Rheumatologie erlebbar machen
Unsere Gesprächspartnerin:
Prim. Clin. Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Judith Sautner
Abteilungsvorstand der 2. Medizinischen Abteilung, NÖ Kompetenzzentrum für Rheumatologie
Affiliierte Abteilung der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften
Landesklinikum Korneuburg – Stockerau – Hollabrunn
E-Mail: judith.sautner@stockerau.lknoe.at
Das Interview führte Dr. Marianne Imhof
Raus aus dem Hörsaal, hinein in Ultraschall, Patientenkontakt und echte Fälle: Die ÖGR Summer School will Studierende für ein Fach gewinnen, das im Studium oft zu kurz kommt. Mitbegründerin Judith Sautner erklärt, warum aus einer Idee von 2017 ein Erfolgsmodell der rheumatologischen Nachwuchsförderung wurde.
Frau Primaria Sautner, Sie sind Mitbegründerin der Summer School für Rheumatologie. Wie entstand die Idee zu diesem Format?
J. Sautner: Die Idee entstand 2016/2017 während der ÖGR-Präsidentschaft von Prof. Dr. Puchner. Christian Dejaco, damals Wissenschaftssekretär, und ich als ÖGR-Geschäftsführerin sahen ein klares Nachwuchsproblem in der Rheumatologie. Da das Fach im Studium wenig präsent ist und oft als „Alte-Leute-Fach“ gilt, wollten wir gegensteuern. Der ÖGR-Vorstand unterstützte das Projekt, ebenso pharmazeutische Firmen, die das Format seit zehn Jahren dankenswerterweise finanziell fördern.
Mit welcher Vision sind Sie in die erste Veranstaltung gestartet?
J. Sautner: Uns war von Anfang an wichtig, dass es kein klassisches Fortbildungsformat mit reinen Frontalvorträgen wird. Wir wollten mit einem Mix aus Vorträgen, praktischen Übungen und klinischem Arbeiten zeigen, was Rheumatologie alles ist. Die Studierenden sollten nicht nur Fakten hören, sondern erleben, wie man rheumatologisch denkt, untersucht und diskutiert.
Wie gestaltete sich die Gründungsphase und wer waren wichtige Partner?
J. Sautner: Wir drei haben das Projekt gemeinsam entwickelt und organisatorisch auch Michi Lederer, die langjährige ÖGR-Sekretärin, eingebunden. Saalfelden war bewusst gewählt, da der Ort aus ganz Österreich äquidistant erreichbar ist. Mit dem Brandlhof fanden wir ein Haus mit idealen Voraussetzungen, nämlich professionellen Tagungs- und Breakout-Räumen, guter Anbindung sowie Möglichkeiten für Ultraschall und praktische Skills. Wichtig war auch das Rehazentrum Saalfelden, über das wir von Anfang an Patient:innen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern für die Sessions gewinnen konnten. Zudem unterstützte uns die Österreichische Rheumaliga mit ihrer Präsidentin Gertraud Schaffer aus Maria Alm bei der Einbindung von Patient:innen.
Was unterscheidet die Summer School von klassischen Fortbildungsformaten?
J. Sautner: Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist der niederschwellige Zugang zu den Referent:innen. Die Studierenden begegnen österreichischen wie auch internationalen Expert:innen (alle ehrenamtlich tätig) in einem Rahmen, der echten Austausch ermöglicht. Formate wie Scientific Walk oder Professor’s Anecdotes bieten Raum für Gespräche über Motivation, Karriere, Ausbildung, Vereinbarung mit Familie und den Fachalltag. Diese persönlichen Begegnungen prägen die Summer School entscheidend.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie bewusst im Programm?
J. Sautner: Der Schwerpunkt liegt auf Praxisnähe: Skill-Sessions zu Ultraschall, Kapillarmikroskopie, Mikroskopie, VR-Brillen, Patientenkasuistiken und Patientenkontakt ermöglichen das Üben von Anamnese, Untersuchungstechniken und fallbasiertem Denken. Denn klinische Muster und Befunde lernt man nicht allein aus Folien.
Wie wichtig sind Fallbeispiele und praxisnahe Diskussionen?
Die drei Begründer der Summer School: Prim. PD Dr. J. Sautner, PD Dr. R. Puchner, PD Dr. C. Dejaco
J. Sautner: Sie sind zentral. Wir hatten von Anfang an Patientinnen und Patienten dabei und arbeiten mit Case-based Learning. Die Studierenden sollen nicht nur zuhören, sondern selbst fragen, untersuchen und diskutieren. Die Rückmeldungen zeigen seit Jahren, dass gerade diese praktischen Formate besonders gut ankommen. Am beliebtesten sind die Ultraschall-Sessions. Manche Studierende wollten Pausen verkürzen oder nach dem offiziellen Programm noch weiter schallen. Das zeigt, wie groß der Wissensdurst ist, wenn man jungen Leuten die richtigen Möglichkeiten gibt.
An welche Zielgruppe richtet sich die Summer School primär?
