PROMs & PREMs in der Uroonkologie
Autor:innen:
OA Dr. Simon Turba1
Ass. Dr. Klara Pohl2
1 Klinische Abteilung für Urologie Universitätsklinikum St. Pölten
2 Universitätsklinik für Urologie
LKH-Univ.-Klinikum Graz
E-Mail: simon.turba@stpoelten.lknoe.at
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PROMs („patient-reported outcome measures“) und PREMs („patient-reported experience measures“) verbessern nachweislich Ergebnisse in der Onkologie und können Lücken in der Kommunikation schließen. Trotz Leitlinienempfehlungen hinkt die Realität hinterher. Innovative Lösungen sind nötig, um die Versorgung der Patient:innen zu verbessern.
Keypoints
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PREMs bewerten die Patientenerfahrung mit dem Behandlungsprozess und werden zunehmend für Qualitätsvergleiche von Gesundheitsanbietern genutzt.
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PROMs erfassen subjektive Behandlungsergebnisse wie Symptome, Funktionen und Lebensqualität.
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Die Integration von PROMs ist mit verlängertem Überleben, besserer Lebensqualität und verbesserter Arzt-Patient:innen-Kommunikation assoziiert.
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Bestehende Hürden erfordern innovative technische Lösungen, um eine Routineintegration als Standard zu erreichen.
PROMs und PREMs sind Instrumente – üblicherweise validierte Fragebögen –, die der Erfassung der von Patient:innen berichteten Gesundheitsergebnisse bzw. -erfahrungen dienen.1–4 Neben klassischen onkologischen Endpunkten wie z.B. dem Gesamtüberleben oder einem Tumorrezidiv ergänzen PROMs Informationen zu den subjektiven Behandlungsergebnissen (z.B. Symptome, Körperfunktionen, gesundheitsbezogene Lebensqualität).1,2,5 Wie beeinträchtigt eine Harninkontinenz nach radikaler Prostatektomie den Alltag? Wie belastend sind Nebenwirkungen einer Chemotherapie? Durch standardisierte Erhebungen machen PROMs diese subjektiven Aspekte mess- und vergleichbar.
Die Anzahl onkologischer Langzeitüberlebender steigt kontinuierlich an, auch in der Urologie. Um nicht nur die Quantität der gewonnenen Lebensjahre zu messen, sondern auch die Qualität, können PROMs systematisch eingesetzt werden. Diese Ergänzung um patient:innenberichtete Outcomes kann die Therapieentscheidung unterstützen und als Entscheidungsgrundlage für individualisierte Behandlungsstrategien dienen.
PREMs hingegen spiegeln die Patient:innenerfahrung mit dem Versorgungsprozess wider und können somit u.a. für Qualitätsmessung und Prozessoptimierung herangezogen werden.3 Sie spielen eine zunehmend wichtige Rolle in der Bewertung von Krankenhausleistungen, wo sie zum Beispiel auf öffentlichen Bewertungsplattformen abgebildet werden.6
Nutzen & klinische Evidenz
PROMs und PREMs erfüllen in der uro-onkologischen Versorgung mehrere wichtige Funktionen. Sie ermöglichen die standardisierte Erfassung von Symptomen und können so physische oder psychische Probleme identifizieren, die im direkten Kontakt von Patient:innen und Gesundheitspersonal möglicherweise nicht spontan angesprochen werden, insbesondere schambehaftete Themen wie Inkontinenz, Sexual(dys)funktion u.v.m. Zudem ermöglichen elektronische Plattformen eine Erfassung ohne direkten Kontakt und schließen so eine Lücke in der Kommunikation – auf diese Weise können Probleme (schneller) identifiziert und behandelt werden.5 Das direkte Feedback und eine eventuelle Reaktion darauf können sich wiederum positiv auf die Behandlungszufriedenheit sowie die Therapieadhärenz auswirken.5,7,8
Die Integration von PROMs in die klinische Routine zeigt nachweisbare Effekte. Eine randomisiert-kontrollierte Studie bei Patient:innen mit metastasierter Tumorerkrankung unter initialer Chemotherapie demonstrierte in der Interventionsgruppe mit systematischer digitaler PROM-Erhebung ein um 5 Monate verlängertes medianes Gesamtüberleben im Vergleich zur Kontrollgruppe (31 vs. 26 Monate).9 Zudem zeigten sich Verbesserungen in Symptomkontrolle und Lebensqualität.7 Eine Metaanalyse von 45 randomisiert-kontrollierten Studien mit erwachsenen Krebspatienten unter aktiver Tumortherapie zeigte eine Assoziation zwischen PROM-Integration und reduzierter Mortalität (HR: 0,84, 95%CI: 0,72–0,98) sowie verbesserter Lebensqualität.10
Leitlinienempfehlung vs. Versorgungsrealität
Diese Ergebnisse haben auch Eingang in aktuelle uroonkologische Leitlinien gefunden. So empfehlen sowohl Leitlinien der European Association of Urology (EAU) als auch Leitlinien des National Comprehensive Cancer Network (NCCN) die Verwendung von standardisierten PROM-Fragebögen in der Routine.11,12
In der Praxis stehen Anwender:innen vor der Herausforderung, die geeigneten Fragebögen auszuwählen. Es gibt verschiedenste sowohl generische (z.B. SF36, BPI, EQ-5D-3L) als auch krankheitsspezifische Fragebögen (z.B. EORTC QLQ-C30, QLQ-PR25, FACT-P, EPIC-26). Der gewählte Fragebogen muss natürlich in der entsprechenden Sprache verfügbar sowie validiert sein und sollte sich im zeitlichen Aufwand für Patient:innen im Rahmen halten.
