Prof. Mani Menon – Roboterchirurgie: vom Zweifel zum Durchbruch
Unser Gesprächspartner:
Prof. Dr. Mani Menon
Leiter des Vattikuti Urology Institute
Henry Ford Hospital, Detroit, USA
Das Interview führte Univ.-Prof. Dr. Dr. (h.c. mult.) Shahrokh F. Shariat
Abteilung für Urologie,
Comprehensive Cancer Center Vienna
Medizinische Universität Wien
Prof. Mani Menon spricht im ÖGU-Podcast mit Univ.-Prof. Shahrokh F. Shariat über die Anfänge der robotischen Chirurgie, prägende Rückschläge, Mentoren, Mut und Menschlichkeit in der Medizin.
Herr Prof. Menon, Sie wurden in Indien geboren und gingen später in die USA. Wie haben Sie die USA wahrgenommen, wie haben dortige Erfahrungen Ihre Werte und Ambitionen geprägt?
M. Menon: Was mich an den USA bis heute beeindruckt, ist die Volatilität des Systems. Dort habe ich meine tiefsten Tiefpunkte und größten Erfolge erlebt. Als ich nach Philadelphia an das Episcopal Hospital kam, erhielt ich nur eine befristete chirurgische Stelle ohne echte Perspektive. Ich war internationaler Absolvent, ohne Empfehlungsschreiben. Meine Chancen waren gering. Nach sechs Monaten verließ ich das Krankenhaus ohne Referenzen. Doch durch eine Verkettung ungewöhnlicher Umstände bekam ich eine neue Möglichkeit in Bryn Mawr. Von dort führte mich mein Weg schließlich zu Pat Walsh an die Johns Hopkins University. Innerhalb weniger Monate wandelte sich meine Situation vom vermeintlich „inkompetenten“ Assistenzarzt zu jemandem, der an einer der renommiertesten Institutionen aufgenommen wurde. Dieses Auf und Ab hat mich geprägt.
Wann wussten Sie, dass die Medizin und später die Urologie Ihr Weg ist?
M. Menon: Meine Mutter war die prägendste Kraft in meinem Leben. Sie wurde während der Wirren der indisch-pakistanischen Teilung Witwe und zog mich allein groß. Ich wollte eigentlich Ingenieur werden, aber sie wünschte sich, dass ich Arzt werde. Also wurde ich Arzt. An die Johns Hopkins University ging ich auch deshalb, weil meine Frau darauf bestand, dass ich die Chance wahrnehme, bei Pat Walsh die Ausbildung zum Urologen zu machen.
Sie gelten als Pionier der robotischen Chirurgie. Wie kam es dazu?
M. Menon: Ursprünglich wollte ich die laparoskopische radikale Prostatektomie etablieren. Viele Kollegen rieten mir dringend davon ab, darunter Louis R. Kavoussi, Alan W. Partin und Ralph V. Clayman. Gerade das motivierte mich. Ich arbeitete mit französischen Experten zusammen, aber ich merkte, dass mir die Laparoskopie technisch schwerfiel. Meine Frau sagte irgendwann: „Du musst einen anderen Weg finden.“ Während eines Aufenthalts in Paris sah ich erstmals ein chirurgisches Robotersystem. Die Bewegungen waren intuitiv. Der Übergang von der offenen Chirurgie zur Robotik fiel mir leichter als der zur Laparoskopie. So begann alles – mit Zweifel, Neugier und der Bereitschaft, Neues zu wagen.
Wer waren Ihre wichtigsten Mentoren?
M. Menon: Louis Plzak, der mich förderte, und vor allem Pat Walsh. Er ging ein enormes Risiko ein, indem er mich als ersten ausländischen chirurgischen Assistenten an die Johns Hopkins holte. Auch Bill Catalona spielte eine wichtige Rolle. Er war mein „Chief Resident“ und beschloss, dass ich nicht scheitern dürfe. Jeden Abend fragte er mich nach aktuellen Publikationen. Ich wusste, dass er mich prüfen würde, also las ich intensiv. Diese Disziplin hat mich geprägt.
Sie sind selbst ein bedeutender Mentor. Was ist Ihr Leitprinzip?
