Wenn das Immunsystem den Unterschied macht
Autor:innen:
Dr. Katharina Steger
Ao. Univ.-Prof. Dr. Alain G. Zeimet
Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Medizinische Universität Innsbruck
Korrespondierende Autorin:
Dr. Katharina Steger
E-Mail: katharina.steger@i-med.ac.at
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Nicht jede HPV-Infektion führt zu einem Zervixkarzinom. Bei der Mehrzahl der Frauen wird das Virus innerhalb einiger Monate durch das Immunsystem eliminiert; bei einem Teil der Betroffenen jedoch persistiert die Infektion und kann schließlich zur malignen Transformation führen. Die Ursachen dieser Persistenz sind multifaktoriell – neben viralen und umweltbedingten Faktoren spielen auch genetische Wirtsfaktoren eine Rolle. Insbesondere Polymorphismen im Human-Leukocyte-Antigen-System (HLA) könnten beeinflussen, wie effektiv virale Antigene präsentiert und erkannt werden. Damit könnten HLA-Varianten mitbestimmen, ob eine HPV-Infektion kontrolliert und eliminiert wird – oder persistiert und zur Karzinogenese beiträgt.
HPV und Zervixkarzinom – bekannte Ursache, offene Fragen
Das Zervixkarzinom zählt weltweit zu den häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen. Rund 660000 Neuerkrankungen und etwa 350000 Todesfälle werden jährlich registriert – die Mehrheit in Ländern mit eingeschränktem Zugang zu HPV-Impfung und Früherkennung.1 In nahezu allen Fällen ist eine persistierende Infektion mit onkogenen humanen Papillomaviren (HPV) nachweisbar, insbesondere mit den Hochrisikotypen HPV-16 und -18.2 Dennoch bleibt eine zentrale Frage der Pathogenese weiterhin unbeantwortet: Warum heilen die meisten HPV-Infektionen spontan ab, während ein kleiner Anteil persistiert und letztlich zur malignen Transformation führt?
Mehr als 90% der neu erworbenen HPV-Infektionen werden innerhalb von 6 bis 24 Monaten durch das Immunsystem eliminiert.3,4 Persistenz und Progression entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Auf viraler Ebene spielen Genotyp, Varianten mit erhöhter onkogener Potenz sowie virale Last und Integration in das Wirtsgenom eine Rolle.5 Ebenso entscheidend ist die Immunantwort des Wirts: Eine effektive zelluläre Immunantwort, insbesondere durch CD4+- und CD8+-T-Zellen, ist für die Viruselimination notwendig, während HPV gleichzeitig Mechanismen der Immunevasion nutzt, etwa durch Hemmung der Antigenpräsentation oder Suppression von Interferon-Signalwegen.4,6 Weitere Kofaktoren für Persistenz und Progression sind unter anderem Immunsuppression, Rauchen, hormonelle Faktoren, Koinfektionen sowie Veränderungen des vaginalen Mikrobioms.4,7 Darüber hinaus beeinflussen genetische Wirtsfaktoren den Verlauf der Infektion. Insbesondere individuelle Polymorphismen im Human-Leukocyte-Antigen-System (HLA) könnten die Präsentation viraler Antigene und damit die Effektivität der antiviralen Immunantwort modulieren.8
Das HLA-System als immunologischer „Fingerabdruck“
Ein zentraler Faktor der Virusabwehr ist das HLA-System, das den genetischen Code für die Antigenpräsentation liefert.9 HLA-Moleküle präsentieren den T-Zellen Viruspeptide – sie entscheiden somit, ob das Immunsystem einen Erreger erkennt oder übersieht. Auch im Falle einer HPV-Infektion nehmen dabei dendritische Zellen virale Antigene auf, verarbeiten diese und präsentieren die resultierenden Peptide über HLA-Klasse-I- und -II-Moleküle den CD8+- bzw. CD4+-T-Zellen. Erst durch diese Antigenpräsentation wird eine adaptive Immunantwort initiiert, die infizierte Zellen eliminieren kann.10 Da sich die HLA-Typen von Mensch zu Mensch erheblich unterscheiden, variiert auch das Spektrum der präsentierbaren Viruspeptide. Diese genetische Vielfalt bestimmt, welche Virusfragmente erkannt werden können und damit, wie effizient eine HPV-Infektion kontrolliert wird.11
HLA-Profile und HPV-Subtypen im Zervixkarzinom: Analyse einer TCGA-Kohorte
In einer Kooperation zwischen der Universitätsklinik für Frauenheilkunde und dem Biozentrum der Medizinischen Universität Innsbruck wurde eine immunogenetische Untersuchung zu diesem Thema durchgeführt. Ausgewertet wurden dabei Genom- und RNA-Sequenzierungsdaten von insgesamt 304 Patientinnen mit Zervixkarzinom aus der Kohorte des The Cancer Genome Atlas (TCGA). Ziel war es, zu prüfen, ob bestimmte HLA-Allele häufiger bei bestimmten HPV-Subtypen vorkommen – ein Hinweis auf genetisch bedingte Unterschiede in der Viruserkennung und -elimination. Aber auch eine ausgeprägte Unterrepräsentation oder gar ein Fehlen von gewissen HLA-Varianten in entwickelten Karzinomen könnte (als Exklusionskriterium) für eine besondere Bedeutung bei der Viruselimination (z.B. in Krebsvorstufen) hinweisen.
