STI: aktueller Diskurs zum Anstieg der Fallzahlen
Unser Gesprächspartner:
DDr. David Chromy
Vorstandsmitglied der Österreichischen AIDS Gesellschaft
E-Mail: info@aidsgesellschaft.at
Web: https://www.aidsgesellschaft.at
Das Interview führte
Mag. Birgit Leichsenring
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Die globale Inzidenz von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) steigt fortwährend. Immer häufiger wird das Thema auch in fachunspezifischen breiten Medien aufgegriffen und z.B. in Zusammenhang mit der HIV-PrEP gestellt. Eine differenzierte Betrachtung kommt dabei teils zu kurz.
Im Zuge thematischer Überschneidungen sind Vorsorge, Diagnose und im Anlassfall Therapie von STI seit vielen Jahren ein fixer Bestandteil der HIV-Medizin. Dabei spielt nicht nur eine HIV-Koinfektion eine Rolle. Vor allem im Rahmen der medizinischen Begleitung der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) sind STI ein wesentlicher Aspekt.
Dr. Chromy, man hört immer wieder, dass die HIV-PrEP, also der medikamentöse Schutz vor HIV, mit steigender Inzidenz anderer STI einhergeht. Können Sie das kurz kommentieren?
D. Chromy: Seit 2018 ist PrEP im deutschsprachigen Raum gut verfügbar und findet mehr und mehr Anwender:innen. Bekanntermaßen schützt PrEP jedoch nur vor HIV; daher wird eine regelmäßige Testung für STI als Begleitmaßnahme empfohlen. Dabei handelt es sich tatsächlich zumeist um ein Screening asymptomatischer Personen – und mehr Testungen führen auch unweigerlich zu mehr Diagnosen. Man darf diese Aussage somit keinesfalls unreflektiert stehen lassen.
Von welchen STI ist hier die Rede und auf welche Quellen bezieht sich obige Aussage?
D. Chromy: Im Rampenlicht stehen hier die drei Erreger Treponema pallidum (Lues, Syphilis), Chlamydia trachomatis (Chlamydien, Lymphogranuloma venereum) und Neisseria gonorrhoeae (Gonorrhö, Tripper). In den jährlichen Surveillance Reports der ECDC wird die steigende Fallzahl dieser Infektionen gut veranschaulicht. Weil allerdings die systematische Erfassung der ECDC keine Informationen zur Anzahl der durchgeführten Tests beinhaltet, sind die Berichte ungeeignet, um eine Konkordanz zwischen Testfrequenz und Anzahl der Diagnosen abzubilden. In mehreren Arbeiten wurde gezeigt, dass die Ansteckungen mit STI vom Gebrauch einer PrEP zu entkoppeln sind. Es ist klar zu betonen, dass PrEP nicht zu einem Anstieg der STI führt.
Welche Aspekte beinhaltet der aktuelle Diskurs zur STI-Inzidenz?
D. Chromy: Aktuell werden diverse Strategien diskutiert. Stark polarisierend ist etwa der Ansatz, von einem Screening asymptomatischer Personen gänzlich abzulassen. Modellrechnungen ergaben, dass selbst bei einer weiteren Hochskalierung des STI-Screenings um 50% die (Hintergrund-)Prävalenz der STI fast unverändert bleiben würde. Der Antibiotikagebrauch steigt zugleich um das 11-Fache.
Die andere Variante ist der Einsatz einer postexpositionellen Chemoprophylaxe mittels „single-shot“ Doxycyclin per os (Doxy-PEP). Mehrere Studien konnten zeigen, dass Doxy-PEP zu einem signifikanten Rückgang von STI führt. Langzeiteffekte auf Resistenzentwicklung oder Mikrobiom sind bisher weitgehend unklar und werden als potenzielle Risiken von Expert:innen diskutiert.
Die Prävention von STI bleibt jedenfalls auch in Zukunft ein spannender Teilbereich der Dermatologie und Venerologie.
Vielen Dank für das Gespräch!
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