Telemedizin als Chance für chronisch Kranke
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COPD zählt weltweit zu den häufigsten chronischen Erkrankungen und stellt Gesundheitssysteme vor enorme Herausforderungen. Im Rahmen einer Session zu „COPD & Digital Health“ auf der dHealth 2026 diskutierten Expert:innen aus Medizin, Pflege und Telemedizin sowie Patient:innen aktuelle Entwicklungen rund um Telemonitoring, integrierte Versorgung und digitale Betreuungskonzepte. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie digitale Lösungen die Versorgung chronisch kranker Menschen nachhaltig verbessern können.
Integrierte Versorgung als Schlüssel
Chronisch obstruktive Lungenerkrankungen gehören weltweit zu den bedeutendsten Ursachen für Morbidität und Mortalität. Gleichzeitig steigt der Bedarf an langfristiger Betreuung und koordinierter Versorgung kontinuierlich an. Univ.-Prof. Dr. Bernhard Tilg, Universitätsprofessor für Medizinische Informatik an der UMIT Tirol, Hall in Tirol, betonte in seinem Einführungsvortrag die zentrale Bedeutung integrierter Versorgungssysteme.
Integrierte Versorgung bedeute eine koordinierte, sektorenübergreifende Betreuung entlang des gesamten Behandlungspfades – von Prävention und Diagnostik bis hin zu Therapie, Pflege und Nachsorge. Gerade bei chronischen Erkrankungen wie COPD seien viele Berufsgruppen und Einrichtungen eingebunden. Digital Health fungiere dabei als verbindendes Element zwischen den Akteur:innen.
Abb. 1: Die Referent:innen der Session „COPD & Digital Health“: R. Modre-Osprian, P. Feest, A. Lang, A. Widhalm, J. Andres, A. Valipour, B. Tilg (v.l.n.r.)
Telemonitoring, digitale Datenintegration und klinische Entscheidungsunterstützung könnten helfen, Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen und Patient:innen kontinuierlich zu begleiten. Als österreichisches Best-Practice-Modell wurde „HerzMobil Tirol“ vorgestellt. Das telemedizinische Betreuungsprogramm für Herzinsuffizienzpatient:innen habe gezeigt, dass strukturierte Versorgungskonzepte die Sterblichkeit verringern, Wiederaufnahmen in Krankenhäusern reduzieren und die Lebensqualität verbessern können.
Exazerbationen frühzeitig erkennen
Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, Vorstandder Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Klinik Floridsdorf, Wien, widmete sich anschließend den klinischen Herausforderungen der COPD-Versorgung. Er machte deutlich, dass COPD weit mehr als eine reine Lungenerkrankung sei. Exazerbationen führen häufig zu Krankenhausaufenthalten und beschleunigen den Verlust der Lungenfunktion. Besonders problematisch sei der sogenannte „Drehtüreffekt“: Viele Patient:innen werden kurz nach einer stationären Behandlung erneut hospitalisiert. Gerade die Zeit nach der Entlassung stelle eine besonders vulnerable Phase dar. Hier könnten telemedizinische Konzepte helfen, Verschlechterungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern.
Internationale Studien zum Telemonitoring bei COPD zeigen zunehmend positive Effekte. Vor allem bei Hochrisikopatient:innen könnten Krankenhausaufenthalte reduziert und die Therapietreue verbessert werden. Gleichzeitig warnte Valipour vor unrealistischen Erwartungen. Entscheidend sei, welche Parameter tatsächlich sinnvoll gemessen werden und wie daraus konkrete medizinische Maßnahmen abgeleitet werden können. Zusätzlich müsse berücksichtigt werden, dass viele chronisch kranke Menschen mehrere Erkrankungen gleichzeitig haben. Die parallele Nutzung zahlreicher Apps und Geräte könne rasch zu einer Überforderung führen.
TeleCareCenter als neues Versorgungsmodell
Einen besonders praxisnahen Einblick in die Umsetzung telemedizinischer Versorgung gaben Dipl.-Ing. Jennifer Andres, MSc, telbiomed Medizintechnik und IT Service GmbH, Mag. Alexander Lang, MBA, Ärztefunkdienst Wien, und Dipl.-Ing. Peter Feest, VIVISOL Heimbehandlungsgeräte GmbH, anhand des neuen Projekts „PulmoCare@Home COPD-Telemonitoring Wien“. Im Mittelpunkt steht ein sogenanntes TeleCareCenter (TCC), das Patient:innen mit COPD im häuslichen Umfeld kontinuierlich betreut (Abb. 2).
Abb. 2: Aufbau eines TeleCareCenters mit digitalem Monitoring, COPD-Nurse, ärztlicher Betreuung und Homecare-Support entlang des gesamten Versorgungspfades
Andres erläuterte den organisatorischen Aufbau des Systems: Das TeleCareCenter fungiert dabei als zentrale Koordinationsstelle zwischen Patient:innen, Kliniken, Ärzt:innen, Pflege, Homecare-Providern und technischen Supporteinheiten. Ziel sei es, den gesamten Versorgungsprozess digital zu begleiten und gleichzeitig eine persönliche Betreuung sicherzustellen.
