Fachärztliche Ausbildung in Urologie
Autorin:
Dr. Livia Jachs
Abteilung für Urologie und Andrologie
Klinik Donaustadt, Wien
Die ärztliche Versorgung im deutschsprachigen Raum ist zunehmend von internationaler Mobilität geprägt. Die gegenseitige Anerkennung des Facharzttitels im DACH-Raum macht dies möglich.1 Insbesondere in Deutschland und der Schweiz stellt die Zuwanderung von Ärzt:innen einen zentralen Pfeiler zur Aufrechterhaltung der Versorgung dar, während gleichzeitig eine Abwanderung – vor allem in Richtung Schweiz – zu beobachten ist. Diese Dynamik verdeutlicht, dass sich der DACH-Raum längst zu einem gemeinsamen Arbeitsmarkt für medizinisches Personal entwickelt hat.
Keypoints
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Die urologische Weiterbildung im DACH-Raum ist durch unterschiedliche strukturelle Ansätze geprägt, mit spezifischen Vor- und Nachteilen.
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Die Ausbildung in Deutschland ist durch Vielfalt und Flexibilität gekennzeichnet.
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Österreich setzt auf frühzeitige Spezialisierung und die Schweiz auf strenge Qualitätsanforderungen.
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Die Herausforderungen im klinischen Alltag im DACH-Raum sind weitgehend vergleichbar.
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Zukünftige Reformen sollten daher stärker auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die tatsächliche Ausbildungsqualität abzielen als nur auf strukturelle Anpassungen.
Auf der Suche nach besseren Ausbildungsbedingungen, attraktiveren Arbeitszeiten oder höheren Gehältern überqueren junge Kollegen die Grenzen. Diese Migration prägt nicht nur ihren individuellen Karrierewege, sondern auch die Struktur der Gesundheitssysteme in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber worin unterscheiden sich die drei Länder im Fokus auf die urologische Ausbildung?
Status praesens Ausbildung DACH
Die Weiterbildung in der Urologie im deutschsprachigen Raum unterliegt trotz gemeinsamer fachlicher Grundlagen deutlichen strukturellen Unterschieden.Deutschland, Österreich und die Schweiz bieten jeweils eigene Modelle der Facharztausbildung, die sich in Dauer, Aufbau, inhaltlicher Schwerpunktsetzung sowie in den Arbeitsbedingungen unterscheiden.
Abb. 1: Gemeinsame Session der AAÖGU, SRU, GeSRU: Quo vadis aus der Sicht der Assistenzärzt:innen: Dr. med. Silvan Sigg, Facharzt für Urologie (CH), Dr. med. Andreas Affentranger, Assistenzarzt für Urologie (CH), (D) Alice-Marie Beier, Assistenzärztin für Urologie (DE), Dr. med. Livia Jachs, Assistenzärztin für Urologie (AT), Ass. Dr. Sandra. Weigel, Assistenzärztin für Urologie (AT), Ass. Dr. Leon Saciri, Assistenzarzt für Urologie (AT)
In der Schweiz beträgt die urologische Weiterbildungszeit in der Regel sechs Jahre. Sie ist typischerweise mit einer Arbeitszeit von 50 Stunden pro Woche vertraglich festgelegt. Zu Beginn steht ein obligates chirurgisches Jahr. Es ist möglich, dieses in Abteilungen der Chirurgie, Allgemeinchirurgie, Traumatologie, Viszeralchirurgie oder Gefäßchirurgie zu absolvieren. Im Unterschied zu den beiden anderen Ländern ist eine Rotation durch Kliniken unterschiedlicher Größe (A- und B-Kliniken) verpflichtend. Darüber hinaus werden eine wissenschaftliche Tätigkeit wie auch Kongressteilnahmen vorausgesetzt. Nach Abschluss der Ausbildungszeit erfolgt eine schriftliche Facharztprüfung sowie – im deutlichen Kontrast zu Deutschland und Österreich – eine praktische/chirurgische Prüfung in Gestalt einer Live-Operation. In den meisten Fällen wird die TURP als Vorzeigeoperation gewählt. Eine Subspezialisierung (z.B. in Neurourologie) erfolgt erst nach abgeschlossener Facharztausbildung.
