CINP 2026 Update: Neue Behandlungsansätze bei psychiatrischen Krankheiten
Autor:
Dr. Noam Hartman1,2
E-Mail: noamh2612@gmail.com
Koautor:innen:
Priv.-Doz. DDr. Lucie Bartova1,2
Univ.-Prof. Dr. Dan Rujescu1,2
em. O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper2,3
1 Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinische Abteilung für Allgemeine Psychiatrie, Medizinische Universität Wien
2 Comprehensive Center for Clinical Neurosciences and Mental Health, Medizinische Universität Wien
3 Zentrum für Hirnforschung, Abteilung für Molekulare Neurowissenschaften, Medizinische Universität Wien
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Der Kongress des International College of Neuropsychopharmacology (CINP), welcher von 26.6.–29.6. im schottischen Glasgow stattfand, zeigte die derzeitigen Fortschritte der Psychiatrie und der Neurowissenschaft in beeindruckender Konzentration. Von besonderer Bedeutung waren hochkarätige Vorträge zu genetischen Risikofaktoren, dem Immunsystem bei psychischen Krankheiten und Psilocybin bei Depressionen.
Keypoints
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Die biologisch basierte Stratifizierung psychiatrischer Erkrankungen gewinnt zunehmend an Bedeutung und könnte künftig eine präzisere Diagnostik und Therapie ermöglichen.
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Entzündungsprozesse spielen bei einem relevanten Teil der Patient:innen eine Rolle und eröffnen einen möglichen Ansatzpunkt für immunmodulierende Behandlungen.
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Synthetisches Psilocybin (COMP360) zeigt bei therapieresistenter Depression eine signifikante, aber in ihrem Ausmaß moderate Wirkung bei insgesamt guter Verträglichkeit.
Die Keynote-Vorträge hielten die Professor:innen Dr. Ole Andreassen, Universität Oslo, sowie Prof.in Dr.in Marion Leboyer, Universität Paris-Est Créteil, deren Erkenntnisse zur Genetik und Immunologie psychiatrischer Krankheiten neue Möglichkeiten zur Stratifizierung und Behandlung eröffnen. Ein weiteres Highlight waren die von Prof. Dr. Guy Goodwin, Universität Oxford, präsentierten Daten aktueller Phase-III-Studien zur Anwendung von Psilocybin bei therapieresistenter Depression (TRD).
Tiefere Einblicke in die genetischen Risikofaktoren psychiatrischer Erkrankungen
Prof. Dr. Ole Andreassen von der Universität Oslo eröffnete seine Präsentation mit der Darstellung neuer Forschungsergebnisse zur Genetik neuropsychiatrischer Erkrankungen. Den Vorsitz hatte Prof. Dr. Dan Rujescu, CINP-Vizepräsident und Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien. Andreassen betonte die zunehmende Verfügbarkeit kostengünstiger DNA-Genotypisierung und damit zusammenhängend die Möglichkeit für immer größere und detailliertere genomweite Vergleichsstudien (GWAS)1 sowie Genanreicherungsmessungen2 als wertvolle Entwicklungen. So konnten bereits spezifische Genanreicherungen in neuronalen Strukturen3 sowie zerebralen Arealen4 in Zusammenhang mit Erkrankungen aus dem affektiven und schizophrenen Formenkreis festgestellt werden. Diese angereicherten Gene beschrieb er als relevante Strukturen für die Entwicklung neuer pharmakologischer Substanzen. Er betonte jedoch, dass diese Erkenntnisse noch keine Anwendung in der klinischen Praxis gefunden haben, da die etablierten polygenen Risikoscores (PRS) bisher nur einen geringen prädiktiven Wert zeigten.2,3
Die Translation von großen GWAS-Datensätzen und den beschriebenen PRS zur Anwendung in der klinischen Praxis stellt den nächsten großen Meilenstein dar. Laufende longitudinale Studien in Skandinavien kombinieren hierfür elektronische Gesundheitsversorgungsdaten mit Daten aus randomisiert kontrollierten Studien, mit etablierten Biobanken und neuen statistischen Methoden (Abb. 1).5,6 Die daraus gewonnenen Algorithmen sollen eine präzisere Risikostratifizierung ermöglichen.
