Das «4. Trimenon» aus dermatologischer Sicht
Autorin:
Dr. med. Andrea Stillhard
Stadtspital Zürich
Institut für Dermatologie und Venerologie
E-Mail: andrea.stillhard@stadtspital.ch
Hormonelle Schwankungen während der Schwangerschaft wirken sich deutlich auf Haare, Haut und Nägel aus. Manche Phänomene bilden sich zurück, andere persistieren oder treten erst in der postpartalen Phase – dem sogenannten «4. Trimenon» – auf.
Physiologische Veränderungen der Haut und Nägel in der Schwangerschaft
Nachstehende Veränderungen der Haut sind in der Schwangerschaft sehr häufig und ihr Auftreten wird als physiologisch angesehen. Diese Veränderungen verschwinden in der Regel innerhalb von sechs Monaten postpartal.
Häufige physiologische Hautveränderungen:
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Hyperpigmentation der Haut: lokalisiert als Melasma (Abb. 1) oder generalisiert, z.B. Akzentuierung der Areolae mammae oder Linea nigra (Abb. 2)
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Striae distensae/gravidarum (auch Dehnungs- oder Schwangerschaftsstreifen genannt; Abb. 2)
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Gefässerweiterungen/-proliferation (Palmarerythem, Teleangiektasien, Spidernävi, Granuloma pyogenicum; Abb. 3)
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Bier-Spots (angiospastische Maculae, häufig an Beinen oder Armen; Abb. 4)
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Varikose (Beine, Vulva, Vagina, suprapubisch), Hämorrhoiden
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Schwangerschaftsgingivitis mit Blutungen der Mundschleimhaut
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Erhöhte Funktion der Schweiss- und Talgdrüsen (Akne), verminderte Funktion von apokrinen Drüsen
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Hirsutismus (vermehrter Haarwuchs)
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glanzlose, quer gefurchte Nägel, teils mit distaler Onycholyse
Melasma
Das Melasma (auch Chloasma genannt) ist eine dunkelbraune Pigmentierung im Gesicht, häufig an der Stirne. Zu den Risikofaktoren gehören UV-Strahlung und hormonelle Faktoren, welche über die melanozytären Wachstumsfaktoren zur Aktivierung der epidermalen Melanozyten führen. Meist ist das Melasma nach der Schwangerschaft regredient. Bei Persistenz erweist sich eine Therapie als schwierig, nebst UV-Schutz könnten hydrochinonhaltige Externa oder Laser angewendet werden.
Linea nigra
Linea nigra wird die dunkelbraune vertikale Linie am Bauch genannt.
Striae distensae
Striae distensae sind parallel verlaufende dehnungsbedingte Veränderungen des Bindegewebes häufig im Brust-, Hüft- und Bauchbereich. Zuerst erscheinen sie meist rot und blassen im Verlauf ab. Betroffen sind vor allem junge Frauen, die stark an Gewicht zunehmen. Eine Behandlung oder Prävention erweist sich als sehr schwierig.
Granuloma pyogenicum (GP)
Das GP, ein gutartiger Gefässtumor, der oft nach einem Bagatelltrauma auftritt und schnell blutet. Therapeutisch können eine (Shave-)Exzision oder eine Behandlung mit Tafelsalz versucht werden.
Bier-Spots
Bier-Spots sind physiologische weisse Maculae, häufig an den Extremitäten. Diese Maculae gelten als physiologische Reaktion kleiner Hautgefässe auf venöse Hypertonie oder die Vasokonstriktion kleiner Gefässe, die zu einer Gewebehypoxie führt. Sie sind nicht schwangerschaftsspezifisch.
Schwangerschaftsdermatosen
Die Schwangerschaftsdermatosen umfassen eine Gruppe entzündlicher Erkrankungen, die ausschliesslich mit der Schwangerschaft oder Postpartalperiode vergesellschaftet sind.
Die polymporphe Schwangerschaftsdermatose und das Pemphigoid gestationis können auch postpartal Symptome machen. Die atopische Schwangerschaftsdermatose und die intrahepatische Schwangerschaftsdermatose sind in der Regel nach Geburt nicht mehr klinisch manifest.
