„Die nächsten Meilensteine werden sicherlich in der Onkologie liegen“
Unsere Gesprächspartnerin:
Prim. Dr. Eveline Kink, MBA
Leiterin der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie LKH Graz II am Standort Enzenbach
E-Mail: eveline.kink@kages.at
Das Interview führte Mag. Andrea Fallent
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Im Rahmen der letztjährigen Generalversammlung der Öster-reichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) wurde Prim. Dr. Eveline Kink, Graz, zur ÖGP-Präsidentin gewählt. Im Interview spricht sie über das Zukunftsprogramm PneumoVision 2040 und darüber, was sie sich von den zukünftigen Entwicklungen ihres Faches erhofft.
Prim. Dr. Eveline Kink, MBA, absolvierte zusätzlich zu ihrer Ausbildung zur Fachärztin für Innere Medizin und Pneumologie, Additivfach Intensivmedizin, einen MBA in Health Care & Hospital Management. Seit 2019 leitet sie die Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie LKH Graz II am Standort Enzenbach. Im Gespräch mit JATROS Pneumologie & HNO erzählt sie über die aktuellen Anliegen der ÖGP, wie sie der Impfmüdigkeit der Östereicher:innen begegnen will und warum sie ihren Fokus lieber auf freudvolle Inhalte statt auf mögliche Katastrophenszenarien legt.
Welche Projekte liegen Ihnen als Präsidentin der ÖGP aktuell besonders am Herzen?
E. Kink: In der Medizin erleben wir derzeit einen deutlichen Wandel – hin zu mehr ambulanten Behandlungen, vermehrten tagesklinischen Aufenthalten sowie einem stärkeren Einsatz von künstlicher Intelligenz und Telemedizin. Diese Entwicklungen sind bislang weder in den Leitlinien noch im wissenschaftlichen Diskurs ausreichend abgebildet. Deshalb hat sich die ÖGP mit dem strategischen Zukunftsprogramm „PneumoVision 2040“ das Ziel gesetzt, sich diesen Themen verstärkt und vorausschauend zu widmen. Die PneumoVision 2040 wurde von Expert:innengruppen der ÖGP erarbeitet und skizziert die zentralen Handlungsfelder der Pneumologie für die nächsten 15 Jahre – von Ausbildung und Qualitätssicherung über Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Telemedizin bis hin zu Interprofessionalität, neuen Berufsrollen, Ambulantisierung und wissenschaftlicher Weiterentwicklung.
Wie stehen Sie persönlich zu Telemedizin und E-Health?
E. Kink: Ich bin überzeugt davon, dass E-Health eine wertvolle Unterstützung sein kann. Vor allem können wir damit Patientinnen und Patienten Zeit ersparen, etwa wenn Spezialistinnen und Spezialisten künftig über telemedizinische Angebote direkt zu ihnen nach Hause kommen. Gleichzeitig bringt dieser Service auch gewisse Herausforderungen mit sich. Technisch sind wir bereits sehr gut aufgestellt, doch es braucht weiterhin klare gesetzliche Rahmenbedingungen. Zudem müssen telemedizinische Leistungen auch entsprechend honoriert werden.
Welche Entwicklungen in der Pneumologie in der letzten Zeit sind aus Ihrer Sicht besonders bemerkenswert?
E. Kink: Da gibt es derzeit laufend bemerkenswerte Entwicklungen, insbesondere im Bereich der medikamentösen Therapie. In der Pneumologie standen uns über viele Jahre nur wenige neue Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Inzwischen kommen jedoch sowohl in der pneumologischen Onkologie als auch bei Erkrankungen wie Asthma, COPD oder Lungenfibrose kontinuierlich neue Medikamente auf den Markt.
Gleichzeitig werden auch unsere diagnostischen Möglichkeiten immer besser. Wir können heute zunehmend kleinere Rundherde erkennen und genauer abklären. Dabei spielen künstliche Intelligenz und künftig auch die Robotik eine wichtige Rolle. Wir hoffen, dass es in Zukunft möglich sein wird, kleinere Tumoren bereits im Rahmen der Diagnose direkt zu entfernen. Das ist derzeit zwar noch Zukunftsmusik, aus meiner Sicht aber eine durchaus realistische Perspektive.