M. Menon: Ich betone die „soft skills“. Für Urologen hat das amerikanische Wort „DICK“ natürlich eine besondere, mehrdeutige Bedeutung. Für mich steht es nicht für Arroganz, sondern als Akronym für „Decency“, „Integrity“, „Courage“ und „Kindness“, also Anstand, Integrität, Mut und Freundlichkeit. Nicht Fallzahlen oder Publikationen definieren uns, sondern wie wir Menschen behandeln.
Was war Ihre wichtigste fachliche Leistung?
M. Menon: Die Einführung der robotischen Chirurgie in die Urologie war sicher bedeutsam. Wir reduzierten den Blutverlust bei der Prostatektomie dramatisch – von durchschnittlich 1200ml in der offenen Chirurgie auf unter 100ml. Das verbesserte Sicherheit und Präzision erheblich. Später wurden weltweit Millionen robotischer Eingriffe durchgeführt. Doch persönlich war mir auch mein soziales Engagement wichtig, etwa Programme für Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Detroit. Medizin ist für mich immer auch Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft.
Was war die größte Herausforderung Ihrer Karriere?
M. Menon: Der Widerstand der etablierten Urologie gegen die Robotik. Viele ehemalige Freunde distanzierten sich. Man unterstellte mir Marketinginteressen. Das war schmerzhaft. Gleichzeitig wurde meine Frau mit einem metastasierten Lymphom diagnostiziert – genau zu dem Zeitpunkt, als ich mich um die Nachfolge von Pat Walsh bewarb. Ich sagte das Bewerbungsgespräch zunächst ab, ging dann doch – und wurde letztlich nicht ausgewählt. Damals fühlte es sich wie eine Niederlage an. Heute sehe ich es als Fügung. Meine Frau erhielt später eine neuartige zielgerichtete Therapie, die ihr das Leben rettete. Seit über 20 Jahren ist sie gesund.
Welche Innovation hatte den größten Einfluss und welche sind unterschätzt?
M. Menon: Robotik hat die Chirurgie nachhaltig verändert. Das Prinzip „Weniger ist mehr“ gilt heute stärker denn je. Aber noch bedeutender erscheinen mir zielgerichtete Therapien und Checkpoint-Inhibitoren. Tumoren verschwinden heute teilweise ohne Operation oder Bestrahlung. Das ist revolutionär.
Und die Zukunft?
M. Menon:Blicke in die Zukunft sind schwierig. Ich glaube, dass künstliche Intelligenz unsere Arbeit unterstützen wird – als Verstärker unserer Fähigkeiten. Sie wird Routineaufgaben übernehmen und uns mehr Zeit für das Wesentliche geben.
Was bedeutet das für die Ausbildung?
M. Menon: Ausbildung ist nicht selbstverständlich. Es gibt großartige Lehrer, aber auch jene, die Assistenten nur als Arbeitskräfte sehen. Ich sorge mich, dass junge Urologen zu wenig offene Chirurgie lernen. Wir halten bewusst OP-Tage für offene Eingriffe vor, um diese Fähigkeiten zu bewahren. Vielleicht brauchen wir auch internationale Rotationen in Regionen ohne Robotik.
Zum Abschluss eine Frage abseits der Urologie: Welches Buch hat Sie beeindruckt? Welches würden Sie empfehlen?
M. Menon: „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee hat mich sehr bewegt. Und ich schätze die Werke von Siddhartha Mukherjee, insbesondere „Der König aller Krankheiten“. Geschichte fasziniert mich ebenfalls.
Ihr Lebensmotto?
M. Menon: „Wenn du immer nur das tust, was du immer getan hast, wirst du auch immer nur das bekommen, was du immer bekommen hast.“
Und wenn Sie kein Urologe geworden wären?
M. Menon: Dann wäre ich Ingenieur – wenn man bedenkt, dass viele meiner Jugendfreunde diesen Weg gegangen sind. Und ich hätte es geliebt, ein Starspieler im Cricket zu werden.
Vielen Dank für das Gespräch.
ÖGU-Podcast mit Prof. Menon und Prof. Shariat www.universimed.com/at/article/140722
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