Erstes „Da Vinci Single Port“-OP-System in Österreich
Autor:
Prim. Dr. Gottfried Pfleger
Abteilung für Urologie
Gesundheit Burgenland – Burgenländische Krankenanstalten
Klinik Oberwart
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Seit März 2025 werden an der Klinik Oberwart robotisch assistierte Eingriffe mit dem „Da Vinci Single Port“(SP)-Operationssystem durchgeführt. Prim. Dr. Gottfried Pfleger berichtet über die Implementierung des Systems sowie die ersten klinischen Erfahrungen an der Urologie Oberwart.
Keypoints
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Das „Da Vinci Single Port“- Operationssystem zeichnet sich durch ein breites Einsatzspektrum an allen urologischen Organsystemen aus.
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Es bietet die Möglichkeit des transperitonealen und prä-/retroperitonealen Zugangs und ein reduziertes Zugangstrauma.
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Dadurch sind postoperative Schmerzen minimiert und die Rekonvaleszenz ist beschleunigt.
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Es besteht eine ausgezeichnete Bewegungsfreiheit des gesamten Systems.
Im Jahr 2022 läutete der Da Vinci Xi von Intuitive Surgerydas Zeitalter der robotischen Chirurgie auch an der Klinik Oberwart ein. Da die Verwendung des Systems nicht nur durch die Abteilung für Urologie, sondern auch durch die chirurgische und die gynäkologische Abteilung zu einer schnellen Auslastung geführt hatte, wurde ab 2024 die Anschaffung eines zweiten OP-Roboters geplant. Die Gesundheit Burgenland entschied sich gemeinsam mit den operativen Abteilungen der Klinik Oberwart für das SP-System der Firma Intuitive Surgery. Dieser Da-Vinci-SP-Roboter wurde im März 2025 von der urologischen Abteilung in Betrieb genommen. In den folgenden Monaten wurde das System nicht nur an der chirurgischen und gynäkologischen, sondern auch an der HNO-Abteilung etabliert.
Das Da-Vinci-SP-System hat 2018 die Zulassung der Federal Drug Administration (FDA) in den USA erhalten. Es wurden weitreichende Erfahrungen bezüglich Sicherheit und möglicher Anwendungen gesammelt, bevor das Gerät 2024 mit CE-Kennzeichnung auch in Europa in den Handel kam. Die Klinik Oberwart ist die erste und bisher einzige Klinik in Österreich, die mit diesem System arbeitet.
„Single-Port“- vs. „Multi-Port“-System
Die Vorteile der Robotersysteme im Vergleich zur konventionellen offenen Chirurgie und auch zur Laparoskopie dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Worin liegen nun die Vorteile bzw. Unterschiede des SP-Roboters im Vergleich zum „Multi-Port“(MP)-System im urologischen Umfeld?
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Über den 3-cm-Zugang wird ein einziger Trokar eingeführt. Durch diesen Trokar werden bis zu drei mehrgelenkige Instrumente und die 3D-HD-Kamera eingeführt und direkt im OP-Gebiet trianguliert. Das System ermöglicht eine flexible Trokarplatzierung und durch die Möglichkeit einer 360°-Rotation eine ausgezeichnete Bewegungsfreiheit. Es können so alle vier Quadranten des Abdomens ohne neues Ab- und Andocken des Roboters erreicht werden.
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Das SP-System ist rascher aufgerüstet und angedockt als das MP-System und erspart OP-Zeit. Die Konsolenzeit war anfangs aufgrund der Lernkurve etwas länger, aber mit zunehmender Erfahrung besteht heute diesbezüglich kein Unterschied mehr.
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Die Kamera ist keine starre 0°- oder 30°-Optik, sondern kann flexibel in alle Richtungen bewegt werden – ähnlich einem flexiblen Endoskop.
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Die Instrumente sind nicht so stabil wie die MP-Instrumente und können durch Zusatzinstrumente leichter verdrängt werden. Diesbezüglich bedarf es einer guten Koordination zwischen dem Konsolenchirurgen und der „table assistance“. Die Abwinkelung der Instrumente ist nicht so stark möglich, da das Gelenk zum Abwinkeln etwas weiter von der Instrumentenspitze entfernt ist. Dieser Umstand war zunächst ungewohnt.
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Der Da Vinci SP kann für alle urologischen Indikationen transperitoneal eingesetzt werden. In erfahrener Hand können aber fast alle gängigen urologischen Eingriffe mit dem SP-Roboter auch über einen extraperitonealen Zugang durchgeführt werden.
