Präventive Strategie: extrakorporale Stoßwellentherapie
Autoren:
Priv.-Doz. Dr. Rainer Mittermayr
Dr. Wolfgang Schaden
Traumazentrum Wien, Standort Meidling
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Die extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT) hat sich von einer ursprünglich lithotriptischen Methode zu einem vielseitigen biologischen Stimulationsverfahren entwickelt. Mechanotransduktive Effekte führen zur Aktivierung angiogener, osteogener und immun-modulatorischer Prozesse, wodurch Komplikationen bei Hochrisiko-patient:innen durch frühzeitigen Einsatz reduziert werden können.
Keypoints
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Der zentrale Wirkmechanismus der ESWT ist die Mechanotransduktion, bei der mechanische Signale in biochemische Prozesse überführt werden.
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Die Stoßwellen wirken aktivierend auf Osteoblasten, hemmend auf Osteoklasten und haben einen migratorischen Effekt auf Stammzellen.
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Experimentelle Studien zeigen, dass perioperative ESWT die Fibroseentwicklung signifikant reduziert sowie in Tiermodellen die Neovaskularisation und biomechanische Stabilität verbessert.
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Besonders relevant ist der Einsatz der ESWT in der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie, wo sie durch Förderung der Neovaskularisation und Modulation der Fibrose Narbenqualität und Gewebeintegration verbessern kann.
Die extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT) stellt eine nichtinvasive Methode dar, bei der akustische Druckwellen mechanische Reize auf biologisches Gewebe übertragen. Zentraler Wirkmechanismus ist die Mechanotransduktion, bei der mechanische Signale in biochemische Prozesse überführt werden. Dies führt zur Aktivierung von Angiogenese, zur Modulation von Entzündungsprozessen sowie zur Stimulation von Stammzellmigration und Geweberegeneration. Während die ESWT traditionell zur Behandlung bestehender Pathologien eingesetzt wurde, zeigen aktuelle Entwicklungen ein wachsendes Interesse an prophylaktischen Anwendungen. Ziel ist es, Gewebe vor chirurgischen Eingriffen oder unmittelbar danach biologisch zu „präkonditionieren“, um Komplikationen zu vermeiden und Heilungsprozesse zu optimieren.
Prophylaktische Anwendungen in der Frakturheilung
Zahlreiche Studien zeigen, dass ESWT die osteogene Aktivität stimuliert. Die Stoßwellen aktivieren Osteoblasten, hemmen Osteoklasten und fördern die Migration von Stammzellen. Über Mechanotransduktion kommt es zur Hochregulation von Wachstumsfaktoren wie BMP, TGF-β und VEGF. Neben der etablierten Anwendung bei Non-Unions wird ESWT zunehmend frühzeitig nach Frakturversorgung eingesetzt. In-vivo-Studien belegen eine beschleunigte endochondrale Ossifikation und frühzeitige Knochenmineralisation. Klinische Daten zeigen eine Reduktion der Non-Union-Rate nach osteosynthetisch versorgten Frakturen durch unmittelbar postoperative hochenergetische ESWT von 20% auf 11%. Metaanalysen bestätigen, dass ein früher Therapiebeginn mit besseren Heilungsraten verbunden ist, weshalb eine frühzeitige Therapieeinleitung insbesondere bei Risikokonstellationen empfohlen wird. Zu diesen zählen:
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Hochenergie-, offene oder segmentale Frakturen
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Periostal-, Weichteildefekte
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osteoporotischer Knochen
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Rauchen, Diabetes, Steroidtherapie
Auch präklinische Modelle zeigen eine beschleunigte endochondrale Ossifikation sowie verbesserte biomechanische Eigenschaften des regenerierten Knochens. Daraus ergibt sich eine klare pathophysiologische Grundlage für den prophylaktischen Einsatz bei Risikofrakturen.
