Wartezeiten für URS/PCNL/ESWL und Versorgungsqualität: Was bedeutet dies für die Patient:innen?
Autoren:
Dr. Julian Veser
Dr. Ozan Yurdakul
Universitätsklinik für Urologie
Medizinische Universität Wien
E-Mail: julian.veser@meduniwien.ac.at
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Aktuelle Studiendaten machen eine strukturell bedingte Verlängerung der Wartezeiten in der Urolithiasistherapie sichtbar. Diese Entwicklung ist Ausdruck eines zunehmenden Versorgungsdefizits, das nicht nur relevante gesundheitliche Risiken für Patient:innen nach sich zieht, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Belastungen für Betroffene und das Gesundheitssystem verursacht.
Keypoints
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Personalmangel und daraus resultierende verlängerte Wartezeiten sind zur neuen Versorgungsrealität bei Urolithiasis geworden.
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Verlängerte Wartezeiten bis zur definitiven Steintherapie führen zu einer signifikanten Zunahme präoperativer Morbidität.
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Therapieentscheidungen müssen Zeit- und Ressourcenfaktoren berücksichtigen und an diese neue Versorgungsrealität angepasst werden.
Die Urolithiasis zählt zu den häufigsten Krankheitsbildern in der urologischen Praxis und weist in industrialisierten Ländern eine Lebenszeitprävalenz von etwa 10–15% auf, mit weiter steigender Inzidenz. Ein erheblicher Anteil der Patienten präsentiert sich akut, typischerweise mit Nierenkolik, Harnstau oder begleitender Infektion, wobei bis zu 20% im Verlauf eine stationäre Behandlung benötigen. Für Steine des oberen Harntrakts stehen mit der extrakorporalen Stoßwellenlithotripsie (ESWL), der Ureterorenoskopie (URS) und der perkutanen Nephrolitholapaxie (PCNL) drei etablierte, effektive Verfahren zur Verfügung, deren Einsatz sich an international anerkannten Leitlinien orientiert. Die Wahl der Therapie erfolgt primär anhand objektiver Kriterien wie Steingröße, Steinlokalisation, Obstruktionsgrad, anatomischer Gegebenheiten sowie patientenspezifischer Faktoren und Komorbiditäten. Während die ESWL insbesondere bei kleineren, nicht komplexen Steinen als minimalinvasive Option eingesetzt wird, stellen die URS und PCNL bei größeren oder komplizierten Konkrementen sowie bei Therapieversagen eine Standardtherapie dar.
Klinische Versorgung im Allgemeinen
In der klinischen Versorgungsrealität gewinnen jedoch zunehmend strukturelle Rahmenbedingungen an Bedeutung, insbesondere die Verfügbarkeit personeller und infrastruktureller Ressourcen. In diesem Kontext rücken Wartezeiten für eine definitive Steintherapie verstärkt in den Fokus und entwickeln sich zu einem relevanten, bislang unterschätzten Qualitätsindikator der urologischen Versorgung.
Von der Covid-19-Pandemie ...
Die Covid-19-Pandemie stellte weltweit eine tiefgreifende Zäsur für Gesundheitssysteme dar und führte zu substanziellen strukturellen und organisatorischen Veränderungen in nahezu allen medizinischen Fachdisziplinen. Zur Sicherstellung der Versorgung von Covid-19-Patienten wurden elektive Operationskapazitäten in großem Umfang reduziert, Personalressourcen umgewidmet und priorisierende Triagekonzepte implementiert. Diese Maßnahmen waren in der akuten Phase der Pandemie notwendig, hatten jedoch unmittelbare und teils nachhaltige Auswirkungen auf die Versorgung nichtakuter Erkrankungen. Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass insbesondere chirurgische Fächer einen deutlichen Rückgang elektiver Eingriffe sowie eine Verlängerung der Wartelisten verzeichneten, was sich in einem erheblichen Behandlungsrückstau manifestierte. Obwohl viele pandemiebedingte Restriktionen nach dem Abklingen der akuten Infektionswellen aufgehoben wurden, blieb ein zentrales strukturelles Problem bestehen: der zunehmende Mangel an medizinischem Fachpersonal.
... zur Perma-Krise der Gesundheitsversorgung
Dieser Personalmangel betrifft ärztliches wie pflegerisches Personal gleichermaßen und wird inzwischen als anhaltende strukturelle Krise beschrieben, die über die Pandemie hinaus fortbesteht. Ursachen hierfür sind unter anderem eine erhöhte Arbeitsbelastung während der Pandemie, eine beschleunigte Abwanderung aus dem Gesundheitswesen sowie demografische Entwicklungen, die den Nachwuchs im medizinischen Bereich begrenzen. In der aktuellen Literatur wird diese Entwicklung zunehmend als „permanente Krise“ oder „Perma-Krise der Gesundheitsversorgung“ bezeichnet.
