Eine Synergie zwischen Physiotherapie und Rheumatologie schaffen
Das Interview führte Clara Fruhmann, MA
Dr. Jean-Pascal Gernier arbeitet am Universitätsklinikum Innsbruck in der Inneren Medizin II. Sein Ziel als ausgebildeter Physiotherapeut und Facharzt für Rheumatologie ist es, den Smallest Worthwhile Effect (SWE) zu erforschen.
Wie würden Sie Ihre Forschung in drei Sätzen beschreiben?
Die Patient:innenperspektive von Menschen mit rheumatischen Erkrankungen wird in Klinik und Forschung häufig unterschätzt oder nur unzureichend berücksichtigt. Ich forsche daher zu Trainingstherapie und Bewegung bei rheumatischen Erkrankungen. Im Zuge dessen möchte ich sowohl die Behandler:innenperspektive abbilden – etwa in einer aktuellen internationalen DACH-Studie, in der Empfehlungen zur Trainingsintensität von Physiotherapeut:innen und Rheumatolog:innen erhoben werden – als auch die Patient:innenperspektive stärker einbeziehen. Ziel ist es, die Evidenzbasis in einem Bereich zu stärken, der trotz der rasanten pharmakologischen Entwicklung und spektakulärer Grundlagenforschung in der Rheumatologie häufig weniger Beachtung findet.
Wie ist Ihr Forschungsvorhaben entstanden?
Durch meinen Hintergrund als Physiotherapeut mit Spezialisierung auf muskuloskelettale Beschwerden konnte ich bereits während des Medizinstudiums praktisch sowie theoretisch profitieren. Meine Forschungsideen entstehen oft aus einer Art Synergie zwischen Rheumatologie und Physiotherapie. Das Konstrukt des SWE zum Beispiel ist in der Physiotherapie seit circa 2010 bekannt. Hierbei werden Patient:innen mit einer bestimmten Erkrankung gefragt, welche Verbesserung von Schmerz oder Disability für sie notwendig ist, damit sie eine bestimmte Intervention, wie z.B. Physiotherapie, unter Berücksichtigung von Mühen, Kosten, Unannehmlichkeiten und zu erwartendem Nutzen als lohnenswert erachten. Ein wesentlicher Vorteil des SWE besteht dabei darin, dass der Schwellenwert interventionsspezifisch bestimmt wird und unmittelbar auf den Präferenzen und Bewertungen der Patient:innen basiert.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Ich arbeite am Universitätsklinikum Innsbruck in der Inneren Medizin II, wo Pneumologie, Infektiologie und Rheumatologie integriert sind, und befinde mich aktuell in der Facharztausbildung zum Rheumatologen. In der Regel arbeite ich an vier Tagen pro Woche klinisch in der Patient:innenversorgung und reserviere einen Tag für Forschung und wissenschaftliche Tätigkeiten. Ehrlicherweise reicht dieser eine Forschungstag häufig nicht aus, weshalb ein Teil der wissenschaftlichen Arbeit auch in der Freizeit stattfindet. Gleichzeitig lässt mich die Physiotherapie weiterhin nicht ganz los, weshalb ich an mehreren Universitäten in Österreich in Masterstudiengängen der Physiotherapie als externer Dozent lehre und zudem Forschungsprojekte begleite.
Ein weiteres Herzensprojekt ist zudem ein Podcast, den ich gemeinsam mit einem guten Freund, Alexander Thiel – Physiotherapeut und Lehrender an der FH Wien –, seit etwa einem Jahr unter dem Titel „From paper to practice“ veröffentliche. Darin besprechen wir alle zwei Wochen in einem lockeren Gespräch jeweils eine aktuelle Studie, im Kern als strukturierter Journal Club.
Wie geht es mit Ihrer Forschung/Ihrem Projekt in der Zukunft weiter?
Erfreulicherweise wurde mein aktuelles Projekt zum SWE bei Patient:innen mit rheumatischen Erkrankungen – ein Benefit-Harms-Trade-off-Ansatz – mit einem EULAR-Forschungsgrant in Höhe von 50000 Euro unterstützt. Diese Förderung gibt uns die Möglichkeit, eine internationale Studie strukturiert umzusetzen und dafür auch personelle Ressourcen aufzubauen. Die Koordination zwischen drei Ländern, Patient:innenorganisationen und weiteren Stakeholdern ist im klinischen Alltag kaum nebenbei zu leisten. Daher ist die Finanzierung einer Koordinationsstelle ein zentraler Baustein für die erfolgreiche Umsetzung. Ich freue mich sehr, dass die Relevanz dieses Ansatzes auch auf europäischer Ebene gesehen und gefördert wird. Ziel ist es, innerhalb der nächsten zwölf Monate erste Ergebnisse zu generieren und diese anschließend zu publizieren.
Heureka-Moment:
Junge Forschende Stellen sich vor
Dr. Jean-Pascal Grenier
Arzt in Ausbildung
E-Mail:
jean-pascal.grenier@tirol-kliniken.at
Medizinische Universität Innsbruck
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