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Hohe Bioverfügbarkeit ist nicht immer von Vorteil

Vorsicht bei Nahrungsergänzungsmitteln

Nahrungsergänzungsmittel locken oft mit einer angeblich „hohen Bioverfügbarkeit“, also damit, dass die Wirkstoffe besonders gut aufgenommen werden. Doch dieser vermeintliche Vorteil kann auch Risiken bergen: Sogenannte Bioenhancer können die Aufnahme und Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen.

Grundsätzlich wird nicht jeder aufgenommene Nährstoff vom Organismus vollständig genutzt. Ein Teil geht durch unvollständige Aufnahme im Darm oder durch Wechselwirkungen mit anderen Nahrungsbestandteilen verloren. Offizielle Referenzwerte berücksichtigen dies bereits, da sie bewusst höher angesetzt sind als der tatsächliche physiologische Bedarf. Nahrungsergänzungsmittel mit „höherer Bioverfügbarkeit“ bedeuten daher nicht automatisch einen zusätzlichen Nutzen für Konsument:innen.

Was die Bioverfügbarkeit beeinflusst

Wie gut ein Nährstoff aufgenommen wird, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Makronährstoffe wie Kohlenhydrate, Fette und Proteine kann der Körper zu etwa 90% verwerten, während die Bioverfügbarkeit von Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzenstoffen deutlich stärker schwankt. Einfluss haben unter anderem die Zusammensetzung der Mahlzeit, die Zubereitungsart und die chemische Form eines Stoffes. Schonendes Erhitzen oder Zerkleinern kann die Aufnahme bestimmter Substanzen verbessern. Hämeisen aus tierischen Lebensmitteln wird beispielsweise besser aufgenommen als pflanzliches Eisen. Umgekehrt können Oxalsäure, Phytinsäure, Avidin oder Polyphenole wie Resveratrol die Aufnahme hemmen. Kaffee reduziert die Eisenaufnahme, Vitamin C kann sie erhöhen. Fettlösliche Vitamine wie A, D, E und K benötigen Fett für eine optimale Aufnahme. Auch individuelle Faktoren wie Ernährungsstatus, Erkrankungen oder die Funktion des Darms spielen eine Rolle. Wer unterversorgt ist, nimmt Nährstoffe häufig effizienter auf. Deshalb ist eine Ergänzung nur bei tatsächlichem Bedarf sinnvoll, denn zu hohe Mengen können die Aufnahme anderer Stoffe sogar behindern.

In natürlichen Lebensmitteln liegen Vitamine und Mineralstoffe oft gebunden vor und müssen erst freigesetzt oder umgewandelt werden. Folsäure aus grünem Blattgemüse wird zum Beispiel meist nur begrenzt aufgenommen, während sie in Nahrungsergänzungsmitteln in freier Form vorliegt und direkt verfügbar ist. Für den Körper macht es meist keinen Unterschied, ob ein Vitamin natürlichen oder synthetischen Ursprungs ist, da die chemische Struktur identisch ist – mit Ausnahmen wie Vitamin E. Dennoch wirken Nährstoffe im natürlichen Verbund einer ausgewogenen Ernährung oft sinnvoller zusammen als isoliert in hochkonzentrierter Form.

Was Bioenhancer können

Um die Aufnahme weiter zu steigern, setzen Hersteller sogenannte Bioenhancer ein. Dazu zählen unter anderem Piperin aus Pfeffer, Capsaicin aus Chili, Quercetin aus Obst und Gemüse oder Gingerole aus Ingwer. Ein bekanntes Beispiel ist Kurkumin, das natürlicherweise schlecht aufgenommen wird und daher mit speziellen Trägerstoffen wie Micellen oder Liposomen oder mit Piperin kombiniert wird. Ein gesicherter therapeutischer Nutzen solcher Kombinationen ist bislang nicht belegt. Stattdessen besteht die Gefahr, dass Schutzmechanismen des Körpers umgangen werden und zu hohe Mengen aufgenommen werden. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung rät Schwangeren und Stillenden daher von Kurkumin-Piperin-Präparaten ab. Für Erwachsene gilt eine Höchstmenge von 2mg isoliertem Piperin pro Tag. Zudem können Bioenhancer vermutlich auch die Aufnahme von Arzneimitteln steigern und damit deren Wirkung unkontrolliert verändern.