Abb. 1: Derzeit laufende multimodale Datenerhebung und -analyse in den skandinavischen Ländern (modifiziert nach Andreassen O 2026)
Perspektive: Risikostratifizierung psychiatrischer Krankheitsbilder
Ähnliche Fortschritte konnten 2023 bereits in der Risikostratifizierung der Alzheimerkrankheit gezeigt werden. Hier wurden PRS gemeinsam mit Datensätzen zu quantitativen Magnetresonanztomografie-Messungen, kognitiven Testungen sowie dem Patient:innenalter eingesetzt. So konnte eine deutliche Präzisierung in der Risikoprädiktion erreicht werden.7 Erste, noch nicht publizierte, multimodale prädiktive Modelle wurden durch das ENIGMA-Konsortium für die bipolar affektive Erkrankung erforscht. Durch die Kombination von PRS mit neu etablierten strukturellen neuroradiologischen Risikoscores konnten erste vielversprechende Ergebnisse für die präzisere Risikobestimmung erreicht werden. Zukünftig sollen diese multimodalen Modelle als Werkzeug für die klinische Routine etabliert und validiert werden, um in der Praxis Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Entscheidungsprozessen zu unterstützen.
Das Immunsystem bei psychiatrischen Krankheiten im Fokus
Neue Erkenntnisse im Kontext der Präzisionspsychiatrie und immunologischer Grundlagen präsentierte Prof.in Dr.in Marion Leboyer von der Universität Paris-Est Créteil. Sie betonte die Notwendigkeit der Phänotypisierung psychiatrischer Krankheiten in homogene Subgruppen. Hier steht neben neuroradiologischen, OMICS-basierten und klinischen Phänotypen ihrer Ansicht nach besonders die Untersuchung immunologisch stratifizierter Subgruppen im Vordergrund.8 Beeinflussende Umweltrisikofaktoren wie Umweltverschmutzung, Stress, Lifestyle und Infektionen, die mit dem Immunsystem interagieren, können chronische niedriggradige Entzündungen auslösen.8 In 20–40% der Patient:innen mit psychiatrischen Erkrankungen sind diese nachweisbar und mehrheitlich durch sterile Entzündungsprozesse bedingt (Abb. 2).8
Abb. 2: Postulierte Zusammenhänge zwischen Umweltrisikofaktoren, niedriggradigen Entzündungsprozessen und psychiatrischen Erkrankungen (modifiziert nach Leboyer M 2026, Osimo et al. 2018, Dantzer et al. 2008, Bulzacka et al. 2016)
Neben chronischen niedriggradigen Entzündungen zeigen sich bei 30–40% der untersuchten Patient:innen mit psychiatrischen Erkrankungen erhöhte Zytokinwerte. Diese Beobachtung wurde zwar bereits für viele psychiatrische Erkrankungen beschrieben, jedoch handelte es sich jeweils um unterschiedliche Zytokine. Dies könnte als entzündungsbasierter Phänotyp betrachtet werden, welcher vermehrt mit distinkter kognitiver Symptomatik und therapieresistenten Verläufen einhergeht.9,10 Bisherige klinische Studien mit immunmodulatorischen Substanzen wie Infliximab waren jedoch ohne Erfolg. Sie wurden mit heterogenen Patient:innen-Kohorten ohne Phänotypisierung und biologisch gestützte Studienendpunkte durchgeführt. In Post-hoc-Analysen zeigte sich aber bei Stratifizierung durch hochsensitives C-reaktives Protein (hs-CRP) eine signifikante Reduktion der depressiven Symptomatik durch Infliximab bei Patient:innen, welche ein erhöhtes hs-CRP zeigten.11
Eine kürzlich von Leboyer durchgeführte Pilotstudie zur Behandlung depressiver Episoden bipolar affektiver Erkrankungen mit Interleukin 2 (IL-2) zeigte hier ebenfalls erste positive Ergebnisse. In der Behandlungsgruppe konnte ein Anstieg regulatorischer T-Zellen in Zusammenhang mit gebesserter affektiver Symptomatik beschrieben werden, welcher in der Placebogruppe nicht nachweisbar war.12
