Organische Quervernetzer als Schlüssel zur Osteoporoseprophylaxe
Autor:
Mag. Dr. Johannes-Paul Fladerer-Grollitsch, MSc, BSc
Institut für Pharmazeutische Wissenschaften
Universität Graz
E-Mail: johannes.fladerer@uni-graz.at
ORCID: 0000-0002-6319-4442
Osteoporose gehört zu den häufigsten altersbedingten Erkrankungen und betrifft vor allem postmenopausale Frauen. Während die Leitlinie zur Prävention vorrangig Kalzium und Vitamin D zur Förderung der Knochendichte empfiehlt, rückt zunehmend die Bedeutung organischer Knochenbausteine in den Fokus. Kollagen Typ I, Chondroitinsulfat, Dermatansulfat, Hyaluronsäure und Elastin spielen eine entscheidende Rolle für die Stabilität des Knochens. Die Eierschalenmembran als natürliche Quelle dieser organischen Quervernetzer ergänzt die klassische Prophylaxe ideal. Studien zeigen: In Kombination mit Kalzium und Vitamin D verbessert die Eierschalenmembran signifikant Knochendichte und -stabilität.
Keypoints
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Die Knochenqualität beruht auf dem integrativen Zusammenspiel von organischer Matrix mit dem mineralischen Bestandteil Hydroxylapatit.
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Kollagen Typ I und GAGs determinieren die geordnete Mineralisation der Knochenmatrix.
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Die Eierschalenmembran liefert knochenanaloge Matrixkomponenten in physiologischem Verhältnis.
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Die Supplementierung mit Eierschalenmembran erhöht präklinisch das Knochenvolumen, reduziert die Knochenmarksadipositasund verbessert die Knochenregeneration.
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In Kombination mit Kalzium und Vitamin D steigert sie die Kalziumresorption und den Kalziumeinbau in die Matrix – die Knochendichte wird signifikant erhöht.
Der Knochen: mehr als nur ein mineralisches Gebilde
Der Knochen ist ein lebendiges, hochaktives System und weit mehr als ein starres mineralisches Gebilde. Er gleicht einem biologischen Verbundwerkstoff: Wie Stahlbeton vereint er ein flexibles Gerüst mit einer harten mineralischen Komponente. Tatsächlich bestehen rund 40% des Knochens aus organischen Verbindungen wie Kollagen Typ I, Glykosaminoglykanen (GAGs) und Proteinen.1,2 Während das organische Kollagen Typ I die Rolle des „Stahls“ übernimmt und dem Knochen Elastizität sowie Zugfestigkeit verleiht, sorgt das eingelagerte Kalziumphosphat – der „Beton“ – für Härte und Stabilität. Zusätzlich vernetzen die beiden Glykosaminoglykane Chondroitinsulfat und Dermatansulfat das Kollagengerüst mit den Kalziumphosphatkristallen und ermöglichen dadurch erst eine strukturierte Mineralisation. Hyaluronsäure und Elastin erhöhen die Druckfestigkeit, indem sie Wasser binden.3
Aus dem präzisen Zusammenspiel organischer und anorganischer Verbindungen geht die innere Knochenstruktur, die Spongiosa, hervor: ein Netzwerk schwammartig verbundener Knochenbälkchen, das mechanische Belastungen optimal verteilt. Dieses natürliche Bauprinzip ist so effizient, dass auch der berühmte Eiffelturm nach dem Vorbild des Oberschenkelknochens konstruiert wurde – maximale Stabilität bei minimalem Materialeinsatz.
Der Knochen im Wandel
Mit zunehmendem Alter und insbesondere bei sinkendem Östrogenspiegel in den Wechseljahren kommen die Auf- und Abbauprozesse aus dem Gleichgewicht. Die Aktivität der Osteoklasten nimmt zu, während die Osteoblasten weniger effizient arbeiten. Dies führt zu einem Nettoverlust an Knochenmasse. Osteoblasten sind für die Produktion der kollagenbasierten Knochenmatrix sowie deren Mineralisation essenziell. Sie synthetisieren organische Komponenten wie Kollagen Typ I und Glykosaminoglykane, die als Gerüst für die Einlagerung von Kalzium dienen. Die freien Kalziumionen (Ca2+) binden dabei an negativ geladenes Chondroitin- und Dermatansulfat und werden in Form von Hydroxylapatitkristallen in die organische Matrix eingebettet (Abb.1). Erst durch die organischen Bausteine wird eine geordnete Mineralisation des Knochens möglich.