Insgesamt tut sich in der Pneumologie derzeit enorm viel. Ich bin nun schon seit einigen Jahren in diesem Fach tätig, aber insbesondere die Geschwindigkeit, mit der sich die pneumologische Onkologie aktuell weiterentwickelt, ist wirklich überwältigend.
Bleibt Ihnen noch Zeit für Forschung?
E. Kink: Mein persönlicher Schwerpunkt liegt mehr in der Praxis, ich bin daher eine große Befürworterin von Real-World-Daten. Wissenschaftliche Studien liefern zwar wichtige Erkenntnisse, bilden aber nicht immer vollständig ab, was im medizinischen Alltag tatsächlich passiert. Deshalb sollte man genau untersuchen, wie Medikamente wirken, wenn sie unter realen Versorgungsbedingungen eingesetzt werden. Künstliche Intelligenz kann dabei sehr hilfreich sein, weil sie große Datenmengen analysieren und Zusammenhänge sichtbar machen kann. Dafür brauchen wir allerdings auch die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen, damit Forscherinnen und Forscher auf bereits vorhandene Datenbestände sinnvoll und verantwortungsvoll zugreifen können.
Das wäre sowohl für die Steuerung des Gesundheitssystems als auch für die Wissenschaft von großer Bedeutung. Anhand solcher Daten könnte man beispielsweise erkennen, in welchen Bereichen genauer hingeschaut werden muss. Möglicherweise würden sich auch Zusammenhänge zeigen, an die bisher noch niemand gedacht hat. Welche Auswirkungen bestimmte Faktoren tatsächlich auf die Versorgung und auf das gesamte System haben, erkennt man oft erst bei der Analyse großer Datenmengen.
Wie beurteilen Sie den zunehmenden Einsatz von künstlicher Intelligenz?
E. Kink: Künstliche Intelligenz wird künftig ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Arbeitsalltags sein. Sie kann uns in vielen Bereichen entlasten, etwa beim Lungenkrebs-Screening oder in der Radiologie, wo sie als zusätzliche Zweitmeinung dienen kann. Gerade angesichts der großen Zahl an Befunden kann KI dabei helfen, die Arbeitsmenge besser zu bewältigen und Prozesse effizienter zu gestalten. Dadurch könnten wir Zeit gewinnen, die wir stärker für unsere Patientinnen und Patienten nutzen können.
Das ist besonders wichtig, weil wir allein aufgrund der demografischen Entwicklung mit einer steigenden Zahl an Patientinnen und Patienten rechnen müssen, ohne dass gleichzeitig entsprechend mehr Personal zur Verfügung steht. Deshalb werden wir technologische Unterstützung überall dort brauchen, wo sie sinnvoll eingesetzt werden kann. Ärztinnen und Ärzte wird die künstliche Intelligenz aber nicht ersetzen. Sie ist vielmehr eine wertvolle Ergänzung unserer Arbeit.
Gibt es therapeutische Meilensteine, die Sie in der nahen Zukunft erwarten bzw. erhoffen?
E. Kink: Die nächsten großen Meilensteine werden sicherlich in der Onkologie liegen. In diesem Bereich wird sich in den kommenden Jahren noch sehr viel weiterentwickeln. Ebenso wichtig wäre es, das Lungenkrebs-Screening auch in Österreich flächendeckend zu etablieren. Dadurch könnten Tumoren häufiger in einem frühen Stadium entdeckt werden, wenn sie noch sehr klein und gut behandelbar sind.
Ein großes Zukunftsthema sind außerdem neue endoskopische Verfahren. Ziel ist es, kleine Tumoren künftig möglicherweise bereits im Rahmen der Diagnostik zu behandeln und ohne klassische Operation zu entfernen.
Stichwort Lungenkrebs-Screening: Das war auch ein wichtiges Anliegen des vorherigen ÖGP-Präsidenten Univ.-Prof. Dr. Bernd Lamprecht. Wie ist dazu der Status quo?
E. Kink: Wir arbeiten weiterhin intensiv am Thema Lungenkrebs-Screening und stehen inzwischen auch mit den zuständigen Gremien in Kontakt. Wir hoffen, dass in den kommenden Jahren erste Projekte starten können – möglicherweise bereits im nächsten Jahr. Im besten Fall könnte daraus auch eine größere Umsetzung in Österreich entstehen.
