Multiprofessionelle Zusammenarbeit in der Hepatologie am Beispiel der Leberzirrhose
Autorinnen:
DGKP Denise Schäfer, BSc
Advanced Practice Nurse (Hepatologie)
Dr. Petra Plakolb
Interne IV – Gastroenterologie & Hepatologie, Endokrinologie und Stoffwechsel, Ernährungsmedizin
Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern
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Die Versorgung von Patient:innen mit Lebererkrankungen stellt eine komplexe, multiprofessionelle Herausforderung dar. Besonders bei fortgeschrittener Leberzirrhose mit Komplikationen wie portaler Hypertension, Aszites, Varizenblutung oder hepatischer Enzephalopathie zeigt sich, dass eine optimale Behandlung nur durch strukturiertes Teamwork erreicht werden kann.
Keypoints
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Von der Erstdiagnose über das Akutmanagement bis zur Langzeitbetreuung sind in der Betreuung von Patient:innen mit Lebererkrankungen zahlreiche Berufsgruppen involviert. Nur wenn diese effektiv zusammenarbeiten, können komplexe Krankheitsverläufe erfolgreich bewältigt werden.
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„Teamwork makes the dream work“ bedeutet in diesem Kontext klare Kommunikation, definierte Prozesse und gegenseitiges Verständnis für die jeweiligen Gesundheitsprofessionen.
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So wird aus einer Vielzahl einzelner Maßnahmen eine koordinierte, ganzheitliche, patient:innenzentrierte Versorgung, und das macht letztlich den entscheidenden Unterschied im klinischen Outcome aus.
Erstdiagnose Leberzirrhose: Teamarbeit als Basis
Je nach Ätiologie der Leberzirrhose sind unterschiedliche Fachdisziplinen und Gesundheitsberufe frühzeitig in das Behandlungsteam einzubinden. Bei alkoholassoziierter Lebererkrankung (ALD) steht unter anderem die strukturierte Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung im Vordergrund, wobei suchtmedizinische Expertise und psychotherapeutische Unterstützung erforderlich sind.
Bei der metabolisch assoziierten Steatose (MASH) ist die Zusammenarbeit mit Diätologie und Physiotherapie essenziell, um nachhaltige Lebensstilinterventionen umzusetzen. Bei hereditären Erkrankungen wie der Hämochromatose sind eine genetische Beratung sowie eine Testung der Familie notwendig. Chronische Virushepatitiden erfordern nicht nur die Meldung an die zuständige Behörde und die leitliniengerechteantivirale Therapie, sondern auch eine konsequente Unterstützung der Patient:innen in Bezug auf die Therapieadhärenz.
Edukationsprogramme dienen dazu, Betroffene im Selbst- und Notfallmanagement der Leberzirrhose zu schulen. Patient:innen lernen, klinische Zeichen einer Varizenblutung wie Meläna, Hämatemesis oder Kreislaufprobleme zu identifizieren und entsprechend zu reagieren. Bei hepatischer Enzephalopathie (HE) sind Maßnahmen wie Stuhlausscheidung 2- bis 3-mal täglich, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und die frühzeitige Behandlung von Infekten entscheidend. Bei Aszites erfolgt eine Schulung über Komplikationen wie spontane bakterielle Peritonitis (SBP), Mangelernährung und Sarkopenie. Um das Selbstmanagement zu fördern, werden Patient:innen darin instruiert, täglich Gewicht und Bauchumfang zu messen, um gegebenenfalls eine zeitgerechte Parazentese zu ermöglichen.
Parallel dazu wird das Vorliegen einer portalen Hypertension evaluiert. Bei entsprechender Indikation wird eine Dauertherapie mit nichtselektiven Betablockern (NSBB) etabliert. Auch hier ist eine enge Begleitung erforderlich: Patient:innen müssen über das schrittweise Eindosieren sowie mögliche Nebenwirkungen informiert werden. Ebenso ist eine klare Aufklärung darüber erforderlich, wann die Medikation pausiert oder abgesetzt werden sollte, beispielsweise bei einem systolischen Blutdruck unter 90mmHg oder einer Herzfrequenz unter 50/min. Präventive Maßnahmen wie Impfungen oder das regelmäßige Screening auf hepatozelluläres Karzinom (HCC), das in der Regel alle sechs Monate durchgeführt werden sollte, gehören ebenfalls zur Edukation.
Akutmanagement: Koordination unter Zeitdruck
Im Falle einer akuten Varizenblutung entscheidet die Qualität der multiprofessionellen Zusammenarbeit über den weiteren Krankheitsverlauf. Die akute gastrointestinale Blutung bei Leberzirrhose erfordert ein koordiniertes Vorgehen. Neben der raschen Stabilisierung durch Volumentherapie, Blutprodukte und Gerinnungsmanagement müssen diagnostische und therapeutische Maßnahmen parallel organisiert werden (Abb.1).
Abb. 1: Therapiealgorithmus bei Varizenblutung (modifiziert nach ÖGGH 2022, basierend auf Billroth-III und Baveno-VII)
Hier greifen mehrere Berufsgruppen ineinander:
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Mediziner:innen übernehmen in Zusammenarbeit mit der Anästhesie die klinische Einschätzung, Stabilisierung und Versorgung der Patient:innen auf der Intensivstation bzw. IMCU.
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Zur Diagnostik und Intervention bedarf es Absprachen mit Endoskopiepflegepersonen und der Radiologie.
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Endoskopieteams stellen die technische und personelle Durchführung sicher und koordinieren Monitoring, Laborabnahme, Medikamentengabe sowie die Vorbereitung für Eingriffe.