Urologische Versorgung im Besonderen
Für die urologische Versorgung bedeutet diese Situation eine nachhaltige Einschränkung der elektiven Behandlungskapazitäten. Trotz formal wieder verfügbarer Operationssäle limitiert die reduzierte personelle Ausstattung vieler Kliniken die tatsächliche Durchführbarkeit elektiver Eingriffe. Infolgedessen verlängern sich Wartezeiten insbesondere für planbare Operationen, während Notfall- und Akutindikationen weiterhin priorisiert werden müssen.
Bei einem Krankheitsbild wie der Urolithiasis, das zwar häufig elektiv behandelt wird, jedoch jederzeit in ein akutes und potenziell komplikationsträchtiges Geschehen übergehen kann, hat diese Entwicklung erhebliche klinische und versorgungsrelevante Konsequenzen. Verzögerungen der definitiven Therapie führen nicht nur zu einer prolongierten Symptomlast, sondern erhöhen auch das Risiko für infektiöse und schmerzhafte Komplikationen und verschieben die Morbidität zunehmend in die präoperative Phase.
Verlängerung der Zeit bis Ureterorenoskopie hat Konsequenzen
In einer retrospektiven Vergleichsanalyse unserer Arbeitsgruppe zeigte sich, dass die Verlängerung der Wartezeit für eine definitive Ureterorenoskopie von durchschnittlich 20 auf 94 Tage mit einer signifikanten Zunahme präoperativer Komplikationen assoziiert war (Abb.1 u. Tab.1). Insbesondere traten während der Wartezeit deutlich häufiger Nierenkoliken, Harnwegsinfektionen und febrile Infektionen auf, was in einem signifikanten Anstieg der Zahl ungeplanter stationärer Wiederaufnahmen resultierte. Diese zusätzlichen Hospitalisierungen waren in der Mehrzahl der Fälle mit der Notwendigkeit einer (Re-)Platzierung einer Ureterschiene verbunden und spiegeln eine relevante Verschiebung der Krankheitslast in die präoperative Phase wider. Bemerkenswert ist dabei, dass trotz der deutlich verlängerten Wartezeiten keine Zunahme intra- oder postoperativer Komplikationen beobachtet wurde, was darauf hindeutet, dass sich die Morbidität nicht im Rahmen des Eingriffs selbst, sondern primär im zeitlichen Vorfeld der definitiven Therapie manifestiert.
Abb.1 u. Tab.1: Auswirkungen des Personalmangels auf die Behandlung der Urolithiasis – Daten aus einer vergleichenden Studie der prä- und postpandemischen Ära (modifiziert nach Yurdakul O et al.: Urol Int 2025; 109: 445-52)
Diese Befunde verdeutlichen, dass Verzögerungen der Steintherapie nicht nur zu einer prolongierten Symptomlast führen, sondern einen eigenständigen Risikofaktor für präoperative Morbidität darstellen und damit einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität der Versorgung von Patienten mit Urolithiasis haben. Verlängerte Wartezeiten bei Patienten mit Urolithiasis sind mit einer relevanten Beeinträchtigung der Lebensqualität assoziiert.
Aktuelle Versorgungsforschung betont zunehmend die Bedeutung von „patient-reported outcome measures“ (PROMs) wie Schmerzintensität, funktionellen Einschränkungen und gesundheitsbezogener Lebensqualität als integrale Bestandteile der Qualitätsbewertung. Für die betroffenen Patientinnen und Patienten bedeutet eine verlängerte präoperative Phase häufig eine anhaltende oder wiederkehrende Symptomlast, die den Alltag erheblich beeinträchtigt. Persistierende oder rezidivierende Nierenkoliken, anhaltende Flankenschmerzen sowie stentassoziierte Symptome wie Dysurie, Pollakisurie oder eine eingeschränkte körperliche Belastbarkeit führen nicht nur zu einer messbaren Reduktion der Lebensqualität, sondern auch zu Einschränkungen in Mobilität, Schlaf, sozialer Teilhabe und beruflicher Leistungsfähigkeit. Diese Belastungen werden von den Patienten häufig als besonders einschneidend wahrgenommen, da sie mit Unsicherheit über den weiteren Behandlungsverlauf und einer eingeschränkten Planbarkeit des Alltags einhergehen.
Darüber hinaus haben diese präoperativen Beschwerden substanzielle funktionelle und ökonomische Konsequenzen. Wiederholte Kolikepisoden, infektiöse Komplikationen oder ungeplante stationäre Wiederaufnahmen sind nicht nur medizinische Ereignisse, sondern auch wiederkehrende Unterbrechungen des Berufs- und Privatlebens des Patienten. Nierenkoliken zählen zu den häufigsten urologischen Ursachen akuter Arbeitsunfähigkeit, wobei sowohl die Häufigkeit als auch die Dauer von Krankenständen bei verzögerter definitiver Therapie zunehmen. Dies führt zu Einkommenseinbußen, beruflicher Unsicherheit und einer erhöhten Abhängigkeit von medizinischen Versorgungsstrukturen. Aus gesundheitsökonomischer Perspektive resultieren daraus neben direkten Kosten durch zusätzliche Diagnostik, Medikation und Hospitalisierungen auch relevante indirekte Kosten durch Krankmeldungen, Produktivitätsverluste und eine Einschränkung der funktionellen Leistungsfähigkeit der Betroffenen.
