Sport und hereditäres Angioödem
Bericht: Clara Fruhmann, MA
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Regelmässige körperliche Aktivität zählt zu den wichtigsten Bausteinen eines gesunden Lebensstils. Sie verbessert die körperliche Leistungsfähigkeit, unterstützt die psychische Gesundheit und trägt zum langfristigen Erhalt der Lebensqualität bei. Auch für Menschen mit hereditärem Angioödem (HAE) gibt es grundsätzlich keinen Anlass, auf Bewegung oder Sport zu verzichten.
Praxistpps für Ihre Patientinnen und Patienten
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Sprechen Sie offen über Symptome, Notfallmedikamante und legen Sie gemeinsam einen Notfallplan fest.
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Weisen Sie darauf hin, dass insbesondere Ausdauersportarten wie Schwimmen, Yoga und Pilates, moderates Wandern aber auch leichtes Krafttraining risikoarm sind und daher auch gut von Personen mit HAE ausgeübt werden können.
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Informieren Sie Ihre Patientinnen und Patienten darüber, dass durch Schutzkleidung oder gepolsterte Sättel z.B. beim Radfahren, Verletzungen vermieden werden können.
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Weisen Sie darauf hin, dass die Bewegungsintensität sukzessive gesteigert werden soll und auf Signale des Körpers geachtet werden sollte.
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Zeigen Sie die Notwendigkeit des Mitführens eines Notfallsets sowie eines Notfallausweises auf.
Die aktuelle internationale Leitlinie der World Allergy Organization (WAO) und der European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI) zum Management des HAE verfolgt das Therapieziel, eine vollständige Krankheitskontrolle zu erreichen und den Betroffenen ein möglichst normales Leben zu ermöglichen.1 Auch körperliche Aktivität sollte in diesem Sinne daher nicht pauschal eingeschränkt, sondern individuell begleitet werden. Dennoch stellt die sportmedizinische Beratung von Patient:innen mit HAE eine besondere Herausforderung dar. Anders als bei vielen chronischen Erkrankungen existieren bislang keine evidenzbasierten Empfehlungen zu geeigneten oder ungeeigneten Sportarten. Umso wichtiger ist eine individuelle Risikoabwägung, die sich an der Krankheitsaktivität, der bisherigen Triggeranamnese sowie der aktuellen Therapie orientiert.
Körperliche Belastung als möglicher Trigger
Bekannt ist, dass HAE-Attacken durch unterschiedliche physische oder emotionale Belastungen ausgelöst werden können. Die WAO/EAACI-Leitlinie nennt insbesondere Traumata sowie medizinische und zahnärztliche Eingriffe als potenzielle Auslöser von Schwellungsattacken. Darüber hinaus wird empfohlen, patientenspezifische Trigger zu identifizieren und bei Bedarf prophylaktische Massnahmen zu erwägen. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, auch sportbedingte Belastungen individuell zu berücksichtigen.1 In der klinischen Praxis berichten Betroffene beispielsweise über Schwellungen nach stumpfen Verletzungen, länger anhaltender Druckbelastung einzelner Körperregionen oder aussergewöhnlich intensiver körperlicher Beanspruchung. Ob und in welchem Ausmass solche Belastungen tatsächlich Attacken provozieren, ist jedoch individuell sehr unterschiedlich. Kontaktsportarten (Fussball, Rugby, Boxen), Sportarten mit hohen Sturzrisiko (Skifahren, Skateboarden) oder Sportarten mit intensiven körperlichen Belastungen wie Gewichtheben sind allerdings Sportarten, bei denen diese Trigger häufiger vorkommen. Eine generelle Empfehlung gegen bestimmte Sportarten lässt sich daraus nicht ableiten. Für die Beratung und Ihre Patient:innen bedeutet dies, dass weniger die Sportart selbst als vielmehr ihre konkrete Ausübung bewertet werden sollte. Wiederholte Mikrotraumata, erhebliche Druckbelastungen durch Sportausrüstung oder ungewohnte Maximalbelastungen können Anlass sein, Trainingsumfang oder Ausrüstung gemeinsam mit Ihren Patient:innen anzupassen.
Krankheitskontrolle schafft Handlungsspielraum
Die moderne HAE-Therapie verfolgt nicht mehr ausschliesslich das Ziel, Attacken zu behandeln, sondern diese möglichst vollständig zu verhindern. Um eine vollständige Krankheitskontrolle zu erreichen, sollte bei jedem Kontrolltermin geprüft werden, ob eine Langzeitprophylaxe erforderlich oder anzupassen ist. Dabei sollen Krankheitsaktivität, Krankheitsbelastung, Krankheitskontrolle und die Präferenzen der Betroffenen berücksichtigt werden. Gerade sportlich aktive Patient:innen profitieren häufig von einer Langzeitprophylaxe – wer regelmässig körperlich aktiv sein möchte, sollte über eine individuell angepasste Therapie verfügen. Dies gilt insbesondere dann, wenn in der Vergangenheit belastungsassoziierte Schwellungen aufgetreten sind oder wenn regelmässig intensive sportliche Aktivitäten geplant sind.
