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Covid-19

Welchen Stellenwert haben Masken?

Infektiologie | Allgemeine Innere Medizin
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Das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken (MNS) an öffentlichen Orten bzw. die Verpflichtung dazu ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Rein medizinisch gesehen ist es jedoch offensichtlich, dass diese Maßnahme im Rahmen eines ganzen Prophylaxebündels durchaus sinnvoll ist und auch die Covid-19-Mortalität reduziert.

Um das Thema Atemschutzmasken im Kontext von Covid-19 zu verstehen, muss zunächst der Unterschied zwischen einer Tröpfcheninfektion und einer aerogenen Infektion verstanden werden. Tröpfchen mit einem Durchmesser von >5µm werden über eine Entfernung von ca. 1–1,5m verbreitet und sedimentieren je nach Größe binnen weniger Sekunden bis einiger Minuten. Dies ist das Prinzip der Tröpfcheninfektion.

Im Gegensatz dazu beruht die aerogene Infektion auf Partikeln <5µm, die auch alveolengängig sind. Es handelt sich dabei um Tröpfchenkerne, die als Aerosol in der Luft schweben und durch Verdunstung der wässrigen Tröpfchenhülle immer leichter werden. Während ein Tröpfchen von 10µm Durchmesser aus 2m Höhe innerhalb von zehn Minuten auf den Boden sinkt, dauert dies bei einem Tröpfchen mit 1µm Durchmesser fast 17 Stunden. Bei stärkerer Luftbewegung können solche Aerosole bis zu 50m weit übertragen werden.

Allerdings wurde das klassische Paradigma der Tröpfcheninfektion durch eine rezente Studie des renommierten Massachusetts Institute of Technology infrage gestellt.1 Diese zeigte, dass beim Ausatmen, Husten und Niesen ein turbulentes Gas entsteht, das ein Kontinuum unterschiedlich großer Tröpfchen enthält, die insgesamt bis zu 8m weit übertragen werden können.

Masken und was sie können

Weiterhin korrekt ist aber sicher die Aussage, dass die Schutzwirkung von Masken von der Tröpfchengröße abhängt. Was die Erreger selbst angeht, so haben Bakterien meist einen Durchmesser von 0,5–20µm, Viren zwischen 0,01 und 2µm; SARS-CoV-2 ist etwa 0,12–0,16µm groß.

Grundsätzlich lassen sich drei derzeit gängige Typen von Masken unterscheiden:

  • Erstens die medizinische MNS, die typischerweise im OP und anderen sensiblen Krankenhausbereichen getragen wird. Ihre primäre Funktion ist die Verhinderung einer direkten Übertragung von Erregern vom Personal auf den Patienten, sie dient jedoch auch dem Eigenschutz.

  • Dann gibt es sogenannte partikelfiltrierende Halbmasken oder „Filtering face piece(FFP)“-Masken. Diese dienen dem Schutz vor Einatmung biologischer oder chemischer Stoffe, sie wirken also nur für den Träger, nicht aber für die Umwelt. Je nach Filtrationsgrad unterscheidet man zwischen den Typen FFP1 bis FFP3, wobei FFP3 den besten Schutz bietet.

  • Eine relative Neuerung, die in der Covid-19-Pandemie aufgekommen ist, ist die selbstgemachte oder Community-Maske. Diese Masken können, je nach Material und Verarbeitung, sehr unterschiedlich wirken, wobei gut gemachte Community-Masken den medizinischen MNS-Masken nicht unbedingt nachstehen.

Die Sichtweise der ÖGIT

Die Österreichische Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (ÖGIT) hat bereits Ende März2020 in einer Stellungnahme ihre Sichtweise zum Maskenthema dargelegt.2 Darin wird zunächst auf die sehr divergenten Empfehlungen zum Tragen von MNS hingewiesen. Dann wird betont, dass MNS sowohl dem Fremd- als auch dem Eigenschutz dienen.

Rezente Studien zeigen, dass MNS 94% der Influenzaviren zurückhalten, N95-Atemschutzmasken (zertifiziert nach einem US-Standard, der ungefähr einer FFP2-Maske entspricht) 99%, jedoch erreichen bei inkorrekter Nutzung (nicht festsitzend, sondern locker) beide weniger als 70%.3 Wichtig ist, dass das Tragen von Masken immer als Teil eines Gesamtprophylaxebündels (das u.a. auch regelmäßiges Händewaschen beinhaltet) gesehen wird.4