In Österreich beginnt nach Abschluss des Studiums die 9-monatige Basisausbildung, die es für alle frischgebackenen Ärzte in einem chirurgischen und einem internistischenFach zu absolvieren gilt. Erst danach ist es möglich die Facharztausbildung zu beginnen. In der Urologie dauert diese 6 Jahre mit einer formal geregelten 40-Stunden-Woche. In den ersten 36 Monaten Grundausbildung soll ein grober Überblick über das gesamte Fachgebiet erworben werden. Darauf beruhend erfolgt dann die 27-monatige Sonderfach-Schwerpunktausbildung. 3 Spezialisierungen zu je 9 Monaten können hier gewählt werden: Kinderurologie, Blasenfunktionsstörungen mit Urodynamik, Andrologie und sexuelle Funktionsstörungen, urologisch-onkologische Chirurgie, Laparoskopie und minimalinvasive Therapie, Wissenschaftsmodul als auch Urogeriatrie.
Ein Teil der Ausbildung – bis zu 2 Jahre – kann in einer Lehrpraxis absolviert werden. Die Dokumentation der erfolgten Ausbildungsschritte erfolgt über ein Logbuch der Österreichischen Ärztekammer und abschließend legt man die schriftliche Facharztprüfung ab.
Die Weiterbildung in Deutschland ist mit fünf Jahren die kürzeste, ebenfalls bei einer 40-Stunden-Woche. Neben einer fakultativen nichtfachspezifischen Anerkennung von einem Jahr und optionaler ambulanter Tätigkeit (im niedergelassenen Bereich) ist insbesondere das Weiterbildungscurriculum der Deutschen Gesellschaft für Urologie (WECU) zu nennen. Bereits 47 Kliniken (Stand: März 2026) gestalten ihre Ausbildung nach dieser Vorlage, die im entscheidenden Unterschied zu Österreich und Deutschland einen verpflichtenden Praxisanteil von sechs bis zwölf Monaten vorsieht. Ergänzt wird die Ausbildung durch ein digitales Logbuch, eine schriftliche Facharztprüfung ist nicht vorgesehen. In allen 3 Ländern ist es möglich, die Ausbildung in Teilzeit mit einem Minimum von 50% zu absolvieren (Abb.2 und 3).2
Zusammenfassung der Unterschiede
Die Mindestdauer der urologischen Facharztausbildung beträgt im DACH-Raum zwischen fünf Jahren in Deutschland und sechs Jahren in Österreich bzw. der Schweiz. In der Schweiz besteht zudem die Vorgabe, die Ausbildungsstätte mindestens einmal zu wechseln. Eine Weiterbildung in Teilzeit ist grundsätzlich in allen drei Ländern möglich. Während Forschungstätigkeit sowie die Teilnahme an Jahreskongressen ausschließlich in der Schweiz verpflichtend sind, sind dort auch formative Prüfungen integraler Bestandteil der Ausbildung. In allen Ländern ist jedoch mindestens eine summative Prüfung zur Erlangung des Facharzttitels erforderlich. Darüber hinaus muss in Österreich und der Schweiz der schriftliche Teil der Prüfung des European Board of Urology erfolgreich absolviert werden.
Wo leben die glücklichsten Assistenzärzte?
In Österreich wird über den AAÖGU (Arbeitskreis AssistenzärztInnen der Österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie) jährlich eine Umfrage aller Assistenzärzt:innen durchgeführt. Die Daten in dieser Arbeit beziehen sich auf die Umfrage von 2025, an der 110 Assistenzärzt:innen teilgenommen haben. Die Schweiz bringt Daten ihrer Evaluierung der „swiss residents in urology“ von 2023 mit 63 Rückmeldungen und Deutschland die DRU-Umfrage von 2025 mit 247 Teilnehmenden.3
Arbeitszeit
Trotz formaler Unterschiede zeigen sich in allen drei Ländern ähnliche Herausforderungen im klinischen Alltag. Die tatsächliche Arbeitszeit liegt häufig deutlich über den vertraglich vorgesehenen Stunden. In allen drei Ländern beträgt die mediane Wochenarbeitszeit etwa 60 Stunden, was die Diskrepanz zwischen Regelarbeitszeit und Realität unterstreicht.
