Vom Kampf gegen Viren und Skeptiker
Bericht: Reno Barth
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Das Risiko für Schlaganfall und Myokardinfarkt steigt durch eine Influenzaerkrankung um den Faktor 8, jenes für unterschiedlichste Diabeteskomplikationen nimmt um den Faktor 74 zu. Das sind nur einige der Daten, die beim Österreichischen Impftag am 17. Jänner 2026 für eine verstärkte Impfprophylaxe angeführt wurden.
Auf dem österreichischen Impftag haben wir nicht nur die Gelegenheit, ‚facts and figures‘ zu diskutieren, sondern auch gemeinsam zu überlegen, wie wir diese Fakten vermitteln können. Der Titel des Impftags ‚I’m back – da geht mir das Geimpfte auf‘ soll veranschaulichen, was passiert, wenn die Impfcompliance abnimmt und vermeidbare Infektionskrankheiten zurückkehren“, sagte Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie an der Medizinischen Universität Wien, anlässlich der Eröffnung des Österreichischen Impftages 2026.
Kanada: Rückkehr der Masern nach Rückgang der Impfbereitschaft
Was geschehen kann, wenn ausgerottete Infektionskrankheiten zurückkehren, erläuterte Prof. Dr. Noni McDonald, emeritierte Professorin für Pädiatrie an der kanadischen Dalhousie University, am Beispiel der Masernausbrüche, die einige kanadische Provinzen in den vergangenen Jahren heimgesucht hatten. Dabei wies McDonald auch auf ein relativ neues Phänomen hin: Impfskepsis und Impfgegnerschaft seitens der Politik bzw. seitens bestimmter politischer Akteure. Diese könne unterschiedliche Formen annehmen und sich beispielsweise in der Besetzung von Behörden mit Impfskeptikern äußern. Die aktuelle Situation in den USA biete hierfür ebenso ein Beispiel.
Köksal Baltaci, Medizinredakteur der Tageszeitung Die Presse beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Einfluss guter (oder eben nicht guter) Kommunikation auf die Impfbereitschaft. Nicht zuletzt die Pandemie habe uns vor Augen geführt, wie wichtig Transparenz und Vertrauen sind, wenn es darum geht, die Bevölkerung gewissenhaft aufzuklären. Aus diesen Jahren müssen dringend die richtigen Schlüsse gezogen werden. Nicht nur, um auf künftige Gesundheitskrisen besser vorbereitet zu sein. Sondern vor allem, um die Mühen der Ebene besser zu bewältigen. Baltaci betonte auch, dass das Gespräch mit Impfskeptikern gesucht werden müsse – auch wenn dies sehr mühsam sein könne –, da Gesprächsverweigerung zu niedrigeren Impfraten führen könne.
Österreichisches Impfprogramm mit kleinen Änderungen
Neue Impfstoffe
In den öffentlichen Impfprogrammen stehen aktuell eher kleinere Änderungen an, so PD Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek, Leiterin der Abteilung Impfwesen im Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: In den kostenfreien Kinderimpfprogrammen wird als Impfung gegen das Rotavirus künftig RotaTeq statt Rotarix zum Einsatz kommen. Der Sechsfachimpfstoff Infanrix hexa (Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Hepatitis B, Poliomyelitis und Haemophilus influenzae Typ B) wird ersetzt durch eine Vakzine namens Hexyon, die gegen die gleichen Erreger gerichtet ist.
Da die Impfstoffe für Folgeimpfungen nicht frei austauschbar sind, werden die älteren noch einige Monate verfügbar sein. Paulke-Korinek: „Die Grundimmunisierung mit der Sechsfachimpfung sollte prinzipiell mit dem Impfstoff abgeschlossen werden, mit dem sie begonnen wurde.“ Bei der dritten Impfung kann auf die neue Vakzine ausgewichen werden. Schon bei der zweiten Impfung zu switchen ist nur in Ausnahmefällen zulässig. Jedenfalls gilt es, Verwurf zu vermeiden und etwaige Vorräte aufzubrauchen. Im Falle der Impfung gegen das Rotavirus sollte keinesfalls zwischen den Impfstoffen gewechselt werden, da zu einem derartigen Switch keinerlei Daten vorliegen.
RSV
Die RSV-Prophylaxe mit Beyfortus steht ebenfalls im Rahmen des Kinderimpfprogramms in der ersten RSV-Saison zu Verfügung. Paulke-Korinek erinnert daran, dass es sich um eine rein saisonale Prophylaxe für die Zeit zwischen 1. Oktober und 31. März handle. Sollte die RSV-Saison wider Erwarten länger dauern, werden entsprechende Empfehlungen ergehen. Geimpft werden sollte möglichst in der ersten Lebenswoche.
Covid-19
Nicht zuletzt erinnert Paulke-Korinek an die aktuell etwas in Vergessenheit geratene Impfung gegen Covid-19. Es dürfe nicht übersehen, werden, dass SARS-CoV-2 nach wie vor zu mehr Hospitalisierungen führt als andere impfpräventable Atemwegserkrankungen. Hauptrisikogruppe sind ältere Menschen.
Heptatitis A
Aufgrund der epidemiologischen Situation nicht mehr generell empfohlen wird die Impfung gegen Hepatitis A. Allerdings gibt Dr. David Springer vom Zentrum für Virologie der Medizinischen Universität Wien zu bedenken, dass es im Jahr 2025 zu einem markanten Anstieg der Zahl der bestätigten Erkrankungen auf 239 in Österreich gekommen ist. Dies ist Teil eines multinationalen Ausbruchs mit tausenden Fällen in Österreichs östlichen Nachbarländern. Die Impfung kann sowohl mit einem monovalenten Impfstoff in zwei Dosen mit sechs Monaten Abstand als auch mit einem bivalenten Impfstoff gegen Hepatitis A und B in drei Dosierungen erfolgen. Da es lediglich einen Serotyp von Hepatitis A gibt und das Virus ausschließlich in der humanen Population zirkuliert, wäre eine Eradikation theoretisch möglich.
