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Kinder- und Jugendpsychiatrie

Psychotrope Substanzen und das jugendliche Gehirn

Die Adoleszenz stellt eine sensible Entwicklungsphase dar, in welcher neurobiologische Reifungsprozesse, psychosoziale Herausforderungen und erste Substanzkonsumerfahrung in einer riskanten Weise zusammentreffen. Konsum von psychotropen Substanzen kann in dieser Lebensphase nicht nur akute psychische Störungen auslösen, sondern langfristig kognitive und emotionale Entwicklungsverläufe nachhaltig beeinträchtigen. Vor diesem Hintergrund stellt der Konsum psychotroper Substanzen in der Adoleszenz für die Kinder- und Jugendpsychiatrie eine besondere Herausforderung dar.

Keypoints

  • Das adoleszente Gehirn ist durch eine Dysbalance zwischen emotionaler Reaktivität und kognitiver Kontrolle besonders vulnerabel für Substanzkonsum und substanzinduzierte Störungen.

  • Früher und intensiver Konsumbeginn im Jugendalter ist mit strukturellen und funktionellen Gehirnveränderungen sowie einem erhöhten Risiko für neurokognitive Defizite assoziiert.

  • Im therapeutischen Ansatz ist es unabdingbar, die Motive und Funktionen des Konsums zu identifizieren und stabile Beziehungsangebote zu schaffen.

  • Die jeweiligen Behandlungsziele sollten realistisch vereinbart werden und von Risikoreduktion bis hin zur Abstinenz reichen, wobei eine tragfähige therapeutische Beziehung und eine multiprofessionelle Zusammenarbeit entscheidend sind.

Epidemiologische Daten des österreichischen Drogenmonitorings zeigen, dass ein erheblicher Anteil der drogenbezogenen Todesfälle und des behandlungsrelevanten Opioidkonsums auf unter 25-Jährige fällt, wobei geschlechtsspezifische Unterschiede und zeitliche Schwankungen seit den 1990er-Jahren ersichtlich sind. Dabei sind die am häufigsten nachgewiesenen Substanzen bei drogenbezogenen Todesfällen Opioide, gefolgt von Heroin und Morphin sowie Psychopharmaka. Das durchschnittliche Alter beim Erstkonsum liegt für Alkohol bei 12,3 Jahren, für Cannabis bei 14,4 Jahren und für Heroin bei 17,8 Jahren. Früher und intensiver Konsumbeginn steht im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für substanzinduzierte Beeinträchtigungen.

Die Neurobiologie des adoleszenten Gehirns und das Belohnungssystem

Die Adoleszenz ist durch strukturelle und funktionelle Veränderungen des Gehirns gekennzeichnet. Dabei sind unterschiedliche Gehirnstrukturen beteiligt: Der Hippocampus, welcher bei der Ausreifung des jugendlichen Gehirns riskantes Verhalten zulässt, die Amygdala, die in ihrer Entwicklung Gefühlswallungen freisetzt, oder auch der präfrontale Kortex, welcher als Steuerzentrale für kognitive Leistungen erst mit dem Alter von circa 22 Jahren ausreift. Der Nucleus accumbens ist in der Pubertät vor allem für das Belohnungssystem zuständig. Besonders empfindlich reagiert er auf neuartige und intensive Reize, die zur Ausschüttung von Dopamin und damit zu Glücksgefühlen führen.

Im Rahmen des synaptischen Prunings, wie die Synapsenreifung während der Gehirnentwicklung genannt wird, kommt es insbesondere im Frontallappen zu einem Verlust von rund 3% grauer Substanz, entsprechend dem Prinzip „use it or lose it“. Die Myelinisierung des Gehirns ist erst in den frühen 20ern abgeschlossen. Die Entwicklung der Amygdala, die eine zentrale Rolle bei der Regulation von Emotionen und Impulsen spielt, entwickelt sich früher als der präfrontale Kortex.1–4

