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ÖGU-Präsident Prim. Univ.-Prof. Dr. Lukas Lusuardi im Interview

„Als ÖGU müssen wir das PSA-Smartscreening etablieren und Junge fördern“

Prim. Univ.-Prof. Dr. Lukas Lusuardi steht seit Kurzem an der Spitze der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie (ÖGU). Im Gespräch zeichnet er seinen ungewöhnlichen Karriereweg nach, spricht über die robotische Chirurgie als Zukunftsmodell, neue Wege in der Ausbildung junger Urolog:innen und darüber, warum die Fachgesellschaft Forschung gezielter unterstützen und ein smartes PSA-Screening konsequent vorantreiben muss.

Herr Prim. Lusuardi, Sie sind neuer Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie (ÖGU). Wie wurden Sie Urologe? Was waren Ihre wichtigsten Stationen und wer hat Sie besonders geprägt?

L. Lusuardi: Mein Werdegang war für einen Südtiroler tatsächlich eher untypisch. Viele zieht es zum Medizinstudium nach Österreich, vor allem nach Innsbruck. Ich hingegen bin nach Verona gegangen, trotz eines sehr strengen Numerus clausus mit lediglich 150 Studienplätzen bei 2000 bis 3000 Bewerberinnen und Bewerbern. Dass ich dort aufgenommen wurde, war eine große Chance.

In Verona habe ich sechs Jahre Medizin studiert und auch meine Dissertation verfasst. Bereits im sechsten Studienjahr war für mich klar, dass ich ein chirurgisches Fach ergreifen wollte. Mich hat die operative Medizin immer fasziniert – das unmittelbare Arbeiten mit den Händen, die Kombination aus Präzision, Entscheidungsstärke und Verantwortung. Im Rahmen eines Praktikums bin ich schließlich intensiver mit der Urologie in Berührung gekommen. Dabei habe ich gemerkt, wie vielseitig dieses Fach ist: onkologische Eingriffe, rekonstruktive Verfahren, funktionelle Fragestellungen – und das bei Patient:innen aller Altersgruppen.

Schon früh durfte ich gemeinsam mit einem Biologen ein wissenschaftliches Projekt zum Blasenkarzinom betreuen. Dieser erste Zugang zur Forschung hat mich nachhaltig geprägt. Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, klinische Tätigkeit und wissenschaftliches Arbeiten miteinander zu verbinden.

Meine Facharztausbildung begann ich bei Professor Gaetano Mobilio in Verona, einem der renommiertesten Urologen Italiens. Er war nicht nur fachlich eine große Autorität, sondern auch menschlich eine beeindruckende Persönlichkeit. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir seine Ruhe in komplexen oder stressreichen Situationen. Er hat nie hektisch reagiert, sondern stets überlegt und strukturiert entschieden. Diese Haltung hat mich sehr geprägt, gerade in einem chirurgischen Fach ist innere Ruhe ein wichtiger Faktor. Vier meiner fünf Ausbildungsjahre habe ich in Verona verbracht.

Im letzten Ausbildungsjahr ergab sich für mich die Möglichkeit, nach Südtirol zurückzukehren. In Bozen wurde eine Stelle frei, die mir viel operative Tätigkeit ermöglichte. Das war für meine chirurgische Entwicklung enorm wichtig. Gleichzeitig zeigte sich, dass in Südtirol die Kinderurologie als Spezialisierung kaum etabliert war. Es bestand der Wunsch, diesen Bereich aufzubauen. Daraus entstand für mich die Chance, zu Professor Marcus Riccabona nach Linz zu wechseln. Dort habe ich drei Jahre intensiv im Bereich der Kinderurologie gearbeitet und mein Spektrum deutlich erweitert.

Anschließend hat mich mein Weg für ein Jahr an das AKH Wien geführt, wo ich neben der Kinderurologie auch die rekonstruktive Chirurgie vertiefen konnte. Diese Phase war fachlich sehr wertvoll, dennoch stellte ich mir erneut die Frage: Wo kann ich mich weiterentwickeln? Wo kann ich meine Fähigkeiten noch gezielter ausbauen?

