Neue globale Daten zur Epidemiologie von Kopfschmerzerkrankungen
Eine neue Studie des „Global Burden of Disease Collaborator“-Netzwerks hat nun die globale Krankheitslast durch die häufigsten Kopfschmerzerkrankungen beziffern können.1 Dabei fielen stärkere geschlechtsspezifische Unterschiede auf, als frühere Schätzungen prognostizierten. Die letzte vergleichbare Auswertung wurde 2017 durchgeführt.
Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne, Spannungskopfschmerz und Medikamentenübergebrauchskopfschmerzen (MÜK) gehören zu den häufigsten Erkrankungen weltweit. Sie können den Alltag der Patient:innen erheblich erschweren. Das Forschungsnetzwerk hat nun 182 Studien aus 64 Staaten zu Migräne, 125 Studien aus 49 Staaten zu Spannungskopfschmerz und 47 Studien aus 30 Staaten zu MÜK ausgewertet.
Schätzungsweise 2,9 Milliarden Menschen hatten 2023 eine Kopfschmerzerkrankung, was einer globalen altersstandardisierten Prävalenz von 34,6% entspricht. Bei Frauen war diese mit 37,5% höher als bei Männern (31,8%). Die globale Anzahl an Jahren, die mit Behinderung verbracht wurden („years lived with disability“, YLD) betrug 541,9 Jahre pro 100000 und war ebenfalls mit 739,9 YLD bei Frauen fast doppelt so hoch wie bei Männern mit 346,12 YLD.
Abb. 1: Ein globaler Vergleich zeigt, dass Migräne weltweit – sowohl in Hocheinkommensländern als auch im globalen Süden – zu einer höheren Krankheitslast als Spannungskopfschmerz führt
Die häufigste Kopfschmerzart war der Spannungskopfschmerz mit einer globalen altersstandardisierten Prävalenz von 24,9%. Migräne folgte mit einer Prävalenz von 14,1%. Gemessen an der Zahl der Lebensjahre, die mit Behinderung verbracht werden, ist Migräne mit 40,9 Millionen YLD im Jahr 2023 bzw. 487,5 altersstandardisierten Jahren pro 100000 führend. Hier fallen auch die stärkeren und schwereren Symptome von Migräneepisoden im Vergleich zu Spannungskopfschmerzen ins Gewicht, die zu einer stärkeren Behinderung (Maß:„disability weight“) führen.
Mit einer altersstandardisierten Krankheitslast von 541,9 YLD pro 100000 sind Kopfschmerzerkrankungen die Erkrankungsgruppe mit der höchsten Krankheitslast. Global sind sie auf Platz 6 der Erkrankungsgruppen, die zu den meisten Lebensjahren unter Behinderung führen. Laut den Autor:innen unterstreicht die Studie den Bedarf an effektiven Management- und Präventionsmaßnahmen gegen Kopfschmerzen. Zudem zeigt die hohe Krankheitslast durch MÜK, dass durch adäquate Behandlung von Kopfschmerzen und eine Erhöhung der Awareness bei Patient:innen die globale Krankheitslast bereits erheblich reduziert werden kann.
Limitationen
Weil solche globalen Überblicksauswertungen nicht so häufig erfolgen, können rezente Entwicklungen dadurch nicht abgedeckt werden. So ist einerseits unklar, ob und inwiefern die SARS-CoV-2-Pandemie Einfluss auf die Häufigkeit von Kopfschmerzen und die damit verbundene Krankheitslast hatte. Anderseits können diese Daten auch noch nicht berücksichtigen, inwieweit neue Migränemedikationen wie die Antikörper gegen das „calcitonin gene-related peptide“ (CGRP) die Krankheitslast verringern können. Die Autor:innen spekulieren aber, dass diese Effekte derzeit noch gering sind, da die Medikamente noch nicht in der Breite angewandt werden.2
Für die neuen Migränetherapien sehen die Autor:innen daher große Chancen. Zum einen wegen der volkswirtschaftlich betrachteten Kosteneffektivität, da der Produktivitätsverlust durch Migräne erheblich reduziert werden kann. Zum anderen, weil Migräne weltweit zu einer hohen Krankheitslast führt und Firmen nun die Chance hätten, die Marktführerschaft in bisher nahezu unerschlossenen Märkten zu sichern. (red)
Literatur:
1 Husoy AK et al.: Global, regional, and national burden of headache disorders, 1990–2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023. Lancet Neurol 2025; 24(12): 1005-15 2 Puledda F et al.: Worldwide availability of medications for migraine and tension-type headache: a survey of the International Headache Society. Cephalalgia 2024; 44: 3331024241297688
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