Die PRS-Rekonstruktionspfanne mit zentraler Ileumschraube
Autoren:
OA Dr. Ralf Burgstaller
Prim. Univ.-Prof. PD Dr. Dietmar Dammerer, MSc, PhD
Klinische Abteilung für Orthopädie und Traumatologie, Universitätsklinikum Krems
Korrespondenz:
E-Mail: dietmar.dammerer@krems.lknoe.at
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Neben komplexen Frakturmorphologien erschweren osteoporotische Knochenqualität, vorbestehende Degeneration des Hüftgelenks sowie der Anspruch an eine rasche postoperative Mobilisation insbesondere im geriatrischen Patientenkollektiv die klassische osteosynthetische Versorgung. Eine Rekonstruktionspfanne bietet in solchen Fällen eine wirksame Handlungsoption.
Keypoints
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Bei geriatrischen Acetabulumfrakturen ist die primäre Endoprothetik (replace-in-situ) eine Alternative zur Osteosynthese, um eine sofortige Mobilisation zu ermöglichen.
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Die zentrale Schraube im supraazetabulären Korridor fungiert als massive intrapelvine Abstützung und garantiert die notwendige Primärstabilität.
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Der entscheidende Vorteil des Verfahrens ist die frühfunktionelle Nachbehandlung unter Vollbelastung, wodurch immobilisationsbedingte Komplikationen im Alter minimiert werden.
Einführung
Abb. 1: Zementfreie, sphärische, am Pol abgeflachte Rekonstruktionsschale mit neun Bohrungen für Spongiosaschrauben (Ø 6,5mm) und drei kranialen Bohrungen für Spongiosaschrauben (Ø 8mm)
Hochbetagte Patientinnen und Patienten können in der Regel nicht mobilisiert werden, ohne die betroffene Extremität voll zu belasten. Die Ursachen hierfür können dabei sowohl körperlicher als auch kognitiver Natur sein. In diesen Fällen gewinnt die primäre endoprothetische Versorgung mit Rekonstruktionspfanne an Bedeutung (Replace-in-situ-Prinzip). Diese gewährleistet in Kombination mit der zentralen Ileumschraube eine sofortige stabile Primärverankerung der Hüftpfanne auch bei komplexen Frakturmustern und ermöglicht somit eine frühe Vollbelastung sowie Remobilisation. Ein Beispiel einer solchen Rekonstruktionspfanne stellt die Mutars® PRS (Pelvic Revision Shell) dar. Die zementfrei implantierte Rekonstruktionsschale von Implantcast zeigt Abbildung 1.
Indikationen
Die Indikationsstellung ist entscheidend für den Erfolg des Verfahrens. Bewährt hat sich der Einsatz der PRS-Pfanne insbesondere bei:
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mehrfragmentären Acetabulumfrakturen mit Beteiligung der vorderen Säule
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medialer Wandfraktur mit zentraler Femurkopfprotrusion
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osteoporotischem Knochen mit eingeschränkter Pfannenverankerung
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kombinierter Fraktur und präexistenter Coxarthrose von geriatrischen Patient:innen mit dem Ziel der frühzeitigen Vollbelastung
Präoperative Planung
Die präoperative Planung erfolgt CT-gestützt mit 3D-Rekonstruktionen (Abb. 2). Besonderes Augenmerk liegt auf der Beurteilung des knöchernen Areals oberhalb des Foramen ischiadicum majus („sciatic buttress“), da dies den Korridor für die zentrale Ileumschraube darstellt. Zudem sollte die ursprüngliche Hüftzentrumslage wiederhergestellt werden, um ein biomechanisch günstiges Operationsergebnis zu erzielen.
Abb. 2: 3D-Rekonstruktion einer vorderen Pfeiler-/hinteren Hemiquerfraktur (gestrichelte Linie: Frakturausläufer)
Operativer Zugang und Lagerung
Die Lagerung erfolgt in Rücken- oder Seitenlage, abhängig vom bevorzugten Zugang und der geplanten femoralen Versorgung. In der Praxis hat sich der anteriore Zugang bewährt, da er eine gute Übersicht über das Acetabulum bietet und problemlos mit einer Schaftimplantation kombiniert werden kann. Nach Eröffnung der Gelenkkapsel erfolgt die Resektion des Femurkopfes, der gegebenenfalls als autologes Spongiosamaterial zur Defektauffüllung genutzt werden kann.