Von unserer Seite ist die fachliche Vorarbeit weitgehend geleistet. Nun müssen vor allem noch Fragen der Finanzierung und der Kosten geklärt werden. Ich glaube aber, dass inzwischen das Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass sich ein Lungenkrebs-Screening langfristig nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich auszahlen kann. Wenn Tumoren in früheren Stadien entdeckt werden, sind sie in der Regel besser behandelbar, und aufwendige Therapien in weit fortgeschrittenen Stadien können teilweise vermieden werden.
Die Impfmüdigkeit in Österreich ist und bleibt ein heikles Thema, das auch pneumologische Patient:innen besonders betrifft. Haben Sie eine Idee, wie man Menschen dazu motivieren kann, diese wichtige Prophylaxemöglichkeit zu nützen?
E. Kink: Beim Thema Impfen ist in Österreich sicherlich einiges schiefgelaufen. Viele Menschen reagieren zurückhaltend, wenn sie das Gefühl haben, dass ihnen etwas vorgeschrieben wird. Umso wichtiger ist es, nicht mit Drohungen oder Schreckensszenarien zu arbeiten, sondern wieder stärker zu erklären, zu informieren und jene Menschen abzuholen, die noch unsicher sind.
Es geht darum, zu vermitteln, dass Impfungen in der Regel keinen Schaden verursachen, sondern einen klaren gesundheitlichen Nutzen haben – gerade für pneumologische Patientinnen und Patienten, die besonders gefährdet sein können.
Ein wichtiger Schritt wäre auch, die Impfbereitschaft im Gesundheitswesen selbst weiter zu stärken. Wenn sich möglichst viele Beschäftigte impfen lassen, schützt das nicht nur die Patientinnen und Patienten, sondern setzt auch ein wichtiges Zeichen: Wir stehen hinter den Empfehlungen, wir übernehmen Verantwortung und leben das selbst vor.
Natürlich ist das ein langwieriger Prozess. Man muss Menschen immer wieder ansprechen, ihre Fragen ernst nehmen und verständlich erklären, warum Impfungen sinnvoll sind. Aus meiner Sicht erreicht man dabei mit Unterstützung und Vernunft mehr als mit Schreckensszenarien.
Gibt es (generelle) Entwicklungen in der Medizin, die Sie mit Sorge verfolgen?
E. Kink: Ich bin grundsätzlich kein besonders sorgenvoller Mensch. Ich glaube, dass wir uns als Gesellschaft ohnehin schon sehr viele Sorgen machen. Viele der Katastrophenszenarien, die ständig präsent sind, treten letztlich gar nicht in dieser Form ein. Vielleicht sollten wir deshalb wieder lernen, uns etwas weniger zu sorgen und das Leben bewusster und freudiger zu gestalten. Wenn man sich ansieht, was Menschen tatsächlich gesund hält und zu einem langen Leben beiträgt, spielt das soziale Miteinander eine ganz entscheidende Rolle. Es ist wichtig, einander zu treffen, nicht zu vereinsamen und regelmäßig nach draußen zu gehen.
Außerdem sollten wir vielleicht auch öfter das Handy weglegen und wieder stärker auf unser eigenes Empfinden vertrauen. Wir brauchen nicht immer ein Gerät, das uns sagt, ob wir gut geschlafen haben oder wie es uns geht. Wenn wir wieder mehr lernen, auf uns selbst zu hören und unsere Beziehungen zu pflegen, wäre das aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Das könnte Sie auch interessieren:
«Hit hard and early» mit Biologika. Oder doch nicht?
Dr. med. Nikolay Pavlov, Facharzt an der Universitätsklinik für Pneumologie am Inselspital in Bern, stellte an der gemeinsamen Jahrestagung der Schweizer Gesellschaften für Kardiologie ...
Paradigmenwechsel in der Therapie
Beim FOMF-Update Innere Medizin berichtete Dr. med. Tino Schneider, Leitender Arzt Pneumologie, Kantonsspital St. Gallen, HOCH Health Ostschweiz, vor dem Hintergrund des vor Kurzem ...