Die Rektusdiastase post partum
Autorin:
Kirsten Zimmermann
Dipl. Hebamme
Spezialistin für Rumpfrehabilitation & Rektusdiastase
Leitung Rektusdiastase Sprechstunde Hirslanden Klinik Im Park, Zürich
Praxis für Rumpfrehabilitation & Rektusdiastase, Affoltern a.A.
Die Rektusdiastase ist ein häufiges, jedoch in der klinischen Praxis oftmals unterschätztes Phänomen. Wurde die Rektusdiastase lange Zeit als rein kosmetisches Problem betrachtet, rückt zunehmend ihre funktionelle Bedeutung für die Rumpfstabilität, die Körperstatik und die Lebensqualität der Betroffenen in den Fokus.
Definition
Als Rektusdiastase (RD) werden der Abstand der geraden Bauchmuskeln (M. rectus abdominis) über 2cm und das Ausdünnen der Linea alba bezeichnet.1 Die Deutsche Hernien Gesellschaft (DHG) und die International Endohernia Society (IEHS) empfehlen seit 2019, die Rektusdiastase einheitlich zu klassifizieren (Abb.1). Demnach wird ein Abstand von 2–3cm als W1, >3–5cm als W2 und über 5cm als W3 klassifiziert. Sehr grosse Diastasen werden nicht weiter unterschieden. Geschlecht, Hernien, vorangegangene Bauchoperationen, Anzahl der Schwangerschaften, Sectio oder vaginale Geburt, Hautqualität und Schmerzen werden berücksichtigt.1
Ursache
Die weitaus häufigste Ursache für eine Rektusdiastase ist die Schwangerschaft, aber auch Übergewicht, häufiges schweres Heben, schlechte Körperhaltung, verschiedene Sportarten, Obstipation, schlechtes Bindegewebe, chronischer Husten, Laparoskopien und Veranlagung können zu einer Rektusdiastase führen. Frauen mit Gestationsdiabetes haben ein 4,8-mal grösseres Risiko, wahrscheinlich aufgrund des Einflusses auf die Kollagensynthese.2 Nach Sectio kommt die RD signifikant häufiger vor als nach vaginalen Geburten, Sectio-Patientinnen mit RD haben ein leicht erhöhtes Risiko für eine Urininkontinenz.3
Messen der Rektusdiastase
Gemessen wird die Diastase mit angestellten Beinen in Rückenlage von Xiphoid bis Symphyse und in mindestens drei Punkten notiert: Xiphoid, 3cm über dem Bauchnabel und 2–3cm unter dem Bauchnabel. Die Messung mit Ultraschall gilt als Goldstandard, jedoch konnte gezeigt werden, dass geübte Therapeutinnen mit einiger Erfahrung palpatorisch zum gleichen Ergebnis kommen.4
In der Schwangerschaft erfährt der Rumpf eine physiologische Ausdehnung. Schwangerschaftsbäuche sind je nach Platzverhältnissen bei der Frau, Gewicht des Kindes, Gewichtszunahme, Mehrlingsschwangerschaften usw. unterschiedlich gross. Je grösser der Bauchumfang, desto mehr müssen sich Faszien- und Muskelstrukturen ausdehnen.
In der 40.SSW ist eine RD physiologisch. Bis sechs Wochen post partum persistiert die RD bei 60% der Frauen. Ein Jahr post partum, nach Abschluss der Rückbildung, sind immer noch 32,6% der Frauen betroffen. Sehr wahrscheinlich ändert sich die RD ohne spezifische Behandlung danach nicht mehr und kann, weiterhin oder zukünftig, Probleme verursachen.5
Symptome
Als Beschwerden werden Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme wie Verstopfung und Blähungen, vorstehender Bauch, Taubheitsgefühl der Haut, Beckenbodenbeschwerden, Hernien, subjektives Gefühl von Schwäche in der Körpermitte, Stimmungsschwankungen und ein negatives Selbstbild angegeben. Insgesamt leiden die Frauen unter einer eingeschränkten Lebensqualität.6
Therapie
Grundsätzlich sollte allen Frauen post partum eine Rückbildung empfohlen werden. Es ist empfehlenswert, bei der gynäkologischen Kontrolluntersuchung nach der Geburt den Abstand der geraden Bauchmuskeln zu messen und die Frau entsprechend zu beraten. Zeigt sich hier eine breite Diastase, sollte die Frau sensibilisiert und gegebenenfalls in eine Einzeltherapie überwiesen werden. Ein Kurs allein reicht bei einer Rektusdiastase meist nicht aus. Je zügiger mit einem spezifischen Training begonnen wird, desto besser. Die besten Ergebnisse werden im ersten Jahr post partum erreicht.
