
Chronische Wunde – Alltag im Ausnahmezustand?
Autorin:
Dr. Berta M. Schrems
Privatdozentin Institut für Pflegewissenschaft
Universität Wien
E-Mail: berta.schrems@univie.ac.at
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Chronische Wunden sind nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein „alltägliches“ Problem. Sie durchbrechen Routinen, verändern das Selbstbild und verlangen von den Betroffenen eine tiefgreifende Neuausrichtung ihres Alltags. Die Bedeutung des Alltags im Kontext chronischer Wunden zeigt, wie alltagsorientierte Pflege – in der der Alltag nicht bloß Hintergrund, sondern zentrales Feld pflegerischen Handelns ist – dazu beitragen kann, Normalität und Lebensqualität wiederherzustellen.
Keypoints
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Chronische Wunden sind für Betroffene außergewöhnliche Zustände, für Pflegende hingegen Teil der täglichen Arbeit. Diese Diskrepanz erfordert Sensibilität, Reflexion und ein tiefes Verständnis für das, was „Alltag“ für die betroffenen Menschen bedeutet.
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Wer in der Pflege arbeitet, sollte den Alltag nicht nur als Kulisse für Interventionen sehen, sondern als das zentrale Handlungsfeld, in dem sich Gesundheit, Krankheit, Leiden und Heilung vollziehen.
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Alltagsorientierte Pflege bedeutet nicht nur Symptome zu behandeln, sondern auch Menschen dabei zu helfen, in einer veränderten Lebenswelt wieder handlungsfähig zu werden und damit ein Stück Lebensqualität zurückzugewinnen.
Der Alltag als fragiles Gefüge
Der Alltag, meist als Selbstverständlichkeit empfunden, ist ein komplexes Geflecht aus Routinen, Handlungen und sozialen Beziehungen. Er verleiht dem Leben Struktur, Sicherheit und Verlässlichkeit, und er ist der Raum, in dem gehandelt, geplant und erlebt wird. Soziologisch verstanden ist der Alltag das einzige Subuniversum, das durch das Handeln Einzelner verändert werden kann.1 Seine Gleichförmigkeit, Rituale und Automatismen schaffen Halt und Normalität, ein Gefühl, das durch Krankheit schnell ins Wanken geraten kann. Kommt es zu einer chronischen Erkrankung, geraten gewohnte Handlungs- und Denkmuster aus dem Takt. Alte Routinen greifen nicht mehr, neue sind noch nicht etabliert. Chronische Krankheiten stören demnach nicht nur körperliche, sondern auch alltägliche Abläufe sowie die Identität, soziale Rollen und Lebensziele. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Normalität und einer Realität eingeschränkter Möglichkeiten.2
Wenn der Alltag aus dem Gleichgewicht gerät
Besonders im Kontext von Gesundheit und Krankheit kommt dem Alltag eine zentrale Bedeutung zu, da er nicht nur die Bühne des alltäglichen Lebens und der Routinen, sondern auch Schauplatz von Krisen, Neuorientierung und entsprechenden Anpassungsleistungen ist. Für Menschen mit chronischen Wunden wird der Alltag damit zu einem Ausnahmezustand. Die Erkrankung selbst und damit einhergehend Schmerzen und Mobilitätseinschränkungen, aber auch die tägliche Wundversorgung und die Anwendung von Hilfsmitteln stören Routinen, verändern das Selbstbild und erfordern einen oft mühsamen Prozess zur Entwicklung neuer Routinen und Lebensstilanpassungen.
Chronische Wunden und mögliche Folgen für die Lebensqualität
Für Menschen mit chronischen Wunden bedeutet dies konkret, dass die gesundheitsbezogene Lebensqualität eingeschränkt ist. Studien zeigen, dass Betroffene unter Schmerzen, Geruchsbelästigung, Bewegungseinschränkungen und einem erhöhten Pflegebedarf leiden.3,4 Aktivitäten des täglichen Lebens wie Einkaufen, Körperpflege oder Haushaltsführung werden erschwert oder sind vielfach nicht ohne Unterstützung möglich.5 Diese Einschränkungen führen nicht selten zu psychischen Belastungen, wie Depressionen6, sozialer Isolation oder Scham, etwa wegen des Wundgeruchs.7,8 Die Betroffenen ziehen sich zurück,9 brechen soziale Kontakte ab oder verlieren ihre berufliche Teilhabe. Der Alltag wird nicht nur beschwerlich, sondern zunehmend fremd und dennoch muss er bewältigt werden.
Alltagsbewältigung als Pflegeziel
Alltagsbewältigung bedeutet die aktive Auseinandersetzung mit den physischen, psychischen und sozialen Herausforderungen der Krankheit. Menschen mit chronischen Wunden entwickeln mehr oder weniger bewusst Strategien, um sich mit ihrer Situation zu arrangieren. Manche Maßnahmen der Wundversorgung (z.B. das Tragen von Kompressionsstrümpfen oder Bandagen) werden abgelehnt, weil sie als hinderlich im Alltag erlebt werden. Was aus pflegerischer Sicht als „non-compliance“ erscheint, kann aus Sicht der Betroffenen eine Form von Selbstfürsorge oder Selbsterhaltung sein.10,11 Wer macht schon gerne, was unbequem und störend im Alltag ist?
