ÖGU zur Früherkennung des Prostatakarzinoms
Univ.-Prof. Dr. Shahrokh F. Shariat, Past Präsident ÖGU
Univ.-Prof. Dr. Lukas Lusuardi, Präsident ÖGU
Univ.-Prof. Dr. Harun Fajkovic, Generalsekretär ÖGU
Prim. DDr. Mehmet Özsoy, Vorstandsmitglied ÖGU und Präsident BVU
Es gibt Momente in der Medizin, in denen wissenschaftlicher Fortschritt und gesellschaftliche Verantwortung zusammenfallen. Die Früherkennung des Prostatakarzinoms in Österreich hat einen solchen Stellenwert.
Unser gemeinsames Ziel ist klar: Prostatakrebs früher zu erkennen, gleichzeitig unnötige Diagnostik und Übertherapie zu vermeiden und eine moderne, patientenzentrierte Präventionsmedizin zu etablieren, die allen Männern gleichermaßen zugutekommt. Damit gestalten wir eine neue Generation der Früherkennung — präziser, strukturierter und verantwortungsvoller als bisher. Das Prostatakarzinom ist heute die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Österreich. Im Jahr 2023 wurden rund 7500 Neuerkrankungen registriert. Prognosen von Statistik Austria gehen bis 2035 von einem Anstieg der Inzidenz um 36%, der Mortalität um 31% und der Prävalenz um über 50% aus. Da keine wirksame Primärprävention existiert, bleibt eine qualitätsgesicherte Früherkennung unser entscheidender Hebel zur nachhaltigen Verlängerung des Überlebens und Verbesserung der Lebensqualität. Und dennoch erfolgt die Früherkennung weiterhin überwiegend opportunistisch — uneinheitlich, unkoordiniert und ohne systematische Qualitätskontrolle. Dieses historisch gewachsene Vorgehen führt zu einem bekannten Paradox: zu viel Diagnostik dort, wo sie wenig Nutzen bringt, zu späten Diagnosen dort, wo frühes Handeln Leben retten könnte, und zu gesundheitlicher Ungleichheit im Zugang zur Versorgung.
Die wissenschaftliche Evidenz hat sich in den letzten Jahren grundlegend weiterentwickelt. Langzeitdaten großer randomisierter Studien zeigen eine signifikante Senkung der prostatakarzinomspezifischen Mortalität sowie eine deutliche Reduktion metastasierter Erstdiagnosen durch organisierte Screeningprogramme. Moderne Strategien ermöglichen erstmals eine Früherkennung, die nicht mehr auf die Maximierung von Diagnosen abzielt, sondern auf deren Qualität: PSA als Instrument der Risikostratifizierung, MRT als diagnostischer Gatekeeper und strukturierte Behandlungspfade mit aktiver Überwachung dort, wo Zurückhaltung medizinisch sinnvoll ist.
Früher erkennen — gezielter handeln — besser schützen: Dieses Prinzip beschreibt den Paradigmenwechsel, vor dem wir stehen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Früherkennung stattfinden soll — sie findet längst statt. Die Frage ist, ob wir sie weiterhin dem Zufall überlassen oder gemeinsam verantwortungsvoll gestalten. Die österreichische Urologie hat deshalb beschlossen, die Entwicklung eines nationalen, organisierten und risikoadaptierten Prostatakarzinom-Früherkennungsprogramms zur zentralen Priorität zu machen. Dieses Vorhaben ist kein Einzelprojekt eines Einzelnen, sondern ein gemeinsames Zukunftsprojekt — getragen von medizinischen Fachgesellschaften, Systempartnern, Gesundheitspolitik und Patientenvertretungen. Unser Ziel ist es, durch evidenzbasierte, risikoadaptierte Früherkennung Prostatakrebs früher zu erkennen, Überdiagnostik zu vermeiden und allen Männern in Österreich einen gerechten Zugang zu qualitativ hochwertiger Präventionsmedizin zu ermöglichen. Europa bewegt sich im Rahmen des Europe’s Beating Cancer Plan bereits in diese Richtung. Österreich hat jetzt die Chance, ein evidenzbasiertes Modell zu entwickeln, das medizinische Qualität, Fairness im Zugang und nachhaltige Gesundheitsversorgung verbindet. Es geht dabei um mehr als nur ein Screeningprogramm.
Es geht um einen Paradigmenwechsel — von reaktiver zu vorausschauender Medizin, von fragmentierten Entscheidungen zu strukturierter Qualität und von Zufall zu Verantwortung. Die österreichische Urologie hat ihre größte Stärke immer dann gezeigt, wenn sie geschlossen vorgegangen ist. Genau diese Geschlossenheit wird jetzt gebraucht. Wir laden Sie daher herzlich ein, diesen Weg aktiv mitzugestalten — mit Ihrer klinischen Erfahrung, Ihrer Expertise und Ihrer Unterstützung. Die Zukunft der Früherkennung wird nicht von einzelnen Institutionen entschieden, sondern von einer Fachgemeinschaft, die bereit ist, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Am Ende geht es nicht nur um ein Screeningprogramm. Es geht um unsere gemeinsame Verantwortung als Ärztinnen und Ärzte, wissenschaftlichen Fortschritt in echten Nutzen für Menschen zu übersetzen. Wir verfügen heute über das Wissen, die Daten und die Möglichkeit, Krankheiten früher zu erkennen, statt ihre Folgen später behandeln zu müssen. Wenn wir diesen Weg schließen, können wir ein System schaffen, das gerechter, präziser und nachhaltiger ist als das heutige. Diese Chance kommt selten — und sie liegt jetzt in unseren Händen. Noch nie zuvor standen wissenschaftliche Evidenz, diagnostische Möglichkeiten und gesundheitspolitische Verantwortung so klar im Einklang wie heute — und eröffnen Österreich die Chance, die Früherkennung des Prostatakarzinoms grundlegend neu zu gestalten. Lassen Sie uns gemeinsam den nächsten Schritt setzen und die Zukunft der Präventionsmedizin in Österreich aktiv gestalten.
Beteiligte Stakeholder
Medizinische Fachgesellschaften: Österreichische Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin und Klinische Chemie, Bundesfachgruppe Radiologie, Österreichische Röntgengesellschaft, Österreichische Gesellschaft für Public Health, Österreichische Gesellschaft für Radioonkologie, Österreichische Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, Österreichische Gesellschaft für Innere Medizin, Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Österreichische Gesellschaft für Nuklearmedizin und Theranostik, Österreichische Gesellschaft für Klinische Pathologie und Molekularpathologie, Österreichische Gesellschaft für Humangenetik, Österreichische Gesellschaft für Urologie und Andrologie, Berufsverband der Österreichischen Urologinnen und Urologen
Versicherungen und Systempartner: Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK), Sozialversicherung der Selbständigen (SVS), Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau (BVAEB), Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), Österreichische Ärztekammer (ÖÄK), Bioethik: Univ.-Prof. Dr. Dr. Christiane Druml
Patientenvertretungen: Österreichische Krebshilfe, Allianz Onkologischer Patientenorganisationen, Selbsthilfe Prostatakrebs
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