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Schlafstörungen bei Kleinkindern

Melatonin: steigende Anwendung bei mangelhafter Evidenz

Melatoninverschreibungen bei Kleinkindern haben weltweit massiv zugenommen, ebenso Überdosierungen und Notaufnahmebesuche nach unbeaufsichtigter Einnahme. Studien belegen zwar verbesserte Einschlafzeiten bei Kindern mit neurologischer Entwicklungsstörung, jedoch fehlen generell Langzeitdaten zu Sicherheit und Wirksamkeit.

Schlafstörungen treten auch bei Kindern immer häufiger auf und beeinträchtigen die emotionale Regulierung, die kognitive Entwicklung und die Gesundheit. Auf der Suche nach schnellen und leicht zugänglichen Lösungen haben Melatoninpräparate aufgrund ihrer kinderfreundlichen Formulierungen – beispielsweise als Gummibärchen – und ihrer Wahrnehmung als natürliche Alternative zu verschreibungspflichtigen Medikamenten große Popularität erlangt.

Studien weisen auf beschränkte Langzeitdaten hin

Einige aktuelle Studien sowie eine Übersichtsarbeit1 beleuchten die weltweit zunehmende Verwendung von Melatonin bei Kindern von 0 bis 6 Jahren und Letztere fasste die klinischen Erkenntnisse zur Wirksamkeit, zum Sicherheitsprofil und zu den tatsächlichen Anwendungsmustern zusammen. Darin werden die großen Lücken zwischen dem weitverbreiteten Konsum und den begrenzten Langzeitdaten betont und Bedenken hinsichtlich der unsachgemäßen Anwendung, der Produktvariabilität und der fehlenden angemessenen behördlichen Aufsicht über Schlafmittel für Kinder geäußert.1–3

Besonders häufig kommt Melatonin bei Insomnie im Zusammenhang mit neuroentwicklungsbedingten Störungen wie Autismus-Spektrum-Störungen oder ADHS zum Einsatz. In diesen Patientengruppen zeigen mehrere Studien, dass Melatonin die Einschlafzeit verkürzen und die Schlafqualität verbessern kann.4 Insgesamt gilt es darin meist als gut verträglich, wobei gelegentlich Nebenwirkungen wie Müdigkeit am Tag, Kopfschmerzen oder Schwindel berichtet werden.

Unbekannte Auswirkungen auf den kindlichen Organismus

Für ansonsten gesunde Kinder mit Schlafproblemen ist die Evidenzlage deutlich schwächer. Die meisten vorhandenen Studien sind klein, kurzzeitig angelegt oder methodisch heterogen.1,2 Insbesondere fehlen robuste Daten zu langfristiger Wirksamkeit und Sicherheit. Dadurch bleibt unklar, welche Auswirkungen eine längerfristige Einnahme von Melatonin auf Wachstum, Pubertät, den Stoffwechsel oder das endokrine System haben könnte.

Ein weiteres Problem betrifft frei verkäufliche Melatoninpräparate. Untersuchungen zeigen, dass der tatsächliche Melatoningehalt vieler Produkte erheblich vom angegebenen Wert abweichen kann – teilweise um mehr als das Vierfache. Zudem wurden in einigen Präparaten zusätzliche Substanzen wie Serotonin nachgewiesen. Diese mangelnde Qualitätskontrolle wirft Fragen zur Sicherheit und Dosierungsgenauigkeit auf.2

Zahl an Vergiftungen hat zugenommen

Parallel zum zunehmenden Gebrauch ist auch die Zahl versehentlicher Vergiftungen bei Kindern gestiegen. Besonders Kleinkinder können durch den oft süß schmeckenden Charakter mancher Produkte größere Mengen aufnehmen. Obwohl die meisten Fälle mild verlaufen, wurden vereinzelt auch schwerere Komplikationen berichtet.1,2

Alternative Ansätze zur Behandlung von Schlafstörungen

Eine aktuelle Konsenserklärung stellt fest, dass Verhaltensinterventionen und eine gründliche Beurteilung der Schlafbedingungen der erste Ansatz zur Behandlung von Schlafproblemen bei Kindern mit typischer Entwicklung sein sollte.5 Verhaltensinterventionen umfassen die För-derung der Schlafhygiene (z.B. Schlafenszeitroutinen, Abschaffung von Bildschirmzeit vor dem Schlafengehen) vor jeglicher Medikamenteneinnahme und hat sich als wirksam bei der Behandlung von Schlafstörungen bei Kindern mit typischer Entwicklung erwiesen. Nach diesen Schritten, mit fortgesetzter Verhaltensintervention und medizinischer Aufsicht, hat der Konsens eine kurze Melatoninanwendung (bis zu 2mg) bei Kindern mit typischer Entwicklung befürwortet. Wenn Melatonin in Betracht gezogen werde, sollte es in der niedrigsten wirksamen Dosis, für die kürzestmögliche Dauer und nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden.

Entsprechend warnte die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) im Jahr 2024 ausdrücklich vor der unkontrollierten Gabe von Melatonin ohne ärztliche Verordnung.6 Eine S2e-Leitlinie zu Indikationen für Melatonin als schlafförderndes Mittel bei Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter wird derzeit erstellt und soll im Herbst publiziert werden. (red)

1 Kracht CL et al.: Melatonin use in young children: a systematic review. JAMA Netw Open 2026; 9(1):e2551958 2 Owens J: Melatonin use in the pediatric population: an evolving global concern. World J Pediatr 2025; 21: 1081-9 3 Gaye A et al.: Melatonin prescription in children: a study of the POMMEs cohorts. Drugs Ther Perspect 2026. doi: 10.1007/s40267-026-01225-0 4 Kotagal S et al.: Melatonin use in managing insomnia in children with autism and other neurogenetic disorders - an assessment by the International Pediatric Sleep Association (IPSA). Sleep Med 2024; 119: 222-8 5 Owens J et al.: Melatonin use in typically developing (TD) children: International Pediatric Sleep Association (IPSA) expert consensus recommendations for healthcare providers. Sleep Med 2025; 128: 127-9 6 Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM): https://www.dgsm.de/fileadmin/dgsm/stellungnahmen/2024-02-09_DGSM_Stellungnahme_Melatonin_Behandlung_nichtorg_Schlafstoer_-_Homepage.pdf ; zuletzt aufgerufen am 11.3.2026

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