Ein erheblicher Anteil der Arbeitszeit entfällt auf nichtmedizinische Tätigkeiten. In Deutschland berichten 40% der Assistenzärzt:innen über einen zu hohen Anteil administrativer Aufgaben, auch in der Schweiz dominieren Dokumentation und organisatorische Tätigkeiten. Zeitdruck stellt mit rund 48% einen der häufigsten Belastungsfaktoren dar.
Operative Ausbildung und praktische Erfahrung
Ein zentraler Bestandteil der urologischen Weiterbildung ist die operative Ausbildung. Während in Österreich und der Schweiz Wissen und praktische Fertigkeiten überwiegend in eher unspezifischer Form aufgelistet sind, hat sich dies in Deutschland mit der Weiterbildungsordnung von 2020 grundlegend verändert. Anstelle einer reinen Aufzählung von Inhalten sowie Richtzahlen für Untersuchungen und Prozeduren werden hier differenzierte Kompetenzniveaus definiert. Neben quantitativen Vorgaben wird zwischen kognitiven Kompetenzen und Methodenkompetenzen (Niveaustufen: 1. benennen und beschreiben, 2. systematisch einordnen und erläutern) sowie Handlungskompetenzen (Niveaustufen: 1. unter Anleitung durchführen, 2. selbstständig durchführen) unterschieden. Das jeweils erreichte Kompetenzniveau muss durch die weiterbildungsbefugte Person bestätigt werden. In der Schweiz werden im Durchschnitt etwa 15 operative Eingriffe pro Monat durchgeführt, während in Österreich von zwei bis fünf Eingriffen pro Woche berichtet wird. Die operative Ausbildung in Österreich variiert insbesondere stark zwischen den jeweiligen Kliniken.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwieweit dokumentierte Operationszahlen im Logbuch die tatsächliche operative Kompetenz widerspiegeln. Diese Diskrepanz wird zunehmend kritisch diskutiert und betrifft alle drei Ausbildungssysteme.
Zufriedenheit und Herausforderungen
Die Zufriedenheit mit der Weiterbildung ist in allen Ländern moderat und von ähnlichen Problemlagen geprägt. In Deutschland geben etwa 26% der Assistenzärzt:in-nen an, mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden zu sein. Hauptkritikpunkte sind Zeitdruck, Arbeitsbelastung und die Qualität der Weiterbildung. In der Schweiz berichten etwa 24% von Unzufriedenheit, wobei insbesondere administrative Tätigkeiten als belastend empfunden werden. Auch in Österreich zeigen Umfragen, dass die Zufriedenheit stark variiert, wobei die frühe Schwerpunktsetzung einerseits als Vorteil, andererseits als potenzielle Einschränkung der breiten Ausbildung gesehen wird (Abb.4).
Gemeinsamkeiten und systemische Trends
Trotz struktureller Unterschiede lassen sich übergreifende Trends erkennen. Die Schweiz zeichnet sich durch besonders strenge Anforderungen mit verpflichtenden Rotationen, wissenschaftlicher Tätigkeit und praktischen Prüfungen aus. Deutschland integriert mit dem WECU zunehmend ambulante Ausbildungsanteile, während Österreich bereits früh eine Spezialisierung innerhalb der Weiterbildung ermöglicht.
Bemerkenswert ist, dass die wahrgenommenen Probleme in allen drei Ländern ähnlich sind. Dies deutet darauf hin, dass strukturelle Unterschiede allein nicht ausschlaggebend für die Ausbildungsqualität sind, sondern vielmehr systemische Herausforderungen wie Arbeitsbelastung, Bürokratie und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben eine zentrale Rolle spielen.
Literatur:
1 Hänggeli C et al.: Titelausschreibung leicht gemacht. Schweiz Arzteztg 2015; 96: 1834-6 2 Pohlmann PF: Weiterbildung Urologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH-Raum) unter der Lupe. Urologie 2023; 62: 494-502 3 Sigg S et al.: Urology residency – a demographic cross-sectional study by the Swiss Society of Residents in Urology. BJU Int 2025; 135(6): 884-6v
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