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Ernährungstrends & Urolithiasis

„Low-carb“, „high-protein“ oder vegane Ernährung: Risiko oder Benefit?

Wer sich heute mit Ernährung beschäftigt, kommt an den Schlagwörtern „low-carb“, keto, „high-protein“ oder vegan kaum vorbei. Fitness- und Lifestyle-Influencer und zunehmend auch Longevity-Influencer präsentieren häufig einfache Formeln für eine vermeintlich besonders gesunde und leistungssteigernde Ernährung. Doch welchen Einfluss haben diese Ernährungsformen auf die Entstehung von Nierensteinen?

Keypoints

  • Spezielle Diäten verändern die Harnzusammensetzung und können die Nierensteinbildung begünstigen.

  • Ein hoher Konsum tierischer Proteine sowie eine strikt vegane Ernährung sind mit einem erhöhten Nierensteinrisiko assoziiert.

  • Eine ausgewogene Ernährung mit hohem Obst- und Gemüseanteil sowie ausreichender Kalziumzufuhr wirkt steinprotektiv.

Die Urolithiasis ist eine häufige Erkrankung mit einer Prävalenz von etwa 5–9% in Europa und einer weltweit steigenden Inzidenz.1 Ernährungsgewohnheiten spielen bekanntermaßen eine zentrale Rolle in der Steinbildung. Eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung sowie eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr stellen zwei der drei Säulen der allgemeinen Metaphylaxe dar.2 Es ist daher naheliegend, dass Diäten, die gezielt einzelne Nahrungsbestandteile reduzieren oder ausschließen, einen relevanten Einfluss auf das Risiko der Nierensteinbildung haben könnten.

Ein klassischer Ansatz vieler Diäten ist die gezielte Modifikation der Anteile der drei wichtigsten energieliefernden Nährstoffe: Kohlenhydrate, Proteine und Fette. Gemäß den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sollte der Energiebedarf eines gesunden Erwachsenen bei vollwertiger Mischkost zu mehr als 50% aus Kohlenhydraten und zu etwa 30% aus Fetten gedeckt werden. Die empfohlene Proteinzufuhr liegt bei 0,8–1,0g/kg Körpergewicht (KG) und Tag.3

Tab. 1: Promotoren und Inhibitoren für Kalziumoxalatsteine

Wird einer dieser Nahrungsbestandteile reduziert, muss der relative Anteil der übrigen zwangsläufig steigen, um den täglichen Energiebedarf zu decken. Dies führt zu einer grundlegenden Veränderung der Nahrungszusammensetzung und in weiterer Konsequenz zu einer veränderten Harnzusammensetzung. In der Folge kann es zu einer Übersättigung des Harns mit Promotoren der Steinbildung oder zu einem Mangel an Inhibitoren kommen (Tab.1 ). Beide Mechanismen können die Entstehung von Nierensteinen direkt begünstigen.

„Low-carb“ & ketogen

„Low-carb“-Diäten zielen darauf ab, den Anteil an Kohlenhydraten in der Ernährung auf unter 50% zu reduzieren. Je nach Diätform (z.B. Atkins-, South-Beach-, LOGI-Diät) variiert das Ausmaß dieser Reduktion. Besonders ausgeprägt ist sie bei der ketogenen Diät, bei der der Kohlenhydratanteil auf etwa 5–10% begrenzt wird. Ursprünglich zur Behandlung therapierefraktärer Epilepsien entwickelt, wird diese Ernährungsform heute häufig als Strategie zur Gewichtsreduktion propagiert.

Lister et al. verdeutlichen in ihrer Studie die enorme Präsenz kohlenhydratarmer Diäten in den sozialen Medien: Auf Instagram fanden sich 21,5 Millionen Beiträge unter dem Hashtag #keto und 24,3 Millionen unter #lowcarb.4

Einige Studien deuten darauf hin, dass eine geringere Kohlenhydratzufuhr mit einer verminderten Ausscheidung von Kalzium, Oxalat und Harnsäure einhergehen könnte und so einen positiven Effekt auf die Harnzusammensetzung haben könnte.5 Diese Annahme basiert auf Daten von epidemiologischen Studien, die zeigen, dass eine erhöhte Glukosezufuhr mit Hyperkalziurie und eine erhöhte Fruktosezufuhr mit einer gesteigerten Harnsäureausscheidung assoziiert ist. Der Effekt einer „Low-carb“-Diät lässt sich somit lediglich indirekt ableiten.