Vorbereitung des Acetabulums
Im Gegensatz zur klassischen Osteosynthese ist keine anatomische Rekonstruktion aller Frakturfragmente erforderlich. Ziel ist die Schaffung eines stabilen Pfannenlagers. Lose Fragmente werden entfernt, größere Fragmente – insbesondere der vorderen Säule – können durch temporäre K-Drähte oder Schrauben grob reponiert und fixiert werden. Mediale Defekte können mit autologer Spongiosa oder strukturiertem Knochenmaterial aufgefüllt werden. Der Fräsvorgang erfolgt vorsichtig, um ausgedehnten Knochenverlust zu vermeiden. Die Fräsgröße wird so gewählt, dass ein möglichst großflächiger Kontakt zwischen Pfanne und tragfähigem Knochen entsteht.
Implantation der PRS-Rekonstruktionspfanne
Die PRS-Pfanne zeichnet sich durch ihre massive Bauweise, multiple Schraubenoptionen und die Möglichkeit einer zentralen Ileumschraube aus. Nach Einbringen der Pfanne wird diese korrekt ausgerichtet (Inklination ca. 40–45°, Anteversion ca. 15–20°). Der entscheidende Schritt ist die Platzierung der zentralen Ileumschraube. Dafür wird unter Bildwandlerkontrolle ein Bohrdraht in den supraazetabulären Korridor gesetzt (Abb. 3a u. 3b) und mit dem 6-mm-Bohrer überbohrt. Anschließend wird die Schraube durch das entsprechende Positionsloch der Pfanne in den supraazetabulären Anteil des Iliums eingebracht. Dabei ist auf eine ausreichende Schraubenlänge zu achten, um eine stabile Verankerung zu erzielen. Die zentrale Schraube übernimmt eine lasttragende Funktion und wirkt wie eine intrapelvine Abstützung. Zusätzlich wird die Pfanne mit Schrauben im Sitzbein und/oder dem Schambeinast fixiert (Abb. 4). Die PRS-Pfanne erlaubt hierbei eine flexible Schraubenplatzierung, was insbesondere bei komplexen Frakturmorphologien von Vorteil ist.
Abb. 3a und 3b: a) Positionskontrolle des Führungsdrahtes im supraazetabulären Korridor (gestrichelte Linie) in der Obturator-Aufnahme (Stern: Acetabulum); b) Positionskontrolle des Führungsdrahtes in der Ala-Aufnahme (gestrichelte Linie: Incisura ischiadica major; Stern: Acetabulum)
Postoperative Nachbehandlung
Dank der hohen Primärstabilität der Konstruktion wird eine frühfunktionelle Behandlung angestrebt. Die Patient:innen können unter physiotherapeutischer Aufsicht vollbelastend mobilisiert werden. Dies stellt einen wesentlichen Vorteil gegenüber der alleinigen Osteosynthese dar, insbesondere bei geriatrischen Patientinnen und Patienten. Eine radiologische Verlaufskontrolle wird postoperativ sowie nach sechs und zwölf Wochen empfohlen.
Ergebnisse und Komplikationen
Klinische Erfahrungen zeigen sehr gute funktionelle Ergebnisse mit einer niedrigen Rate an sekundärer Pfannenmigration oder Lockerungen. Die zentrale Ileumschraube trägt maßgeblich zur Stabilität bei, insbesondere bei komplexen Frakturen. Mögliche Komplikationen umfassen Luxationen, Infektionen oder – selten – Schraubenlockerungen. Diese lassen sich durch eine exakte Implantatpositionierung minimieren.
Fazit für die Praxis
Die Versorgung von Acetabulumfrakturen mit der PRS-Rekonstruktionspfanne und zentraler Ileumschraube stellt eine effektive und sichere Therapieoption dar. Sie ermöglicht auch bei komplexen Frakturen und osteoporotischem Knochen eine stabile Primärversorgung mit dem Ziel der sofortigen vollbelastenden Mobilisation. Für unfallchirurgisch tätige Operateur:innen bietet dieses Konzept eine wertvolle Alternative zur klassischen Frakturosteosynthese und zur sekundären Endoprothetik.
Literatur:
beim Verfasser
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