Neben diesen wichtigen Beispielen für wirkmechanismusbasierte Studien- und Behandlungsplanung bei immunassoziierten psychiatrischen Erkrankungen wurden weitere wichtige Fragestellungen dargestellt. Autoantikörper-assoziierte Psychosen,13 mit humanen endogenen Retroviren assoziierte Neurotoxizität,14 metabolisches Syndrom15,16 und mitochondriale Abnormalitäten16 werden derzeit als relevante Ziele für die Behandlung immunassoziierter psychiatrischer Krankheiten erforscht. Leboyer sieht hier als Ziel die Identifizierung psychiatrischer Patient:innen mithilfe von replizierbaren Biomarkern, deren Krankheitsgenese und -verlauf durch Entzündungsprozesse beeinflusst werden. Im weiteren Verlauf sollen entzündungshemmende oder immunmodulierende Substanzen zur Behandlung entsprechend der beschriebenen Ansätze erforscht werden.
Als bereits bestehende wichtige Ansätze für die klinische Praxis betonte sie die Behandlung metabolischer Komorbiditäten sowie eine detaillierte Anamnese und Diagnostik von möglichen autoimmunen Komorbiditäten, welche den Verlauf psychiatrischer Erkrankungen beeinflussen könnten. In der anschließenden Diskussion mit Leboyer thematisierte die Wiener Forschungsgruppe „Clinical Evaluation of Treatments for Neuropsychiatric Symptoms in Long COVID“ (CoviCET) auch den translationalen Ansatz, psychopharmakologische Therapien auf Basis präklinischer Befunde bei multisystemischen Erkrankungen einzusetzen. Da diese Substanzen sowohl auf neurobiologische als auch auf immunologische Prozesse wirken, könnten sie gezielt dort eingesetzt werden, wo entsprechende Dysregulationen nachgewiesen sind.
Am konkreten Beispiel von postakuten Infektionssyndromen (PAIS) wie Long Covid und myalgischer Enzephalomyelitis/chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) wurde das vielversprechende Potenzial dieses Ansatzes weiter vertieft. In einem weiteren Symposium wurde das Konzept von Priv.-Doz.in DDr.in Lucie Bartova ausführlich präsentiert, die auch Schatzmeisterin des CINP und der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) ist.17–20
Vielversprechende Phase-III-Studien zu Psilocybin bei TRD
Gänzlich neue Erkenntnisse im Bereich der Psychopharmakologie präsentierte Prof. Dr. Guy Goodwin, emeritierter Professor der Universität Oxford und ärztlicher Direktor der Firma Compass, die sich aktuell auf Studien mit Psilocybin gegen TRD und PTBS fokussiert. In den zwei kürzlich abgeschlossenen Phase-III-Studien COMP005 und COMP006 randomisierten sie 258 Patient:innen mit TRD im 2:1-Verhältnis bzw. 572 mit TRD im 2:1:1-Verhältnis. Der Verumarm erhielt das synthetische Psilocybin-Präparat COMP360, als Kontrolle diente ein Placebo in der COMP005-Studie (25 mg n=170; Placebo n=85) bzw. niedrig dosiertes Psilocybin in der COMP006-Studie (25 mg n=284; 10 mg n=142; 1 mg n=142). Eine zweite und dritte Einnahme wurde den Patient:innen im weiteren Verlauf nach Erhebung des primären Endpunktes bei unzureichendem Ansprechen angeboten. Eingeschlossene Patient:innen erfüllten die Diagnosekriterien der TRD entsprechend einem 2022 publizierten Delphi-Konsensus-Statement,21 die auch in der Übersichtsarbeit der Studien der European Group for the Study of Resistant Depression (GSRD) von Bartova und Kasper beschrieben wurden22 und im ÖGPB-Konsensus-Statement zur TRD genau erklärt werden.23 Die behandelten Patient:innen zeigten multiple, bereits seit längerer Zeit bestehende depressive Episoden und mehrere unzureichende Therapieversuche.