J. Sautner:Begonnen hat es als Summer School für Medizin-Studierende generell. Mittlerweile richten wir uns vor allem an Studierende im 5. und 6. Studienjahr, weil ein positiver Effekt auf die Entscheidung für das Fach Rheumatologie nach unseren Erfahrungen am Ende des Studiums besonders groß ist. Die Bewerbung erfolgt über die Website mit Motivationsschreiben. Meist können wir 30 Plätze vergeben. Die Gruppe ist international: Wir hatten auch Teilnehmende aus Deutschland, Italien, Polen oder der Schweiz.
Welche Bedeutung hat das Format für die Nachwuchsförderung?
J. Sautner: Eine sehr große. Natürlich geht es in erster Linie darum, junge Menschen für die Rheumatologie zu begeistern und in die Ausbildung zu bringen. Aber es geht auch um Awareness für das Fach insgesamt. Viele Teilnehmende werden später vielleicht Orthopäd:innen, Radiolog:innen oder Allgemeinmediziner:innen. Auch für sie ist es wichtig, zu wissen, was Rheumatologie leisten kann, wann sie an rheumatologische Erkrankungen denken müssen und wen sie bei Fragen kontaktieren können. Diese Vernetzung ist enorm wertvoll.
Woran messen Sie den Erfolg der Summer School?
J. Sautner: Zum einen an den jährlichen Evaluierungen, die wir von Anfang an durchgeführt haben und die zum Ausbau der Hands-on-Sessions führten. Zum anderen lässt sich in Österreich gut verfolgen, was aus den Teilnehmenden wird. Eine Publikation zeigte die Effizienz der Summer School; inzwischen sind meines Wissens rund 95 bis 100 Prozent der rheumatologischen Ausbildungsstellen besetzt.
Wie hat sich das Programm weiterentwickelt?
J. Sautner: Die Summer School wurde stetig praxisorientierter und später als EULAR-endorsed Project anerkannt, wodurch internationale Sprecher:innen hinzukamen. 2020 fand sie virtuell statt. Ergänzt wurden u.a. medizinisches Schreiben und ein rheumatologischer Escape Room, der im EULAR-Kontext weitergeführt wird. Zudem entstand daraus die von Absolvent:innen organisierte ÖGR-Jungärzt:innen-Summer-School als Fortbildungs- und Netzwerktreffen für Ausbildungsärzt:innen aus ganz Österreich.
Welche Rolle spielen digitale Formate und neue Technologien?
J. Sautner: Digitale Elemente sind eine Ergänzung, aber kein Ersatz für Begegnung und praktische Erfahrung. Ein Beispiel sind VR-Brillen, mit denen rheumatologische Inhalte dargestellt werden können, etwa Einblicke in Gelenke oder die Wirbelsäule. Auch der Escape Room zeigt, wie gut Game-based Learning angenommen wird. Entscheidend bleibt aber, dass solche Technologien in ein didaktisches Konzept eingebettet und nicht nur Selbstzweck sind.
Gab es zuletzt Themen oder Entwicklungen, die besonders wichtig wurden?
J. Sautner: Das Format ist insgesamt breiter geworden, etwa durch praktische radiologische Übungen zur Interpretation von Röntgen-, CT- und MRT-Bildern. Ein Vormittag ist Themen wie „Science made in Austria“, ÖGR-Formaten zur Karriereunterstützung sowie Informationen zu wissenschaftlichen Karrieren, Facharztprüfung und Niederlassung gewidmet. Auch die internationale Dimension hat zugenommen: Heute ist rund die Hälfte des Programms auf Englisch. Zudem wirkt das Konzept über die Rheumatologie hinaus mit ähnlichen Summer Schools etwa in Gastroenterologie, Nephrologie und Onkologie – eine Auszeichnung, aber auch Konkurrenz um junge Talente.
Was bedeutet Ihnen die Summer School persönlich?
J. Sautner: Sehr viel. Es ist ein echtes Erfolgsprojekt und ein bisschen unser Dreier-Baby. Wir sind darauf stolz und freuen uns jedes Jahr darauf. Besonders schön ist es, die jungen Leute zu erleben: wie gut sie theoretisch ausgebildet sind, wie viel sie wissen und wie groß ihr Wissensdurst ist, wenn man ihnen Rheumatologie praktisch zeigt. Es ist ein tolles Erlebnis, diesen Enthusiasmus ein Stück weit positiv beeinflussen zu können.
Welche Ziele haben Sie für die Zukunft und welche Botschaft möchten Sie jungen Ärztinnen und Ärzten mitgeben?
J. Sautner: Die Herausforderung wird sein, Qualität und persönliche Atmosphäre zu bewahren und die Nachwuchsförderung zugleich weiterzuentwickeln. Generell ist natürlich unser Wunsch, dass Rheumatologie in Zukunft im Studium sichtbarer wird. Jungen Kolleg:innen möchte ich mitgeben: Schauen Sie sich das Fach an, stellen Sie Fragen und nutzen Sie die Möglichkeit zur Vernetzung. Rheumatologie ist breit, klinisch anspruchsvoll und geprägt von enormen therapeutischen Fortschritten – ein sehr befriedigendes Fach mit Kontakt zu vielen Patient:innen und für uns nach wie vor das schönste von allen.
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