Netzwerk-Metaanalyse zur Integration der ARANOTE-Daten
Autor:innen:
Dr. Magdalena Kött-Jakob1
Dr. Felix Melchior1
Felix Keller, BSc2
Univ.-Prof. Dr. Isabel Heidegger-Pircher, PhD, FEBU1
1 Universitätsklinik für Urologie
Medizinische Universität Innsbruck
2 Universitätsklinik für Innere Medizin IV
Nephrologie und Hypertensiologie
Medizinische Universität Innsbruck
Korrespondierende Autorin:
Dr. Magdalena Kött-Jakob
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Die Therapie des metastasierten hormonsensitiven Prostatakarzinoms befindet sich in einem dynamischen Wandel. Mit der Integration der ARANOTE-Daten in eine aktuelle Netzwerk-Metaanalyse wird der Stellenwert von Darolutamid in Kombination mit ADT im Kontext etablierter Kombinationstherapien neu bewertet – mit Fokus auf Wirksamkeit, Verträglichkeit und patientenorientierte Therapieentscheidungen.
Keypoints
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Triplet-Therapien liefern die besten Überlebensdaten bei „highvolume“-Patienten.
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Die Zweifachkombination Darolutamid + ADT bietet im „lowvolume“-Setting eine vergleichbare Wirksamkeit bezüglich Krankheitsprogression bei günstigem Toxizitätsprofil.
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Die Therapieentscheidung sollte stets individualisiert und unter Berücksichtigung von Komorbiditäten, Gesundheitszustand, Patientenpräferenzen, Vortherapien und Arzneimittelinteraktionen erfolgen.
Hintergrund
Rund 20% aller Patienten mit Prostatakarzinom weisen bereits bei der Erstdiagnose eine metastasierte Erkrankung auf; weitere entwickeln im Verlauf nach primärer Lokaltherapie Metastasen.1 Die Therapielandschaft des metastasierten hormonsensitiven Prostatakarzinoms (mHSPC) befindet sich in einem kontinuierlichen Wandel. Während frühe Therapiestandards maßgeblich durch die Studien CHAARTED und STAMPEDE geprägt wurden, welche die Kombination aus Androgendeprivationstherapie (ADT) und Chemotherapie mit Docetaxel untersuchten,2,3 hat sich das therapeutische Spektrum in den letzten Jahren substanziell erweitert. Wegweisende Studien zu Kombinationen aus ADT und Androgenrezeptor-Signalweg-Inhibitoren (ARPI), darunter LATITUDE,4 ARCHES,5 ENZAMET,6 TITAN7 sowie die beiden Triplet-Studien ARASENS8 und PEACE-19 als Erweiterung von CHAARTED und STAMPEDE, haben maßgeblich zu einer differenzierten und stärker individualisierten Therapie beim mHSPC beigetragen.
Mit der jüngsten EMA-Zulassung von Darolutamid in Kombination mit ADT im Rahmen der ARANOTE-Studie10 im Juli 2025 steht nun eine weitere Zweifachkombination als Therapieoption zur Verfügung. Direkte Vergleiche zwischen den einzelnen Therapien liegen bislang nicht vor und sind kurzfristig auch nicht zu erwarten. Vor diesem Hintergrund haben wir eine Netzwerk-Metaanalyse durchgeführt, mit dem Ziel, die Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten der ARANOTE-Studie im Rahmen einer systematischen Netzwerk-Metaanalyse aktueller Phase-III-Studien einzuordnen. Die entsprechende Analyse wurde Dezember 2025 in European Urology Open Science publiziert.11
Methodik
Die Netzwerk-Metaanalyse basiert auf einer systematischen Literaturrecherche gemäß den PRISMA-Kriterien.12 Eingeschlossen wurden randomisierte Phase-III-Studien zu Kombinationstherapien mit ADT beim mHSPC. Die Charakteristika der eingeschlossenen Kollektive zeigen erhebliche Variabilität, unter anderem hinsichtlich des Anteils an de novo metastasierten Patienten (zwischen 58% und 100%), der Nachbeobachtungsdauer (25 bis 84 Monate) sowie der geografischen Rekrutierung der Patienten. Zur Bewertung der Wirksamkeit wurden Hazard-Ratios (HR) mit zugehörigen Konfidenzintervallen (CI) für das progressionsfreie sowie das Gesamtüberleben analysiert. Zusätzlich lag ein Schwerpunkt auf der vergleichenden Bewertung der Verträglichkeit bzw. der Toxizität. Hierzu wurden insbesondere häufig berichtete Nebenwirkungen wie Fatigue, Hypertonie und Knochenfrakturen berücksichtigt. Die Sicherheit der einzelnen Kombinationstherapien wurde anhand von Odds-Ratios (OR) für therapieassoziierte Nebenwirkungen auf Basis der berichteten Ereignisse bewertet.
