© ktsimage iStockphoto

Weltkongress in Wien

Revolution in der Regeneration

Die Stoßwelle kann mehr als nur Nierensteine zertrümmern. Sie beschleunigt Wund- und Knochenheilung, fördert die Angiogenese, regt das Immunsystem an und lockt Stammzellen in geschädigte Körpergewebe. Neuerdings bietet sie auch Heilungschancen nach Herzinfarkt und Hoffnung für Menschen mit Rückenmarksverletzung.

Die International Society for Medical Shockwave Treatment (ISMST) hielt ihren 23. Weltkongress im November in Wien ab. In einer Pressekonferenz informierten ISMST-Präsident Dr. Wolfgang Schaden und weitere internationale Experten darüber, was die Stoßwelle schon alles kann und an welchen weiteren Anwendungsmöglichkeiten derzeit geforscht wird.

Vom Nierenstein zur Stammzelle

„Das Anwendungsspektrum der Stoßwelle in der Medizin ist mittlerweile so umfangreich, dass man mit Fug und Recht von einer Revolution in der regenerativen Medizin sprechen kann“, betonte Dr. Schaden. Begonnen hat die Erfolgsgeschichte der Stoßwellentherapie vor etwa 40 Jahren mit der Zertrümmerung von Nierensteinen. Damals fielen bei solcherart behandelten Patienten Verdichtungen im Beckenknochen auf. Man vermutete richtig einen wachstumsstimulierenden Effekt, der in der Folge bei Knochen- und Sehnenverletzungen genutzt wurde. Bei nicht heilenden Knochenbrüchen (Pseudarthrose) sei die Stoßwellentherapie eine effektive und kostengünstige Alternative zur chirurgischen Standardversorgung, meint Schaden.1–4

„Im Rahmen der Anwendung bei Knochenbrüchen fiel nun auf, dass auch Haut- und Weichteilwunden unter der Stoßwellentherapie schön verheilen“, berichtet Schaden. Die weitere Forschung ergab, dass die mechanischen Reize der Stoßwelle biologische Prozesse im Gewebe in Gang setzen, die der Wundheilung förderlich sind, u.a. werden Wachstumsfaktoren freigesetzt und neue Blutgefäße gebildet. Dekubitus und Ulzera waren daher die nächsten Anwendungsgebiete. „Mit der Stoßwellentherapie wird bei chronischen Wunden in rund 70 Prozent der Fälle eine komplette Abheilung erzielt, und in vielen Fällen verbessern sich die Wundverhältnisse derart, dass eine chirurgische Deckung erfolgreich durchgeführt werden kann“, sagt Doz. Dr. Rainer Mittermayr, Ludwig Boltzmann Institut für experimentelle und klinische Traumatologie und AUVA-Traumazentrum Wien. Auch vorbeugend erweist sich die Stoßwellentherapie als effektiv, wenn es um die Vermeidung von Komplikationen bei Problemwunden geht.5–9 Dr. Schaden präsentierte ein eindrucksvolles Fallbeispiel, bei dem eine Zehenamputation durch Stoßwellenbehandlung verhindert werden konnte. Patienten, die wegen diabetischer Ulzera mit Stoßwelle behandelt werden, berichten zusätzlich auch oft über eine Verbesserung diabetischer Neuropathien.

© Bettina Greslehner

ISMST-Präsident Dr. Wolfgang Schaden erklärte, wie Stoßwellentherapie Stammzellen aktiviert

Neueste Studien belegen, dass die Stoßwelle auch Botenstoffe aktiviert, die wiederum Stammzellen aus dem Knochenmark mobilisieren. Diese wandern ins geschädigte Gewebe und entwickeln sich zu Zellen, die dort benötigt werden. Sogar Herzmuskel-10–12 und Nervenzellen13–16 können auf diese Weise regeneriert werden.

Stoßwelle am offenen Herzen …

Der korrekte Ausdruck für die Behandlung mit Stoßwellen lautet „extrakorporale Stoßwellentherapie“ (ESWT), weil die Druckwellen von außen „verabreicht“ werden. Als Pionier in der Anwendung der Stoßwelle bei Herzinfarktpatienten geht Doz. Dr. Johannes Holfeld, Medizinische Universität Innsbruck, einen Schritt weiter: in den Körper hinein. Im Rahmen einer Studie (CAST-HF Trial) wendet er die Stoßwellentherapie unmittelbar nach der Bypass-Operation am noch offenen Herzen an, um die Regeneration des Herzmuskels nach einem Infarkt zu fördern. Erste Zwischenergebnisse zeigen eine Verbesserung der Herzleistung und damit einhergehend eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität, sowohl „physisch als auch emotional“, wie Holfeld berichtet.

… und bei Querschnittläsion

In Tiermodellen und Zellkulturen zeigte die Stoßwelle bereits spektakuläre nervenregeneratorische Effekte.13–16 Seit November 2020 läuft eine österreichweite Studiefür Patienten mit akuter Querschnittläsion (< 48 Stunden), in die bereits 8 Patienten eingeschlossen wurden. „Zusätzlich wird nächstes Jahr auch das Unfallkrankenhaus Berlin als einer der größten Rückenmarkversorger Deutschlands mit der Studie beginnen“, so Schaden.