Während eine reduzierte Kohlenhydratzufuhr potenziell protektiv wirken könnte, muss berücksichtigt werden, dass der Energiebedarf durch eine vermehrte Aufnahme von Fetten und Proteinen kompensiert wird. „Low-carb“-Diäten resultieren daher oft in einer deutlich erhöhten Fett- und Proteinzufuhr über die empfohlenen Referenzwerte hinaus. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Einfluss insbesondere eine hohe Proteinzufuhr auf die Nierensteinbildung hat.

„High-protein“

Proteinreiche Ernährung ist besonders im Sport- und Fitnessbereich etabliert. Durch eine Steigerung der Proteinzufuhr soll der Muskelaufbau unterstützt werden. Laut einem Positionspapier der Arbeitsgruppe Sporternährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung kann bei adäquater körperlicher Aktivität (mindestens fünf Stunden Sport pro Woche) eine Proteinzufuhr von 1,2–2,0g/kg KG/Tag empfohlen werden, um die Leistungssteigerung zu unterstützen.3

Im Zusammenhang mit dem Risiko der Nierensteinbildung ist eine Differenzierung zwischen tierischen Proteinen (exkl. Milchprodukten), Milchproteinen und pflanzlichen Proteinen essenziell. Eine große epidemiologische Kohortenstudie von Ferraro et al. konnte zeigen, dass ausschließlich tierische Proteine mit einem erhöhten Risiko für Nierensteine assoziiert waren.6 Diese Ergebnisse finden sich auch in Metaanalysen über den Einfluss der Proteinzufuhr auf Nierensteine wieder, wobei die Evidenzlage insgesamt moderat ist.7,8

Der zugrundliegende Mechanismus lässt sich wie folgt erklären: Ein hoher Konsum tierischer Proteine führt zu einer erhöhten metabolischen Säurebelastung, da beim Abbau bestimmter Aminosäuren sogenannte fixe Säuren entstehen, die nicht abgeatmet werden können, sondern renal ausgeschieden werden müssen. Dies resultiert in einer vermehrten renalen Reabsorption von Zitrat, einer gesteigerten Kalziumausscheidung sowie einem niedrigeren pH im Harn.5,9,10 Das daraus entstehende Ungleichgewicht zwischen Promotoren und Inhibitoren gilt als zentraler Mechanismus für das erhöhte Steinrisiko bei proteinreicher, fleischlastiger Ernährung.

Vegetarisch & vegan

In Bezug auf die Proteinzufuhr scheint eine vegetarische Ernährung vorteilhaft zu sein. Aber auch im Allgemeinen scheint das Risiko von Nierensteinen bei einer fleischreichen Ernährung (>100g/Tag) signifikant höher zu sein als bei einer vegetarischen Ernährungsform (HR:0,69; 95%CI: 0,48–0,98) oder fleischarmen Ernährung (<50g/Tag; HR: 0,52; 95%CI: 0,35–0,8). Turney et al. kamen zu diesen Ergebnissen in der Untersuchung einer Subgruppe der großen prospektiven EPIC-Europe-Studie.11

Ein wesentlicher Vorteil vegetarischer Ernährung liegt in der hohen Zufuhr von Obst und Gemüse, die alkalisierend wirken und die Zitratausscheidung im Harn fördern.9 Wie relevant dieser Effekt ist, zeigen Meschi et al. in einer Studie, in der Obst und Gemüse für zwei Wochen vollständig weggelassen wurden.12 Diese spezielle Diät führte zu einer deutlich verminderten Ausscheidung von Kalium (–62%), Magnesium (–26%), Zitrat (–44%) und Oxalat (–31%) sowie zu einer erhöhten Kalzium- (+49%) und Ammoniumausscheidung (+12%). Insgesamt kam es also in kurzer Zeit zu einer teils markanten Reduktion relevanter Inhibitoren für die Entstehung von Nierensteinen und zugleich zu einer Hyperkalziurie.

