Der Beitrag der Schweiz zur Geschichte der Gefässmedizin
Autor:
Dr. med. Thomas Zehnder
Angiologie
Medizinische Klinik, Spital Thun
E-Mail: Thomas.Zehnder@spitalstsag.ch
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Die Fortschritte der modernen Medizin in den letzten Jahrzehnten ist weitgehend einer globalisierten wissenschaftlichen Tätigkeit zu verdanken. Das gilt auch für die Gefässmedizin, in der unterschiedliche Persönlichkeiten und Länder zum Fortschritt beigetragen haben. Es ist aber wenig bekannt, dass die Schweiz zu einem wesentlichen Anteil zum Fortschritt der Gefässmedizin beigetragen hat.
Keypoints
-
Die Angiologie etablierte sich im 20. Jahrhundert als eigenständiges medizinisch interdisziplinäres Fachgebiet.
-
Die Schweiz leistete dabei wichtige Beiträge zur Erforschung und Behandlung von Gefässerkrankungen.
-
Ballonkatheter und Stents revolutionierten die minimalinvasive Behandlung verengter Gefässe und erhöhten die Sicherheit und den langfristigen Erfolg der Therapie.
Die moderne Angiologie entwickelte sich in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg dank zweier Persönlichkeiten. Der Spanier Fernando Martorell (1906–1984) eröffnete bereits 1943 in Barcelona eine Poliklinik für Gefässkrankheiten und führte internationale Kurse im neuen Fachgebiet durch. Er war Mitbegründer und der erste Präsident der 1951 gegründeten International Society for Angiology. Im deutschen Sprachraum nahm Max Ratschow (1904–1963) eine Pionierrolle ein: Er habilitierte 1939 mit einem angiologischen Thema und leitete in Darmstadt ab 1952 eine angiologische Klinik.
In der Schweiz war Prof. Leo Karl Widmer (1924–1997) aus Basel einer der wichtigsten Wegbereiter der Angiologie. Er liess sich in der Klinik von Max Ratschow von der Gefässmedizin begeistern und konnte 1959 eine eigenständige Abteilung für internistische Angiologie am Universitätsspital Basel gründen. Berühmt wurde er vor allem durch seine auch international vielbeachteten Basler Studien, in denen er und sein Team durch jahrelange Reihenuntersuchungen epidemiologische Grundlagen von Arterien- und Venenkrankheiten erarbeiteten. Leo Widmer war auch einer der Gründungsväter der Schweizerischen Gesellschaft für Angiologie, die im Oktober 1961 in Basel gegründet wurde. Erwähnenswert ist, dass bei der Gründung zwei Kardiologen, zwei Chirurgen, ein Angiologe, ein Radiologe und ein Pharmakologe vertreten waren. Das unterstreicht die Interdisziplinarität des Fachgebiets, die auch heute noch die Angiologie auszeichnet. 1987 schlossen sich fünf verschiedene Fachgesellschaften (Schweizerische Gesellschaften für Angiologie, Phlebologie, Gefässchirurgie, interventionelle Radiologie und Mikrozirkulation) zur Union Schweizerischer Gesellschaften für Gefässkrankheiten (USGG) zusammen. Diese Dachgesellschaft organisiert gemeinsame Kongresse und erlaubt eine bessere Vertretung der gemeinsamen standespolitischen Anliegen.
Fortschritte in der Gefässmedizin
Die Geschichte der Gefässmedizin ist geprägt von vielen Fortschritten, die zu einer besseren Diagnostik und Therapie geführt haben. Erwähnt sei die Entwicklung der Ultraschalltechnik, die ihren Anfang in den frühen 40er-Jahren nahm und heute als Duplexsonografie unverzichtbar geworden ist. Aber auch innovative Medikamente wie Statine und Blutverdünner haben zum Erfolg beigetragen. Interessant ist vor allem die Geschichte der Antikoagulation. Im Jahre 1916 gelang dem damaligen Studenten Jay McLean die Entdeckung von Heparin, das auch heute eingesetzt wird. Die Entwicklung der oralen Antikoagulation reicht ins Jahr 1933 zurück. In den 1920er-Jahren wütete in Norddakota die sogenannte Süssklee-Krankheit. Kühe, die vergorenes Gras gefressen hatten, starben ungeklärt an inneren Blutungen. Ein verzweifelter Bauer brachte 1933 seine tote Kuh zum Biochemiker Karl Link in der Universität von Wisconsin. Dieser konnte schliesslich das Rätsel lösen: Er fand im vergorenen Gras die Substanz Dicumarol, die durch Einwirkung von Schimmelpilzen aus Cumarin gebildet wird und die Blutgerinnung hemmt. Daraus wurde dann einige Jahre später die Therapie mit den Cumarinen abgeleitet, die weltweit vor allem als Warfarin bekannt ist.