Therapie für unterschiedlichste Gewebe

© Bettina Greslehner

Doz. Johannes Holfeld berichtete über beeindruckende Erfolge mit Stoßwelle in der Herzchirurgie

In immer mehr medizinischen Disziplinen wird die Stoßwellentherapie angewendet. Sie ergänzt das sexualmedizinische Therapieangebot bei erektiler Dysfunktion,17 Ejaculatio praecox,18 PGAD („persistent genital arousal disorder) und GPD („genito-pelvic dysesthesia“)19. In der plastisch-ästhetischen Chirurgie wird sie beispielsweise bei Cellulite20 oder Verbrennungen21 erfolgreich eingesetzt. In Kolumbien werden Leprapatienten damit behandelt (Prof. Dr. Carlos Leal, Universität Bosque, Bogotá). In der Handchirurgie werden Erfolge bei Rhizarthrose22 und Karpaltunnelsyndrom gesehen, wie ISMST-Vizepräsident Prof. Dr. Karsten Knobloch aus Hannover berichtete.

„Laufend werden neue biologische Effekte der Stoßwelle entdeckt“, sagt Dr. Schaden. Die Erfolgsgeschichte der ESWT ist also vermutlich noch lange nicht zu Ende und man darf auf noch viele weitere Anwendungsmöglichkeiten in der Medizin hoffen.

Über ISMST

Die 1997 gegründete „International Society for Medical Shockwave
Treatment“ (ISMST) ist eine weltweite ­wissenschaftliche Gesellschaft, die sich für Forschung, Entwicklung und korrekte Anwendung der Stoßwellentherapie engagiert.

Website:
www.shockwavetherapy.org

„Hoffnung bei Herzinfarkt und Querschnitt“, Pressekonferenz der ISMST, 5. November 2021, Wien

1 Cacchio A et al.: Extracorporeal shock-wave therapy compared with surgery for hypertrophic long-bone nonunions. J Bone Joint Surg Am 2009; 91(11): 2589-97 2 Furia JP et al.: Shock wave therapy compared with intramedullary screw fixation for nonunion of proximal fifth metatarsal metaphyseal-diaphyseal fractures. J Bone Joint Surg Am 2010; 92(4): 846-54 3 Cheng JH: Biological mechanism of shockwave in bone. Int J Surg 2015; 24(Pt B): 143-6 4 Schaden W et al.: Extracorporeal shockwave therapy (ESWT) – First choice treatment of fracture non-unions? Int J Surg 2015; 24(Pt B): 179-83 5 Wang C-J et al.: Extracorporeal shockwave therapy in diabetic foot ulcers. Int J Surg 2015; 24(Pt B): 207-9 6 Huang Q et al.: Extracorporeal shock wave therapy for treating foot ulcers in adults with type 1 and type 2 Diabetes: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Can J Diabetes 2020; 44(2): 196-204 7 Holsapple JS et al.: Low intensity shockwave treatment modulates macrophage functions beneficial to healing chronic wounds. Int J Mol Sci 2021; 22(15): 7844 8 Milstrey A et al.: Antibiofilm efficacy of focused high-energy extracorporeal shockwaves and antibiotics in vitro. Bone Joint Res 2021; 10(1):77-84 9 Dumfarth J et al.: Prophylactic low-energy shock wave therapy improves wound healing after vein harvesting for coronary artery bypass graft surgery: a prospective, randomized trial. Ann Thorac Surg 2008; 86/6): 1909-13 10 Tepeköylü C et al.: Shockwaves prevent from heart failure after acute myocardial ischaemia via RNA/protein complexes. J Cell Mol Med 2017; 21(4): 791-801 11 Gollmann-Tepeköylü C et al.: miR-19a-3p containing exosomes improve function of ischemic myocardium upon shock wave therapy. Cardiovasc Res 2020; 116(6): 1226-36 12 Pölzl L et al.: Defining a therapeutic range for regeneration of ischemic myocardium via shock waves. Sci Rep 2021; 11(1): 409 13 Hausner T et al.: Improved rate of peripheral nerve regeneration induced by extracorporeal shock wave treatment in the rat. Exp Neurol 2012; 236(2): 363-70 14 Lobenwein D et al.: Shock wave treatment protects from neuronal degeneration via a toll‐like receptor 3 dependent mechanism: implications of a first‐ever causal treatment for ischemic spinal cord injury. J Am Heart Assoc 2015; 4(10): e002440 15 Schuh CMAP et al.: Extracorporeal shockwave treatment: A novel tool to improve Schwann cell isolation and culture. Cytotherapy 2016; 18(6): 760-70 16 Gollmann-Tepeköylü C et al.: Shock waves promote spinal cord repair via TLR3. JCI Insight 2020; 5(15): e134552 17 Lu Z et al.: Low-intensity extracorporeal shock wave treatment improves erectile function: a systematic review and meta-analysis. Eur Urol 2017; 71(2): 223-33 18 Serefoglu EC et al.: An evidence-based unified definition of lifelong and acquired premature ejaculation: report of the second international society for sexual medicine ad hoc committee for the definition of premature ejaculation. Sex Med 2014; 2(2): 41-59 19 Goldstein I et al.: International Society for the Study of Women’s Sexual Health (ISSWSH) review of epidemiology and pathophysiology, and a consensus nomenclature and process of care for the management of persistent genital arousal disorder/genito-pelvic dysesthesia (PGAD/GPD). J Sex Med 2021; 18(4): 665-97 20 Knobloch K et al.: Cellulite and focused extracorporeal shockwave therapy for non-invasive body contouring: a randomized trial. Dermatol Ther (Heidelb) 2013; 3(2): 143-55 21 Ottomann C et al.: Prospective randomized phase II Trial of accelerated reepithelialization of superficial second-degree burn wounds using extracorporeal shock wave therapy. Ann Surg 2012; 255(1): 23-9 22 Ioppolo F et al.: Comparison between extracorporal shock wave therapy and intra-articular hyaluronic acid injections in the treatment of first carpometacarpal joint osteoarthritis. Ann Rehabil Med 2018; 42(1): 92-100

Back to top