Sekundäre Traumatisierung in der Geburtshilfe
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Belastende geburtshilfliche Situationen können nicht nur Patientinnen, sondern auch das betreuende medizinische Personal nachhaltig prägen. Bereits in Ausgabe 2/26 wurden die sekundäre Traumatisierung in der Geburtshilfe und mögliche Folgen für Fachpersonen thematisiert. Dieser Folgeartikel richtet den Blick nun auf die Erfahrungen junger Assistenzärztinnen und -ärzte: Eine Umfrage des Jungen Forums der SGGG zeigt, wie häufig belastende Ereignisse erlebt werden, welche Unterstützung fehlt und wo konkrete Präventionsmassnahmen ansetzen können.
Die dritte Woche als Assistenzärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe. Durch Unterbesetzung ist ein Zwölf-Stunden-Dienst für die Berufsanfängerin angesetzt. Mitten in der Nacht: Schulterdystokie mit massiver peripartaler Hämorrhagie, Blutverlust 3200ml. Die Oberärztin ist im Saal bei einer Notsectio eingebunden, der Hintergrunddienst benötigt 30 Minuten, um in die Klinik zu gelangen. Die diensthabende Assistenzärztin ist mit der Situation vollkommen überfordert.
Ein anderer Dienst, eine andere Person, eine ähnliche Situation: die erste Notsectio, intrauteriner Fruchttod. Danach keine Pause für das betreuende Personal, keine Zeit für ein Gespräch, die nächste Patientin wartet bereits, die Assistentin ist mit der Situation vollkommen überfordert.
Solche und ähnliche Situationen sind leider keine Einzelfälle, sondern gehören für viele Assistenzärztinnen und -ärzte zum geburtshilflichen Berufsalltag. In Vorbereitung auf den Workshop «Sekundäre Traumatisierung in der Geburtshilfe» am SGGG-Kongress 2026 hat das Junge Forum (JFOR) der SGGG seine Mitglieder mittels einer Online-Umfrage zu ihren bisherigen Erfahrungen mit belastenden geburtshilflichen Situationen befragt. Im Folgenden möchten wir einen Überblick über die zentralen Ergebnisse dieser Umfrage sowie erste Ansätze für mögliche Prävention geben.
Ergebnisse der Umfrage
Insgesamt nahmen 62 Personen an der Umfrage teil, wovon 34 den Fragebogen vollständig ausfüllten und in die Auswertung eingeschlossen wurden. Dies entspricht rund 10% der JFOR-Mitglieder.
94% der Befragten (32 von 34) gaben an, bereits mindestens eine als traumatisierend empfundene Situation während eines geburtshilflichen Dienstes erlebt zu haben (Abb. 1). 53% (18 von 34) berichteten, sich unmittelbar nach dem Ereignis stark belastet gefühlt zu haben.
Abb. 1: 94% der Befragten gaben an, bereits einmal eine traumatisierende Situation erlebt zu haben (modifiziert nach Ertürk 2026)
Zwei Drittel der Befragten erhielten im Anschluss eine Nachbesprechung, wobei diese nur von der Hälfte als hilfreich empfunden wurde. Ein Drittel gab an, keine Nachbesprechung erhalten zu haben. Fast die Hälfte (46%) berichtete zudem, dass ihnen im weiteren Verlauf keine konkreten Unterstützungsangebote zur Verarbeitung des Erlebten angeboten wurden.
Auf die Frage, welche Unterstützungsangebote gewünscht worden wären, wurden am häufigsten strukturierte Team-Debriefings genannt, gefolgt von einer Kompensation beziehungsweise einem angepassten Arbeitspensum nach belastenden Ereignissen sowie Schulungen zur Prävention von Traumatisierung.
Zum Zeitpunkt der Befragung gaben 11 Personen an, nicht mehr durch die Situation belastet zu sein, während 21 gelegentlich noch Belastungssymptome verspürten, insbesondere in Form von Grübeln über das Ereignis sowie visuellen und körperlichen Flashbacks (Mehrfachantworten waren möglich). Im Freitextfeld zu den Auswirkungen auf den Arbeitsalltag berichteten die Teilnehmenden vor allem von vermehrter Unsicherheit hinsichtlich der eigenen klinischen Entscheidungen und Einschätzungen sowie von Angst vor dem erneuten Eintreten einer vergleichbaren Situation. Mehr als ein Drittel der Befragten gab zudem an, aufgrund der erlebten Belastung bereits über einen Berufs- oder Stellenwechsel nachgedacht zu haben. Diese Ergebnisse sind alarmierend.
