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Augenprobleme im Alter

Gut sehen – auch Hausärzte sind gefordert

Allgemeine Innere Medizin

Selbst bei alten Menschen kann die Sehkraft heute wieder deutlich verbessert werden – sofern eine Behandlung nicht zu lange hinausgezögert wird. Was Hausärzte über die drei grossen Augenprobleme – Katarakt, Glaukom, altersabhängige Makuladegeneration – wissen sollten, erläuterte Augenchirurg Dr. med. Matthias Baumann vom AugenCentrum Zytglogge Bern am Praxis Update in Bern.

Die Sehkraft ist für die Lebensqualität zentral. Sie ist Voraussetzung, um zu lesen, den Alltag selbst im fortgeschrittenen Alter selbstständig zu meistern und sich zu Hause sowie im Verkehr sicher fortzubewegen. Ein grosses Problem bei Seniorinnen und Senioren ist der graue Star. «Die Katarakt ist meist keine Krankheit, sondern eine Alterserscheinung», sagte Baumann. Denn früher oder später trübt die Linse bei allen Menschen ein. Die Verschlechterung ist progredient und führt unbehandelt zu einer vollständig durchtrübten Linse und zur Erblindung. Mit einer kleinen minimal invasiven Operation, bei der die eingetrübte Linse durch eine Kunstlinse ersetzt wird, kann dies verhindert werden.

«Der Eingriff ist einfach und schonend und die visuelle Verbesserung enorm», so der Referent. So konnte beispielsweise eine Ärztin bereits eine halbe Stunde nach dem Verlassen der Augenklinik nach einer Kataraktoperation in der Praxis wieder ihren ersten Patienten behandeln.

Mit Kataraktoperation nicht zu lange warten

Obwohl sich Senioren auch im hohen Alter noch dem chirurgischen Eingriff am Auge unterziehen können, sollte mit der Kataraktoperation nicht allzu lange gewartet werden. Denn mit dem Alter wird das Augengewebe brüchiger und instabiler. Auch kann es zu chemischen Veränderungen des Linseninhalts oder zum Absinken der Linse im Auge kommen. All diese Veränderungen erschweren die Operation, erhöhen das Komplikationsrisiko und verlängern die Rehabilitationsdauer. «Damit der Eingriff rechtzeitig erfolgen kann, sind auch die Hausärzte gefordert», betonte der Augenchirurg. So sollte ab und an ein Blick auf die Augen geworfen und der Patient gegebenenfalls zur Kontrolle zum Augenarzt geschickt werden. «Das kann bei einem 85-Jährigen sinnvoll sein, der eine Brille mit dicken Gläsern trägt und noch nicht operiert ist, aber auch bei einem jüngeren Patienten, beispielsweise wenn die Sehbeeinträchtigung die Verkehrssicherheit tangiert oder die gesetzlichen Vorgaben zur Mindestsehschärfe zu einem Problem werden», erklärte Baumann.

Ist bei Männern mit einer benignen Prostatahyperplasie eine Behandlung mit Tamsulosin indiziert, sollte vor dem Therapiestart möglichst eine augenärztliche Kontrolluntersuchung durchgeführt werden. Denn die α-2-Rezeptorblocker docken auch am Irisgewebe an und verursachen dadurch ein Floppy-Eyelid-Syndrom. «Dieses führt zur Instabilität des gesamten Linsen-Kapsel-Apparates und erschwert die Kataraktoperation, selbst wenn Tamsulosin vor dem Eingriff gestoppt wird», erklärte der Experte.

Zu den Risikofaktoren für eine Katarakt gehören UV-Licht, Diabetes mellitus, Kortikosteroid-Therapien, eine hohe Fehlsichtigkeit sowie schlechte Ernährung, zu wenig Bewegung und Rauchen. Ein gesunder Lebensstil ist denn auch die einzige Möglichkeit, um dem grauen Star vorzubeugen. Typische Symptome für eine Katarakt sind Visusminderung, Beeinträchtigung von Kontrastsehen und das Sehen von Doppelbildern.

Glaukom: Entscheidend ist der Sehnerv

Das zweite grosse Augenproblem im Alter ist der grüne Star. «Um ein Glaukom frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, genügt es nicht, den Augendruck beim Optiker messen zu lassen», betonte der Spezialist. Ein Augeninnendruck bis 20mmHg gilt als normal. Ein höherer Druck muss aber nicht zwingend pathologisch sein. «Entscheidend ist der Zustand des Sehnervs», sagte Baumann. «Auch Patienten mit einem Augeninnendruck von 28mmHg können einen gesunden Sehnerv haben, und das ein Leben lang.»

Die augenärztliche Erstkontrolle erfolgt idealerweise im Alter ab 45 Jahre, wenn die Presbyopie beginnt. Danach sollten, abhängig von der Situation, alle ein bis fünf Jahre oder gegebenenfalls auch in kürzeren Abständen regelmässig ophthalmologische Kontrolluntersuchungen erfolgen. Unbehandelt kann ein Glaukom – wie auch der graue Star – zu einer Erblindung führen. Die Behandlung erfolgt bis zur Operation mit Augentropfen. Manchmal kann auch die Kataraktbehandlung zu einer deutlichen Reduktion des Augeninnendrucks führen, sodass keine Glaukomoperation notwendig ist. Die Patienten spüren vom grünen Star selbst nichts. Und das ist problematisch: Denn auch ohne spürbare Beschwerden kommt es ohne Therapie zu einem langsamen und steten Absterben der Sehnervenfasern. Das führt im Verlauf zu einem Verlust des peripheren Gesichtsfeldes und schliesslich zum Erlöschen der zentralen Sehschärfe.

In Europa sind die Offenwinkelglaukome mit 90% die häufigsten Glaukome. Anders in Asien, wo die Engwinkelglaukome mit einer Prävalenz von über 50% am häufigsten vorkommen. Das akute Glaukom ist sehr schmerzhaft. «Es muss sehr schnell behandelt werden, weil sonst die Sehnervenfasern rasch absterben», betonte der Referent.

Bei akuter Sehverschlechterung rasch reagieren

Die Makula ist die Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut und umfasst einen kleinen Bereich von 5x5mm. Die altersabhängige Makuladegeneration (AMD) ist heute die Hauptursache für eine Erblindung bei über 50-Jährigen. Am häufigsten ist die trockene AMD. Bei dieser Form bilden sich sogenannte Drusen, das sind verstärkte Ablagerungen von Stoffwechselprodukten auf der Netzhaut. Eine Behandlung ist bei der trockenen AMD nicht möglich.

Anders bei der feuchten, altersabhängigen Makuladegeneration. Sie kann seit etwa 15Jahren mit Injektionstherapien behandelt werden. Die ins Auge injizierten Anti-VEGF («vascular endothelial growth factor»), wie z.B. Ranibizumab, Aflibercept, können die Krankheit stabilisieren, stoppen oder sogar verbessern. «Bei einem akuten Visusabfall oder plötzlichem verzerrtem Sehen muss schnell reagiert und innerhalb von zehn Tagen eine Therapie gestartet werden», so Baumann.

Praxis Update Bern, 17. Juni 2021

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