Der prä- bzw. extraperitoneale Zugang hat mehrere Vorteile:
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Es besteht kein Risiko für postoperative intraabdominelle Adhäsionen.
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Bei voroperierten Patient:innen sind keine Adhäsiolysen nötig.
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Der postoperative Schmerzmittelbedarf ist geringer.
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Die Patient:innen erholen sich rascher.
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Für Blasensteine und ausgeprägte Prostatahyperplasien bietet sich der transvesikale Zugang über eine kurze Sectio alta an. Auf diesem Weg sind Steine rasch entfernt und eine roboterunterstützte Adenomenuklation ist problemlos möglich.
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Die radikale Prostatektomie mit oder ohne Lymphadenektomie kann präperitoneal mit geringerem Zugangstrauma als laparoskopisch durchgeführt werden. Im Vergleich zum transperitonealen Zugang mit dem MP-Roboter bedarf es keiner Trendelenburg-Lagerung. Die einfache Rückenlagerung ist für den Patienten schonender, für die Anästhesie angenehmer und für das OP-Personal deutlicher rascher durchführbar.
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Die Nebenniere und der obere Nierenpol sind in Seitenlage über den dorsolateralen Zugang durch das Trigonum lumbale gut erreichbar.
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Für Eingriffe am Nierenbecken und Tumoren im mittleren und kaudalen Drittel bzw. für Psoas-Hitch-Plastik bietet sich der LARA(„lower anterior retroperitoneal access“)-Zugang an.
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Der LARA (Abb.1) ist ein idealer Zugang ins Retroperitoneum. Über einen Wechselschnitt zwei Querfinger medial der Spina iliaca anterior superior wird stumpf der retroperitoneale Raum erreicht und entwickelt. Dann dient der Musculus psoas als Leitstruktur, an der entlang der Nierenhilus oft in wenigen Minuten erreicht ist. Eine aufwendige Seitenlagerung von Patient:innen ist nicht notwendig. Der OP-Tisch wird nur etwa 10° auf die kontralaterale Seite gekantet. Diese Lagerung und das rasche Erreichen des Hilus führen dazu, dass eine Nierentumorenukleation mit dem SP-System inzwischen rascher vonstattengeht als mit dem MP-System.
Implementierung und erste klinische Erfahrungen an der Klinik Oberwart
Seit März 2025 kommt das Da-Vinci-SP-System an unserer Abteilung routinemäßig zum Einsatz. Die Ausbildung am Gerät folgte dabei dem strukturierten Konzept der Firma Intuitive Surgery. Dieser Ablauf – von der theoretischen Einschulung bis hin zur Unterstützung durch einen Proctor bei den ersten Eingriffen – erleichtert die sichere Einführung des neuen Geräts in den klinischen Alltag. Wir haben mit der präperitonealen radikalen Prostatektomie ohne Lymphadenektomie begonnen und dann das Indikationsspektrum schrittweise in Richtung retroperitonealer Chirurgie über LARA weiterentwickelt. Die anfänglichen strikten Kriterien der Patient:innenselektion (z.B. Prostatavolumen <70ml, Nierentumor am kaudalen Pol) haben wir in der Zwischenzeit verlassen. Mit dem Da Vinci Xisteht uns aber auch weiterhin das MP-System zur Verfügung, sodass wir anatomische Gegebenheiten und Geräteauswahl gut aufeinander abstimmen können. Diese schrittweise Implementierung gewährleistet einerseits die Kontinuität der Weiterentwicklung und andererseits einen hohen Qualitätsstandard. Insgesamt haben wir an der urologischen Abteilung der Klinik Oberwart in den letzten 10 Monaten mit dem SP-System 128 Eingriffe durchgeführt. Der Großteil davon entfällt auf robotisch assistierte präperitoneale radikale Prostatektomien (Abb.2).
Unsere internen Qualitätskontrollen zeigen keinen Unterschied bzgl. R1-Resektionsraten, 3-Monats-Kontinenz und peri- und postoperativer Komplikationen zwischen den beiden Systemen. Das Da-Vinci-SP-Operationssystem von Intuitive Surgery stellt an unserer Klinik nicht nur für die Urologie eine Erweiterung der OP-Technik dar, die es uns ermöglicht, für unsere Patient:innen individuell die passende OP-Methode auszuwählen.
Literatur:
beim Verfasser
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