Versorgung in der präoperativen Phase
Vor diesem Hintergrund gewinnt die präoperative Phase als eigenständiger Versorgungsabschnitt an Bedeutung. Während klassische Qualitätsparameter der Steintherapie primär intra- und postoperative Ergebnisse wie Steinfreiheitsraten oder Komplikationen abbilden, bleibt die Krankheitslast während der Wartezeit häufig unzureichend berücksichtigt. Wie die oben angeführten Daten nahelegen, stellen verlängerte Wartezeiten einen eigenständigen Risikofaktor für patientenrelevante und ökonomische Nachteile dar. Eine zeitnahe definitive Therapie ist daher nicht nur aus klinischer Sicht, sondern auch im Sinne einer effizienten Ressourcenallokation und einer patientenzentrierten Versorgung von zentraler Bedeutung. Die ESWL nimmt im Kontext verlängerter Wartezeiten und eingeschränkter Ressourcen eine besondere Rolle ein. Als etabliertes minimalinvasives Verfahren stellt die ESWL insbesondere bei kleineren, nicht komplexen Konkrementen des oberen Harntrakts oft eine gute Therapieoption dar. Ein wesentlicher Vorteil der ESWL liegt in ihrer vergleichsweise geringen Invasivität sowie der Möglichkeit einer ambulanten Durchführung, wodurch der Bedarf an OP-Kapazitäten, Anästhesieressourcen und stationären Betten reduziert werden kann. Daher kann die ESWL als potenziell ressourcenschonende Behandlungsstrategie betrachtet werden. Gleichzeitig ist die ESWL jedoch häufig mit einer geringeren Steinfreiheitsrate nach einmaliger Behandlung und einer höheren Rate an Folgeinterventionen assoziiert, insbesondere bei ungünstigen Steincharakteristika. Mehrfache Behandlungssitzungen, persistierende Restkonkremente und prolongierte Symptomverläufe können vorkommen. Für die Patienten bedeutet dies nicht selten eine Fortsetzung kolikartiger Schmerzen, wiederholte ambulante Kontakte sowie eine verzögerte Wiederherstellung der vollständigen Leistungsfähigkeit. Im Hinblick auf patientenberichtete Endpunkte zeigt sich, dass der Therapieerfolg der ESWL aus Patientensicht stark vom raschen Erreichen der Steinfreiheit abhängt. Vor diesem Hintergrund sollte der Einsatz der ESWL im Kontext verlängerter Wartezeiten differenziert betrachtet werden. Während sie bei geeigneter Indikation eine zeitnahe ambulante Behandlung ermöglichen kann und damit präoperative Morbidität potenziell reduziert, besteht bei suboptimaler Patientenselektion die Gefahr einer prolongierten Krankheitsphase mit wiederholten Interventionen.
Fazit
In der Gesamtschau unterstreichen diese Überlegungen, dass sowohl URS und PCNL als auch ESWL im aktuellen Versorgungsumfeld nicht isoliert, sondern im Kontext verfügbarer Ressourcen, erwarteter Wartezeiten und patientenrelevanter Outcomes bewertet werden müssen. Eine individualisierte Therapieentscheidung, die zeitliche Faktoren explizit einbezieht, erscheint dabei zentral, um präoperative Morbidität zu minimieren und eine qualitativ hochwertige Versorgung von Patienten mit Urolithiasis auch unter strukturellen Einschränkungen sicherzustellen. Da die personelle Ressourcenknappheit und verlängerte Wartezeiten voraussichtlich zum neuen Normalzustand werden, müssen Behandlungsstrategien der Urolithiasis an diese veränderte Versorgungsrealität angepasst werden.
Literatur:
● Burau V et al.: Post-COVID health policy responses to healthcare workforce capacities: a comparative analysis of health system resilience in six European countries. Health Policy 2024; 139: 104962 ● Doleman G et al.: The impact of pandemics on healthcare providers’ workloads: a scoping review. J Adv Nurs 2023; 79(12): 4434-54 ● Poindexter K: The great resignation in health care and academia: rebuilding the postpandemic workforce. Nurs Educ Perspect 2022; 43(4): 207-8 ● Tefik T et al.: Urolithiasis practice patterns following the COVID-19 pandemic: overview from the EULIS collaborative research working group. Eur Urol 2020; 78(1): e21-e4 ● Uimonen M et al.: Healthcare lockdown resulted in a treatment backlog in elective urological surgery during COVID-19. BJU Int 2021; 128(1): 33-5 ● van Ginneken E et al.: Addressing backlogs and managing waiting lists during and beyond the COVID-19 pandemic. European Observatory on Health Systems and Policies. 2022; Policy Brief No. 47 ● Yurdakul O et al.: Impact of personnel scarcity on urolithiasis treatment: a comparative study of the pre- and post-pandemic eras. Urol Int 2025; 109: 445-52
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