Das Pemphigoid gestationis tritt in der Regel im 2. oder 3. Trimenon auf und ist eine Autoimmunerkrankung der Haut (es treten Autoantikörper gegen das Protein BP 180 auf). Diagnostisch ist eine Hautbiopsie zur Diagnosesicherung notwendig. Falls das Pemphigoid gestationis in der ersten Schwangerschaft aufgetreten ist, ist die Rezidivrate in der zweiten Schwangerschaft hoch. Therapeutisch können systemische Steroide eingesetzt werden.
Abzugrenzen zum Pemphigoid gestationis ist die polymorphe Schwangerschaftsdermatose. Diese tritt innerhalb der Striae auf und weist kein fötales Risiko auf. Die polymorphe Schwangerschaftsdermatose kann auch postpartal auftreten (ca. 15%).
Postpartaler Haarausfall (Telogeneffluvium)
Unter Effluvium versteht man einen verstärkten Ausfall der Kopfhaare, der über die physiologische (telogene) Ausfallsrate von 50–100 Haaren hinausgeht.Während der Schwangerschaft ist die Wachstumsphase (Anagenphase) der Haare verlängert. Nach der Geburt gehen mehrere Haare gleichzeitig in die Ruhe- und Ausfallphase über, sodass nach ca. 3 Monaten postpartal der Haarausfall beginnt. Eine Studie aus Japan, welche 331 Frauen befragte, gab einen Zeitraum von 2,9–8,1 Monaten postpartal an. Das Phänomen ist physiologisch und trifft die Mehrheit der Frauen.
Therapeutisch können Haarvitamine (z.B. Pantogar® oder Priorin®) das Haarwachstum unterstützen. Eine wichtige Differenzialdiagnose dazu ist die androgenetische Alopezie, diese ist klinisch durch eine erhöhte Anisotrichose charakterisiert und kann z.B. mit Minoxidil®-Lösung behandelt werden.
Nägel
Es gibt wenig Literatur über Nagelveränderungen in der Schwangerschaft. Es wird angenommen, dass während der Schwangerschaft die Nägel schneller wachsen. Zudem seien die Nägel glanzlos, quer gefurcht und können eine distale Onycholyse aufweisen. Eine Studie aus den USA widerlegt dies jedoch.
Postpartal werden keine spezifischen Nagelveränderungen beschrieben. Anzumerken ist, dass eine Zunahme von Ekzemnägeln wahrscheinlich ist, da aufgrund der vermehrten Care- und Hausarbeit eine Zunahme des irritativen Handekzems zu erwarten ist.
Mamille
Brustwarzen sind häufig während der Stillzeit durch mechanische Beanspruchung, Milieuänderung mit Mazeration durch den Milchfluss sowie durch mikrobielle Erreger alteriert. Infektiöse und entzündliche Hauterkrankungen können sich an der Mamille manifestieren. Eine Studie aus Japan hat mittels Fotografien Mamillenveränderungen während der ersten Woche postpartal bei stillenden Frauen analysiert. Erythemata zeigten sich am meisten, Krustenbildungen waren am schmerzhaftesten. In der Regel gehen die Symptome bereits nach einigen Tagen wieder zurück.
Massnahmen zur Linderung und Wundheilung umfassen neben einer Brustwarzenpflege und Stilleinlagen auch eine Low-Laser-Therapie sowie das Optimieren des Stillens. Hebammen und Stillberaterinnen können hierbei behilflich sein. Später in der Stillzeit kann sich ein irritatives Kontaktekzem der Mamille oder ein atopisches Mamillenekzem manifestieren.
Die Therapie umfasst hierbei topische Steroide.
Literatur:
1 Plewig et al.: Braun-Falco’s Dermatologie, Venerologie und Allergologie. 7. Auflage. Springer 2018 2 Liaw FY, Chiang CP: Bier spots. CMAJ 2013; 185(7): E304 3 Hirose A et al.: Investigation of exacerbating factors for postpartum hair loss: a questionnaire-based cross-sectional study. Int J Womens Dermatol 2023; 9(2): e084 4 Matushansky J et al.: Nail changes during pregnancy: A cross-sectional survey of patients at an academic center. Skin Appendage Disord 2023; 9(1): 27-9 5 Luu Thi TH et al.: Therapeutische Besonderheiten bei Erkrankungen der Mamillenhaut. Dermatologie (Heidelb) 2022; 73(11): 873-9 6 Nakamura M et al.: Nipple skin trauma in breastfeeding women during postpartum week one. Breastfeed Med 2018; 13(7): 479-84
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