Die Rolle der Schweiz in der Entwicklung der Kathetertechnik
Unter all diesen Fortschritten ragt aber eine Innovation besonders heraus und verdient eine spezielle Erwähnung, nämlich die Entwicklung der Kathetertechnik. Es ist wenig bekannt, dass bei diesem Thema die Schweiz eine bedeutende Rolle gespielt hat. Am Anfang der Entwicklung steht allerdings der amerikanische Radiologe Charles Dotter (1920–1985). Er machte nach einer diagnostischen Nierenangiografie 1962 eine erstaunliche Erfahrung: Der Patient berichtete ihm, dass er seit der Angiografie keine Claudicatio mehr habe. Dotter erkannte, dass er mit seinem Katheter unbeabsichtigt einen Beckenarterienverschluss durchstossen hatte, was zur Beschwerdefreiheit geführt hatte. Er sah das Potenzial dieses Zufalls und entwickelte daraus ein therapeutisches System mit teleskopartig übereinander schiebbaren Kathetern, mit denen er Bougierungen von Stenosen und Verschlüssen durchführte. Das Verfahren fand vor allem in Europa eine breite Anwendung, letztlich blieb die Methode aber wegen der Nebenwirkungen limitiert. Durch die sich verjüngenden Katheter entstand ein immer grösseres Loch in der Arterie, was zu vielen, leider auch tödlichen Nachblutungen führte. Die Methode musste also dringend verbessert werden.
Entwicklung des Ballonkatheters
Der Mann, dem diese Verbesserung gelang, war Andreas Grüntzig (1939–1985). Er kam 1969 als junger Assistenzarzt aus Dresden an das Universitätsspital Zürich. Er kannte die Methode von Dotter aus seiner Ausbildungszeit, und es ist seinem Genie zu verdanken, dass er auf die entscheidende Idee kam. Unterstützt von seiner treuen Assistentin Maria Schlumpf und einem Material-experten der ETH (Heinrich Hopff) tüftelte er auch in der Freizeit an der Lösung. Diese war so simpel wie auch genial. Er befestigte an einen einlumigen Angiografiekatheter einen Ballon aus Polyvinylchlorid, der sich von aussen sowohl aufblasen als auch wieder zusammenfalten liess (Abb. 1). Damit benötigte man nur noch ein kleines Zugangsloch in der Arterie, konnte aber nach Platzierung in der Stenose eine grosse Wirkung durch die Entfaltung des Ballons erreichen. Mit einem solchen Ballonkatheter wurde am 12. Februar 1974 weltweit zum ersten Mal in Zürich eine Beinarterienstenose erfolgreich dilatiert. Grüntzig erkannte den Wert der Methode auch für die koronare Herzkrankheit. Nach weiteren Verbesserungen wurde am 16. September 1977 erstmals ein geeigneter Patient mit einer Angina pectoris von ihm dilatiert. Grüntzig musste sich gegenüber vielen Skeptikern durchsetzen, welche das Potenzial der neuen Methode nicht erkannten. Nur dank prominenter Unterstützer wie des damaligen Herzchirurgen Ake Senning konnte er seine Methode in Zürich anwenden. Trotzdem blieb ihm der Karriereweg in Zürich verwehrt, sodass er 1980 in die USA auswanderte, wo er bei einem Flugzeugabsturz 1985 ums Leben kam.