Mich hat immer der Gedanke begleitet, dass man sich in einer chirurgischen Laufbahn kontinuierlich weiterentwickeln muss. Wenn man merkt, dass die Lernkurve abflacht, sollte man bereit sein, neue Wege zu gehen. Diese Haltung hat mich schließlich nach Salzburg geführt, zu Professor Günter Janetschek. Dort konnte ich meine laparoskopischen Fähigkeiten erheblich vertiefen. Gleichzeitig wurde wissenschaftliches Arbeiten aktiv gefördert. Professor Janetschek legte großen Wert darauf, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter akademisch tätig sein kann. In dieser Zeit habe ich mich habilitiert.

Rückblickend waren Prof. Gaetano Mobilio, Prof. Marcus Riccabona und Prof. Günter Janetschek meine wichtigsten Mentoren. Sie haben mich chirurgisch, wissenschaftlich und auch strategisch geprägt. Von ihnen habe ich nicht nur operative Techniken gelernt, sondern auch Führungsqualitäten, Verantwortungsbewusstsein und darüber hinaus auch den Blick über den Tellerrand zu behalten.

Später ergab sich die Möglichkeit, die Urologie in Brixen als Primar zu übernehmen. Die Lebensqualität dort war außergewöhnlich hoch, und ich habe diese Zeit sehr geschätzt. Dennoch habe ich das akademische Umfeld vermisst. Das Krankenhaus in Brixen war für intensivere wissenschaftliche Tätigkeit zu klein strukturiert. Als die Position des Vorstandes der Universitätsklinik für Urologie in Salzburg neu ausgeschrieben wurde, habe ich mich beworben und bin seit 2017 wieder hier tätig.

Welche Schwerpunkte haben Sie seit Ihrer Rückkehr nach Salzburg gesetzt?

L. Lusuardi: Ein ganz wesentlicher Schwerpunkt ist die robotische Chirurgie. Die Urologie ist seit Jahren eine der treibenden Disziplinen im Bereich minimalinvasiver Techniken. In Salzburg waren die radikalen Zystektomien historisch bereits zentralisiert, sodass eine hohe Fallzahl vorhanden war. Mit meinem Wechsel wurde auch die robotische Plattform eingeführt.

Die klassische Laparoskopie ist technisch anspruchsvoll und hat eine steile Lernkurve. Der Operationsroboter erleichtert viele Schritte, verbessert die Präzision und vor allem die Ergonomie. Gleichzeitig lässt sich das Vorgehen strukturierter vermitteln. Junge Kolleg:innen können bestimmte Abläufe schneller erlernen, weil man Bewegungen gut zeigen und erklären kann.

Heute verfügen wir am Uniklinikum in Salzburg über drei Da-Vinci-Systeme, zusätzlich gibt es eine robotische Plattform in der Kinderchirurgie. Perspektivisch sehe ich einen OP-Trakt mit unterschiedlichen robotischen Systemen, die nicht einzelnen Fachdisziplinen fix zugeordnet sind, sondern indikationsbezogen genutzt werden. Letztlich sollte immer das Verfahren und das Robotersystem gewählt werden, welches für die Patientin und den Patienten den größten Nutzen bringt.

Seit der konsequenten Umstellung auf robotisch-minimalinvasive Verfahren im Jahr 2018 konnten wir umfassende Expertise aufbauen. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus Österreich und Deutschland kommen zu Hospitationen nach Salzburg, um sich fortzubilden. Das freut mich, weil es zeigt, dass wir hier einen anerkannten Standard etabliert haben.

Wie gestalten Sie die Ausbildung für Assistenz- und Jungärzt:innen?

L. Lusuardi: Mir ist es ein großes Anliegen, dass junge Kolleginnen und Kollegen früh Verantwortung übernehmen dürfen. Seit 2017 haben wir das Organisationsmodell so angepasst, dass der Oberarzt nicht permanent im Haus anwesend ist, sondern Rufbereitschaft hat. Das erfordert von den Assistenzärzt:innen eigenständige Entscheidungen – natürlich im Rahmen ihrer Kompetenzen.

