Neue Entwicklungen zu Therapieoptionen bei psychiatrischen Störungen
Bericht:
Dipl.-Ing. Dr. Manuel Spalt-Zoidl
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Zum Thema „Mentale Gesundheit: Verbesserung der Versorgung und Erweiterung des Horizonts“ versammelten sich führende Expert:innen der Psychiatrie am 34.Europäischen Congress of Psychiatry in Prag. Wir haben die Highlights einiger interessanter Beiträge nachstehend zusammengefasst.
Keypoints
-
Sozioökonomische Krisen und geopolitische Konflikte lassen die Prävalenz psychischer Erkrankungen, insbesondere depressiver und generalisierter Angststörungen, massiv ansteigen.
-
Bei der Behandlung depressiver Störungen müssen Arzneimittelwechselwirkungen, speziell über das CYP-Enzymsystem, beachtet werden, da diese zu verminderter Wirksamkeit oder Nebenwirkungen führen könnten.
-
Benzodiazepine bergen ein hohes Abhängigkeitsrisiko, sodass Leitlinien eine maximale Einnahmedauer von vier Wochen und Expert:innen eine vorab geplante „Deprescription“ empfehlen, um schwere Entzugssymptome zu vermeiden.
-
Während Studien zu Psychedelika positive Wirksamkeitssignale bei therapieresistenten Depressionen zeigen, warnen Expert:innen vor einer Überschätzung der Effekte aufgrund methodischer Mängel und fordern mehr Daten zur Langzeitsicherheit.
Mentale Gesundheit in Europa
Die Prävalenz psychischer Störungen ist einem alarmierenden Wachstum unterworfen, so Prof. Dr. Gaia Sampogna, University of Campania „L. Vanvitelli“, Neapel (Abb.1). Mehrere koinzidente Krisen wie teurer Wohnraum, geopolitische Konflikte und der Klimawandel tragen wesentlich zur Verschlechterung der mentalen Gesundheit in Europa bei. Besonders während der Covid-19-Pandemie kam es zu einem starken Anstieg bei den depressiven und generalisierten Angststörungen um fast 30%.1
Abb. 1: Prävalenz psychischer Störungen pro 100000 Einwohner:innen zwischen 1990 und 2023 in der EU (modifiziert nach Lopez-Morinigo JD et al.)1
Psychische Störungen treten selten isoliert auf, betonte Prof. Pavel Mohr, National Institute of Mental Health, Tschechien. Häufig leiden Patient:innen auch an physischen Erkrankungen wie Arthritis, Asthma oder Rückenschmerzen.2 Umgekehrt können physische Krankheitsbilder die Inzidenz komorbider psychischer Störungen erhöhen. Bei onkologischen, kardiologischen und respiratorischen Erkrankungen tritt komorbide Depression beispielsweise bei bis zu 38%, 27% beziehungsweise 50% der Betroffenen auf.3
Arzneimittelwechselwirkungen bei der Therapie depressiver Störungen
Für die Behandlung depressiver Störungen kommen verschiedene Arzneimittelklassen infrage, so Mohr. Diese umfassen unter anderem selektive Serotonin- und/oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI/SNRI), Monoaminoxidase-Inhibitoren (MAOI) sowie trizyklische Antidepressiva.4
Aufgrund der hohen Inzidenz von Begleiterkrankungen müssen Psychiater:innen der Beurteilung von Arzneimittelwechselwirkungen einen hohen Stellenwert beimessen. Besonders potente Inhibitoren der Cytochrom-P450-Enzymfamilie (CYP-Enzyme) können klinisch relevante Veränderungen der pharmakodynamischen und -kinetischen Eigenschaften anderer Arzneimittel bewirken.5 Aus diesem Grund empfiehlt die World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP), während der Behandlung die Plasmaspiegel aller gemeinsam verabreichten CYP-abhängigen Arzneimittel engmaschig zu monitorisieren.6 Weitere wichtige Überlegungen zu Arzneimittelwechselwirkungen sind in Tabelle 1 zusammengefasst.7
Benzodiazepine für die Kurzzeitbehandlung psychischer Störungen
Schätzungen zufolge wurden im Jahr 2024 weltweit drei Milliarden Benzodiazepine zur Behandlung verschiedener psychischer Störungen eingenommen.8 Vor allem der schnelle und verlässliche Wirkungseintritt sowie das breite therapeutische Fenster sprechen für den Einsatz dieser Arzneimittel, erklärte Dr. Sophia Achab, Universität Genf.9 Allerdings geht dies mit erheblichen Nebenwirkungen einher. Benzodiazepine beeinflussen psychomotorische und kognitive Fähigkeiten. Zudem kann deren gleichzeitige Einnahme mit Alkohol oder Opioiden zu Sedierung bis hin zum Versagen der Atemwegsmuskulatur führen, betonte die Vortragende.