Entwicklung des Stents
Die Ballonangioplastie war aber noch nicht die perfekte Methode, weil es in rund einem von drei Fällen zu einem Rezidiv kam, zum Teil früh nach dem Eingriff. Die Verbesserung wurde durch das Einbringen eines dünnen Metallgitters – auch Stent genannt – erreicht, damit konnte man die dilatierte Stelle vor einem Rezidiv schützen (Abb. 2). Historisch betrachtet ist es bemerkenswert, dass die Entwicklung der Stents Parallelen zur Entwicklung der Ballontechnik hat. Es war wiederum ein deutscher Arzt, der bei dieser bahnbrechenden Innovation an einem Schweizer Spital an vorderster Front dabei war. Ulrich Sigwart (geb. 1941) aus Wuppertal war Leiter der Abteilung für invasive Kardiologie am Universitätsspital Lausanne. Er kannte die Ballondilatation aus erster Hand und wusste auch um deren Nachteile aufgrund der Rezidive. Ihm wurde klar, dass es eine mechanische Stütze brauchte, um die alleinige Ballonmethode zu verbessern. Mit Ingenieuren aus der Umgebung und viel Geduld, aber wenig Unterstützung durch das Spital entwickelte er einen solchen Stent, den er erfolgreich bei gesunden Hunden anwendete. Am Menschen wurde in Lau-sanne dieser Stent im April 1986 zum ersten Mal eingesetzt, nur Jacques Puel in Toulouse war mit der ersten Stent-Anwendung im März 1986 noch früher. Die grosse Stunde von Ulrich Sigwart schlug dann am 12. Juni 1986, als ein internationaler Angioplastie-Kurs mit Live-Fällen in Lausanne stattfand. Bei einer 56-jährigen Patientin mit einer schweren Angina pectoris kam es bereits in den ersten Stunden nach der erfolgreichen Ballondilatation zu einem Rückfall. In einem solchen Fall wäre eine notfallmässige Bypass-Operation das Standardvorgehen gewesen, Sigwart konnte sich jedoch durchsetzen und mit einem erfolgreichen Stent der Patientin einen Notfalleingriff ersparen. Dabei konnte er auf die Unterstützung des Herzchirurgen Prof. H. Sadeghi zählen, auch das eine auffällige Parallele zur Situation von Grüntzig in Zürich neun Jahre früher.
Die Gefässmedizin hat sich seit dieser Zeit weiterentwickelt, die Methoden wurden verbessert, neue Medikamente haben sich durchgesetzt. Der Blick zurück in die Geschichte der Gefässmedizin lässt hoffen, dass diese Entwicklung zugunsten der wachsenden Zahl an Gefässpatienten auch in Zukunft weitergeht.
Literatur:
● Sigwart U: Die Entwicklung des koronaren und nicht-koronaren Stents. https://historischesarchiv.dgk.org/files/2015/10/4.-Beitrag_Sigwart.pdf ; zuletzt aufgerufen am 9.7.2026 ● Byrne RA et al.: Coronary balloon angioplasty, stents and scaffolds. Lancet 2017; 390(10096): 781-92 ● Mahler F et al. (eds.): Angiologie 1961–2011, 50 Jahre Schweizerische Gesellschaft für Angiologie. Berlin: ABW Wissenschaftsverlag, 2011 ● Ball CM, Featherstone PJ: The history of warfarin. Anesthesia and Intensive Care 2025; 53(3): 148-50
Das könnte Sie auch interessieren:
Narbentherapie 2026: zwischen Dermatologie und Chirurgie
Eine frühzeitige, korrekte Klassifikation einer Narbe kann den Heilungsverlauf beeinflussen. Die Behandlung sollte sich nach dem Phänotyp und dem therapeutischen Target richten. Dieser ...
Atopische Dermatitis 2026: von Bekanntem und Neuem
Aktuelle Erkenntnisse zur Pathogenese, Diagnostik und Therapie der atopischen Dermatitis (AD) zeigen ein zunehmend differenziertes Verständnis der Erkrankung und ihrer therapeutischen ...
Die menschliche Haut in der modernen Kunst
Dr. Ralph Ubl, Professor für neuere Kunstgeschichte an der Universität Basel, stellte sich der schwierigen Herausforderung, einem Raum voller erwartungsvoller Dermatologen das Organ Haut ...