Das Konzept der „Double Jeopardy“ beschreibt die Kombination aus erhöhter emotionaler Responsivität und unreifer kognitiver Kontrolle, welches das adoleszente Gehirn in eine Dysbalance bringt und anfälliger für risikoreiches, belohnungssuchendes Verhalten, „sensation seeking“, „reward seeking“ und experimentellen Suchtkonsum macht. Diese erhöhte Sensitivität des mesolimbischen Belohnungssystems erklärt, warum Jugendliche besonders anfällig für die Entwicklung von Abhängigkeit und psychischen Störungen sind. Hinzu kommen kognitive Prozesse aus der klassischen Konditionierung, die aufgrund der Dopaminausschüttung und der damit einhergehenden Glücksgefühle nach Substanzkonsum den Konsum psychotroper Substanzen weiter positiv verstärken.5

Drogen „boosten“ die Dopaminausschüttung und somit auch das Gefühl von Freude, Zufriedenheit und Energie. Zusätzlich führt Substanzkonsum zu physischen Veränderungen in den Gehirnarealen, die für Urteilsfähigkeit, Entscheidungsfindung, Lernen und Gedächtnisfunktionen sowie Impulskontrolle relevant sind – ein Teufelskreislauf beginnt.6

Die Auswirkungen des adoleszenten Substanzkonsums auf die Gehirnentwicklung

Alkoholkonsum und -missbrauch induzieren Volumensreduktionen im Hippocampus und im präfrontalen Kortex und stehen im Zusammenhang mit Integritätsstörungen der weißen Substanz, insbesondere im Corpus callosum und in frontalen, temporalen, parietalen und zerebellären Regionen. Diese Veränderungen gehen mit Beeinträchtigungen von Gedächtnisfunktionen, Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen der Adoleszenten einher und stellen ein erhöhtes Risiko für ein maladaptives Konsummuster dar.2,7–9 Bei Cannabiskonsum im Jugendalter zeigen sich strukturelle Veränderungen bzw. Verlust von grauer Substanz im medialen Temporalkortex, im Parahippocampus, in der Insula und im orbitofrontalen Kortex sowie in der Amygdala und im Hippocampus.10 So steht Cannabiskonsum nicht nur in Zusammenhang mit Defiziten in der Selbstregulation, sondern zusätzlich mit erhöhtem Aufwand für die Autoregulation. 11

Dabei führt früher und intensiver Konsum zu irreversiblen kognitiven Defiziten – darunter erhebliche und andauernde IQ-Minderungen und Einschränkungen der Aufmerksamkeitsprozesse und der Exekutivfunktionen im Sinne einer Störung der kognitiven Inhibition, der Inhibitionskontrolle und der Entscheidungsfindung.4 Die Mechanismen der Hirnreifung in der Adoleszenz werden durch Neurotrophine wie den Nervenwachstumsfakor (NGF) und den zerebralen neurotrophen Faktor (BDNF) vermittelt, die in Interaktion mit dem Endocannabinoidsystem (ECS) das synaptische Pruning, die Myelinisierung und die neuronale Plastizität regulieren. Dieses Zusammenspiel ist entscheidend für die strukturelle und funktionelle Ausreifung kortikaler Netzwerke.

Mit dem Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) stört Cannabiskonsum diese Balance und kann die ECS-Signalwege dysregulieren und damit die präfrontale Reifung verzögern. Regelmäßiger Cannabiskonsum steht im Zusammenhang mit einem niedrigeren NGF-Spiegel, während der BDNF-Spiegel im Blut unverändert bleibt. Diese Veränderungen deuten auf eine selektive Dysregulation hin, welche die „Use it or lose it“-Dynamik des Prunings verstärkt.12

Bei Personen mit einer psychotischen Erkrankung steigen hingegen NGF- und BDNF-Spiegel an, was als kompensatorische Reaktion auf neuroinflammatorische Prozesse oder oxidativen Stress interpretiert wird und die Vulnerabilität für psychotische Episoden bei frühem Cannabiskonsum unterstreicht.13

Substanzinduzierte Psychosen (SIP)