Die Pflege ist in der Alltagsbewältigung demnach in besonderer Weise gefordert. Sie begleitet Patient:innen und ihre Angehörigen nicht nur in medizinischen Fragen, sondern unterstützt sie dabei, den Alltag trotz Einschränkungen neu zu strukturieren. Dabei spielt das soziale Umfeld eine zentrale Rolle, denn der Alltag von pflegebedürftigen Menschen ist untrennbar mit dem ihrer An- und Zugehörigen verbunden. Rollenveränderungen, Überforderung oder Beziehungskonflikte sind häufige Begleiterscheinungen, wenn sich das Leben durch eine chronische Erkrankung verändert. Auch hier braucht es Begleitung, Verständnis und Unterstützungsangebote.2 Ziel ist weniger, zur alten Normalität zurückzukehren, sondern eine neue, lebbare Alltagsrealität mit angepassten Routinen, verändertem Selbstbild und realistischer Zukunftsperspektive zu schaffen. Der Alltag stellt hierbei nicht nur eine Herausforderung dar, sondern auch eine Ressource, so wie er destabilisiert werden kann, kann er auch neu aufgebaut werden. Pflege, die alltagsorientiert arbeitet, schafft Räume, in denen Patient:innen, angepasst an ihre individuellen Bedürfnisse, Möglichkeiten und Lebenskontexte, neue Routinen entwickeln können.
Pflege braucht Alltagskompetenz
Um Menschen mit chronischen Wunden angemessen zu unterstützen, braucht Pflege nicht nur medizinisch-technische, sondern auch alltagsbezogene Kompetenzen. Pflege ist weit mehr als medizinische Intervention– sie ist Wegbegleitung auf der Suche nach einem Alltag, der trotz Einschränkungen wieder lebbar wird. Sie muss verstehen, wie Krankheit in den Alltag eingreift, wie betroffene Menschen und pflegende An- oder Zugehörige ihre Umwelt erleben, welche sozialen Rollen sie einnehmen und wie sie sich selbst in der veränderten Lebensrealität wahrnehmen. Corbin & Strauss12 sprechen in diesem Zusammenhang von „Bewältigungsarbeit“, die sich nicht nur auf die Krankheit, sondern auch auf den Alltag und die Biografie bezieht. Pflege, die diese Zusammenhänge erkennt und ernstnimmt, fördert das Kohärenzgefühl, also das Erleben von Sinnhaftigkeit, Verständlichkeit und Handhabbarkeit, und stärkt damit die Fähigkeit der Patient:innen, mit ihrer Erkrankung umzugehen.
Literatur:
1 Schütz A: Gesammelte Aufsätze. 3 Bände. Den Haag: Martinus Nijhoff, 1971-1972 2 Schrems BM: Den Alltag bewältigen. Die Bedeutung von Routinen für alte und kranke Menschen sowie Pflegende verstehen. Weinheim bei Basel: Beltz Juventa, 2024 3 Goodridge D et al.: Quality of life of adults with unhealed and healed diabetic foot ulcers. Foot Ankle Int 2006; 27(4): 274-80 4 Reinboldt-Jockenhöfer F et al.: Association of wound genesis on varying aspects of health-related quality of life in patients with different types of chronic wounds: results of a cross-sectional multicentre study. Int Wound J 2021; 18(4): 432-9 5 Janke TM et al.: How does a chronic wound change a patient’s social life? A European survey on social support and social participation. Int Wound J 2023; 20(10): 4138-50 6 Renner R, Erfurt-Berge C: Depression and quality of life in patients with chronic wounds: ways to measure their influence and their effect on daily life. Chronic Wound Care M 2017; 4: 143-51 7 Wahab N, Forsyth RA: Experiences of patients with hard-to-heal wounds: insights from a pilot survey. J Wound Care 2024; 33(10): 788-94 8 Gethin G et al.: Resigning oneself to a life of wound-related odour. A thematic analysis of patient experiences. J Tissue Viability 2023; 32(4): 460-4 9 Klein TM et al.: Social participation of people with chronic wounds: a systematic review. Int Wound J 2021; 18(3): 287-311 10 Madden M: The ghost of Nora Batty: A qualitative exploration of the impact of footwear, bandaging and hosiery interventions in chronic wound care. Chronic Illn 2015; 11(3): 218-29 11 Kapp S et al.: The quality of life of people who have chronic wounds and who self-treat. J Clin Nurs 2017; 27(1-2): 182-92 12 Corbin JM, Strauss AL: Weiterleben lernen. Verlauf und Bewältigung chronischer Krankheit. Bern: Hogrefe, 2010
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