In der COMP005-Studie wurde eine durchschnittliche Reduktion auf der Depressionsskala Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS) von 4,9 Punkten (95% CI: 6,3–3,4) nach sechs Wochen erreicht – signifikant mehr als in der Placebogruppe. Etwa 25% der Patient:innen erreichten zu diesem Zeitpunkt eine klinisch relevante Reduktion der depressiven Symptomatik, jedoch nur 11 Patient:innen eine Remission. Nach Erreichen des primären Endpunkts wurde den Patient:innen eine erneute Einnahme angeboten; nach dieser zweiten Behandlung konnte bei weiteren 40% der Patient:innen, die initial eine klinisch relevante Symptomreduktion zeigten, eine Remission erreicht werden. Im Rahmen der COMP006-Studie zeigte sich für 25 mg und 10 mg zum Zeitpunkt des primären Endpunktes nach sechs Wochen und einmaliger Gabe von 25 mg Psilocybin eine ähnliche Reduktion des MADRS-Scores von 7,6 (95% CI: 8,8–6,4) bzw. 6,3 (95% CI: 8,0–4,6) mit 10 mg Psilocybin. Beide Dosierungen zeigten sich signifikant besser als 1 mg COMP360, das die Kontrollgruppe erhalten hatte. Beide Studien ließen erkennen, dass COMP360 von den Patient:innen gut toleriert wurde. Als häufigste Nebenwirkungen wurden in der COMP005-Studie Kopfschmerzen, Übelkeit und visuelle Halluzinationen berichtet, in der COMP006-Studie ergänzend auch Ängstlichkeit. 88% bzw. 83% der Nebenwirkungen zeigten sich innerhalb eines Tages nach Behandlung rückläufig. Bei 1% der Patient:innen traten Suizidgedanken auf; bei einer Patientin, die 1 mg COMP360 erhalten hatte, kam es zu selbstverletzendem Verhalten in suizidaler Absicht.
Als potenzielle Limitation von Studien mit Psilocybin wird oft der Erwartungs-Bias genannt. Goodwin präsentierte hierzu eine aktuelle Arbeit, die darstellte, dass die berichtete Erwartungshaltung der Patient:innen nicht mit dem Behandlungsergebnis zusammenhängt.24
Darüber hinaus wies Goodwin darauf hin, dass die unter der Behandlung mit Psilocybin erzielten Effekte (Abb. 3) eigenständige pharmakologische Effekte waren; ein bedeutender Unterschied zu Studien, die die Wirkung von Psilocybin nur im Kontext einer „Psychedelika-assistierten Psychotherapie“ untersuchen.25–27 Dieser Gesichtspunkt wurde u. a. vom ehemaligen CINP-Präsidenten (2018–2021) und Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien (1993–2019), Herrn Prof. Dr. Siegfried Kasper, in seinen Diskussionsbeiträgen vertieft. Als weiteren Ausblick stellte Goodwin die Relevanz von COMP360 für andere Indikationen wie posttraumatische Belastungsstörungen in Aussicht.
Abb. 3: Überblick über die psychischen Veränderungen unter Psilocybin (modifiziert nach Dittrich et al. 2010, 2018; Dantzer et al. 2008, Bulzacka et al. 2016)
Fazit
Die Keynote-Vorträge des CINP weisen auf die Notwendigkeit einer Biomarker-basierten Stratifizierung in der Diagnostik und Therapie psychiatrischer Erkrankungen hin. Mithilfe großer multimodaler Datensätze kann die präzise Identifizierung psychiatrischer Erkrankungen und ihrer Phänotypen neue therapeutische Chancen eröffnen. Gleichzeitig bilden die neuen klinischen Daten zu Psilocybin einen relevanten Ansatz für die weitere Untersuchung der sicheren klinischen Anwendung dieser Substanz.
Literatur:
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