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Vitaminsubstitution bei vegetarischer und veganer Ernährung

Allgemeine Innere Medizin
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Eine vegetarische oder vegane Ernährung erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Gründe dafür sind sowohl gesundheitliche Aspekte als auch Tierwohl und Umweltschutz.1 Beim ganzen oder teilweisen Verzicht auf tierische Lebensmittel kann es aber zu einem Nährstoffmangel kommen, der ausgeglichen werden muss.

Keypoints

  • Eine vegetarische oder vegane Ernährung hat Vorteile in der Prävention nicht übertragbarer chronischerKrankheiten.

  • Sie muss sorgfältig geplant sein, besonders bei völligem Verzicht auf tierische Lebensmittel.

  • Der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen kann grundsätzlich durch die Ernährung gedeckt werden – mit Ausnahme der Vitamine D und B12.

  • Der Vitamin-D-Bedarf ist durch die verstärkte endogene Synthese (Sonnenexposition) oder eine Supplementierung zu decken.

  • Vitamin B12 muss von Veganern in jedem Fall supplementiert werden.

Während Vegetarier je nach Ausprägung vor allem auf Fleisch und Fisch verzichten (Ovo-Lacto-Vegetarier), essen Veganer keine tierischen Lebensmittel, also auch keine Milchprodukte, Eier und Honig.

Es ist derzeit unklar, wie hoch der Anteil der Vegetarier und Veganer an der Bevölkerung tatsächlich ist. Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Institut für Empirische Sozialforschung (IFES) aus dem Jahr 2013 ernähren sich 9% aller Österreicher vegetarisch und 1% vegan.2 In Deutschland und in der Schweiz ist der Anteil der Vegetarier geringer und liegt bei 4–5%.3,4 Jedoch sind die berichteten Zahlen wegen unterschiedlicher Erhebungsmethoden nur schwer vergleichbar und repräsentative epidemiologische Studien fehlen.

Nährstoffmangel bei vegetarischer und veganer Ernährung möglich

Eine ausgewogene Ernährung schliesst laut den Empfehlungen der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Ernährung alle Lebensmittelgruppen inklusive Fleisch, Fisch und Milchprodukten ein, da jede Gruppe spezifische Nährstoffe liefert.5–7 Wird auf eine Lebensmittelgruppe verzichtet, bedeutet dies, dass die Lebensmittelauswahl gezielt verändert werden muss, um die fehlenden Nährstoffe dennoch aufzunehmen. «Einfach» eine Lebensmittelgruppe wegzulassen, kann dagegen zu einem Nährstoffmangel führen. Bei veganer Ernährung ist das Vitamin B12 besonders kritisch, da es nur in Milchprodukten und Fleisch in nennenswerten Mengen vorliegt.1 In der EPIC-Oxford-Kohorte wurde dementsprechend gezeigt, dass Veganer eine niedrigere Vitamin-B12-Konzentration im Serum haben als Vegetarier und Mischköstler. Die Hälfte der Veganer hatte einen Serum-Vitamin-B-Spiegel <118pmol/l, der einem Vitamin-B12-Mangel entspricht, und damit ein höheres Risiko für die Entwicklung von Vitamin-B12-Mangelsymptomen.8 In derselben Studie war auch der Plasmaspiegel von 25-Hydroxy-Vitamin-D bei Veganern und Vegetariern deutlich niedriger als bei Fischkonsumenten und Mischköstlern.9 Auf der anderen Seite wiesen Veganer eine deutlich höhere Blutkonzentration an Folat, einem in vielen pflanzlichen Lebensmitteln reichlich enthaltenen B-Vitamin, auf als Vegetarier und Mischköstler.8 Eine Arbeit aus Österreich mit 40 Mischköstlern, 36 Vegetariern und 42 Veganern zeigte in Bezug auf die Gruppe der B-Vitamine, dass die Versorgung mit Thiamin (Vitamin B1) und Folat bei Veganern unproblematisch ist, während Vitamin B2 und B12 bei Veganern häufiger im Mangelbereich lagen als bei Vegetariern und Mischköstlern.10 Eine Schweizer Studie ergab ebenfalls einen niedrigeren Vitamin-D- und Vitamin-B-Spiegel bei Veganern im Vergleich zu Mischköstlern.11 Das Vitamin B12 war in dieser Studie auch bei Vegetariern niedriger als bei Mischköstlern. Auf der anderen Seite waren Veganer und Vegetarier mit den Vitaminen B6, C und E wesentlich besser versorgt als Mischköstler. Insgesamt kamen die Autoren zu dem Schluss, dass Veganer nicht grundsätzlich schlechter mit Vitaminen versorgt sind als Mischköstler oder Vegetarier.

Revidierte Ansicht zu Ernährungsempfehlungen in «Wachstumszeiten»

Lange Zeit wurden eine vegetarische und eine vegane Ernährungsweise besonders in Zeiten des Wachstums, also während der Schwangerschaft, Stillzeit und Kindheit, kritisch gesehen.

