Was sagen die Leitlinien?
Assoz. Prof. Dr. Volker Strenger
Leiter der Arbeitsgruppe Infektiologie der
Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und
Jugendheilkunde (ÖGKJ) und Facharzt für Pädiatrie
an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
der Medizinischen Universität Graz
Grundlagen
Als Fieber gilt eine Körpertemperatur von mehr als 38°C (rektal gemessen), wobei individuelle Unterschiede der Körpertemperatur sowie tages- und jahreszeitliche Schwankungen zu berücksichtigen sind. Im Körper läuft beim Entstehen von Fieber eine Kettenreaktion ab, die von Zytokinen gesteuert wird und zu einer Erhöhung des Sollwertes der Thermoregulation führt. Dies löst Reaktionen aus, die die Körpertemperatur bis zum Erreichen des Sollwertes steigern, zum Beispiel eine Vasokonstriktion in der Peripherie oder Muskelzittern. „Als Fieberursachen kommen bei Kindern vor allem Infektionskrankheiten infrage. Häufig sind diese jedoch harmlos und heilen von selbst“, erklärt Assoz. Prof. Dr. Volker Strenger, Leiter der Arbeitsgruppe Pädiater der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) und Infektiologe an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Graz. Das Fieber sei Teil der körpereigenen Abwehrreaktion gegen die Infektionen, betont er.
Fieber nicht unter allen Umständen senken
„Grundsätzlich sollte Eliminierung des Infektionserregers – sofern möglich und indiziert – im Vordergrund stehen. Dabei sollten schwerwiegende Krankheiten wie eine Sepsis ausgeschlossen werden. Die Antipyrese ist zweitrangig“, so Strenger. Die klinische Untersuchung sollte Atmung, Puls, Blutdruck, Hautfarbe (insbesondere auch die Rekapillierungszeit) und den Hautturgor, Verhalten, Bewusstsein und die Reaktion auf Reize umfassen2, 4. „Das Fieber muss nicht in jedem Fall gesenkt werden. Es ist nicht richtig, generell ab einer Temperatur von 38,5°C fiebersenkende Medikamente zu verabreichen“, betont er. Das Problem dabei beginne schon bei derVerlässlichkeit des Thermometers. Die handelsüblichen Thermometer seien in der Regel nicht geeicht, sodass ihre Messung nicht absolut zuverlässig ist. „Außerdem kommt es darauf an, wo das Fieber gemessen wird. Bei der digitalen Messung im Ohr kann es beispielsweise zu höheren Werten kommen, wenn das Kind auf der Seite gelegen ist“, erklärt Strenger. Deshalb sei es ratsam, die Temperatur in beiden Ohren zu messen und die Werte zu vergleichen. Wichtiger als die Körpertemperatur ist das Allgemeinbefinden des Kindes. Ist es abgesehen von der erhöhten Temperatur fit, muss keine Antipyrese eingeleitet werden.1–3 Gegen eine sofortige Fiebersenkung spreche auch, dass in manchen Fällen ein gewisses Krankheitsgefühl notwendig sei, damit das Kind sich schont, so Strenger. Bei Infektionen, die antibiotisch behandelt werden, könne eine Antipyrese zudem die Beurteilung des Therapieansprechens erschweren. „Auch kann das Risiko für einen Fieberkrampf durch konsequente Antipyrese nicht reduziert werden“, erklärt Strenger.
Indikation zur Fiebersenkung
„Eine Fiebersenkung ist aber immer indiziert, wenn es dem fiebernden Kind schlecht geht und die Temperatur stark ansteigt. So geht beispielsweise eine Körpertemperatur von über 40°C mit einer Tachykardie und einem gesteigerten Stoffwechsel einher“, sagt Strenger. In solchen Fällen sei eine Antipyrese sinnvoll. Dazu sollten Medikamente eingesetzt werden, die möglichst auch antiphlogistisch wirken. Geeignet sind Wirkstoffe aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), die eine antiphlogistische, analgetische und antipyretische Wirkung haben. Am häufigsten werden Paracetamol und Ibuprofen verordnet, wobei Paracetamol kein NSAR ist und daher keine ausgeprägte entzündungshemmende Wirkung hat. Salicylate sind dagegen bei Infektionskrankheiten im Kindesalter als Antipyretika kontraindiziert. „Sinnvoll ist, die fiebersenkenden Medikamente nur so lange zu geben, bis sich das Allgemeinbefinden des Kindes gebessert hat – unabhängig von der gemessenen Körpertemperatur“, betont der Arzt.1 Abgesehen von der medikamentösen Therapie sei es wichtig, dem Kind ausreichend zu trinken zu geben, um den Flüssigkeitsverlust zu ersetzen. „Die klassischen Hausmittel zum Fiebersenken wie kühlende Umschläge können eine medikamentöse Therapie nicht ersetzen und werden von den Kindern auch oft nicht toleriert“, sagt Strenger3.
Literatur:
Das könnte Sie auch interessieren:
Gerichtsmedizin am Limit – welche Folgen drohen?
Überalterung, Nachwuchsmangel, finanzielle Engpässe: Die Gerichtsmedizin steht aktuell vor massiven Herausforderungen. Mit schwerwiegenden Konsequenzen: Verbrechen könnten dadurch ...
Mediation als zusätzliche Dienstleistung bei Gruppenpraxisgründung
Ärztinnen und Ärzte, die vor der Gründung einer Gruppenpraxis stehen, sind mit zahlreichen Fragen zum Procedere konfrontiert. Soll die Rechtsform eine OG oder eine GmbH sein? Was muss im ...
Neue AHA/ACC-Leitlinie zur Lungenembolie
Die American Heart Association (AHA) und das American College of Cardiology (ACC) veröffentlichten kürzlich erstmals eine Leitlinie zur Lungenembolie, die ein präzises fünfstufiges ...