Insgesamt zeigte sich, dass die häufigsten HLA-Varianten der Normalbevölkerung auch in dieser Kohorte häufig waren – etwa HLA-A*02:01 oder HLA-B*07:02. Doch es gab bemerkenswerte Abweichungen. Unter anderem war das normalerweise häufige Allel HLA-A*11:01 stark unterrepräsentiert, während die seltene Variante A*11:303 deutlich häufiger vorkam als erwartet. Auch B*40:01 und B*51:01 traten beispielsweise öfter auf, während B*44:01, eines der häufigsten Allele in der Bevölkerung, in der gesamten Kohorte fehlte. Diese Verschiebungen sowie zahlreiche weitere lassen vermuten, dass bestimmte HLA-Typen mit der Fähigkeit zur Virusabwehr zusammenhängen – einige könnten eher „schutzlos“, andere eher „protektiv“ wirken.
Bei genauerer Betrachtung fiel auf, dass bestimmte HPV-Typen mit bestimmten HLA-Varianten besonders häufig gemeinsam auftraten. So war HPV-33 vor allem bei Trägerinnen von HLA-A*02:01 zu finden, während HPV-18 häufiger bei Frauen mit HLA-H*02:01 vorkam. Interessant war auch HPV-45: Dieser Typ trat häufiger bei Patientinnen mit HLA-DMA*01:01 auf, während er bei anderen Varianten – DMA*01:02 und DOA*01:01 – gar nicht vorkam. Auch dies könnte darauf hindeuten, dass bestimmte HLA-Varianten entweder mit einer verminderten oder mit einer besonders effektiven Schutzwirkung assoziiert sind.
Weiters zeigte sich, dass eine Homozygotie, also das Vorliegen derselben HLA-Variante auf beiden Chromosomen, offenbar ungünstig sein kann. So hatten zum Beispiel Frauen mit A02/A02- oder C04/C04-Profilen häufiger HPV-assoziierte Tumoren. Das könnte darauf hindeuten, dass eine geringere genetische Vielfalt im HLA-System mit einer eingeschränkten Immunabwehr einhergeht.
Unsere Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass die individuelle HLA-Ausstattung beeinflusst, ob eine HPV-Infektion erfolgreich bekämpft wird oder bestehen bleibt. Manche HLA-Typen könnten also mit einem höheren Risiko für HPV-Persistenz und letztlich Karzinomentwicklung verbunden sein, während andere protektiv wirken. Langfristig könnte eine HLA-Typisierung helfen, Risikogruppen besser zu identifizieren – etwa Frauen, bei denen eine HPV-Infektion besonders häufig bestehen bleibt –, und somit rascher und gezielter behandelt werden könnten.