Die Eidgenössische Ernährungskommission (EEK), die Ernährungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (EK SGP), die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) empfehlen auch weiterhin im Säuglings- und Kindesalter eine diversifizierte Ernährung basierend auf dem Konzept der optimierten Mischkost. Eine vegane Ernährung wird im Allgemeinen während der Schwangerschaft, der Stillzeit sowie im Säuglings- und Kindesalter nicht empfohlen. Wird eine vegane Ernährung bevorzugt, muss diese gemäss den Fachgesellschaften gut geplant, supplementiert und kontrolliert sein, um dem Risiko potenziell schwerer Nährstoffdefizite im Kindesalter vorzubeugen.12 Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und das bundesweite Netzwerk «Gesund ins Leben» empfehlen keine vegane Ernährung für schwangere und stillende Frauen.13–15 Die DGE empfiehlt eine vegane Ernährung während des gesamten Kindes- und Jugendalters nicht.15,16 Eine ausgewogene ovo-lacto-vegetarische Ernährung wird hingegen von der Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) während der Schwangerschaft, der Stillzeit sowie im Säuglings- und Kleinkindalter als eine gute Alternative zur Mischkost beurteilt, die eine adäquate Versorgung von Mutter und Kind gewährleisten kann.2 Die Datenlage in Bezug auf das Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind infolge veganer Ernährung (von einem klar erhöhten Risiko für einen Vitamin-B-Mangel bei unzureichender Substitution abgesehen) ist dagegen unklar. In einer Stellungnahme aus dem Jahr 2019 sprach die ÖGKJ keine Empfehlung für eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft, der Stillzeit und den ersten Lebensjahren aus.2 Im Unterschied dazu kommt die US-amerikanische Academy of Nutrition and Dietetics zum Schluss, dass eine gut geplante, ausgewogene vegane Ernährung, die eine Supplementierung kritischer Nährstoffe (in erster Linie Vitamin B12) beinhaltet, in allen Lebensphasen adäquat sein kann.17

Übereinstimmend stellen internationale Fachgesellschaften fest, dass eine vegane Ernährung vor allem während der Schwangerschaft, der Stillzeit und im Kindesalter eine professionelle Begleitung durch Ernährungsfachkräfte bzw. Ärztinnen und Ärzte erfordert.2,13,14

Den Nährstoffmangel kompensieren

Mit einer gezielten Lebensmittelauswahl können auch Vegetarier und Veganer ihren Nährstoffbedarf decken. Es kommt dabei darauf an, auf welche Lebensmittel verzichtet wird. Werden lediglich Fleisch und Fisch nicht verzehrt, kann der Bedarf an Nährstoffen gut durch andere Lebensmittelgruppen gedeckt werden. Weniger die Zufuhr von Vitaminen als die von Mineralstoffen (Eisen, Zink, Jod) und in Fisch enthaltenen langkettigen Omega-3-Fettsäuren kann bei einer vegetarischen Ernährung kritisch werden. Bei einer strikt veganen Ernährung, wenn neben Fleisch und Fisch auch Milchprodukte, Eier und Honig wegfallen, wird die Liste möglicher Mangelnährstoffe länger und umfasst neben Vitamin B12 auch Riboflavin (Vitamin B2; Milch und Milchprodukte). Ausserdem sind die Mineralstoffe Jod (Milchprodukte, Fisch), Eisen (Fleisch), Zink (Fleisch) und Kalzium (Milch und Milchprodukte) unter Umständen problematisch.1

Tab. 1: Pflanzliche Nährstofflieferanten für potenziell kritische Vitamine bei vegetarischer und veganer Ernährung1, 2, 15

Mit Ausnahme von Vitamin B12 können die kritischen Nährstoffe bei einer veganen Ernährung durch eine gut geplante Lebensmittelauswahl und -zusammenstellung in ausreichender Menge aufgenommen werden (Tab.1 und 2). Vitamin B12 muss beim vollständigen Verzicht auf tierische Lebensmittel über Supplemente zugeführt werden. Die Vitamin-B2-Zufuhr kann über den gezielten Verzehr von Vitamin-B2-reichen pflanzlichen Lebensmitteln (z.B. Brokkoli, Hülsenfrüchte, Nüsse) gedeckt werden. Hinsichtlich Vitamin D muss ein Wegfall von Fisch und Eigelb durch eine verstärkte endogene Synthese (Sonnenexposition) aufgefangen werden. Bei fehlender Sonnenexposition sind Vitamin-D-Supplemente von 20μg/d für Veganer empfehlenswert.12 Dies gilt allerdings auch für die Mehrheit der Vegetarier und Mischköstler (ausser bei sehr hohem regelmässigem Fischverzehr), da nur ein geringer Anteil des Vitamin-D-Bedarfs über Lebensmittel gedeckt werden kann.17

Tab. 2: Pflanzliche Nährstofflieferanten für weitere potenziell kritische Nährstoffe bei vegetarischer und veganer Ernährung1, 2, 15

Wann ist eine Supplementierung erforderlich?