Benzodiazepine sollten laut Leitlinien nicht länger als drei bis vier Wochen eingesetzt werden. Die Langzeitanwendung führt bei fast allen Menschen zu einer physiologischen Abhängigkeit. Abrupte Absetzversuche können dabei laut Prof. Benjamin Rolland, Lyon Neuroscience Research Center, Frankreich, verheerende Folgen haben. Rebound-Insomnie, vermehrte Angstzustände und Krampfanfälle sind nur einige der Symptome eines unkontrollierten Entzugs.9
Daher sollten Kliniker:innen vor dem Einsatz von Benzodiazepinen eine sogenannte „Deprescription“ planen. Im Regelfall wird das Psychopharmakon bis zur minimal wirksamen Dosis titriert und nach der minimal wirksamen Wirkungsdauer ausgeschlichen. Leitlinien empfehlen dabei eine graduelle Dosisreduktion um 5–25% alle 1–4 Wochen.9 Die geplante „Deprescription“ sieht dagegen vor, bereits vor dem Behandlungsstart die Maximaldosis und die maximale Beobachtungsdauer für den Fall einer Ineffektivität mit den Patient:innen festzulegen. Auf diese Weise solle die Langzeitbehandlung mit Benzodiazepinen unterbunden und rechtzeitig eine Alternative in Erwägung gezogen werden, so Rolland in seinem Vortrag.
Psychedelika für die Behandlung von psychischen Störungen
Für die Behandlung psychischer Störungen seien pharmakologische Innovationen dringend notwendig, erklärte Prof. David Nutt, Imperial College London.10 In den letzten Jahren habe es interessante Entwicklungen im Bereich der Psychedelika gegeben. So sei beispielsweise in Tschechien der Einsatz von Psilocybin (wie in „magic mushrooms“ enthalten) bei verschiedenen psychischen Störungen und neurologischen Erkrankungen erlaubt. Dabei werde vorausgesetzt, dass mindestens eine randomisiert-kontrollierte oder prospektive Beobachtungsstudie die Wirksamkeit des Psychedelikums belegt habe.11
Rezente Daten lieferten positive Signale für eine hohe Wirksamkeit von Psychedelika, so Nutt. In einer Phase-II-Studie erhielten 104 Patient:innen randomisiert eine Dosis von Psilocybin 25mg (n=51) oder Niacin 100mg (n=53), um ihre schwere depressive Störung zu behandeln. Nach 43 Tagen zeigte das Psychedelikum einen signifikanten Unterschied auf der Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS) gegenüber Niacin von –12,3 Punkten (95%CI: –17,5 bis –7,2; p<0,001; Abb. 2).12
Abb. 2: Veränderung des MADRS-Scores gegenüber Baseline durch eine Dosis Psilocybin oder Niacin über 43 Wochen hinweg (modifiziert nach Raison CL et al.)12
Der Vortragende betonte, dass der Einsatz von Psychedelika wieder in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses rücken sollte. Vor allem Patient:innen mit therapieresistenten Depressionen und solchen, die durch Existenzkrisen hervorgerufen werden, könne so endlich eine weitere Therapieoption angeboten werden.
Vorsicht bei Psychedelika
Bei der Interpretation der Studienergebnisse zu Psychedelika sei Vorsicht geboten, gab Prof. Dr. Marianne Destoop, Universität Antwerpen, zu bedenken. Eine Metaanalyse mit vier Psilocybin-, zwei Esketamin- und elf SSRI-Studien zeigte, dass Patient:innen in den Kontrollgruppen der Psychedelika-Studien deutlich schlechtere Outcomes bei der Behandlung ihrer Depression erzielten als jene der SSRI-Studien.13 Dies könnte, so Destoop, zu einer Überschätzung des absoluten Behandlungseffekts führen. Außerdem schränken die häufig kleinen, hochselektierten Patient:innenpopulationen und Verblindungsprobleme die Aussagekraft der Studien ein.