Dieses System hat Vor- und Nachteile, aber ich bin überzeugt, dass die Vorteile überwiegen. Wer früh lernt, Verantwortung zu tragen, entwickelt Selbstvertrauen und Entscheidungskompetenz.

Zusätzlich haben wir ein digitales Dokumentationssystem eingeführt, mit dem wir die operative Tätigkeit strukturiert erfassen. Einer unserer technisch versierten Mitarbeiter hat mittels KI eine App entwickelt, die relevante Daten aus dem Krankenhausinformationssystem extrahiert. So können wir transparent nachvollziehen, wie viele Eingriffe jemand durchgeführt oder assistiert hat.

Gerade im chirurgischen Fach Urolgie ist es essenziell, ausreichend operative Erfahrung zu sammeln. Wenn junge Kolleg:innen nicht zum Operieren kommen, entsteht Frustration. Mit unserem System können wir gezielt gegensteuern und Ausbildungsdefizite frühzeitig erkennen. Das ist ein großer Fortschritt.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kolleg:innen?

L. Lusuardi: In den letzten zehn Jahren hat ein deutlicher Generationenwechsel stattgefunden. Viele neue Niedergelassene sind ehemalige Mitarbeiter unserer Klinik. Das schafft Vertrauen und kurze Kommunikationswege. Ich erlebe die Kooperation als sehr konstruktiv. Die Arbeit ist gut verteilt, und wir profitieren gegenseitig voneinander. Eine funktionierende Schnittstelle zwischen Klinik und niedergelassenem Bereich ist für die Patient:innenversorgung essenziell.

Welche Schwerpunkte setzen Sie als Präsident der ÖGU?

L. Lusuardi: In der ÖGU werden Entscheidungen im Vorstand gemeinsam getroffen. Eines unserer zentralen Projekte ist das sogenannte smarte PSA-Screening, das von Prof. Sharokh Shariat maßgeblich initiiert wurde. Ziel ist eine risikoadaptierte, qualitätsgesicherte Früherkennung des Prostatakarzinoms.

Politisch ist das Thema anspruchsvoll, insbesondere angesichts aktueller Kostendiskussionen im Gesundheitswesen. Oft werden nur die unmittelbaren Ausgaben betrachtet. Die langfristigen Kosten fortgeschrittener Erkrankungen werden dabei unterschätzt. Moderne Therapien bei metastasiertem Prostatakarzinom verursachen Kosten im sechsstelligen Bereich pro Patient. Eine intelligente, strukturierte Früherkennung ist daher nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch volkswirtschaftlich relevant. Bekanntermaßen schwieriger macht es die Aufsplitterung des österreichischen Gesundheitssystems auf viele verschiedene Entscheider und Ansprechpartner. Wir bleiben aber dran.

Darüber hinaus wollen wir die wissenschaftliche Förderung intensivieren. Es gibt bereits Preise für herausragende Publikationen. Was jedoch fehlt, ist eine strukturierte Unterstützung für junge Kolleg:innen, die für mehrere Monate ins Ausland gehen möchten, um sich wissenschaftlich weiterzuentwickeln.

Ein sechs- oder zwölfmonatiger Forschungsaufenthalt kann ein enormer Karrierebooster sein. Natürlich kann eine Fachgesellschaft kein vollständiges Gehalt finanzieren, aber eine gezielte Unterstützung wäre ein wichtiges Signal. Wenn wir pro Jahr ein bis zwei junge Urolog:innen fördern könnten, wäre das ein bedeutender Schritt.

Abschließend eine persönliche Frage: Wie finden Sie Ausgleich?

L. Lusuardi: Ich bin leidenschaftlicher Tennisspieler. Anders als viele Kolleg:innen, die gerne einfach laufen, brauche ich einen Ball in meiner Nähe. Beim Tennis vergesse ich die Anstrengung – und kann wunderbar abschalten.

Als Südtiroler fühle ich mich natürlich auch den Bergen sehr verbunden. Skifahren, Skitouren und Wandern mit meiner Familie geben mir Kraft und neue Perspektiven. Oft entstehen gute Ideen nicht am Schreibtisch, sondern in Bewegung.

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