Die Nachsorge durch die Hebamme kann hier den entscheidenden ersten Grundstein für eine gute Rückbildung legen. Hebammen mit entsprechender Weiterbildung können Erstmassnahmen in die Wege leiten und mit der Wöchnerin erste Übungen erarbeiten. Sie können die Bedeutsamkeit eines fachlich qualifizierten Rückbildungskurses betonen, denn Rückbildung ist Rehabilitation und kein Bauch-Beine-Po-Programm im Fitness-Coaching-Bereich.
Für eine zielorientierte Behandlung der RD ist es essenziell, das Kompensationsmuster der Frau zu erkennen und nach Muskeltests und Haltungsanalyse ein Vorgehen in der Behandlung festzulegen.
Bei der Behandlung der Rektusdiastase muss immer der ganze Körper berücksichtigt werden, nie nur der Bauch. Werden nur einzelne Muskelgruppen angesprochen, ist es wahrscheinlich, dass eine Besserung der Rektusdiastase nicht langfristig anhält und sich die Probleme der Körperstatik zukünftig kumulieren.
Erfahrungsgemäss haben Frauen nach traumatischen Erlebnissen rund um Schwangerschaft und Geburt häufiger Mühe, ihre Rumpfmuskulatur anzusteuern. Die Therapie gehört in erfahrene, traumasensible Hände.
Selbst sehr grosse RD können so konservativ erfolgreich behandelt werden. Zwingend notwendig ist eine hohe Compliance der Frau, mit der Bereitschaft, regelmässig selbstständig Übungen auszuführen. Der Behandlungszeitraum erstreckt sich, je nach Befund, über mehrere Wochen bis zu 1,5 Jahre.
Ziele der Behandlung
Das Ziel meiner Behandlung ist ein regelrecht autonom arbeitendes funktionelles Muskelsystem. Dies kann nach der kanadischen Physiotherapeutin Diane Lee auch mit einer funktionellen Diastase erreicht werden. Weitere Ziele beinhalten ausserdem Schmerzfreiheit und Kraftaufbau, Wohlbefinden der Frau im eigenen Körper, Vermeidung operativer Eingriffe und Prävention.
Wenn Frauen trotz ausgeschöpfter Therapie das gewünschte Ziel nicht erreichen oder zusätzliche Hernien haben, kann eine operative Versorgung der Rektusdiastase angestrebt werden. Ich bevorzuge das Vorgehen nach dem TOR-Konzept (Training – Operation – Rehabilitation), um das bestmögliche Outcome zu erreichen. Die Kommunikation zwischen Patientin, Operateur:in und Therapeut:in muss klar und offen sein. Operiert werden sollte frühestens ein Jahr post partum bei abgeschlossenem Kinderwunsch.
Fazit
Die erfolgreiche Behandlung einer Rektusdiastase ist komplex, individuell und erfordert weitreichende Kenntnisse in Anatomie, Physiologie, Trainingstherapie, verschiedenen Behandlungsmethoden sowie Erfahrung.
Literatur:
1 Reinpold W et al.: Classification of Rectus diastasis-a proposal by the German Hernia Society (DHG) and the International Endohernia Society (IEHS). Front Surg 2019; 6: 1 2 Du J et al.: Relationship between gestational diabetes mellitus and postpartum diastasis recti abdominis in women in the first year postdelivery. Phys Ther 2023; 103(10): pzad102 3 Tian P et al.: An ultrasound observation study on the levator hiatus with or without diastasis recti abdominis in postpartum women. Int Urogynecol J 2021; 32(7): 1839-46 4 Barbosa S et al.: Diastasis of rectus abdominis in the immediate puerperium: correlation between imaging diagnosis and clinical examination. Arch Gynecol Obstet 2013; 288(2): 299-303 5 Sperstad JB et al.: Diastasis recti abdominis during pregnancy and 12 months after childbirth: prevalence, risk factors and report of lumbopelvic pain. Br J Sports Med 2016; 50(17): 1092-6 6 Fuentes Aparicio L et al.: Self-reported symptoms in women with diastasis rectus abdominis: A systematic review. J Gynecol Obstet Hum Reprod 2021; 50(7): 101995
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