Schließlich müsse das Verträglichkeitsprofil von Psychedelika noch systematisch erhoben werden. Informationen zu Langzeitnebenwirkungen, Arzneimittelinteraktionen, Komorbiditäten und Kontraindikationen lägen derzeit nicht vor.14 Bevor Psychedelika in der klinischen Praxis routinemäßig eingesetzt werden könnten, müssten evidenzbasierte Protokolle erarbeitet und ein breiteres Spektrum der Bevölkerung sollte einbezogen werden, betonte die Vortragende.15
Quelle:
34. European Congress of Psychiatry, 28.–31. 3. 2026, Prag
Literatur:
1 Lopez-Morinigo JD et al.: Mental health status of the European population and its determinants: a cross-national comparison study. Eur Psychiatry 2025; 68(1): e103 2 Lam RW et al.: Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT) 2016 clinical guidelines for the management of adults with major depressive disorder: section 1. Disease burden and principles of care. Can J Psychiatry 2016; 61(9): 510-23 3 Gold SM et al.: Comorbid depression in medical diseases. Nat Rev Dis Primers 2020; 6(1): 69 4 Gautam S et al.: Clinical practice guidelines for the management of depression. Indian J Psychiatry 2017; 59(Suppl 1): S34-50 5 Chen G et al.: Vortioxetine: clinical pharmacokinetics and drug interactions. Clin Pharmacokinet 2018; 57(6): 673-86 6 Bauer M et al.: World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) guidelines for biological treatment of unipolar depressive disorders, part 1: update 2013 on the acute and continuation treatment of unipolar depressive disorders. World J Biol Psychiatry 2013; 14(5): 334-85 7 Dumbreck S et al.: Drug-disease and drug-drug interactions: systematic examination of recommendations in 12 UK clinical guidelines. BMJ 2015; 350: h949 8 https://www.grandviewresearch.com/industry-analysis/benzodiazepine-drugs-market-report ; letzter Zugriff am 22.4.2026 9 Cohen AF et al.: Annotated guidance to the European Medicines Agency (EMA) guidelines and regulatory documents. A new series of the BJCP. Br J Clin Pharmacol 2018; 84(7): 1399-400 10 Nutt DJ et al.: Drug development in psychiatry: 50 years of failure and how to resuscitate it. Lancet Psychiatry 2025; 12(3): 228-38 11 Dlestikova T: The legal perspective on psilocybin for medical use in Czechia: a key milestone and the case for broader consideration beyond the clinical setting. Psychoactives 2025; 4(3): 34 12 Raison CL et al.: Single-dose psilocybin treatment for major depressive disorder: a randomized clinical trial. JAMA 2023; 330(9): 843-53 13 Hieronymus F et al.: Control group outcomes in trials of psilocybin, SSRIs, or esketamine for depression: a meta-analysis. JAMA Netw Open 2025; 8(7): e2524119 14 Breeksema JJ et al.: Adverse events in clinical treatments with serotonergic psychedelics and MDMA: a mixed-methods systematic review. J Psychopharmacol 2022; 36(10): 1100-17 15 Destoop M et al.: Use of psychedelic treatments in psychiatric clinical practice: an EPA policy paper. Eur Psychiatry 2025; 68(1): e3
Das könnte Sie auch interessieren:
Management von Wechselwirkungen bei Polypharmazie
Polypharmazie ist risikoreich, vor allem wegen Wechselwirkungen. Sie führen zu mehr unerwünschten Arzneimittelwirkungen, mehr Anwendungsfehlern, mehr Krankenhausaufenthalten. Zur ...
Neurobiologie und Psychopharmakologie der Anorexia nervosa
Die Anorexia nervosa (AN) ist eine komplexe psychiatrische Erkrankung, die durch strikte Nahrungsrestriktion und eine tiefgreifende Störung der Körperwahrnehmung gekennzeichnet ist. Sie ...
Psilocybin in Psychiatrie & Psychotherapie
Psilocybin, ein klassisches Psychedelikum, wird aktuell mit begleitender Psychotherapie in der Behandlung verschiedener psychiatrischer Erkrankungen erforscht, darunter vor allem ...