Abb. 1: Vernetzung im gesunden Knochen.1 Aus Osteoblasten freigesetzte GAGs verbinden Kollagen Typ I mit Kalziumphosphatkristallen (modifiziert nach Fladerer JP und Grollitsch S)1
Eine gesteigerte Osteoklastenaktivität zerstört jedoch genau diese Strukturen. Die Osteoklasten setzen Enzyme frei, die die organischen Quervernetzungen der Knochenmatrix aufspalten, und säuern das Gewebe an, um die Kalziumverbindungen zu lösen. Dies erfolgt durch die Aktivierung der H+-ATPase, die Protonen ins Gewebe freisetzt. Die kombinierte Wirkung von reduzierter Osteoblastenaktivität und gesteigertem Knochenabbau schwächt die Struktur des Knochens erheblich – die Knochendichte nimmt ab und Osteoporose kann die Folge sein.4
Osteoporose: eine stille Epidemie
Osteoporose ist eine weitverbreitete Erkrankung, die jede fünfte Frau über 50 betrifft – im Vergleich dazu nur jeden fünfzehnten Mann.5 Diese geschlechtsspezifische Häufung ist auf hormonelle Veränderungen während der Wechseljahre zurückzuführen. Östrogen wirkt schützend, indem es die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine hemmt, die die Bildung und Lebensdauer von Osteoklasten fördern. Mit dem Östrogenmangel nach der Menopause entfällt diese Schutzwirkung, wodurch Entzündungsmediatoren den Knochenabbau massiv beschleunigen.6 Diese schleichende Reduktion der Knochenmasse erhöht das Risiko für Frakturen erheblich. Besonders tückisch: Osteoporose verläuft lange Zeit symptomlos und wird oft erst bemerkt, wenn Frakturen die Mobilität und Lebensqualität stark einschränken.7 Präventive Maßnahmen sind daher entscheidend, um dieser „stillen Epidemie“ entgegenzuwirken.
Osteoporoseprävention
Die S3-Leitlinie zur Osteoporoseprävention empfiehlt für jene Personen, die noch keine spezielle Therapie erhalten, eine tägliche Aufnahme von 1000mg Kalzium und 800–1000IE Vitamin D, um die Knochengesundheit zu fördern und das Frakturrisiko zu senken. Ferner sollen 500mg Kalzium supplementiert werden, wenn die empfohlene Menge von 1000mg nicht über die Nahrung aufgenommen wird.8 Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät dazu, mindestens die Hälfte der Kalziumzufuhr durch kalziumreiche Lebensmittel wie Milchprodukte oder grünes Gemüse zu decken – nur der Rest sollte supplementiert werden.9
Es ist unbestritten, dass Kalzium in Kombination mit Vitamin D eine zentrale Rolle in der Osteoporoseprävention spielt. Doch in Anbetracht des komplexen Aufbaus der Knochenstruktur scheint es naheliegend, dass Kalzium und Vitamin D in der Prophylaxe um die organischen Bausteine ergänzt werden sollten: Der Knochen benötigt die beschriebenen organischen Quervernetzer Kollagen und Glykosaminoglykane. Ohne diese „Stahlstruktur“ fehlt dem „Beton“ der Halt. Für eine effektive Prävention braucht es daher eine ausgewogene Kombination aus mineralischen und organischen Bausteinen.1
Eierschalenmembran: die organische Basis für stabile Knochen
Eine natürliche Quelle dieser vernetzenden Knochenbestandteile stellt die Eierschalenmembran (ESM) dar. Im Hühnerei ist sie für die Kalzifizierung verantwortlich und führt dazu, dass innerhalb nur eines Tages aus einer weichen Hülle eine schützende harte Schale wird. Die chemische Zusammensetzung der Eierschalenmembran ist jener des menschlichen Knochens erstaunlich ähnlich. Genauso wie dieser enthält sie Kollagen Typ I, Chondroitinsulfat, Dermatansulfat, Hyaluronsäure und Elastin – interessanterweise auch in nahezu identem Mengenverhältnis.1
Im Tiermodell steigert die Supplementierung von Eierschalenmembran das Knochenvolumen (Abb. 2) und die Osteoblastenzahl signifikant (p<0,01).10 Zudem wurde auch die Knochenmarksverfettung reduziert.
