Weniger Fleisch, weniger Harnwegsinfekte?
Frauen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, sind laut einer großen nordamerikanischen Kohortenanalyse seltener von wiederkehrenden Harnwegsinfektionen betroffen als Frauen, die Fleisch essen. Am niedrigsten war in die Prävalenz bei Veganerinnen.
Analysiert wurden Daten von 57252 Frauen aus der Adventist Health Study-2, einer großen Kohorte aus den USA und Kanada.1 Die Teilnehmerinnen wurden nach Ernährungsform eingeteilt: nichtvegetarisch, pesco-vegetarisch, lacto-ovo-vegetarisch und vegan. Berücksichtigt wurden unter anderem Alter, BMI, Ethnie, Diabetes und Menopausenstatus.
Die Hypothese: Die Ernährung beeinflusst pathogene Darmkeime
Harnwegsinfekte (HWI) entstehen bei Frauen häufig durch Darmbakterien, vor allem E.coli, die aus dem Darm in die Harnwege gelangen. Die Autor:innen gingen von der Hypothese aus, dass Ernährung die Darmflora beeinflusst – und damit auch, welche potenziell krank machenden Bakterienstämme dort vorkommen. Eine zusätzliche Hypothese war: Durch den hohen Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung könnten Fleischkonsumentinnen häufiger mit resistenten oder virulenteren Bakterien in Kontakt kommen.
Risiko ist bei Veganerinnen um 31% niedriger
Insgesamt berichteten 13,1% der Frauen über wiederkehrende Harnwegsinfekte. Nach Ernährungsform zeigte sich ein deutlicher Gradient: 14,2% der Nichtvegetarierinnen waren betroffen, 13,5% der Pesco-Vegetarierinnen (sie essen Fisch), 11,6% der Lacto-Ovo-Vegetarierinnen (sie konsumieren Milch, Milchprodukte und Eier) und 10,3% der Veganerinnen. Auch nach statistischer Anpassung an bekannte Risikofaktoren blieb der Zusammenhang bestehen: Lacto-Ovo-Vegetarierinnen hatten laut Bericht ein um 23% niedrigeres Risiko für wiederkehrende Harnwegsinfekte als Fleischesserinnen, Veganerinnen ein um 31% niedrigeres Risiko.
Mögliche Erklärungen
Die Darmflora ist ein wichtiges Reservoir für uropathogene Keime, und Ernährung kann dieses mikrobielle Ökosystem verändern. Frühere Arbeiten haben bereits beschrieben, dass Harnwegsinfekte häufig entlang der „Darm-Stuhl-Urethra-Route“ entstehen und dass vegetarische Ernährung in einer prospektiven taiwanesischen Kohorte mit einem niedrigeren HWI-Risiko assoziiert war.
Die aktuelle Analyse ist beobachtend und daher limitiert. Sie kann nicht beweisen, dass der Verzicht auf Fleisch direkt vor rezidivierenden Harnwegsinfekten schützt. Möglich sind auch andere Einflussfaktoren: Lebensstil, Gesundheitsbewusstsein, Sexualverhalten, Trinkmenge, ärztliche Diagnostik oder Unterschiede in der Selbstauskunft. Zudem stammen die Daten aus einer besonderen, gesundheitsbewussten Adventisten-Kohorte; die Übertragbarkeit auf die Allgemeinbevölkerung ist daher nicht automatisch gegeben.
Fazit für die Praxis
Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung könnte ein Baustein in der nicht antibiotischen Prävention wiederkehrender Harnwegsinfekte sein, besonders vor dem Hintergrund zunehmender Antibiotikaresistenzen. (red)
Literatur:
1 Comiter J et al.: Differences in the prevalence of recurrent urinary tract infections in women based on dietary habits. J Urol 2026; 215(5S): e167
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