© Nixxphotography iStockphoto

Ernährung und Reizdarm

FODMAP-Diät – der neue Hype?

Gastroenterologie
(0,00)
<p class="article-intro">Die Diagnose Reizdarmsyndrom (RDS) kann basierend auf den sogenannten Rom-IV-Kriterien mit großer Sicherheit klinisch gestellt werden.<sup>1</sup> Es sollte keine Ausschlussdiagnose sein. Die Diagnose sollte sich auf die typische Symptomatik und eine individuelle, problemorientierte Diagnostik stützen.<sup>1</sup></p> <p class="article-content"><div id="keypoints"> <h2>Keypoints</h2> <ul> <li>FODMAPs sind kurzkettige, schwer resorbierbare Kohlenhydrate mit gastrointestinaler Wirkung. Durch ihren endoluminalen osmotischen Effekt, erh&ouml;hte Gasproduktion und dadurch intestinale Distension verschlechtern sie Symptome wie Bl&auml;hungen und abdominelle Schmerzen bei RDS-Patienten.</li> <li>Positive Studienresultate zur Wirksamkeit einer FODMAP-Di&auml;t bei RDS sind kritisch zu bewerten. Die Auswirkung auf das Darmmilieu und der Langzeiteffekt sind noch nicht ausreichend untersucht.</li> <li>Eine di&auml;tetische Beratung (FODMAP-Di&auml;t oder konventionelle RDS-Di&auml;t) bei motivierten Patienten ist sinnvoll, sollte aber gemeinsam mit einer professionellen Ern&auml;hrungsberatung erfolgen.</li> </ul> </div> <h2>Einleitung</h2> <p>Die Pathogenese des RDS ist multifaktoriell und wird durch eine Kombination oder komplexe Interaktion verschiedener Faktoren erkl&auml;rt.<sup>2</sup> Die wichtigsten sind Motilit&auml;tsst&ouml;rungen, eine St&ouml;rung der gastrointestinalen Sensorik (viszerale Hypersensitivit&auml;t) und psychosoziale Einfl&uuml;sse. Verschiedene Motilit&auml;tsprobleme k&ouml;nnen beim Reizdarmsyndrom nachgewiesen werden, z.B. eine beschleunigte oder verz&ouml;gerte intestinale Transitzeit, ein verst&auml;rkter gastrokolischer Reflex oder eine funktionelle Def&auml;kationsst&ouml;rung mit konsekutiver Obstipation. Die viszerale Hypersensitivit&auml;t kann sowohl durch eine Herabsetzung der Reizschwelle der sensorischen Innervation des Magen-Darm- Traktes als auch durch eine abnorme Wahrnehmung sensibler viszeraler Stimulationen im zentralen Nervensystem bedingt sein. Viszerale sensible Nerven werden durch eine Vielzahl osmotischer, chemischer und mechanischer endoluminaler Stimuli aktiviert. Experimentelle und klinische Studien konnten mehrere dieser Mechanismen oder Stimuli identifizieren. Diese umfassen eine abnorme mukosale Immunreaktion, ausgel&ouml;st durch eine Gastroenteritis (postinfekti&ouml;ses Reizdarmsyndrom), verschiedene di&auml;tetische Komponenten (malabsorbierte Zucker wie Laktose und Fruktose), eine ver&auml;nderte intestinale Bakterienflora (Dysbiose) sowie endoluminale Substanzen wie kurzkettige Fetts&auml;uren und Gallensalze.</p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2019_Jatros_Infekt_1901_Weblinks_a4-abb1.jpg" alt="" width="654" height="462" /></p> <h2>FODMAPs und deren gastrointestinale Effekte</h2> <p>Viele Patienten beschreiben eine Zunahme ihrer Beschwerden nach Genuss bestimmter Nahrungsstoffe wie Fett, rohes Gem&uuml;se, Fr&uuml;chte und Milchprodukte. <br />FODMAP steht als Abk&uuml;rzung f&uuml;r &bdquo;<strong>F</strong>ermentable <strong>O</strong>ligo-, <strong>D</strong>i-, <strong>M</strong>onosaccharide <strong>A</strong>nd <strong>P</strong>oyols&ldquo;. Bei den FODMAPs handelt es sich um kurzkettige Kohlenhydratverbindungen, z.B. Fruktose (Monosaccharid), Laktose (Disaccharid), Fruktane (Oligosaccharide) und