Der telemedizinische Prozess beginnt mit einem strukturierten Onboarding zu Hause. Patient:innen erhalten eine COPD-Schulung, werden in Atemübungen eingeführt und lernen den Umgang mit den Messgeräten. Ziel ist, dass die Betroffenen ihre Vitalparameter selbstständig erfassen und die täglichen Abläufe sicher beherrschen. In einer anschließenden Stabilisierungsphase werden über mehrere Wochen Gesundheitsdaten engmaschig überwacht. Dazu zählen unter anderem Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz, Puls sowie Lungenfunktionswerte. Ergänzend beantworten die Patient:innen regelmäßig Fragebögen zu Symptomen und Lebensqualität.
Alle Daten werden in der Plattform „TBM CareManager“ gebündelt. Das System ermöglicht die zentrale Datensichtung, Alarmierung bei Auffälligkeiten sowie die Kommunikation zwischen den beteiligten Berufsgruppen. Gleichzeitig dient es als Schnittstelle zwischen Patient:innen und medizinischem Fachpersonal.
Lang betonte insbesondere die Bedeutung der guten Vernetzung aller Beteiligten. Auch hätten viele Patient:innen Berührungsängste mit digitalen Anwendungen. Entscheidend sei daher, dass die Betroffenen Ansprechpartner:innen haben, die sie begleiten, motivieren und bei Problemen unterstützen.
Eine zentrale Rolle spielen speziell geschulte COPD-Nurses. Sie kontrollieren die eingehenden Daten, unterstützen die Patient:innen im Alltag und führen telemedizinische Atemphysiotherapie durch. Ergänzend übernehmen technische Supportteams die Einschulung in Geräte und Apps sowie die laufende Betreuung bei technischen Problemen.
Auch der Homecare-Bereich spielt eine wesentliche Rolle. Feest erläuterte, dass die Versorgung weit über die Bereitstellung von Geräten hinausgehe. Patient:innenzentriertes Denken setzt schon bei der Auswahl der verwendeten Technologien an. Die eingesetzten Geräte müssen robust, verlässlich und intuitiv zu bedienen sein. Die Patient:innen benötigen intensive Einschulungen, laufende Betreuung und oft auch Unterstützung durch Angehörige. Gerade chronisch kranke Menschen bräuchten Sicherheit und Vertrauen im Umgang mit digitalen Versorgungslösungen.
Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung des menschlichen Faktors. Trotz Digitalisierung brauche es persönliche Ansprechpartner:innen, die zuhören, motivieren und den Patient:innen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Telemedizin könne nur dann erfolgreich sein, wenn Technik und persönliche Betreuung sinnvoll kombiniert werden.
Digitalisierung braucht Akzeptanz
Die Perspektive der Betroffenen brachte Angelika Widhalm, Vorsitzende des Bundesverbandes Selbsthilfe Österreich, ein. Sie betonte die enorme Bedeutung von pflegenden Angehörigen im Alltag chronisch kranker Menschen. Telemedizin könne aus Sicht der Patient:innen durchaus Vorteile bringen: engmaschigere Betreuung, mehr Sicherheit und kürzere Wege. Gleichzeitig gebe es jedoch große Skepsis gegenüber digitalen Versorgungslösungen. Datenschutz, technische Unsicherheit und die Sorge vor dem Verlust persönlicher ärztlicher Kontakte seien häufige Themen.
Widhalm forderte daher eine stärkere Einbindung von Patient:innen und Patient:innenvertretungen bereits bei der Entwicklung digitaler Gesundheitsprojekte. Telemedizin müsse verständlich erklärt und professionell begleitet werden. Entscheidend sei, dass Patient:innen den konkreten Nutzen erkennen und Vertrauen in die Systeme entwickeln.
Fazit
Die vorgestellten Konzepte zeigen insgesamt, dass Telemedizin großes Potenzial für die Versorgung chronisch kranker Menschen bietet. Gleichzeitig wurde deutlich, dass erfolgreiche Digitalisierung weit mehr bedeutet als die Einführung neuer Technologien. Entscheidend sind integrierte Prozesse, funktionierende Kommunikation und eine Versorgung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Quelle:
„COPD & Digital Health“, Session im Rahmen der dHealth 2026, 20th Annual Conference on Health Informatics meets Digital Health, AIT Austrian Institute of Technology, am 13.Mai 2026 in Wien
Entgeltliche Einschaltung
Mit freundlicher Unterstützung durch telbiomed Medizintechnik und IT Service GmbH, VIVISOL Heimbehandlungsgeräte GmbH, Ärzte-Dienstleistungs GmbH