seien, um die Gesamtprognose zu verbessern.3 Die europäische SHARP-Studie kam zum Schluss, dass die Einteilung in Phänotypen zu einer verbesserten ganzheitlichen Versorgung von Patient:innen mit schwerem Asthma beitragen könnte.5
Eine weitere Hilfestellung, um den Effekt der Multimorbidität abzuschätzen, bietet der MiDAS (Multimorbidity in Difficult Asthma Score). Der Score bewertet das Auftreten und die Auswirkung von typischen Komorbiditäten, die sowohl das Asthma als auch die Lebensqualität von Betroffenen negativ beeinflussen können. Um den Score zu entwickeln, wurden die Daten von 500 Patient:innen aus der Wessex Asthma Cohort of Difficult Asthma (WATCH) verwendet, einer in Großbritannien ansässigen Kohorte von Patient:innen mit schwer zu behandelndem Asthma. Der Score basiert auf den sieben häufigsten Komorbiditäten, die bei den Patient:innen dieser Kohorte auftraten: Rhinitis, gastroösophagealer Reflux, Atemmusterstörung, Adipositas, Bronchiektasen, durch NSAR verschlimmerte Atemwegserkrankung und obstruktive Schlafapnoe. Um den Score zu bestimmen, werden die Komorbiditäten mit ihren Auswirkungen verrechnet. Je höher der errechnete Wert, desto stärker ist die Assoziation mit verminderter Lebensqualität, schlechterer Asthmakontrolle und psychologischem Stress.6
Eine Komorbidität, die zwar nicht im MiDAS erfasst wird, aber gemäß Leuppi durchaus relevant ist, sind Depressionen. „Basierend auf den Daten aus dem SSAR und den klinischen Erfahrungen gehe ich davon aus, dass Depressionen bei von schwerem Asthma Betroffenen unterdiagnostiziert sind“, sagte er. In der SSAR-Studie waren sie signifikant assoziiert mit schlechterer Diffusionskapazität der Lunge für Kohlenmonoxid (DLCO), was ein Ausdruck schwerer Erkrankung sein dürfte.3 Eine Studie bei Menschen mit COPD zeigte zudem, dass eine kleinere DLCO prädiktiv für verminderte Schlafqualität sein kann – ein Symptom, das auch bei Menschen mit Depressionen häufig vorkommt.7 Der Experte betonte, dass Menschen mit schwerem Asthma daher regelmäßig auf mögliche Depressionen hin untersucht werden müssten. „Die Evidenz zeigt, dass insbesondere Depressionen, Reflux und COPD einen negativen Effekt haben“, so Leuppi. „Da müssen wir genau hinschauen und handeln, wo nötig“, schloss er.
Definitionen: unkontrolliertes, schwer zu behandelndes und schweres Asthma2
Unkontrolliertes Asthma:
schlechte Symptomkontrolle (häufige Symptome oder Gebrauch von Notfallmedikamenten, eingeschränkte Aktivität, nächtliches Aufwachen) und/oder
häufige Exazerbationen (≥2/Jahr), die orale Kortikosteroide notwendig machen, oder schwerwiegende Exazerbationen (≥1/Jahr), die zur Hospitalisation führen
Schwer zu behandelndes Asthma:
unkontrolliertes Asthma trotz mittel bis hoch dosierter Therapie mit inhalativen Kortikosteroiden und einem zweiten Medikament (üblicherweise aus der Gruppe der lang wirksamen Beta-Agonisten [LABA]) oder einer Erhaltungstherapie mit oralen Kortikosteroiden oder
unkontrolliertes Asthma, das eine hoch dosierte Therapie bedingt, um die Symptome zu kontrollieren und das Risiko von Exazerbationen zu reduzieren
Schweres Asthma (Untergruppe des schwer zu behandelnden Asthmas):
Das Asthma ist unkontrolliert trotz Therapieadhärenz, optimierter hoch dosierter Therapie mit inhalativen Kortikosteroiden und LABA sowie Behandlung von Komorbiditäten oder
das Asthma verschlechtert sich, sobald die hoch dosierte Therapie reduziert wird.
Lesetipp
Hier geht es zum GINA-Leitfaden für schwer zu behandelndes und schweres Asthma: GINA-Leitfaden
Quelle:
Gemeinsame Jahrestagung 2026 der Swiss Society of Cardiology (SSC), der Swiss Society for Heart and Thoracic Vascular Surgery (SSCS), der Swiss Society of Pneumology (SSP) und der Swiss Society for Thoracic Surgery (SSTS), 10. bis 12. Juni 2026, Basel
Literatur:
1 Hekking PW et al.: The prevalence of severe refractory asthma. J Allergy Clin Immunol 2015; 135: 896-902 2 Global Initiative for Asthma. Difficult-to-treat & severe asthma in adolescents and adult patients, version 7.0, May 2026. www.ginasthma.org/reports; zuletzt aufgerufen am 1.7.2026 3 Jaun F et al.: The effect of comorbidities on asthma-related outcomes over a two-year period: a prospective analysis of Swiss Severe Asthma Registry (SSAR). J Asthma Allergy 2025; 18: 1105-18 4 Scelo G et al.: Analysis of comorbidities and multimorbidity in adult patients in the International Severe Asthma Registry. Ann Allergy Asthma Immunol 2024; 132: 42-53 5 Freeman A et al.: Multimorbidity phenotypes and associated characteristics in severe asthma: an observational study of European severe asthma registries. Lancet Reg Health Eur 2026; 63: 101600 6 Kurukulaaratchy RJ et al.: Evaluation of the effect of multimorbidity on difficult-to-treat asthma using a novel score (MiDAS): a multinational study of asthma cohorts. Lancet Respir Med 2025; 13: 821-32 7 Shah A et al.: Sleep quality and nocturnal symptoms in a community-based COPD cohort. COPD 2020; 17: 40-8
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