Progressionsfreies Überleben (PFS)
In der Gesamtpopulation zeigten alle untersuchten Kombinationstherapien ein deutlich verlängertes PFS im Vergleich zur ADT-Monotherapie (Abb. 1). Besonders ausgeprägt war der Effekt bei den Triplet-Therapien (Darolutamid + Docetaxel + ADT und Abirateron + Docetaxel + ADT), die einen klaren Vorteil gegenüber Doublet-Kombinationen aufwiesen. Die Kombination mit Abirateron setzt sich auch bei Patienten mit „high volume“-Erkrankungen durch. Bei Patienten mit „low volume“-Erkrankungen erwiesen sich hingegen Doublet-Kombinationen als besonders wirksam. Innerhalb dieser Gruppe zeigte sich vor allem ein konsistenter PFS-Benefit für Enzalutamid, gefolgt von Darolutamid und Apalutamid, jeweils in Kombination mit ADT.
Abb. 1: Hazard-Ratios (HR) für das progressionsfreie Überleben (PFS) aus einer Netzwerk-Metaanalyse mit Zufallseffekten im Vergleich zu ADT.
1a:„Random effects model“ für das PFS in der Gesamtpopulation
1b:„Random effects model“ für das PFS bei Patienten mit hohem Tumorvolumen (nach CHAARTED)
1c:„Random effects model“ für das PFS bei Patienten mit niedrigem Tumorvolumen (nach CHAARTED)
Für die Kombination aus Darolutamid + Docetaxel + ADT lagen keine Daten zur Subgruppenanalyse des PFS vor. Quelle: Eigene Darstellung, übernommen aus Melchior, Koett, Keller et al. (2025)11
Gesamtüberleben (OS)
Auch für das OS zeigten die meisten Kombinationstherapien einen signifikanten Vorteil gegenüber der ADT-Monotherapie (Abb.2). Für Darolutamid in Kombination mit ADT konnte jedoch kein statistisch gesicherter OS-Vorteil nachgewiesen werden. Dieser Befund ist vor dem Hintergrund zu interpretieren, dass das Gesamtüberleben kein primärer Endpunkt der ARANOTE-Studie war und die Studie nicht auf eine entsprechende statistische Aussagekraft ausgelegt war.
Abb. 2: Hazard-Ratios (HR) für das gesamte Überleben (OS) aus einer Netzwerk-Metaanalyse mit Zufallseffekten im Vergleich zu ADT.
2a: „Random effects model“für das OS in der Gesamtpopulation
2b: „Random effects model“ für das OS bei Patienten mit hohem Tumorvolumen (nach CHAARTED)
2c: „Random effects model“für das OS bei Patienten mit niedrigem Tumorvolumen (nach CHAARTED)
Für die Kombination aus Darolutamid + Docetaxel + ADT lagen keine Daten zur Subgruppenanalyse des OS vor. Quelle: Eigene Darstellung, übernommen aus Melchior, Koett, Keller et al. (2025)11
Die Triplet-Therapien zeigten erneut die deutlichsten Überlebensvorteile, insbesondere in der Gesamtpopulation und bei Patienten mit „high volume“-Erkrankungen. Im Gegensatz dazu zeigten sich die stärksten Effekte der Doublet-Kombinationen wiederum vor allem bei Patienten mit „low volume“-Erkrankungen, wobei Apalutamid und Enzalutamid in Kombination mit ADT besonders konsistente Ergebnisse lieferten.