ESWT bei Osteotomien und Arthrodesen
Osteotomien und Arthrodesen weisen relevante Pseudarthroseraten auf, insbesondere bei Risikopatient:innen. Tierexperimentelle Studien zeigen, dass früh postoperativ applizierte ESWT zu einer Erhöhung des Kallusvolumens und der Knochenmineraldichte, verbesserter ossärer Mikroarchitektur und gesteigerter biomechanischer Belastbarkeit führt. Für Arthrodesen liegen klinische Daten vor, die Konsolidierungsraten von bis zu 80% nach einmaliger ESWT 24 Wochen postoperativ zeigen. Darüber hinaus kam es zu einer signifikanten Schmerzreduktion. Systematische Übersichten berichten Erfolgsraten zwischen 65% und 100% bei gleichzeitig niedrigen Komplikationsraten. Diese Daten legen nahe, dass ESWT als adjuvante prophylaktische Maßnahme insbesondere bei Hochrisikokonstellationen sinnvoll sein könnte.
Prävention von Arthrofibrose
Arthrofibrose ist eine häufige Komplikation nach Gelenkoperationen. Experimentelle Studien zeigen, dass perioperative ESWT die Fibroseentwicklung signifikant reduziert. Mechanistisch wird dies auf eine Modulation der Entzündungsreaktion sowie eine Verschiebung der Makrophagenpolarisation vom proinflammatorischen M1-Typ auf den regenerativen M2-Typ zurückgeführt.
Osteonekroseprophylaxe
Eine randomisierte Studie zeigte, dass prophylaktisch angewendete ESWT die Inzidenz glukokortikoidinduzierter Femurkopfnekrose signifikant senken kann. Die Studiengruppe, die mit prophylaktischer hochenergetisch-fokussierter ESWTbehandelt wurde, zeigte eine signifikant reduzierte Inzidenz von Osteonekrosen im 12-Monats-Verlauf im Vergleich zur Kontrollgruppe. Dies eröffnet neue Perspektiven für Risikopatient:innen unter Steroidtherapie.
Chondroprotektive Effekte
Präklinische Studien belegen, dass ESWT knorpelschützende Effekte hat, einschließlich der Reduktion von proinflammatorischen Zytokinen und Matrixabbau. Gleichzeitig werden regenerative Marker wie VEGF, BMP-2, Osteocalcin, PCNA und TGF-β hochreguliert. Dies weist auf einen kombinierten Effekt aus Knochen- und Knorpelmodulation hin. Klinische Studien zeigen vor allem funktionelle Verbesserungen und Reduktion von Schmerz bei Arthrose, während strukturelle Effekte bislang nur eingeschränkt belegt sind.
Sehnen-Knochen-Heilung (Enthese)
Die Heilung der Enthese ist entscheidend für den Erfolg vieler orthopädischer Eingriffe einschließlich Kreuzbandoperation und Rekonstruktion der Rotatorenmanschette. Die ESWT verbessert in Tiermodellen die Neovaskularisation und biomechanische Stabilität signifikant. Klinische Studien zeigen verbesserte funktionelle Ergebnisse nach ACL-Rekonstruktion sowie reduzierte Tunnelaufweitung. Auch bei Rotatorenmanschettenrekonstruktionen wurden positive Effekte beobachtet.
Wundheilung und Narbenprävention
Abb. 1: Zustand nach palmarer Radiusverplattung mit hypertropher Narbe 11 Monate postoperativ
Pathologische Narben wie hypertrophe Narben und Keloide stellen eine häufige postoperative Komplikation dar. Während Therapien traditionell erst nach Manifestation einsetzen, zeigen aktuelle Daten, dass eine frühzeitige oder prophylaktische ESWT die Narbenmorphogenese günstig beeinflussen kann. In einer klinischen Pilotstudie zur Abdominoplastik führte bereits eine einmalige präoperative ESWT zu einer signifikanten Reduktion von Narbendicke und Gesamtnarbenbewertung (Vancouver Scar Scale). Auch bei bestehenden hypertrophen Narben wurden Verbesserungen in mehreren POSAS-Parametern beobachtet.Experimentelle und klinische Studien belegen, dass ESWT das Wundmilieu frühzeitig moduliert. Tiermodelle zeigen eine beschleunigte Reepithelialisierung, gesteigerte Angiogenese und verbesserte Gewebequalität. Klinisch konnten reduzierte Transplantationsraten und geringere Inzidenzen hypertropher Narben nachgewiesen werden. Randomisierte Studien berichten insbesondere eine verbesserte Narbenelastizität. Auf molekularer Ebene werden u. a. eine Hemmung der TGF-β 1/Smad-Achse sowie eine reduzierte Myofibroblastenaktivität beschrieben. Zudem beschleunigt ESWT die Epithelialisierung akuter Wunden und Transplantationsstellen, verkürzt die Heilungszeit, reduziert Wundfläche und Infektionsraten ohne relevante Nebenwirkungen. Auch bei chirurgischen Wunden wurden eine verbesserte Heilung und weniger antibiotische Therapien gezeigt. Zusammenfassend weist ESWT ein breites präventives Potenzial in der Modulation von Narbenbildung und Wundheilung auf und könnte in vielen chirurgischen Fächern eine wichtige Rolle in der Prävention von Wundheilungsstörungen spielen.