mehrwertige Alkohole (Polyole; z.B. Sorbit). <br />FODMAPs werden im D&uuml;nndarm nur schlecht resorbiert und f&uuml;hren als osmotisch wirksame Substanzen zu einem intraluminalen Wassereinstrom und damit zu einer luminalen Distension. Schlie&szlig;lich werden die nicht resorbierten FODMAPs im Kolon durch die mikrobielle Flora verstoffwechselt, wodurch kurzkettige Fetts&auml;uren, Hydrogen und Methan entstehen. Neben einer vermehrten intestinalen Gasbildung kann die Kolonmotilit&auml;t indirekt auch durch Fetts&auml;uren beeinflusst werden. Bei Patienten mit viszeraler Hypersensitivit&auml;t k&ouml;nnen durch diese intraluminalen Stimuli Reizdarmsymptome induziert oder verst&auml;rkt werden.</p> <h2>Konzept und Auswirkungen der FODMAP-Di&auml;t</h2> <p>Eine FODMAP-arme Di&auml;t (meist abgek&uuml;rzt als FODMAP-Di&auml;t bezeichnet) sollte unter professioneller Leitung im Rahmen einer Ern&auml;hrungsberatung durchgef&uuml;hrt werden und umfasst drei Phasen: eine 1. Phase der FODMAP-Restriktion &uuml;ber 4 bis 8 Wochen, eine 2. Phase der FODMAPWiedereinf&uuml;hrung &uuml;ber 6 bis 10 Wochen und eine 3. Phase der individuellen Anpassung (Personalisation). <br />Als Hilfsmittel werden dem Patienten Nahrungsmittellisten ausgeh&auml;ndigt, die die Auswahl der gew&uuml;nschten Nahrungsmittel erleichtern. Zus&auml;tzlich stehen Smartphone-Applikationen oder webbasierte Tabellen zur Verf&uuml;gung. Ziel der Ern&auml;hrungsberatung ist, eine ausgewogene Ern&auml;hrung sicherzustellen. Dies ist von besonderer Bedeutung, da die FODMAPDi&auml;t den Genuss vieler komplexer Kohlenhydrate und Ballaststoffe einschr&auml;nkt, die f&uuml;r die Funktion des Darmes als wichtig erachtet werden. Unter Studienbedingungen war bei einem Teil der Studienpatienten im Verlauf der Di&auml;t auch eine Gewichtsreduktion zu verzeichnen. <br />Die Langzeitfolgen einer strikten FODMAP- armen Di&auml;t sind bisher unbekannt. Aufgrund neuerer Studien ist zu vermuten, dass eine Ver&auml;nderung der Darmflora mit unklaren Folgeerscheinungen auftreten k&ouml;nnte. <br />Di&auml;ten mit unterschiedlichem FODMAPGehalt k&ouml;nnen die bakterielle Zusammensetzung des Stuhles ver&auml;ndern.<sup>3</sup> Durch die FODMAP-Di&auml;t wurde eine Reduktion der bakteriellen Vielfalt nachgewiesen. Dabei war aber kein Effekt auf die Vielfalt von Bakterien mit vermeintlich positivem Einfluss im Kolonmilieu zu verzeichnen. Eine FODMAP-reiche Di&auml;t stimulierte dagegen spezifische Bakteriengruppen mit vermutetem Benefit f&uuml;r die Gesundheit.<sup>3</sup></p> <h2>Evidenz pro FODMAP-Di&auml;t</h2> <p>Mehrere wissenschaftliche Studien konnten zeigen, dass eine FODMAP-Di&auml;t zur signifikanten Verbesserung von Reizdarmsymptomen f&uuml;hren kann. In einer prospektiven Crossover-Studie behandelte eine australische Forschergruppe 30 RDSPatienten und acht gesunde Probanden als Kontrollgruppe &uuml;ber je drei Wochen mit einer typischen australischen Di&auml;t oder einer FODMAP-armen Di&auml;t. Die FODMAParme Di&auml;t verringerte sowohl bei Reizdarmpatienten mit Diarrh&ouml; als dominantem Symptom als auch bei Reizdarmpatienten mit Obstipation als dominantem Symptom signifikant Bl&auml;hungen, Flatulenzen und abdominelle Schmerzen. Bei gesunden Kontrollpersonen konnte dagegen kein unterschiedlicher Effekt der Kostformen auf gastrointestinale Symptome beobachtet werden.