Die dargestellten Ergebnisse stehen im Einklang mit aktuellen Netzwerk-Metaanalysen von Hoeh et al. sowie Matsukawa et al., die Anfang 2025 publiziert wurden und vergleichbare Wirksamkeitsmuster für Doublet- und Triplet-Therapien beim mHSPC beschrieben.13,14
Sicherheitsprofil und Verträglichkeit
Im Hinblick auf das Nebenwirkungsprofil zeigte sich Darolutamid + ADT als einziges ARPI-Regime ohne signifikant erhöhte Rate schwerwiegender Nebenwirkungen (≥Grad 3) im Vergleich zu ADT allein (Abb.3). Enzalutamid und Abirateron waren mit einem deutlich erhöhten Risiko für Hypertonie verbunden, Enzalutamid zusätzlich mit einem erhöhten Fatigue-Risiko. Für keine ARPI-Kombination konnten signifikante Unterschiede im Risiko für Knochenfrakturen nachgewiesen werden.
Abb. 3: Odds-Ratios (ORs) für therapiebedingte unerwünschte Ereignisse (TEAEs) ≥ Grad 3 in der Gesamtpopulation aus einer Netzwerk-Metaanalyse als „random effects model“ im Vergleich zu ADT. Quelle: eigene Darstellung, übernommen aus Melchior, Koett, Keller et al. (2025)11
Klinische Implikationen und Therapieauswahl
Die Ergebnisse der Metaanalyse machen deutlich: Es gibt nicht die eine Standardtherapie für alle Patienten. Ganz generell bieten Kombinationstherapien im Vergleich zur ADT-Monotherapie einen signifikanten Vorteil im PFS. Ein Triplet-Regime bietet insbesondere bei Patienten mit synchroner „high volume“-Erkrankung den größten Überlebensvorteil, sofern diese fit genug für eine Chemotherapie mit Docetaxel sind. Im individuell angepassten Fall – etwa bei metachroner „low volume“-Erkrankung, älteren Patienten oder relevanten Komorbiditäten sowie erhöhtem Risiko therapiebedingter Toxizitäten oder Kontraindikationen gegenüber einem intensiveren Regime – kann Darolutamid + ADT aufgrund seines günstigen Verträglichkeitsprofils und der geringen Interaktionsneigung von Darolutamid sinnvoll sein. Ein signifikanter OS-Vorteil von Darolutamid + ADT konnte (aufgrund dessen, wie die ARANOTE Studie ausgelegt ist) nicht nachgewiesen werden, es wird aber eine signifikante Verlängerung des PFS erreicht.
Die Wahl des Therapieregimes sollte unter Berücksichtigung von Tumorlast, Komorbiditäten und Vortherapien erfolgen und bleibt eine gemeinschaftliche, stets individuell abwägende Entscheidung zwischen Ärztin/Arzt und Patient. Aus wissenschaftlicher Sicht bedürfen die vorliegenden Ergebnisse noch der Validierung in prospektiven direkten Vergleichsstudien, die Langzeitergebnisse, Lebensqualitätsmessungen und Kosten-Nutzen-Analysen einschließen, um die klinische Entscheidungsfindung weiter zu optimieren.
Limitationen
Die Ergebnisse dieser Netzwerk-Metaanalyse sind vor dem Hintergrund methodischer Unterschiede zwischen den eingeschlossenen Studien zu interpretieren. Da indirekte Vergleiche zugrunde liegen, haben solche Analysen einen überwiegend beobachtenden Charakter und sind weniger robust als direkte Vergleichsstudien. Unterschiede in den Studienpopulationen und im Studiendesign – etwa hinsichtlich des Anteils de novo metastasierter Erkrankungen, der regionalen Rekrutierung, der Definition des progressionsfreien Überlebens sowie der vorherigen Docetaxel-Therapie in einzelnen Studien – schränken die direkte Vergleichbarkeit ein.