Frühzeitige Behandlung bleibt entscheidend
Da sich HAE-Attacken weder hinsichtlich ihres Zeitpunktes noch ihrer Lokalisation zuverlässig vorhersagen lassen, empfiehlt die Leitlinie, grundsätzlich jede Attacke für eine On-demand-Therapie in Betracht zu ziehen. Besonders Schwellungen im Bereich der oberen Atemwege stellen medizinische Notfälle dar und müssen unverzüglich behandelt werden. Ebenso wird empfohlen, die Akuttherapie möglichst früh einzusetzen, da hierdurch die Dauer und Ausprägung der Attacken reduziert werden können. Für sportlich aktive Betroffene bedeutet dies, dass eine wirksame Akutmedikation jederzeit verfügbar sein sollte. Laut Leitlinie sollten Sie Ihren Patient:innen daher das Mitführen von Medikamenten zur Behandlung von mindestens zwei Attacken empfehlen. Darüber hinaus sollten sie in derSelbstapplikation der zugelassenen Medikamente geschult werden, um im Bedarfsfall ohne Verzögerung handeln zu können.
Trainingsplanung individuell gestalten
Aus sportmedizinischer Sicht empfiehlt sich ein schrittweiser Belastungsaufbau, insbesondere bei ungewohnten Aktivitäten oder nach längeren Trainingspausen. Viele Betroffene entwickeln im Verlauf ein gutes Gespür dafür, welche Belastungen sie problemlos tolerieren und welche Situationen wiederholt Beschwerden hervorrufen. Diese individuelle Erfahrung sollte aktiv in die ärztliche Beratung einbezogen werden.Ebenso sinnvoll ist es, auf eine gut angepasste Sportausrüstung zu achten. Druckstellen durch Schuhe, Sättel oder Schutzausrüstung können bei einzelnen Patient:innen lokale Schwellungen begünstigen. Kleine Anpassungen der Ausrüstung oder des Trainingsablaufs reichen häufig aus, um die Belastung einzelner Körperregionen deutlich zu reduzieren. Auch Verletzungen sollten möglichst vermieden werden. Ein sorgfältiges Aufwärmen, technisch saubere Bewegungsabläufe und geeignete Schutzkleidung können dazu beitragen, das Risiko stumpfer Traumata zu verringern. Treten nach sportlichen Aktivitäten wiederholt Schwellungen auf, sollte gemeinsam mit dem Behandlungsteam geprüft werden, ob Anpassungen der Therapie oder des Trainingskonzeptes sinnvoll sind.
Gemeinsame Planung erhöht die Sicherheit
Patient:innen, die regelmässig Sport treiben oder neue sportliche Herausforderungen planen, profitieren von einer engen Abstimmung mit ihrem HAE-Behandlungsteam. Dies gilt insbesondere vor aussergewöhnlichen körperlichen Belastungen oder dann, wenn frühere sportliche Aktivitäten wiederholt Attacken ausgelöst haben. In ausgewählten Situationen kann entsprechend der WAO/EAACI-Leitlinie eine situationsbezogene Kurzzeitprophylaxe erwogen werden, sofern individuell ein erhöhtes Risiko angenommen wird. Darüber hinaus kann es hilfreich sein, Trainingspartner:innen oder betreuende Personen über die Erkrankung zu informieren. Sie sollten wissen, dass Schwellungen im Bereich der oberen Atemwege lebensbedrohlich werden können, wo sich die Notfallmedikation befindet und dass HAE-Attacken eine spezifische Therapie erfordern.
Fazit
Körperliche Aktivität sollte Menschen mit hereditärem Angioödem grundsätzlich nicht vorenthalten werden. Die derzeitige Evidenz erlaubt keine Einteilung in grundsätzlich geeignete oder ungeeignete Sportarten. Entscheidend sind vielmehr eine gute Krankheitskontrolle, das Erkennen individueller Trigger sowie eine leitliniengerechte Versorgung mit jederzeit verfügbarer On-demand-Therapie. Eine individuelle ärztliche Beratung ermöglicht es vielen Patient:innen, sportlich aktiv zu bleiben und gleichzeitig das Risiko belastungsassoziierter Attacken zu minimieren. Damit entspricht auch die Sportberatung dem zentralen Ziel der aktuellen WAO/EAACI-Leitlinie: Menschen mit HAE eine möglichst normale und uneingeschränkte Lebensführung zu ermöglichen.
Quelle:
«Sport bei hereditärem Angioödem (HAE)», Online-Kurs von Dr. med. Clemens Schöffl, Graz
Literatur:
1 Maurer M et al.: The international WAO/EAACI guideline for the management of hereditary angioedema—The 2021 revision and update. Allergy 2022; 77(7): 1961-90
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