Fokus: pädiatrische Gehirntumoren
Das Interview führte
Ingeborg Morawetz, MA
Anna Lämmerer, PhD, doktorierte am Berger-Labor der MedUni Wien. Ihre Forschung hilft, Studien voranzutreiben – und oft direkt dabei Leben zu verlängern.
Wie würden Sie Ihre Forschung in drei Sätzen beschreiben?
Meine Forschung fokussiert auf pädiatrische hochgradige Gehirntumoren. Gerade pädiatrische Tumoren sind bei klinischen Studien von Pharmafirmen unterrepräsentiert, da sie im Vergleich zu Tumoren bei Erwachsenen viel seltener vorkommen. Daher ist die akademische Forschung bei pädiatrischen Tumoren umso wichtiger, speziell bei Gehirntumoren, die bei kindlichen Krebserkrankungen die häufigste Todesursache darstellen.
Was ist das bestmögliche Ergebnis, das Sie sich für Ihre Forschung vorstellen können?
Das bestmögliche Ergebnis meiner Forschung ist für mich bereits, dass wir mit unseren Ergebnissen die wissenschaftliche Grundlage für eine klinische Studie unterstützen konnten. Diese Studie untersucht den von uns entwickelten Therapieansatz in kindlichen, rezidivierenden, therapieresistenten Gehirntumoren, die Mutationen in Genen für die DNA-Reparatur aufweisen.
Wie sehen Sie Ihre Forschung im klinischen Alltag?
Als Biologin im Labor führe ich Experimente mit primären Krebszellen durch. Das heißt, durch die enge Kooperation an der Medizinischen Universität Wien und dem AKH bekommen wir ein kleines Stück Tumorgewebe aus dem Operationssaal und können aus diesem Krebszellen gewinnen, die wir dann für unsere Experimente nutzen. Ich habe keinen Kontakt mit Patient:innen, aber es freut mich umso mehr, wenn wir mittels unserer primären Krebsmodelle oft schnell Ergebnisse an die Ärzt:innen liefern können. Wenn wir z.B. neue Therapieansätze an den Krebszellen testen und rückmelden können, welche Medikamente in der Petrischale die Krebszellen effektiv getötet haben. Dies kann oft bei einer wichtigen Entscheidung zur weiteren Therapie des/der Patient:in helfen.
Welche Ihrer Erkenntnisse würden Sie als die bedeutendste beschreiben?
Für mich war die bedeutendste Erkenntnis, dass wir einer Patientin, die an einem diffusen hemisphären Gliom (DHG) litt, einer von uns beforschten Tumorart, aufgrund unserer präklinischen Arbeit rasch helfen konnten. Die Patientin entwickelte unter der Ersttherapie (Bestrahlung und Chemotherapie mit Temozolomid) eine lokale Progression des Tumors. So ein Nichtansprechen auf Bestrahlung ist äußerst selten.
Ich hatte im Labor herausgefunden, dass DHG-Tumorzellen mit einer Kombination aus zwei Medikamenten, einem PARP-Inhibitor und einem Topoisomerase-Inhibitor, gezielt getötet werden können. Diese Therapiekombination verstärkt den Stress von DNA-Strangbrüchen so sehr, dass es für die Tumorzellen irgendwann zu viel wird. Folglich haben wir gemeinsam in einem interdisziplinären Tumorboard entschieden, diesen Therapieansatz zu versuchen. Dadurch gelang es, das Überleben der Patientin deutlich zu verlängern.
Natürlich würde ich mich aber umso mehr freuen, wenn wir die Patientin geheilt hätten. Die Schicksale der Kinder und Familien berühren mich tief. Es hilft mir sehr, in einem Team zu arbeiten, in dem jeder höchst motiviert ist, das Beste zu leisten, um die bestmöglichste Therapie zu finden.
Welchen Tipp würden Sie anderen jungen Forschenden mit auf den Weg geben?
Als Forscher:in im Labor hat man oft wenig Kontakt zur Klinik. Ich schätze es sehr, dass meine Betreuer (Prof. Dr. Johannes Gojo und Prof. Dr. Walter Berger) mir ermöglicht haben, auf Visite mitzukommen, wann immer ich wollte. Dadurch habe ich viel gelernt. Es war und ist mir wichtig, nie zu vergessen, dass hinter jedem Krebsmodell ein:e Patient:in steht. Ich würde jedem/jeder ans Herz legen, wenn es ein Wunsch ist, anzufragen, ob man bei Tumorboards oder Visiten dabei sein kann. Für mich ist es immer eine ganz besondere Motivation zu wissen, welch großes Team (verschiedener Disziplinen wie Biologie, Medizin, Chirurgie, Radiologie, Pflege und Psychologie) beteiligt ist, um die Behandlung der Betroffenen so gut wie möglich zu machen.
Heureka-Moment:
Junge Forschende stellen sich vor
Anna Lämmerer, PhD
Gojo und Berger Gruppe
MedUni Wien
E-Mail:
anna.laemmerer@meduniwien.ac.at
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