Handlungsstrategien
Im Rahmen des Workshops «Belastendes im Berufsalltag – sekundäre Traumatisierung» am SGGG-Kongress 2026 wurden neben der aktuellen Situation auch Präventionsmassnahmen gegen sekundäre Traumatisierung in der Geburtshilfe vorgestellt. Diese können ergänzend zu den im vorangegangenen Artikel bereits genannten Punkten betrachtet werden. Präventionsmassnahmen lassen sich in drei Ebenen einteilen: die persönliche Ebene, die Team-Ebene und die strukturelle Ebene (Abb. 2).
Abb. 2: Die drei Ebenen der Prävention von Sekundärtraumatisierung in der Geburtshilfe (Ertürk und Horsch 2026, erstellt mit Gemini Notebook)
Auf der persönlichen Ebene ist es vor allem wichtig, Symptome und Frühanzeichen wie Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Intrusionen und emotionale Abstumpfung frühzeitig zu erkennen und zu deren Abfederung individuelle Dekompressionsrituale zu entwickeln. Für das Individuum wirkt eine klare psychologische Abgrenzung zum Erlebten schützend und stärkend.
Auf Team-Ebene ist das routinemässige, strukturierte Nachbesprechen kritischer Ereignisse unter Kolleginnen und Kollegen ein wichtiger Pfeiler der Präventionsarbeit. Ebenso braucht es erfahrenere Mitarbeitende, die mit positivem Beispiel vorangehen, belastende Situationen ansprechen und konkrete Massnahmen anstossen, damit diese Präventionsarbeit zur Normalität wird.
Auf struktureller Ebene kann das Personal durch eine flexible Schichtplanung nach traumatischen Ereignissen entlastet und die Arbeitsbelastung individuell angepasst werden. Ebenso braucht es die strukturelle Implementierung präventiver und interventioneller Massnahmen auf organisatorischer Ebene. Hierzu gehört unter anderem das bereits im vorangegangenen Artikel vorgestellte Konzept der «Trauma-Informed Care». Praktisch bedeutet dies, Fachpersonal regelmässig über die weite Verbreitung von Traumata und deren Folgen zu schulen, es zu befähigen, traumaassoziierte Symptome bei sich selbst und bei Patientinnen zu erkennen, und das Wissen um Traumatisierung ganzheitlich in die klinische Arbeit einfliessen zu lassen, um einer (Re-)Traumatisierung der Patientinnen und des Gesundheitspersonals vorzubeugen.
Ausblick
Bei der Interpretation der Umfrageergebnisse muss berücksichtigt werden, dass bei solchen Onlinebefragungen häufig von einem Bias auszugehen ist. Vermutlich haben eher Personen teilgenommen, die bereits eine traumatisierende Situation in der Geburtshilfe erlebt haben, was die tatsächliche Prävalenz der sekundären Traumatisierung verzerren könnte. Zudem ergab sich mit 34 vollständig beendeten Fragebögen insgesamt eine relativ kleine Kohorte, die keine repräsentative Stichprobe der Schweizer Assistenzärztinnen und -ärzte abbilden kann.
Um diese Limitation zu relativieren, ist eine breitere Datengrundlage essenziell. In diesem Sinne wurde vor Kurzem die Cope-OB-Studie gemeinsam vom Inselspital Bern, der Charité-Universitätsmedizin Berlin und der Universitätsmedizin Halle an der Saale initiiert. Ziel ist es, mehr Informationen über die von sekundärer Traumatisierung in der Geburtshilfe betroffenen Berufsgruppen im gesamten DACH-Raum zu sammeln. Es wäre eine grosse Hilfe, wenn auch Sie an dieser Studie online teilnehmen würden.
Als aus dem gemeinsamen Workshop hervorgegangene Arbeitsgruppe wollen wir an diesem wichtigen Thema dranbleiben und weiter konkrete Handlungsempfehlungen für Schweizer Spitäler zur Prävention und Intervention bei sekundärer Traumatisierung in der Geburtshilfe ausarbeiten. Wir freuen uns, diese in naher Zukunft vorstellen zu können.
Teilnahme an der Umfrage
zur sekundären Traumatisierung in der Geburtshilfe im Rahmen der COPE-OB-Studie
Literatur:
bei der Verfasserin
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