
Die Immunrevolution in der Hautkrebsbehandlung
Autor:
Prof. Dr. med. Dr. sc. nat. Alexander Navarini
Chefarzt Dermatologie und Allergologie
Leiter Zentrum für Hauttumore
Universitätsspital Basel
E-Mail: Alexander.Navarini@usb.ch
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Die Geschichte der Melanomtherapie, einst geprägt von Ausweglosigkeit und therapeutischem Scheitern, hat in den letzten eineinhalb Jahrzehnten eine der außergewöhnlichsten Wandlungen in der modernen Onkologie durchlaufen. Was früher in fortgeschrittenen Stadien fast ausnahmslos tödlich verlief, hat sich zu einem Vorzeigefeld systemischer Krebstherapie mit kurativem Potenzial entwickelt.
Diese bemerkenswerte Entwicklung – sowohl wissenschaftlich als auch klinisch– stand im Zentrum eines eindrücklichen und sehr persönlichen Vortrags von Prof. Dr. Axel Hauschild, einem führenden Experten auf dem Gebiet der dermatologischen Onkologie.
In seinem Vortrag erinnerte sich der Redner, ein international renommierter Melanomforscher und Kliniker, an die Anfangsjahre seiner Karriere, in denen jede klinische Studie mit einer Enttäuschung endete. Zwischen 1989 und 2010 war er an über hundert Studien beteiligt – alle blieben erfolglos, wenn es um eine dauerhafte Verbesserung des Überlebens ging. Und dennoch machte er weiter. Wie er mit trockenem Humor bemerkte: „Man braucht gute Laune, um weiterzumachen.“
Diese Haltung erwies sich als wegweisend. Im Jahr 2010 kam es zu einem dramatischen Wendepunkt: Die ersten zielgerichteten Therapien zeigten erstaunlich hohe Ansprechraten bei Patienten mit BRAF-mutiertem Melanom, einer Mutation, die bei etwa 40% der kaukasischen Patienten mit Melanom vorkommt. Vemurafenib, ein BRAF-Inhibitor, öffnete die Tür: Patienten mit zuvor unheilbarem metastasiertem Melanom erlebten teilweise schon nach zwei Wochen einen sichtbaren Rückgang ihrer Tumoren. Die bildliche Wirkung war überwältigend, und die onkologische Fachwelt wurde aufmerksam. Erstmals wurde ein Melanom im Plenarprogramm eines großen internationalen Krebskongresses vorgestellt, und die gezeigten Bilder des Tumorrückgangs führten zu Standing Ovations. Das Publikum, das sonst oft nur marginale Fortschritte bei schweren Krebserkrankungen sah, spürte sofort: Hier geschah etwas Außergewöhnliches.
Doch diese ersten Siege waren bittersüß. Die Ansprechraten waren zwar rasch und eindrucksvoll, doch nicht von Dauer. Innerhalb eines Jahres traten bei den meisten Patienten Rückfälle auf. Die anfängliche Euphorie wich der Erkenntnis, dass zielgerichtete Therapien zwar das Spielfeld verändert hatten – die Spielregeln jedoch nicht. Das Melanom blieb ein trickreicher Gegner. Neue Ansätze waren dringend nötig.
Paradigmenwechsel: Checkpoint-Blockade
Dabei ging es nicht darum, den Tumor direkt zu zerstören, sondern das körpereigene Immunsystem – das längst als fähig erkannt war, Melanomzellen zu erkennen und manchmal zu bekämpfen – zu befreien, indem man die molekularen „Bremsen“ löst, die Tumoren zur Tarnung verwenden. Zwei solcher inhibitorischen Signalwege wurden identifiziert: CTLA-4 und PD-1. Medikamente, die diese Checkpoints blockieren, erlauben es T-Zellen, Tumorzellen wiederzuerkennen und zu vernichten.
Die Einführung der Checkpoint-Inhibitoren war keine weitere Therapieoption – sie war ein Paradigmenwechsel. Anders als bei den kurzfristigen Erfolgen der zielgerichteten Therapie bot diese Strategie erstmals das Potenzial zur Heilung. Dauerhafte Remissionen – gemessen nicht in Monaten, sondern in Jahren – wurden Realität. Patienten mit weit fortgeschrittener Metastasierung, inklusive Befall von Lunge, Leber und Gehirn, zeigten nicht nur Tumorregressionen, sondern vollständige und lang anhaltende Heilungen. Die Daten zeigen heute: Über die Hälfte der Patienten mit einem metastasierten Stadium IV, die eine Kombinationstherapie erhielten, leben nach 7,5 Jahren noch – viele davon tumorfrei. Solche Zahlen waren früher unvorstellbar.