Auch wenn die Gefahr eines Vitamin- und Nährstoffmangels bei Vegetariern und Veganern tendenziell höher ist als bei Mischköstlern, sollte eine Substitution nur nach einer individuellen Abklärung im Rahmen einer Ernährungsberatung und/oder einer medizinischen Beratung/Untersuchung erfolgen. Diese stellen sicher, dass eine etwaige Substitution in ausreichender Menge erfolgt.12,18 Bei Personen, die sich vegan ernähren, sollte der Vitamin-B12-Status regelmässig überprüft werden. Gleiches gilt für Vegetarier, die nur gelegentlich tierische Produkte verzehren. Bei einem nachgewiesenen Mangel ist eine ärztliche Behandlung dieses Mangels notwendig und eine diätologisch begleitete Substitution sinnvoll.19 Neben einem Monitoring des Vitamin-B12-Status erscheint eine regelmässige Überprüfung der Versorgung mit Vitamin B2 sowie Kalzium, Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Jod und Zink sinnvoll.2,13

1 Ströhle A et al.: Alternative Ernährungsformen: Allgemeine Aspekte und vegetarische Kostformen. Rehabilitation (Stuttg) 2018; 57: 55-70 2 Plank R; Ernährungskommission der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde: Sicherheit und Risiken vegetarischer und veganer Ernährung in Schwangerschaft, Stillzeit und den ersten Lebensjahren. Monatsschr Kinderheilkd 2019; 167: 22-35 3 Mensink GBM et al.: Verbreitung der vegetarischen Ernährungsweise in Deutschland. JoHM 2016; 1: doi: 10.17886/RKI-GBE-2016-033 4 Steinbach L et al.: No-meat eaters are less likely to be overweight or obese, but take dietary supplements more often: results from the Swiss National Nutrition survey menuCH. Public Health Nutr 2020; 1-10 5 10 Ernährungsregeln der ÖGE ( www.oege.at/index.php/bildung-information/empfehlungen ) 6 10 Ernährungsregeln der DGE ( www.dge.de/ernaehrungspraxis/vollwertige-ernaehrung/10-regeln-der-dge ) 7 Optimaler Teller der SGE ( www.sge-ssn.ch/ich-und-du/essen-und-trinken/ausgewogen/ausgewogener-teller ) 8 Gilsing AM et al.: Serum concentrations of vitamin B12 and folate in British male omnivores, vegetarians and vegans: results from a cross-sectional analysis of the EPIC-Oxford cohort study. Eur J Clin Nutr 2010; 64: 933-9 9 Crowe FL et al.: Plasma concentrations of 25-hydroxyvitamin D in meat eaters, fish eaters, vegetarians and vegans: results from the EPIC-Oxford study. Public Health Nutr 2011; 14: 340-6 10 Majchrzak D et al.: B-vitamin status and concentrations of homocysteine in Austrian omnivores, vegetarians and vegans. Ann Nutr Metab 2006; 50: 485-91 11 Schüpbach R et al.: Micronutrient status and intake in omnivores, vegetarians and vegans in Switzerland. Eur J Nutr 2017; 56: 283-93 12 Müller P et al.; Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie (SSP/SGP): Handlungsanweisungen vegetarische und vegane Ernährung im Säuglings- und Kleinkindesalter. 11.3.2020. Einsehbar unter: www.paediatrieschweiz.ch 13 Richter M et al.: Vegane Ernährung. Position der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE). ErnährungsUmschau 2016; 63: 92-102 14 Koletzko B et al.: Diet and lifestyle before and during pregnancy - practical recommendations of the Germany-wide Healthy Start - Young Family Network. Geburtshilfe Frauenheilkd 2018; 78: 1262-82 15 Richter M et al.: Ergänzung der Position der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. zur veganen Ernährung hinsichtlich Bevölkerungsgruppen mit besonderem Anspruch an die Nährstoffversorgung. ErnährungsUmschau 2020; Sonderheft: 64-72 16 Ausgewählte Fragen und Antworten zur Position der DGE zu veganer Ernährung ( www.dge.de/fileadmin/public/doc/ws/faq/FAQ-Vegane-Ernaehrung_2020.pdf ) 17 Melina V et al.: Position of the Academy of Nutrition and Dietetics: vegetarian diets. J Acad Nutr Diet 2016; 116: 1970-80 18 Ausgewählte Fragen und Antworten zu Vitamin D. Gemeinsame FAQ des BfR, der DGE und des MRI vom 22. Oktober 2012 ( ) 19 Eidgenössische Ernährungskommission: Übersichtsarbeit zu den ernährungsphysiologischen und gesundheitlichen Vor- und Nachteilen einer veganen Ernährung. In: Expertenbericht der EEK. Zürich: Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen; 2018 20 Wang H et al.: Oral vitamin B12 versus intramuscular vitamin B12 for vitamin B12 deficiency. Cochrane Database Syst Rev 2018; 3: CD004655

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