
Frauen und HIV
Unsere Gesprächspartnerin:
Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Katharina Grabmeier-Pfistershammer
Vorstandsmitglied der Österreichischen AIDS Gesellschaft
E-Mail: info@aidsgesellschaft.at
Das Interview führte
Mag. Birgit Leichsenring
Seit dem Beginn der HIV-Epidemie gab es enorme medizinische Entwicklungen. Moderne antiretrovirale Therapien (ART) ermöglichen eine hohe Lebenserwartung bei guter Gesundheit. Dieser Erfolg spiegelt sich auch darin wider, dass Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillen für Frauen mit HIV keine Tabuthemen mehr sind.
Weltweit leben 40,8 Mio. Menschen mit HIV, 53% davon sind weiblich. Für 2024 wurden die HIV-Neuinfektionen auf 1,3 Mio. geschätzt, in Subsahara-Afrika z.B. entfallen 63% der Neuinfektionen auf Frauen. Dennoch wird HIV oftmals nicht mit Frauen verbunden.
Frau Prof. Grabmeier-Pfistershammer, warum wird das Thema „Frauen und HIV“ oft unterschätzt?
K. Grabmeier-Pfistershammer: In westlichen Ländern wurde die HIV-Epidemie zunächst bei Männern, die Sex mit Männern haben, sichtbar und so in den Medien präsent. Daher werden auch heute noch Frauen in dem Zusammenhang oft nicht wahrgenommen. Die Realität stellt sich ganz anders dar, wie die globale Statistik aufzeigt. In unseren österreichischen HIV-Schwerpunktspitälern sind ca. 25% der Patient:innen weiblich. HIV ist eindeutig auch ein Frauenthema.
Spiegeln sich Frauenthemen in der Medizin wider?
K. Grabmeier-Pfistershammer: Nein, nicht im notwendigen Ausmaß. In Zulassungsstudien etwa sind Frauen mit ihren besonderen Themen wie Schwangerschaft, Stillen, hormoneller Verhütung, aber auch Menopause oder Älterwerden oftmals gar nicht bis schlecht abgebildet. Daten zur Sicherheit von HIV-Medikamenten in der Schwangerschaft stehen erst Jahre nach der Zulassung durch Informationen aus Schwangerschaftsregistern zur Verfügung.
Wie ist der aktuelle Stand zu ART in der Schwangerschaft?
K. Grabmeier-Pfistershammer: Mittlerweile liegen zu fast allen Substanzen der empfohlenen Erstlinientherapien genügend Daten vor, die den Einsatz in der Schwangerschaft rechtfertigen. Jede schwangere Frau mit HIV sollte eine ART erhalten bzw. weiterführen. Denn die konstante virologische Suppression hat zwei Ziele: den Erhalt der Gesundheit der Mutter sowie die Vermeidung einer Infektion des Ungeborenen. Das Risiko für eine vertikale Transmission geht unter guten Voraussetzungen weit unter 1% und eine vaginale Geburt ist längst Normalität.
Können Mütter mit HIV ihre Kinder stillen?
K. Grabmeier-Pfistershammer: Daten zeigen bei wirksamer ART der Mutter ein Übertragungsrisiko, das nicht null, aber sehr niedrig ist. Aufgrund der vielen Vorteile des Stillens wird es in rezenten europäischen und auch deutsch-österreichischen Leitlinien daher bei supprimierter mütterlicher Viruslast thematisiert und durchaus empfohlen. Die Stillentscheidung ist jedoch individuell und sollte von Mutter und Behandler:in gemeinsam getroffen werden. Stillen ist somit eine Option, die bei Wunsch der Mutter professionell unterstützt werden sollte.
Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung für Frauen mit HIV ?
K. Grabmeier-Pfistershammer: HIV ist nach wie vor mit Diskriminierung verbunden. Frauen mit HIV sind teils stärker betroffen und erleben zum Thema Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillen oft sehr ablehnende Wertungen. Das entspricht nicht der State-of-the-Art-Medizin, dank der Menschen mit HIV ihre Familienplanung ganz individuell gestalten können.
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