Ausblick: HLA und Tumormikroumgebung
Die vorliegende Analyse fokussierte auf die Assoziation zwischen HLA-Varianten und HPV-Subtypen. Unabhängig davon ist bekannt, dass das Tumormikroenvironment – insbesondere die Zusammensetzung und Aktivität von Immunzellen – maßgeblich die Tumorentwicklung und -progression beeinflusst.12 Da die Antigenpräsentation über HLA-Moleküle die Aktivierung zellulärer Immunantworten steuert, liegt die Hypothese nahe, dass unterschiedliche HLA-Konstellationen nicht nur die Virus-Persistenz, sondern auch die lokale Immunarchitektur im Tumormikroenvironment beim Zervixkarzinom mitprägen könnten.13 Gerade vor dem Hintergrund, dass Immuncheckpoint-Inhibitoren beim fortgeschrittenen oder rezidivierten Zervixkarzinom mittlerweile therapeutisch etabliert sind, könnte das Zusammenspiel zwischen HLA-Ausstattung und Tumorimmunmilieu künftig auch prädiktive Bedeutung erlangen.14 Ob und in welchem Ausmaß HLA-Varianten mit der Zusammensetzung des tumorassoziierten Immunmilieus beim Zervixkarzinom korrelieren, wird derzeit in weiterführenden Analysen untersucht.
Fazit
Nicht jede HPV-Infektion verläuft gleich. Wie effektiv das Immunsystem reagiert, hängt auch vom vorhandenen genetischen „Werkzeugkasten“ der Antigen-Päsentation ab – dem HLA-System. Manche HLA-Varianten könnten das Risiko für eine persistierende Infektion erhöhen, andere vor einer Tumorentwicklung schützen. Das Zusammenspiel von Virus und Wirt ist also komplex und eröffnet spannende Perspektiven für Prävention und personalisierte Medizin.
Literatur:
1 Bray F et al.: Global cancer statistics 2022: GLOBOCAN estimates of incidence and mortality worldwide for 36 cancers in 185 countries. CA Cancer J Clin 2024; 74(3): 229-63 2 de Sanjosé S et al.: Worldwide prevalence and genotype distribution of cervical human papillomavirus DNA in women with normal cytology: a meta-analysis. Lancet Infect Dis 2007; 7(7): 453-9 3 de Sanjosé S et al.: The natural history of human papillomavirus infection. Best Pract Res Clin Obstet Gynaecol 2018; 47: 2-13 4 Crosbie EJ et al.: Human papillomavirus and cervical cancer. Lancet 2013; 382(9895): 889-99 5 Eero N et al.: Genotype and age shape the risk of persistent high-risk HPV infections. Am J Obstet Gynecol 2026; doi: 10.1016/j.ajog.2026.02.038. Online ahead of print 6 Einstein MH et al.: Clinician’s guide to human papillomavirus immunology: knowns and unknowns. Lancet Infect Dis 2009; 9(6): 347-56 7 Luhn P et al.: The role of co-factors in the progression from human papillomavirus infection to cervical cancer. Gynecol Oncol 2013; 128(2): 265-70 8 Singh A et al.: Role of human papillomavirus (HPV) variants and host genetic susceptibility in cervical carcinogenesis. Arch Microbiol 2026; 208(4): 198 9 Neefjes J et al.: Towards a systems understanding of MHC class I and MHC class II antigen presentation. Nat Rev Immunol 2011; 11(12): 823-36 10 Doorbar J et al.: Human papillomavirus molecular biology and disease association. Rev Med Virol 2015; 25(1): 2-23 11 Pagliuca S et al.: Individual HLA heterogeneity and its implications for cellular immune evasion in cancer and beyond. Front Immunol 2022; 13: 944872 12 Li Y et al.: HPV infection and the immune microenvironment in cervical cancer. Front Immunol 2025; 16: 1645019 13 Ogasawara A, Hasegawa K: Recent advances in immunotherapy for cervical cancer. Int J Clin Oncol 2025; 30(3): 434-48 14 Ivanova M, Shivarov V: HLA genotyping meets response to immune checkpoint inhibitors prediction: A story just started. Int J Immunogenet 2021; 48(2): 193-200
Das könnte Sie auch interessieren:
ROPA in der gynäkologischen Praxis
Die ROPA-Methode („reception of oocytes from partner“) stellt eine Sonderform der assistierten Reproduktion bei gleichgeschlechtlichen weiblichen Paaren dar, bei der genetische und ...
„To MESH or not to MESH“?
Das sind die Titelworte eines Themenabschlussvortrags, mit denen sich Ende Jänner 2026, zum vierten Mal in den Tiroler Alpen und Innsbrucks ehrwürdigem Anatomie-gebäude, zwischen ...
Ethische Überlegungen zur Reproduktion am Beispiel der Uterustransplantation
In der Entwicklung der Reproduktionsmedizin gibt es neue Verfahren und Methoden, die, wie die Uterustransplantation, möglicherweise schon auf dem Weg in die klinische Routine sind. Das ...