<sup>4</sup> <br />In einer k&uuml;rzlich publizierten Metaanalyse wurden neun Studien zur FODMAPDi&auml;t systematisch hinsichtlich Patientencharakteristika, Auswahl der Kontrollgruppen, Interventionsdauer und -design sowie Studienendpunkte verglichen. Diese Metaanalyse weist zusammenfassend einen positiven Effekt der FODMAP-Di&auml;t mit Reduktion gastrointestinaler Beschwerden und Verbesserung der Lebensqualit&auml;t auf. Allerdings diskutieren die Autoren auch, dass der Langzeiteffekt einer FODMAP-armen Di&auml;t und deren Wirksamkeit im Vergleich zu anderen Therapien unbekannt bleiben.<sup>5</sup></p> <h2>Evidenz kontra FODMAP-Di&auml;t</h2> <p>Obwohl die FODMAP-Di&auml;t bereits zu einem festen Bestandteil in der Behandlung des Reizdarmsyndroms geworden ist, wird zunehmend Kritik an diesem Therapiekonzept publiziert. <br />Eine Multicenterstudie mit 76 RDSPatienten konnte keinen signifikanten Unterschied zwischen einer Behandlung mit einer FODMAP-armen Di&auml;t und einer konventionellen RDS-Di&auml;t aufzeigen. Mit beiden Di&auml;tformen konnten Reizdarmsymptome gleicherma&szlig;en verbessert werden.<sup>6</sup> <br />Ein aktueller systematischer Review zur Qualit&auml;t von Studien mit FODMAParmer Di&auml;t weist auf mehrere Fehler im Studiendesign und bei der Studienmethodik sowie auf eine Missinterpretation der Daten hin. Diese Analyse umfasst neun randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 542 Patienten. Kritisiert wird z.B. die Patientenselektion vorwiegend aus spezialisierten Kliniken, die eine &Uuml;bertragbarkeit der Studienergebnisse in den Praxisalltag erschwert. Auch sei die korrekte Verblindung der Studienteilnehmer in vielen Studien nicht gew&auml;hrleistet (ca. 80 % der Studienteilnehmer konnten die Art der Di&auml;t identifizieren). Zudem werden in keiner Studie die Wiedereinf&uuml;hrungsphase der FODMAP-Di&auml;t oder der Langzeiteffekt der Di&auml;t untersucht.<sup>7</sup> Die Autoren einer weiteren, &auml;hnlichen Metaanalyse schlussfolgern, dass aufgrund der eingeschr&auml;nkten Qualit&auml;t der Studien die Evidenz f&uuml;r die Wirksamkeit einer FODMAP- armen Di&auml;t gering ist.<sup>8</sup></p></p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> Lacy BE et al.: Bowel disorders. Gastroenterology 2016; 150: 1393-407 <strong>2</strong> Camilleri M: Peripheral mechanisms in irritable bowel syndrome. NEJM 2012; 367: 1626-35 <strong>3</strong> Halmos EP et al.: Diets that differ in their FODMAP content alter the colonic luminal microenvironment. Gut 2015; 64: 93-100 <strong>4</strong> Halmos EP et al.: A diet low in FODMAPs reduces symptoms of irritable bowel syndrome. Gastroenterology 2014; 146: 67-75 <strong>5</strong> Schumann D et al.: Low fermentable, oligo-, di-, mono-saccharides and polyol diet in the treatment of irritable bowel syndrome: a systematic review and metaanalysis. Nutrition 2018; 45: 24-31 <strong>6</strong> B&ouml;hn L et al.: Diet low in FODMAPs reduces symptoms of irritable bowel syndrome as well as traditional dietary advice: a randomized controlled trial. Gastroenterology 2015; 149: 1399-407 <strong>7</strong> Krogsgaard LR et al.: Systematic review: quality of trials on the symptomatic effects of the low FODMAP diet for irritable bowel syndrome. Aliment Pharmacol Ther 2017; 45: 1506-13 <strong>8</strong> Dionne J et al.: A systematic review and meta-analysis evaluating the efficacy of a gluten-free diet and a low FODMAPs Diet in treating symptoms of irritable bowel syndrome. Am J Gastroenterol 2018; 113: 1290-9</p> </div> </p>
Back to top