Zusatznutzen als Argument für höhere Impfbereitschaft
HPV
Univ.-Doz. Dr. Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Nationalen Referenzlabors für respiratorische Viren, weist auf den ökonomischen, klinischen und sozialen Zusatznutzen hin, den Impfungen über die Verhinderung von Infektionen mit sich bringen. Ein Beispiel ist die Prävention von Karzinomen. Diese stellt im Falle der HPV-Infektion sogar den Hauptzweck der Impfung dar. Impfprogramme können die Prävalenz der Problemvarianten HPV 16 und 18 massiv senken. Damit sinkt auch die Prävalenz von Anogenitalwarzen und Dysplasien des Zervix-Plattenepithels. Dies bedeutet Schutz vor Gebärmutterhalskrebs, Peniskarzinomen und Analkarzinomen.
Hepatitis B (HBV)
Ebenfalls zur Krebsprävention trägt die Impfung gegen Hepatitis B bei. HBV ist ein etablierter Risikofaktor für das hepatozelluläre Karzinom. Die durch HBV verursachte Hepatitis zeigt eine deutliche Tendenz zur Chronifizierung, die chronische Entzündung der Leber führt zur Zirrhose, auf deren Basis häufig Krebs entsteht. Studiendaten aus den USA zeigen in geimpften Populationen eine Reduktion der Inzidenz von Leberkrebs von rund 70%.1
Influenza
Auch der Nutzen der Influenzaimpfung geht weit über die Vermeidung der direkt durch die Grippe verursachten Morbidität und Mortalität hinaus – auch wenn diese nicht unterschätzt werden sollen. Menschen mit Vorerkrankungen weisen ein hohes Risiko auf, durch die Influenza Komplikationen ihrer Grunderkrankung zu erleiden, erläuterte Redlberger-Fritz. So steigen Schlaganfall- und Myokardinfarkt-Risiko durch eine Influenzaerkrankung um den Faktor acht. Das Risiko unterschiedlichster Diabeteskomplikationen steigt im Verlauf einer Influenza um den Faktor 74.2,3 Das Risiko eines Verlustes der Selbstständigkeit steigt mit einer Influenzaerkrankung auf das 23-Fache.
Herpes zoster
In eine ähnliche Richtung weisen auch rezente Daten zur rekombinanten Impfung gegen Herpes zoster: Nach vollständiger Immunisierung sinkt das Risiko einer Demenzdiagnose um 32%.4
Demnächst in Ihrem Garten: Dengue und Chikungunya
Die beiden vektorübertragenen Erkrankungen Dengue und Chikungunya sind aktuell vor allem für die Reisemedizin relevant, so Dr. Angelika Wagner, Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Medizinische Universität Wien. Doch das könnte sich in absehbarer Zeit ändern. Denn beide Krankheiten sind mittlerweile auch in Europa heimisch und man habe bereits mehrfach Erkrankungsfälle ohne Reiseanamnese gesehen.
Neben der Expositionsprophylaxe stehen mittlerweile gegen beide Erkrankungen in der EU zugelassene Impfstoffe zur Verfügung. Für Chikungunya sind der Lebendimpfstoff Ixchiq und der Totimpfstoff Vimkunya zugelassen. Der Lebendimpfstoff zeichnet sich durch eine hohe Seroprotektionsrate von 96,8% über 24 Monate aus. Nachteil ist die Verträglichkeit: Chikungunya-ähnliche Symptome wie Arthralgien können nach der Impfung auftreten und in seltenen Fällen über Monate persistieren. Schwere Nebenwirkungen sind insbesondere bei älteren Menschen möglich, weshalb die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) eine Sicherheitswarnung für Personen ab 65 Jahren ausgesprochen hat. Der besser verträgliche Totimpfstoff hat allerdings den Nachteil einer vergleichsweise geringeren Reaktogenität – insbesondere bei älteren Menschen über 65.
Von den zahlreichen Dengue-Impfstoffen ist in Österreich nur der lebend-attenuierte Impfstoff Dengvaxia zugelassen. Die Situation bei Dengue ist insofern schwierig, als es vier Serotypen des Virus gibt, gegen die der Impfstoff unterschiedliche Wirksamkeit zeigt. Die Wirksamkeit ist höher bei zuvor an Dengue Erkrankten. Nach 4,5 Jahren fällt die Wirksamkeit gegen eine bestätigte Dengueinfektion ab, bleibt jedoch gegen Hospitalisierung hoch.
Quelle:
Österreichischer Impftag 2026 „I’m back – da geht mir das Geimpfte auf!“ am 17. Jänner 2026 in Wien
Literatur:
1 Pudam Chang MH et al.: Decreased incidence of hepatocellular carcinoma in hepatitis B vaccinees: a 20-year follow-up study. J Natl Cancer Inst 2009; 101(19): 1348-55 2 Warren-Gash C et al. Laboratory-confirmed respiratory infections as triggers for acute myocardial infarction and stroke: a self-controlled case series analysis of national linked datasets from Scotland. Eur Respir J 2018; 51(3): 1701794 3 Samson SI et al.: Quantifying the impact of influenza among persons with type 2 diabetes mellitus: a new approach to determine medical and physical activity impact. J Diabetes Sci Technol 2021; 15(1): 44-52 4 Tang E et al.: Recombinant zoster vaccine and the risk of dementia. Vaccine 2025; 46: 126673
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