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48. Deutscher Rheumatologiekongress

Wachsames Auge auf Gelenke und Muskeln

Der 48. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) war zugleich auch
die 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Rheumatologie (DGORh). Die Veranstaltung zeigte einmal mehr, dass eine fachübergreifende Zusammenarbeit bei der Behandlung von Patienten mit rheumatischen Erkrankungen entscheidend ist.

Fortschritte in der Entwicklung von medikamentösen Rheumatherapien haben in den letzten Jahrzehnten zu einem deutlichen Rückgang der Zahl an notwendigen rheumaorthopädischen Eingriffen geführt. Trotzdem gibt es immer noch Rheumapatienten, die eine oder sogar mehrere Gelenksoperationen brauchen. „Manche Patienten erleben bis zu 30 Eingriffe“, berichtete Dr. Martin Arbogast, Chefarzt der Abteilung für Rheumaorthopädie und Handchirurgie der Klinik Oberammergau und Kongresspräsident seitens der DGORh.

Für die Operateure sind diese elektiven Eingriffe eine besondere Herausforderung, weil Rheumapatienten anders als „einfache“ Arthrosepatienten zu managen sind. Die Grunderkrankung (das entzündliche Geschehen) und die bestehende Medikation müssen berücksichtigt werden. Es gilt, ein passendes Zeitfenster für die OP zu finden: Gewisse immunsuppressive Medikamente müssen rechtzeitig abgesetzt werden, weil sie die Infektionsrate bei Operationen erhöhen. Andererseits soll es auch nicht zu einem Aufflammen der Grunderkrankung kommen. Auch Narkosemodus, OP-Lagerungstechnik und postoperative Mobilisation müssen an die besonderen Bedürfnisse von Rheumapatienten angepasst werden. So kann etwas langjährige Kortisontherapie die Knochen-, Haut- und Weichteilqualität beeinflusst haben. Dies macht einen besonders vorsichtigen Umgang während der Operation erforderlich und wirkt sich auch auf die Wundheilung aus.

Das richtige Zeitfenster zu finden ist aber nicht nur wegen der immunsuppressiven Medikation eine Herausforderung: Auch das Stadium der Erkrankung bzw. der Gelenkszerstörung spielt eine Rolle. „Eine Synovektomie ist nur im Frühstadium gelenkerhaltend“, betont Arbogast. „Wenn Patienten auf Rheumamedikamente nicht gut ansprechen, sollte deshalb frühzeitig ein Rheumaorthopäde zugezogen werden.“

Rudolf-Schoen-Preis für Valentin Schäfer

Die Zerstörungen, die rheumatische Erkrankungen an den Gelenken anrichten, ließen sich früher nur durch regelmäßige Röntgenuntersuchungen oder MRT beurteilen. Inzwischen setzen immer mehr Rheumatologen Ultraschallgeräte ein, um sich gleich in der Praxis ein Bild vom Zustand der Gelenke zu machen. Bei der Einordnung der Untersuchungsergebnisse helfen Scores, eine belastbare Aussage über die Krankheitsaktivität zu treffen. Die klinischen Studien, die Doz. Dr. Valentin Schäfer vom Universitätsklinikum Bonn durchgeführt hat, haben dazu beigetragen, dass die Ergebnisse der Ultraschalluntersuchungen in die Krankheitsscores integriert werden konnten. Dafür zeichnete die DGRh ihn im Rahmen ihrer Jahrestagung mit dem Rudolf-Schoen-Preis aus.

Mit der Fluoreszenz-optischen Bildgebung war Schäfer an der Entwicklung eines Verfahrens beteiligt, das einen wesentlichen Nachteil der Ultraschalluntersuchung vermeidet: den hohen Zeitaufwand. Mit dem neuen Verfahren lassen sich etwa Finger- und Handgelenke beidseits innerhalb weniger Minuten beurteilen. Ebenso können Patienten mit rheumatologischen Gefäßerkrankungen wie der Riesenzellarteriitis untersucht werden. „So können wir Muskeln, Gelenke und Gefäße der Patienten im Blick behalten und zeitnah reagieren – ohne die Erkrankten mit regelmäßigen MRTs oder Röntgenstrahlung zu belasten“, so Prof. Schulze-Koops, Präsident der DGRh.

Muskuloskelettale Nebenwirkungen bei Krebstherapie

Immun-Checkpoint-Inhibitoren (ICPi) stellen bei einer Vielzahl von Malignomen einen entscheidenden Durchbruch in der Therapie dar, gehen allerdings häufig mit rheumatischen „immune-related adverse events“ (irAE) einher. Vor diesem Hintergrund referierte Dr. Jan Leipe, Sektionsleiter Rheumatologie an der Universitätsmedizin Mannheim, über ICPi-assoziierte muskuloskelettale Nebenwirkungen und die Rolle von DMARDs in der interdisziplinären Versorgung.

Eine Objektivierung rheumatischer irAE gelingt oft klinisch und bildgebend, spezifische Immunlaborauffälligkeiten sind hingegen selten zu finden. Die Therapie sollte in Abhängigkeit vom Schweregrad erfolgen: Bei leichten bis moderaten irAE sind NSAR und/oder ≤10mg Prednisolon oft ausreichend (Kostine M et al.: Ann Rheum Dis 2020). Bei ungenügendem Ansprechen, hohem Glukokortikoidbedarf und/oder anhaltender entzündlicher Krankheitsaktivität kommen csDMARDs zur Anwendung. Hierbei bestehen die meisten positiven Erfahrungen für Methotrexat. Nur in seltenen Fällen müssen bDMARDs eingesetzt werden. Das Auftreten rheumatischer irAE ist prognostisch günstig für Tumoransprechen und Überleben. Um diesen Vorteil nicht zu verlieren, sollte eine defensive Therapiestrategie (kein Treat-to-Target) in partizipativer Entscheidungsfindung zusammen mit dem behandelnden Onkologen und dem Patienten festgelegt werden, so Leipe.

Bericht:
Mag. Christine Lindengrün

•Online-Pressekonferenz zum Deutschen Rheumatologi@Kongress 2020, 9. September 2020 • Pressemeldung der DGRh, 21. September 2020 • Pressemitteilung der DGRh, 11. September 2020

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