Schlussfolgerungen

Werbeaussagen wie „besonders hohe Bioverfügbarkeit“ sollten daher kritisch betrachtet werden. Gerichte haben entsprechende Aussagen bereits als irreführend eingestuft. Nach der Health-Claims-Verordnung dürfen Nährstoffe nur dann beworben werden, wenn sie tatsächlich in bioverfügbarer Form enthalten sind. Der deutsche Bundesgerichtshof stellte 2025 klar, dass Aussagen zur Bioverfügbarkeit zwar nicht automatisch gesundheitsbezogen sind, dies aber werden können, wenn ein gesundheitlicher Vorteil suggeriert wird. Insgesamt gilt: Eine hohe Bioverfügbarkeit klingt positiv, ist jedoch kein Qualitätsmerkmal an sich. Für gesunde Menschen ohne nachgewiesenen Mangel sind hoch dosierte Nahrungsergänzungsmittel in der Regel nicht notwendig und können im Einzelfall sogar Risiken bergen. (red)

Pressemitteilung des Netzwerks der Verbraucherzentralen in Deutschland vom 27.1.2026

● Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Die Rolle der Bioverfügbarkeit im Rahmen der Risikobewertung am Beispiel Spurenelemente. https://www.bfr.bund.de/cm/350/die-rolle-der-bioverfuegbarkeit-im-rahmen-der-risikobewertung-am-beispiel-spurenelemente.pdf ; zuletzt aufgerufen am 12.2.2026 ● BfR: Curcumin in Nahrungsergänzungsmitteln: Gesundheitlich akzeptable tägliche Aufnahmemenge kann überschritten werden. https://www.bfr.bund.de/cm/343/curcumin-in-nahrungsergaenzungsmitteln-gesundheitlich-akzeptable-taegliche-aufnahmemenge-kann-ueberschritten-werden.pdf ; zuletzt aufgerufen am 12.2.2026 ● BfR: Hohe Capsaicin-Gehalte können gesundheitliche Risiken bergen. https://www.bfr.bund.de/cm/343/hohe-capsaicin-gehalte-koennen-gesundheitliche-risiken-bergen.pdf ; zuletzt aufgerufen am 12.2.2026 ● BVL/BfArM: Gemeinsame Expertenkommission zur Einstufung von Stoffen. Stellungnahme zur Einstufung von Produkten, die Curcumin mit verbesserter Bioverfügbarkeit enthalten. https://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/01_Lebensmittel/expertenkommission/Stellungnahme_Curcumin.pdf?__blob=publicationFile&v=2; zuletzt aufgerufen am 12.2.2026 ● Jakobs S, Bruggmann T: Angaben zur Bioverfügbarkeit im Lichte der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 und des Irreführungsverbots: Was tragen Rechtsprechung und die EFSA bislang zur Erhellung bei? Zeitschrift für das gesamte Lebensmittelrecht 2024; 603f ● Pressman P et al.: Bioavailability of micronutrients obtained from supplements and food: A survey and case study of the polyphenols. Toxicol Res Applic 2017; doi: 10.1177/2397847317696366 ● Thorat SS et al.: Bioenhancers from mother nature: an overview. FutJ of Pharm Sci 2023; s9: 20 ● Yetley EA: Multivitamin and multimineral dietary supplements: definitions, characterization, bioavailability, and drug interactions. Am J Clin Nutr 2007; 85(1): 269-76S ● Ziegenhagen R et al.: Safety aspects of the use of isolated piperine ingested as a bolus. Foods 2021; 10(9): 2121

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