Die Vorbereitung einer Notfallendoskopie ist ein gutes Beispiel für gelebtes Teamwork. Patient:innen müssen nüchtern gehalten werden, wobei Prokinetika die Sichtqualität bei der Endoskopie verbessern können. Es bedarf auch entsprechender endoskopischer Ausrüstung, wie Ligatursets, Kleber oder Stents, die bereitgestellt werden müssen, und alle beteiligten Teams (Endoskopie, Radiologie) müssen über die potenzielle Notfallsituation informiert werden. Eine klare Kommunikation ist dabei essenziell, insbesondere bei unklarer Diagnose oder mehreren möglichen Blutungsquellen.
Nachsorge: langfristige, vernetzte Betreuung
Die umfassende Nachsorge nach Varizenblutung erfordert einen multiprofessionellen Ansatz mit Einbindung von Hepatologie, spezialisierter Pflege, Ernährungsberatung, Sozialarbeit, Psychologie und Physiotherapie. Die Evidenz zeigt, dass ein interdisziplinäres Team die Patient:innenversorgung, die Lebensqualität und die klinischen Outcomes verbessert (Tapper et al. 2023; Kaplan et al. 2024).
Bei schwer erkrankten Patient:innen kann eine frühe interdisziplinäre Palliativversorgung zu Konsensbildung über Behandlungsziele, verkürzter Hospitalisierungsdauer und verbesserter Lebensqualität führen (Rogal et al. 2022).
Nach der Akutphase beginnt die Langzeitbetreuung:
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Therapie der zugrunde liegenden Ätiologie, z.B.
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Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung bei ALD
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Behandlung des metabolischen Syndroms bei MASLD
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Immunsuppressiva oder Aderlässe
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Management und Verlaufskontrollen der portalen Hypertension, insbesondere in Bezug auf Medikamentenverträglichkeit und -kontraindikationen sowie Dekompensationszeichen
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Halbjährliches Hepatom-Screening
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Stadiengerechtes HCC-Therapiemanagement: Chirurgie (operative Resektion), Radiologie (lokalablative Verfahren), Onkologie (Immuntherapie), Palliative Care (symptomorientierte Therapie und Advance Care Planning)
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Evaluation für TIPS oder Lebertransplantation
Die regelmäßige Überprüfung der Dauermedikation ist ebenfalls erforderlich, da krankheitsbedingte Veränderungen wie ein reduzierter First-pass-Effekt, Hypalbuminämie mit verminderter Proteinbindung und ein erhöhtes Verteilungsvolumen (z.B. bei Aszites) den Metabolismus und die Pharmakokinetik zahlreicher Substanzen beeinflussen. Besonders hervorzuheben ist die Therapie mit Protonenpumpenhemmern (PPI), die im Kontext oberer gastrointestinaler Blutungen initiiert, jedoch nicht selten unkritisch fortgeführt wird. Langfristige PPI-Gabe bei Patient:innen mit Leberzirrhose ist mit einem erhöhten Risiko für hepatische Enzephalopathie und spontane bakterielle Peritonitis assoziiert, ohne einen protektiven Effekt hinsichtlich Varizenblutungen zu bieten. Vor diesem Hintergrund sollte die Indikation zur Weiterführung von PPI strikt geprüft und eine nicht gerechtfertigte Therapie konsequent beendet werden.
Spezialisierte Pflegeprogramme und strukturierte Nachsorge
Die Verbesserung der pflegerischen Versorgung bei chronischen Erkrankungen wurde als Priorität identifiziert, insbesondere für die Langzeitbetreuung von Patient:innen mit Leberzirrhose (Ginès et al. 2021).Pflegegeleitete Nachsorgeprogramme nach Varizenblutung zeigen signifikante Verbesserungen bei Wiederaufnahmeraten und Mortalität. Eine Metaanalyse von 7 Studien mit 668 Patient:innen zeigte, dass spezialisierte Pflegebetreuung die 30-Tage-Wiederaufnahmerate um 61% reduziert (Risikoreduktion von 39%, 95% CI: 0,2–0,59). In randomisierten kontrollierten Studien wurde auch eine signifikante Mortalitätsreduktion nachgewiesen (Risikoreduktion von 47%; Guo et al. 2026).
Literatur:
● Angeli P et al.: EASL Clinical Practice Guidelines on the management of decompensated cirrhosis. J Hepatol 2018; 69: 406-60 ● de Franchis R et al.: Baveno VII – Renewing consensus in portal hypertension. J Hepatol 2022; 76(4): 959-74 ● Ginès P et al.: Liver cirrhosis. Lancet 2021; 398(10308): 1359-76 ● Guo J et al.: Comparing nurse-assisted outpatient follow-up with standard care among patients with decompensated liver cirrhosis: a systematic review and meta-analysis. Eur J Gastroenterol & Hepatol 2026; 38(4): 479-86 ● Kaplan DE et al.: AASLD Practice Guidance on risk stratification and management of portal hypertension and varices in cirrhosis. Hepatology 2024;79(5): 1180-1211 ● Montagnese S et al.: EASL Clinical Practice Guidelines on the management of hepatic encephalopathy. J Hepatol 2022; 77(3): 807-24 ● Österreichische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie; ÖGGH: https://www.oeggh.at/wp-content/uploads/2023/06/Hepatologie_varizenblutung_2022.pdf ; zuletzt aufgerufen am 23.4.2026 ● Rogal SS et al.: AASLD Practice Guidance: Palliative care and symptom-based management in decompensated cirrhosis. Hepatology 2022; 76(3): 819-53 ● Tapper EB, Parikh ND: Diagnosis and management of cirrhosis and its complications: a review. JAMA 2023; 329; (18):1589-1602 ● Villa E et al.: EASL Clinical Practice Guidelines on prevention and management of bleeding and thrombosis in patients with cirrhosis. J Hepatol 2022; 76: 1151-84
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