Abb. 2: (a) Makroskopische Ansicht der distalen Femurmetaphyse. (b) Knochenvolumen (BV) berechnet mittels μCT-Analyse (n=6). Sn: Spongiosa. Blaue Pfeile: longitudinale Breite der Spongiosa. Gelbe Linie: Wachstumsfuge. Rote Linien: oberes und unteres Ende der Spongiosa. Maßstab = 1mm. CO: Kontrolle; EM: Eierschalenmembran (modifiziert nach Yashima N et al.)10
Eine weitere Untersuchung an Ratten belegt, dass ESM die Angiogenese sowie die Osteoblasten- und Osteoklastenaktivität signifikant steigert (p<0,05) und damit zur Verbesserung der Knochenheilung beiträgt (Abb. 3).11
Führt man sich die Funktion dieser organischen Knochenelemente im Hinblick auf die Knochenmineralisation vor Augen, wird deutlich – was auch Studien belegen –, dass die Supplementierung von Eierschalenmembran den Einbau von Kalzium in den menschlichen Knochen stark verbessert. Im Vergleich zu Placebo (CaCO3) kann ESM die Knochendichte signifikant erhöhen (p<0,05). Bedeutend ist darüber hinaus auch, dass die Resorption von Kalzium bei gleichzeitiger ESM-Einnahme von 34% auf 55% erhöht wird.12
Abb. 3: μCT-Auswertung der Knochenheilung nach Bohrlochverletzung. Gelb gestrichelte Linien markieren die Grenze zwischen bestehendem Knochen und Bohrlochdefekt (n=6). * p<0,05. CO: Kontrolle; BI: Knochenverletzung; EM: Supplementierung mit Eierschalenmembran (modifiziert nach Yashima N et al.)12
Die Synergie von Kalzium, Vitamin D und ESM
Kalzium ist als Hydroxylapatit zentral für die Härte des Knochens.13 Für eine effiziente Resorption und den Einbau in die Knochenmatrix braucht es Vitamin D und organische Strukturelemente. Vitamin D steigert die Kalziumaufnahme im Darm und aktiviert Osteoblasten. Da die Mineralisation entlang der organischen Matrix erfolgt, unterstützt die Eierschalenmembran diesen Prozess, indem sie wichtige Bausteine der Knochenmatrix liefert. Eine Kombination aus Kalzium, Vitamin D und Eierschalenmembran könnte daher der klassischen Supplementierung mit Kalzium und Vitamin D in der Osteoporoseprophylaxe überlegen sein.
Fazit
Der hohe Anteil organischer Bestandteile ermöglicht nicht nur die Kalzifizierung, sondern verleiht dem Knochen gemeinsam mit dem anorganischen Anteil seine besondere Belastbarkeit. Trotz der komplexen Knochenstruktur beschränken sich Empfehlungen zur Knochendichte meist auf Kalzium und Vitamin D. Studien zeigen jedoch, dass organische Bausteine wie Kollagen Typ I oder Glykosaminoglykane – etwa aus Eierschalenmembran – die Aufnahme und vor allem den Einbau von Kalzium sowie die Knochendichte verbessern. Daher erscheint es sinnvoll, in der Osteoporoseprävention auch diese Komponenten zu supplementieren. Die bisherigen Daten sprechen besonders bei postmenopausalen Frauen für eine gut verträgliche und effektive Kombination aus Kalzium, Vitamin D und organischen Matrixbestandteilen zur Förderung der Knochengesundheit und Frakturprävention.
Literatur:
1 Fladerer JP, Grollitsch S: Eggshell membrane as promising supplement to maintain bone health: a systematic review. Bone Rep 2024; 21: 101776 2 Weiner S, Traub W: Bone structure: from ångstroms to microns. FASEB J 1992; 6(3): 879-85 3 Kirby DJ, Young MF: Isolation, production, and analysis of small leucine-rich proteoglycans in bone. Methods Cell Biol 2018; 143: 281-96 4 Teitelbaum SL: Osteoclasts: what do they do and how do they do it? Am J Pathol 2007; 170(2): 427-35 5 Hernlund E et al.: Osteoporosis in the European Union: medical management, epidemiology and economic burden. A report prepared in collaboration with the International Osteoporosis Foundation (IOF) and the European Federation of Pharmaceutical Industry Associations (EFPIA). Arch Osteoporos 2013; 8(1): 136 6 Pignolo RJ, Ahn J: Fractures in the Elderly: A Guide to Practical Management. 2nd ed. Cham: Springer International Publishing, 2018. SpringerLink Bücher 7 Chandra A, Rajawat J: Skeletal aging and osteoporosis: mechanisms and therapeutics. Int J Mol Sci 2021; 22(7): 3553 8 Dachverband Osteologie e.V.: S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/183-001 (zuletzt aufgerufen am 18.2.2026)9 Bundesinstitut für Risikobewertung: Höchstmengenvorschläge für Calcium in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln. https://www.bfr.bund.de/cm/343/hoechstmengenvorschlaege-fuer-calcium-in-lebensmitteln-inklusive-nahrungsergaenzungsmitteln.pdf (zuletzt aufgerufen am 18.2.2026) 10 Yashima N et al.: Intake of eggshell membrane enhances bone mass and suppresses bone marrow adiposity in normal growing rats. Bone Rep 2025; 25: 101840 11 Yashima N et al.: Eggshell membrane supplementation stimulates angiogenesis and promotes bone healing in a rat drill-hole injury model. Tissue Cell 2026; 98: 103117 12 Liu W et al.: The effectiveness of polypeptides from phosvitin and eggshell membrane in enhancing the bioavailability of eggshell powder calcium and its accumulation in bones. Food Bioscience 2023; 51: 102257 13 Weaver CM et al.: Calcium plus vitamin D supplementation and risk of fractures: an updated meta-analysis from the National Osteoporosis Foundation. Osteoporos Int 2016; 27(1): 367-76
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