Der Konsum von Cannabinoiden geht mit einem doppelt so hohen Risiko für psychotische Episoden einher; bei hoch dosierten Präparaten (THC-Gehalt >10%) erhöht sich dieses Risiko auf das Vierfache.14 Synthetische Cannabinoide bergen ein deutlich erhöhtes Risiko für die Exazerbation bestehender Psychosen sowie für de novo auftretende Psychosen.15 Methylphenidat kann in Einzelfällen bei Dosierungen >120mg psychotische Symptome auslösen, während synthetische Kathinone das Risiko für prolongierte Psychosen mit hohem Aggressionsrisiko und Gewaltpotenzial erhöhen.16

Amphetamine induzieren substanzinduzierte Psychosen (SIP) bei 8–46% der regelmäßigen Konsument:innen, mit besonders hohem Risiko bei Binge-Konsum. Klinisch zeigen diese Psychosen eine große Ähnlichkeit mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, einschließlich Denkstörungen, Ichstörungen und Verfolgungsideen.17

Psychosoziale Motive des Konsums und problematische Konsummuster

Jugendliche konsumieren Suchtmittel aus mannigfaltigen Motiven, die von der Demonstration von Erwachsensein, vom Wunsch nach Zugehörigkeit zu ihrer Peer-Group, als Symbol für die Teilhabe an bestimmten jugendkulturellen Lebensstilen über das Austesten von Grenzen bis hin zu sozialem Protest und gesellschaftlicher Wertekritik reichen. Die bewusste Verletzung der im Elternhaus geltenden Normen hat für die Konsummotivation bei Jugendlichen eine besondere Bedeutung. Eine wesentliche Rolle spielen dabei kompensatorische und dysfunktionale Bewältigungsstrategien, etwa zur Reduktion von Stresssymptomen, zur Bewältigung von Leistungsversagen, zur Entspannung, zur Kompensation von Enttäuschungen oder als Reaktion auf psychische und soziale Entwicklungsstörungen. Problematisches Konsumverhalten kennzeichnet sich durch hohen und häufigen Konsum, Mischkonsum sowie „funktionellen“ Konsum im Sinne einer Selbstmedikation psychischer Belastungen. Für die Verhinderung von problematischen Konsummustern und von Abhängigkeit ist es wesentlich, den Fokus auf die Konsummotive („Wozu? Warum?“) und die Umstände des Konsums („Wo? Wann? Wie oft? Wie viel? Mit wem?“) zu legen als auf die konsumierte Substanz per se.

Therapeutische Zugänge und Behandlungsziele

Jugendliche mit substanzinduzierten Störungen weisen häufig eine geringe Veränderungsmotivation mit gleichzeitig stark positiv konnotierter Einstellung zum Substanzkonsum auf. Dies macht eine rein konfrontative Behandlung und Therapie wenig erfolgversprechend. Zielführender erweisen sich beispielsweise Elemente aus dem „Motivational Interviewing“ (MI), um Jugendliche bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten und Motiven ihres Substanzkonsums zu unterstützen, sie infrage zu stellen und gemeinsam mit den Adoleszenten an ihrer Veränderungsmotivation zu arbeiten und gesundheitsförderliche Strategien zu entwickeln.18

Wegweisende Behandlungselemente sind ein stabiles, verlässliches und krisenfestes Beziehungsangebot, das Bindungssicherheit schafft, Motivation fördert und als zentrale Ressource in Veränderungsprozessen wirkt. Um Rückfällen und einer Chronifizierung vorzubeugen, ist die differenzierte Behandlung und Therapie der zugrunde liegenden psychischen (Grund-)Störung erforderlich. Interventionen zur Förderung von Körpererleben, Körperwahrnehmung und Selbstwert sowie Maßnahmen der Sinnvermittlung und Lebensperspektivenklärung spielen im Behandlungsprozess eine bedeutende Rolle, da Substanzkonsum im Jugendalter häufig in Bewältigungskontexte, Identitätsunsicherheit und Sinnleere eingebettet ist. Evidenzbasierte Behandlungskonzepte betonen zudem die Notwendigkeit einer klaren Tagesstruktur und von sozialem Kompetenztraining – auch im Umgang mit den Peers, um die Konfliktfähigkeit und die Abgrenzung von konsumfördernden Milieus zu unterstützen. Dabei soll das Ziel die soziale (Re-)Integration in Schule, Ausbildung, Arbeit und Freizeitaktivitäten sowie die Entwicklung realistischer Zukunftsperspektiven sein.

