© Karunaharamoorthy

4th International Conference on Sports Psychiatry (ICSP)

Mehr Interdisziplinarität wagen: Der Athlet als Mensch im Zentrum

Vom 8. bis 9. Mai 2026 lud die Schweizerische Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie (SGSPP) unter der Leitung von PD Dr. med. Malte Claussen zur 4. International Conference on Sports Psychiatry (ICSP) ins Psychiatriezentrum Münsingen ein. In Kooperation mit den Partnergesellschaften aus Deutschland (DGSPP) und Österreich (ÖGSPP) bot sie ein vielseitiges Tagungsprogramm mit internationalen Referierenden aus Wissenschaft und Klinik an, das über 100 Teilnehmende aus ganz Europa und Übersee in die idyllische Kleinstadt im Aaretal anzog.

Sportpsychiatrie und Sportpsychotherapie gewinnen an Bedeutung

Die Sportpsychiatrie und -psychotherapie gewinnt als junge Fachdisziplin sowohl in der Fachwelt als auch bei den Betroffenen erfreulicherweise zunehmend an Bedeutung und Bekanntheit. Neben der psychiatrischen Versorgung im Leistungssport umfasst ihr Tätigkeitsfeld auch die Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen im Freizeitsport sowie den Einsatz von Sport- und Bewegungstherapie bei psychischen Störungen. Alle drei Säulen des Fachgebiets sind auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Fachpersonen, den Patient:innen und ihrem Bezugssystem angewiesen. Diese Kernbotschaft und der damit verbundene Paradigmenwechsel wurden uns Teilnehmenden bei allen Vorträgen und Gesprächen mit den Fachexpert:innen immer wieder vor Augen geführt.

Synergien schaffen und Wissen bündeln

Für mich persönlich wurde dies im Keynote-Vortrag von Dr. med. Raymond Pan bei der Behandlung von Gehirnerschütterungen am eindrücklichsten aufgezeigt:

© Karunaharamoorthy

Der Wandel vom veralteten Cocooning-Prinzip (vollständige Schonung und Reizabschirmung bis zur Symptomfreiheit) hin zum zeitnahen Belastungsaufbau kognitiver und körperlicher Aktivitäten nach 24–48 Stunden verspricht heute die beste Prävention bzw. vollständige Remission des Post-Concussion-Syndroms. Das moderne «Return to play/school»-Protokoll setzt jedoch von Beginn an ein Behandlungsteam aus Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Rehabilitation voraus, um neuropsychiatrische Folgesymptome frühzeitig zu erkennen und gezielt zu intervenieren.1

Die Dringlichkeit einer interdisziplinären Versorgung verdeutlichte Dr. med. Ingo Butzke in seinem Beitrag über den wachsenden Anabolikakonsum im Freizeitsport. Dieses Problemfeld bliebe bis heute trotz vorliegender Evidenz für eine fachgerechte Diagnostik und Behandlung unzureichend versorgt: Lückenhafte Kenntnisse bei den einzelnen Fachpersonen, eine fehlende Vernetzung der Behandelnden untereinander und ein zudem häufiges Erleben von Stigmatisierung trügen dazu bei, dass Betroffene vorzeitig die Behandlung abbrächen – oder gar nicht erst in der Praxis vorstellig würden und sich stattdessen Rat bei anderen Konsumierenden in der Community suchten.2

Der Mensch hinter dem sportlichen Erfolg

Den Übergang von einer primär akademisch motivierten Datenerhebung hin zu einer menschenzentrierten klinischen Versorgung zu schaffen, benannte Dr. phil. Wojciech Walerianczyk als die gegenwärtig grösste Herausforderung. Beim obligatorischen medizinischen Check-up würden ca. 9,5% aller polnischen Leistungsathlet:innen eine klinisch relevante psychische Beeinträchigung aufweisen, für die eine weitergehende Diagnostik und Behandlung indiziert wären. Angesichts des enormen Fachkräftemangels an Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen in Polen würden viele Betroffene anschliessend nur ungenügend oder zu spät Unterstützung erhalten.3

© PZM

Von dieser Realität berichteten auch Ryan Regez (Skicross-Olympiasieger) und Laura Huber (Ski-Alpin-Nachwuchs) in ihrem emotionalen Bühneninterview vor dem Publikum. Beide betonten den hohen Stellenwert ihrer psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen in der Bewältigung ihrer mentalen Krisen. Rückblickend wünschten sie sich jedoch, dass wir Fachpersonen zum einen mehr gemeinsam an einem Strang ziehen und zum anderen ihnen nicht nur als Leistungsathlet:innen begegnen, sondern den Menschen dahinter sehen.

Fazit

Die Sportpsychiatrie und -psychotherapie füllt in der Schweiz und weltweit langsam ihren Platz zwischen Forschung, Klinik und Sportwelt aus. Dass die SGSPP in dem Prozess eine führende Rolle spielt und von der internationalen Fachwelt als eine der treibenden Kräfte anerkannt wird, wurde bei der 4. ICSP in Münsingen überaus deutlich. Die zahlreichen Tagungsteilnehmenden aus den Nachbardisziplinen bestätigen, dass alle involvierten Berufsgruppen daran interessiert sind, die Athlet:innen in den Fokus zu rücken. Erst durch eine gelebte interdisziplinäre Zusammenarbeit wird es uns gelingen, das vorhandene Fachwissen effektiv in die Praxis zu übertragen und die Athlet:innen bestmöglich zu versorgen.

1 Pan RJ, Baron D: Role of the Psychiatrist in Sports Concussion. Psychiatric Annals 2024; 54(11): e313-16 2 Butzke I et al.: Interdisziplinäre und psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung bei Gebrauch von anabolen androgenen Steroiden. Praxis 2022; 111(6): 339-44 3 Waleriańczyk W et al.: Diagnostic effectiveness of the Sport Mental Health Assessment Tool 1 supplemented with a brief clinical intake interview in a cohort of Polish elite Olympic athletes. Br J Sports Med 2024; 59(1): 56-63

Back to top