Die Realität zeigt, dass PROM-Erfassung bisher vor allem im Rahmen von Studien erfolgte, wo sie sowohl geforderter Standard ist als auch zu zahlreichen Publikationen führt.13 In die täglichen Routine finden diese Leitlinienempfehlungen jedoch kaum Eingang. Eine Umfrage unter EORTC-Mitgliedern hat ergeben, dass unter den uroonkologisch spezialisierten Behandler:innen lediglich 35% der Befragten regelmäßig PROMs erheben.14 Gründe dafür sind bestehende Hürden auf mehreren Ebenen:
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Systemebene: Kosten, fehlende Ressourcen und Infrastruktur
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Ärzt:innenebene: fehlende Erfahrung und Zeit
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Patient:innenebene: Aufwand, Zugang
Innovative Lösungen
Um diese Hürden zu überwinden, bedarf es innovativer Lösungen, papierbasierte Fragebögen erscheinen hier nicht zukunftstauglich. Es gibt auf dem Bereich bereits eine Vielzahl an – größtenteils kommerziellen – Lösungen, die sowohl die Abfrage als auch die Auswertung und Darstellung elektronisch ermöglichen. Unter anderem:
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AmbuFlex
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RayLytic©-Plattform
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MAIA-Tools©
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Heartbeat Medical©
ePROMS: PROS Track-App
Nachteil kommerzieller Lösungen sind natürlich neue Kosten, weshalb am Karl Landsteiner Institut für Urologie in St. Pölten eine eigene Web-App konzipiert und in einer Pilotphase erprobt wurde. Dank Sponsoring (durch Johnson & Johnson sowie Astellas) ist der Betrieb bis mindestens Ende 2027 sichergestellt und sie kann nach einfacher Anmeldung allen Urolog:innen in Österreich kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Datenschutz ist hierbei essenziell, alle Daten werden End-zu-End-verschlüsselt und ausschließlich auf europäischen Servern verarbeitet. Hierbei wird eine Kombination aus einem allgemein onkologischen, einem krankheitsspezifischen PROM-Fragebogen sowie einem Schmerzfragebogen erhoben und die Ergebnisse werden grafisch übersichtlich dargestellt.
Praxistipp: Eine Anmeldung zur Pilotphase der PROS Track-Web-App kann für alle Urolog:innen über die E-Mail-Adresse klg.urologie.stpoelten@gmail.com erfolgen.
Literatur:
1 Lipscomb J et al.: Patient-reported outcomes in cancer: a review of recent research and policy initiatives. CA Cancer J Clin 2007; 57(5): 278-300 2 Kowalski C et al.: Patient-reported outcomes in der onkologischen Versorgung – aktuelle Anwendungsfelder und Initiativen der Deutschen Krebsgesellschaft. Onkologie 2024; 30(5): 411-20 3 Boywitt D:. Methodische Grundlagen. Version 2.0. Berlin: IQTIG – Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen 2022 4 U.S. department of health and human services FDA center for drug evaluation and research, for biologics evaluation and research & for devices and radiological health: Guidance for industry: patient-reported outcome measures: use in medical product development to support labeling claims: draft guidance. Health Qual Life Outcomes 2006; 4(1): 795 Valderas JM et al.: The impact of measuring patient-reported outcomes in clinical practice: a systematic review of the literature. Qual Life Res 2008; 17(2): 179-93 6 Leitsmann C et al.: Vergleich von Patientenbewertungen auf Online-Portalen untereinander und mit Qualitätsberichten der Krankenhäuser und der Qualitätssicherung mit Routinedaten. Urologie 2024; 63(5): 474-81 7 Basch E et al.: Symptom monitoring with patient-reported outcomes during routine cancer treatment: a randomized controlled trial. J Clin Oncol 2016; 34(6): 557-65 8 Berry DL et al.: Enhancing patient-provider communication with the electronic self-report assessment for cancer: a randomized trial. J Clin Oncol 2011; 29(8): 1029-35 9 Basch E et al.: Overall survival results of a trial assessing patient-reported outcomes for symptom monitoring during routine cancer treatment. JAMA 2017; 318(2): 197-8 10 Balitsky AK et al.: Patient-reported outcome measures in cancer care: an updated systematic review and meta-analysis. JAMA Netw Open 2024; 7(8): e2424793 11 Bonkat G et al.: EAU Guidelines on urological infections. https://d56bochluxqnz.cloudfront.net/documents/full-guideline/EAU-Guidelines-on-Urological-infections-2025_2025-05-24-110339_pxmf.pdf ; zuletzt aufgerufen am 2.3.202612 Spratt DE et al.: Prostate cancer, version 3.2026, NCCN clinical practice guidelines in oncology. J Natl Compr Canc Netw 2025; 23(11): 469-93 13 European Medicine Agency (EMA): Appendix 2 to the guideline on the evaluation of anticancer medicinal products in man - the use of patient-reported outcome (PRO) measures in oncology studies. https://www.tga.gov.au/sites/default/files/2024-05/EMACHMP2924642014%20appendix-2-guideline-evaluation-anticancer-medicinal-products-man_en.pdf ; zuletzt aufgerufen am 2.3.202614 Lehmann J et al.: Exploring the integration of patient-reported outcome measures in clinical practice: a cross-sectional survey of EORTC healthcare professionals. Eur J Cancer 2025; 2: 220: 115333
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