Auch die direkte Vergleichbarkeit der Nebenwirkungsprofile ist limitiert, da Art und Umfang der Sicherheitsberichterstattung zwischen den Studien variieren. Diese Unterschiede erfordern eine zurückhaltende Interpretation der Toxizitätsdaten.
Obwohl für etablierte Therapien mittlerweile Langzeitdaten vorliegen, sind die langfristigen Ergebnisse neuerer Behandlungsansätze noch begrenzt. Insbesondere stehen für die ARANOTE-Studie derzeit keine ausgereiften Daten zum Gesamtüberleben zur Verfügung. Die vorliegenden Ergebnisse sollten daher im Kontext der aktuellen Evidenz bewertet und durch zukünftige Studien weiter ergänzt werden.
Fazit
Die Netzwerk-Metaanalyse zur Integration der ARANOTE-Daten bestätigt Darolutamid + ADT als wirksame und verträgliche Therapieoption im mHSPC-Spektrum. Für die klinische Routine ist entscheidend: Die Therapiewahl sollte unter Berücksichtigung von Tumorlast, Komorbiditäten, Patientenvorlieben und Nebenwirkungsprofilen individualisiert getroffen werden.
Literatur:
1 Sung H et al.: Global cancer statistics 2020: GLOBOCAN estimates of incidence and mortality worldwide for 36 cancers in 185 countries. CA Cancer J Clin 2021; 71(3): 209-49 2 Sweeney CJ et al.: Chemohormonal therapy in metastatic hormone-sensitive prostate cancer. N Engl J Med 2015; 373(8): 737-46 3 James ND et al.: Addition of docetaxel, zoledronic acid, or both to first-line long-term hormone therapy in prostate cancer (STAMPEDE): survival results from an adaptive, multiarm, multistage, platform randomised controlled trial. Lancet 2016; 387(10024): 1163-77 4 Fizazi K et al.: Abiraterone acetate plus prednisone in patients with newly diagnosed high-risk metastatic castration-sensitive prostate cancer (LATITUDE): final overall survival analysis of a randomised, double-blind, phase 3 trial. Lancet Oncol 2019; 20(5): 686-700 5 Armstrong AJ et al.: Improved survival with enzalutamide in patients with metastatic hormone-sensitive prostate cancer. J Clin Oncol 2022; 40(15): 1616-22 6 Davis ID et al.: Enzalutamide with standard first-line therapy in metastatic prostate cancer. N Engl J Med 2019; 381(2): 121-31 7 Chi KN et al.: Apalutamide in patients with metastatic castration-sensitive prostate cancer: final survival analysis of the randomized, double-blind, phase III TITAN study. J Clin Oncol 2021; 39(20): 2294-303 8 Smith MR et al.: Darolutamide and survival in metastatic, hormone-sensitive prostate cancer. N Engl J Med 2022; 386(12): 1132-42 9 Fizazi K et al.: Abiraterone plus prednisone added to androgen deprivation therapy and docetaxel in de novo metastatic castration-sensitive prostate cancer (PEACE-1): a multicentre, open-label, randomised, phase 3 study with a 2×2 factorial design. Lancet 2022; 399(10336): 1695-707 10 Saad F et al.: Darolutamide in combination with androgen-deprivation therapy in patients with metastatic hormone-sensitive prostate cancer from the phase III ARANOTE trial. J Clin Oncol 2024; 42(36): 4271-81 11 Melchior F et al.: Integration of darolutamide in the treatment landscape for metastatic hormone-sensitive prostate cancer: a systematic review and network meta-analysis of efficacy and safety. Eur Urol Open Sci 2026; 83: 72-82 12 Page MJ et al.: The PRISMA 2020 statement: an updated guideline for reporting systematic reviews. BMJ 2021; 372: n71 13 Hoeh B et al.: Triplet or doublet therapy in metastatic hormone-sensitive prostate cancer patients: an updated network meta-analysis including ARANOTE data. Eur Urol Focus 2025; 11(2): 386-90 14 Matsukawa et al.: An updated systematic review and network meta-analysis of first-line triplet vs. doublet therapies for metastatic hormone-sensitive prostate cancer. Cancers (Basel) 2025; 17(2): 205
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