Generell reichen die Behandlungsziele je nach Ausgangslage und Komorbidität von der Sicherung des eigenen Überlebens und der Reduktion akuter Risiken über die Verlängerung drogenfreier Zeitintervalle und die Reduktion von Konsumexzessen bis hin zur Abstinenz und zur autonomen, zufriedenen Lebensgestaltung.19

1 Casey BJ, Caudle K: The teenage brain: self control. Curr Dir Psychol Sci 2013; 22(2): 82-7 2 Medina KL et al.: Prefrontal cortex volumes in adolescents with alcohol use disorders: unique gender effects. Alcoholism Clin Exp Res 2008; 32(3): 386-94 3 McCormick MA, Shekhar A: Review of marijuana use in the adolescent population and implications of its legalization in the United States. J Drug Metab Toxicol 2014; 05(02): 1-4 4 Meier MH et al.: Persistent cannabis users show neuropsychological decline from childhood to midlife. Proc Natl Acad Sci USA 2012; 109(40): E2657-64 5 Telzer EH: Dopaminergic reward sensitivity can promote adolescent health: a new perspective on the mechanism of ventral striatum activation. Dev Cogn Neurosci 2016; 17: 57-67 6 Verdejo-Garcia A et al.: Cognition and addiction. Dialogues Clin Neurosci 2019; 21(3): 281-90 7 De Bellis MD et al.: Diffusion tensor measures of the corpus callosum in adolescents with adolescent onset alcohol use disorders. Alcoholism Clin Exp Res 2008; 32(3): 395-404 8 Nagel BJ et al.: Reduced hippocampal volume among adolescents with alcohol use disorders without psychiatric comorbidity. Psychiatry Res 2005; 139(3): 181-90 9 McQueeny T et al.: Altered white matter integrity in adolescent binge drinkers. Alcoholism Clin Exp Res 2009; 33(7): 1278-85 10 Benbadis SR et al.: Medical marijuana in neurology. Expert Rev Neurother 2014; 14(12): 1453-65 11 Dishion TJ et al.: Self-regulation and adolescent drug use: translating developmental science and neuroscience into prevention practice. In: Bardo MT (eds.) et al.: Inhibitory control and drug abuse prevention. New York: Springer New York, 2011. 281-301 12 Dhein S: Different effects of cannabis abuse on adolescent and adult brain. Pharmacology 2020; 105(11-12): 609-17 13 Gajwani R, Minnis H: Double jeopardy: implications of neurodevelopmental conditions and adverse childhood experiences for child health. Eur Child Adolesc Psychiatry 2023; 32(1): 1-4 14 Di Forti M et al.: The contribution of cannabis use to variation in the incidence of psychotic disorder across Europe (EU-GEI): a multicentre case-control study. Lancet Psychiatry 2019; 6(5): 427-36 15 Fattore L: Synthetic cannabinoids—further evidence supporting the relationship between cannabinoids and psychosis. Biol Psychiatry 2016; 79(7): 539-48 16 John ME et al.: Bath salts abuse leading to new-onset psychosis and potential for violence. Clin Schizophr Relat Psychoses 2017; 11(2): 120-4 17 Bramness JG et al.: Amphetamine-induced psychosis - a separate diagnostic entity or primary psychosis triggered in the vulnerable? BMC Psychiatry 2012; 12(1): 221 18 Welsh JW et al.: Narrative review: revised principles and practice recommendations for adolescent substance use treatment and policy. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2025; 64(2): 123-42 19 Wiedmann M et al.: Substanzkonsum, Störungen durch Substanzkonsum und begleitende psychische Störungen bei Jugendlichen: Zahlen aus einer Spezialambulanz für Suchterkrankungen. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2022; 50(2): 105-19

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