Osseointegration und Implantate
Die Osseointegration von Implantaten ist entscheidend für den langfristigen Erfolg in der Implantatchirurgie sowie in der Orthopädie und Traumatologie. Experimentelle Studien zeigen, dass die Anwendung der ESWT unmittelbar postoperativ diesen Prozess signifikant verbessern kann. So konnte in einem Tiermodell eine mehrfache ESWT-Applikation (Tag 7, 10 und 13 postoperativ) im Vergleich zu einer einmaligen Behandlung oder Kontrollgruppen eine signifikant höhere Ausrisskraft von Titanimplantaten nachweisen. Das weist auf eine verbesserte knöcherne Integration hin. Vergleichbare Ergebnisse wurden auch in weiteren präklinischen Studien bestätigt. Als zentraler Wirkmechanismus wird eine immunmodulatorische und zellaktivierende Wirkung der ESWT diskutiert. Insbesondere führt die Stimulation mesenchymaler Stammzellen zu erhöhter Proliferation, Migration und reduzierter Apoptose, wodurch regenerative Prozesse im Knochengewebe gefördert werden. Die aktuellen, vorwiegend (noch) experimentellen Studien deuten darauf hin, dass ESWT durch biologische Aktivierung und verbesserte Gewebeintegration einen vielversprechenden adjuvanten Ansatz zur Optimierung der Osseointegration darstellt.
Fazit
Die Stoßwellentherapie besitzt aufgrund mechanotransduktiv vermittelter Effekte auf Angiogenese, Mikrozirkulation, Immunmodulation, Stammzellaktivierung und antifibrotische Signalwege ein erhebliches präventives Potenzial. In Orthopädie, Traumatologie und Sportmedizin könnte sie insbesondere bei Risikopatient-:innen und Leistungssportler:innen zur Stabilisierung subklinischer Mikrotraumata beitragen und die Entwicklung chronischer Tendinopathien oder Enthesiopathien verhindern. Bei Risikofrakturen und Komorbiditäten kann eine hochenergetische ESWT unmittelbar postoperativ die Konsolidierung verbessern und Komplikationen wie Wundheilungsstörungen oder hypertrophe Narben reduzieren. In der Prothetik kann sie die Implantateinheilung beschleunigen. Zudem erscheint eine prophylaktische Anwendung zur Reduktion von Arthrofibrose, periartikulären Kontrakturen und fibrotischer Kapselbildung sinnvoll.Auch in der Gefäßmedizin und Chirurgie eröffnen sich durch proangiogene Effekte neue Perspektiven: Verbesserte Gewebeperfusion und Kollateralbildung könnten ischämische Erkrankungen verlangsamen und postoperative Komplikationen reduzieren. Ähnliche Ansätze sind für die abdominal- und thoraxchirurgische Wundheilung denkbar. Besonders relevant ist der Einsatz in der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie, wo ESWT durch Förderung der Neovaskularisation und Modulation der Fibrose Narbenqualität und Gewebeintegration verbessern kann. Präoperative Anwendungen könnten die Einheilung von Lappenplastiken, Transplantaten und Implantaten optimieren und Komplikationen wie Kapselkontrakturen oder hypertrophe Narben reduzieren. Weitere potenzielle Einsatzgebiete umfassen die Zahnmedizin, Gynäkologie sowie Neurologie und Rehabilitation. Insgesamt deutet die Evidenz darauf hin, dass die Stoßwellentherapie ein vielversprechender nichtinvasiver Ansatz zur präventiven Modulation biologischer Heilungsprozesse ist, insbesondere bei Risikopatient:innen und komplexen Eingriffen, mit Potenzial zur Reduktion von Komplikationen bei guter Verträglichkeit.
Literatur:
beim Verfasser
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