Oxalat, ein zentraler Promotor für Kalziumoxalatsteine, kommt überwiegend in pflanzlichen Lebensmitteln vor. Eine stark pflanzenbasierte Ernährung kann zu einer Übersättigung des Harns mit Oxalat führen und sich so auf das Risiko für die Nierensteinbildung auswirken. Besonders oxalatreiche Lebensmittel sind unter anderem Rhabarber, Spinat, brauner Reis, Erdäpfel, Bohnen, Mandeln, Kakao und Vollkorngetreide. Um diesen Effekt abzumildern, ist eine ausreichende Zufuhr von Kalzium und Magnesium essenziell, da beide Mineralstoffe freies Oxalat im Darm binden und so die Steinbildung hemmen.5

Vegane Ernährung nimmt im Zusammenhang mit der Nierensteinbildung eine Sonderstellung ein. Sie ist häufig oxalatreich und aufgrund des Verzichts auf Milchprodukte zugleich kalziumarm. Der daraus resultierende Kalziummangel schwächt den protektiven Effekt der intestinalen Oxalatbindung, was zu einer erhöhten Oxalatresorption und in weiterer Folge zu einer Übersättigung des Harns mit Oxalat führen kann. Zudem ist der Verzicht auf Milchprodukte mit einem Anstieg der Harnsäurekonzentration assoziiert.5,13 Beide Phänomene begünstigen die Entstehung von Kalziumoxalat- und Harnsäuresteinen.

Fazit: Extreme Diäten sind selten steinfreundlich

Die Datenlage zu den Effekten moderner Diäten auf das Risiko der Nierensteinbildung ist insgesamt heterogen und teilweise von moderater Qualität. Die Komplexität der metabolischen Prozesse, individuelle Faktoren wie Alter und Begleiterkrankungen sowie die Vielzahl an Variationen der einzelnen Diäten erschweren allgemeingültige Empfehlungen.

Was sich jedoch abzeichnet: Eine steinprotektive Ernährung sollte auf reichlich Obst und Gemüse basieren, wenig tierische Proteine enthalten, moderat kohlenhydratreduziert sein und ausreichend Milchprodukte enthalten. Hohe Anteile an tierischen Proteinen und Fleisch sowie eine strikt vegane Ernährung sollten hingegen kritisch betrachtet und tendenziell vermieden werden.5,9,14

1 Sorokin I et al.: Epidemiology of stone disease across the world. World J Urol 2017; 35(9): 1301-20 2 European Association of Urology: Guidelines. Urolithiasis. Metabolic evaluation and recurrence prevention. https://uroweb.org/guidelines/urolithiasis/chapter/metabolic-evaluation-and-recurrence-prevention ; zuletzt aufgerufen am 29.1.2026 3 König D et al.: Proteinzufuhr im Sport: Position der Arbeitsgruppe Sporternährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE). Ernähr-Umsch 2020; 67(7): M406-13 4 Lister NB et al.: What adolescents see on instagram: content analysis of #intermittentfasting, #keto, and #lowcarb. Nutr Diet 2024; 81(3): 316-24 5 Barghouthy Y et al.: The relationship between modern fad diets and kidney stone disease: a systematic review of literature. Nutrients 2021; 13(12): 4270 6 Ferraro PM et al.: Dietary protein and potassium, diet-dependent net acid load, and risk of incident kidney stones. Clin J Am Soc Nephrol 2016; 11(10): 1834-44 7 Remer T et al.: Protein intake and risk of urolithiasis and kidney diseases: an umbrella review of systematic reviews for the evidence-based guideline of the German Nutrition Society. Eur J Nutr 2023; 62(5): 1957-75 8 Asoudeh F et al.: Associations of total protein or animal protein intake and animal protein sources with risk of kidney stones: a systematic review and dose-response meta-analysis. Adv Nutr 2022; 13(3): 821-32 9 Ferraro PM et al.: Risk of kidney stones: influence of dietary factors, dietary patterns, and vegetarian-vegan diets. Nutrients 2020; 12(3): 779 10 Trinchieri A et al.: Effect of potential renal acid load of foods on urinary citrate excretion in calcium renal stone formers. Urol Res 2006; 34(1): 1-7 11 Turney BW et al.: Diet and risk of kidney stones in the Oxford cohort of the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC). Eur J Epidemiol 2014; 29(5): 363-9 12 Meschi T et al.: The effect of fruits and vegetables on urinary stone risk factors. Kidney Int 2004; 66(6): 2402-10 13 Schmidt JA et al.: Serum uric acid concentrations in meat eaters, fish eaters, vegetarians and vegans: a cross-sectional analysis in the EPIC-Oxford cohort. PloS One 2013; 8(2): e56339 14 Nouvenne A et al.: Fad diets and their effect on urinary stone formation. Transl Androl Urol 2014; 3(3): 303-12

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