Stoffmasken sind kein Ersatz für FFP-Masken, wie sie im Krankenhaus in kritischen Bereichen (aerosolproduzierende Maßnahmen) eingesetzt werden. Stoffmasken stellen auch keinen Ersatz von MNS in Nichtpandemiezeiten dar. Allerdings können Stoffmasken bei Mangel an industriell hergestellten und CE-zertifizierten MNS in unkritischen Bereichen eine Alternative darstellen, da sie eine Möglichkeit bieten, das Risiko für Tröpfcheninfektionen zu vermindern. Textilmasken fangen 71% aller Partikel ab sowie 79% der Partikel der Größe 0,65–1,1µm; bei MNS sind es im Vergleich dazu 86% bzw. 85%.5 Stoffmasken können 60% der virusgroßen Partikel filtern, chirurgische Masken 78,6% und FFP2-Masken 98,9%.6 Stoffmasken sollten nicht länger als drei bis vier Stunden getragen werden und müssen bei Durchfeuchtung gewechselt werden.2

Von wesentlicher Bedeutung ist jedenfalls das korrekte, festsitzende Tragen der Masken, deren Außenseite nach Benützung nicht berührt werden darf. Den besten Schutz bieten FFP3-Masken, diese sind jedoch nur bei aerosolbildenden Tätigkeiten (z.B. Absaugen, Intubation …) in medizinischen Bereichen bzw. bei langer Exposition zu Erkrankten in geringem Abstand erforderlich.2

Neuere Literatur

Neuere Arbeiten scheinen diesen Empfehlungen rechtzugeben. Eine im April2020 publizierte Studie7 untersuchte die Filterwirkung unterschiedlicher Stoffarten, aus denen Masken gefertigt werden können. Die Filterwirkung war dabei sehr unterschiedlich, wobei sich Hybridmaterialien aus Baumwolle und einem anderen Stoff (z.B. Seide, Chiffon oder Flanell) mit einer Filterwirkung von >80% für Partikel <300nm und von >90% für größere Partikel besonders gut eignen. Der Grund dafür dürfte die Kombination aus mechanischer und elektrostatischer Filterung sein, die diese Stoffe bieten. Baumwollstoffe selbst filtern besser, wenn sie dichter gewebt sind.

Am 1.Juni wurde eine Metaanalyse mit systematischem Review von 172 Beobachtungsstudien aus sechs Kontinenten mit insgesamt 25697 Teilnehmern publiziert.8 Dabei ging es um die Wirkung von physischer Distanzierung, Gesichtsmasken und Augenschutz. Es zeigte sich, dass das Einhalten von Distanzen ≥1m zu einer Reduktion der Virusübertragung führt. Das Tragen von Gesichtsmasken könnte potenziell zu einer starken Reduktion des Infektionsrisikos um bis zu 85% führen, was jedoch u.a. vom Maskentyp abhängt. Auch ein Augenschutz reduziert die Infektionswahrscheinlichkeit.

Eine noch unpublizierte Studie untersuchte die Faktoren, welche die Covid-19-Mortalität beeinflussen.9 In einer multivariaten Analyse waren die Zeit seit dem Beginn der SARS-CoV-2-Epidemie im jeweiligen Land und die Rate der über60-Jährigen in der Bevölkerung signifikant positiv mit der Covid-19-Mortalität pro Kopf assoziiert. Das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit reduzierte hingegen die Covid-19-Mortalität pro Kopf signifikant. So stieg diese Mortalität in Ländern, in denen das Maskentragen durch kulturelle Normen und/oder politisch eingeführte Regeln gefördert wurde, um 8% pro Woche, während der Anstieg in anderen Ländern 54% betrug.

Internationale Reisebeschränkungen waren ebenfalls mit einer Reduktion der Covid-19-Mortalität pro Kopf assoziiert, andere Maßnahmen wie Kontakt-Tracing und Teststrategien hingegen interessanterweise nicht – wobei Lockdown und vermehrtes Testen einen numerischen, aber nicht statistisch signifikanten Unterschied machten.

Bericht:
Dr. Norbert Hasenöhrl

1 Bourouiba L: JAMA 2020; 323(18): 1837-8 2 Österreichische Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (ÖGIT): http://www.oeginfekt.at/download/oegit-stellungnahme_mns.pdf . Zuletzt aufgerufen: 13.8.2020 3 Noti JD et al.: Clin Infect Dis 2012; 54(11): 1569-77 4 Bin-Reza F et al.: Influenza Other Respir Viruses 2012; 6(4): 257-67 5 Davies A et al.: Disaster Med Public Health Prep 2013; 7(4): 413-8 6 Van der Sande M et al.: PLoS One 2008; 3(7):e2618 7 Konda A et al.: ACS Nano 2020; E-Pub: 2020/04/21.doi:10.1021/acsnano.0c04676 8 Chu DK et al.: Lancet 2020; 395(10242): 1973-87 9 Leffler C et al.: medRxiv 2020.05.22.20109231

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