Das Melanom, lange ein Symbol für therapeutische Ausweglosigkeit, wurde zum Vorreiter des therapeutischen Durchbruchs. Die Auswirkungen gingen weit über das Melanom hinaus. Auch nichtmelanozytäre Hauttumoren – das kutane Plattenepithelkarzinom, das Merkelzellkarzinom, das Angiosarkom, atypische Fibroxanthome und andere UV-induzierte Tumoren – zeigten sich hochsensibel gegenüber Checkpoint-Inhibition. Was sie verband, war eine hohe Tumormutationslast (TMB), meist ausgelöst durch UV-Strahlung. Je mehr Mutationen, desto mehr Neoantigene – und desto besser sichtbar wird der Tumor für ein aktiviertes Immunsystem.
Dieser Zusammenhang zwischen Mutationslast und Ansprechrate half zu erklären, warum UV-induzierte Tumoren so gut reagierten. Im Gegensatz dazu zeigten Tumoren ohne klar definierte karzinogene Auslöser, wie akrale oder mukosale Melanome – häufiger in asiatischen oder lateinamerikanischen Bevölkerungen –, deutlich geringere Ansprechraten. Die Erfolgsgeschichte der Checkpoint-Inhibition war also global nicht gleich. Sie spiegelte die geografischen Muster der Tumorbiologie und Sonnenexposition wider – und war damit auch ein ethischer Weckruf in Sachen Therapiegerechtigkeit.
Hauschild betonte, dass Checkpoint-Inhibitoren nicht nur wirksam, sondern auch ausgesprochen gut verträglich seien. Selbst Patienten über 90 Jahre sprachen gut an und vertrugen die Behandlung.
Er präsentierte den Fall eines betagten Mannes mit ausgedehnten Metastasen am Schädel, der nach nur vier Infusionen eine vollständige Remission zeigte – begleitet, fast ironisch, vom Nachwachsen der Haare. In einem anderen Fall wurde bei einer 90-jährigen Patientin eine Amputation abgewendet: Stattdessen erhielt sie eine systemische Therapie und feierte schließlich ihren Geburtstag krebsfrei– mit Blumen in der Hand. Solche Fälle sind heute keine Ausnahme mehr, sondern Teil eines neuen klinischen Alltags.
Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Die Checkpoint-Blockade kann das Immunsystem überaktivieren. Autoimmunreaktionen, obwohl selten, können schwerwiegend und unvorhersehbar sein: Schilddrüsenentzündungen, Hepatitis, Kolitis, Hypophysitis– alles bekannte Komplikationen. Dennoch bleibt das Nutzen-Risiko-Verhältnis klar positiv. Erstmals kann man Patienten nicht nur Hoffnung machen, sondern realistisch von Heilung sprechen.
Ein anderer Punkt ist die finanzielle Toxizität. Die Jahreskosten für eine Immuntherapie übersteigen oft 100000 Euro. Der Referent kommentierte trocken: „Das ist keine Therapie für ressourcenschwache Länder.“ Doch ihre Wirksamkeit ist unbestritten. Während vor 2011 nur etwa 10% der Patienten mit metastasiertem Melanom nach fünf Jahren noch lebten, sind es heute mehr als 60%.
Sein Vortrag schloss mit einem hoffnungsvollen, fast heiteren Bild: Eine Band namens The CheckPoints, gegründet von Onkologen – darunter ein späterer Nobelpreisträger –, tritt jährlich bei einem großen Krebskongress auf. Früher spielte sie vor leeren Rängen. Heute, nach der Nobelpreisverleihung, stehen die Leute Schlange. Diese kleine Geschichte spiegelt die Entwicklung der Checkpoint-Therapie selbst: vom Rand-phänomen zum gefeierten Mittelpunkt.
Die Melanomtherapie ist heute mehr als eine medizinische Erfolgsgeschichte. Sie ist ein Lehrstück für Ausdauer in der Forschung, ein Beweis für die Kraft translationaler Wissenschaft – und ein Aufruf, den Zugang zu lebensrettenden Therapien global auszuweiten. Vor allem aber ist sie ein Zeugnis dafür, was möglich ist, wenn das menschliche Immunsystem – lange unterschätzt – endlich sein volles Potenzial entfalten darf. Der Kampf gegen den Hautkrebs ist nicht vorbei. Aber erstmals führt das Immunsystem den Angriff an – und die Zukunft ist voller Licht.
Quelle:
Vortrag von Prof. Dr. Axel Hauschild, Kiel, beim XIV. International Congress of Dermatology am 20.6.2025 in Rom
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