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Cholestatische und autoimmune Lebererkrankungen

11. Hans Popper Lecture an der Medizinischen Universität Wien

Die jährlich im Rahmen der renommierten Hans Popper Lecture der Medizinischen Universität Wien verliehene Auszeichnung ging 2025 an Prof. Dr. Tom Hemming Karlsen, PhD, Oslo. Der führende Experte auf dem Gebiet der cholestatischen und autoimmunen Lebererkrankungen wurde für seine herausragenden Forschungsleistungen geehrt.

Keypoints

  • Die Hans Popper Lecture 2025 stand im Zeichen der cholestatischen und autoimmunen Lebererkrankungen, eines klinisch und wissenschaftlich hochrelevanten Themas. Prof. Dr. Tom Hemming Karlsen, Oslo, wurde im Rahmen der Veranstaltung für seine wegweisenden Arbeiten auf diesem Gebiet ausgezeichnet.

  • Ein besonderer Fokus galt der seltenen primär sklerosierenden Cholangitis, die aufgrund ihrer bisher nur unzureichend verstandenen Pathophysiologie als „black box“ der Hepatologie bezeichnet wird und eine der häufigsten Indikationen für eine Lebertransplantation darstellt.

  • Um die Interaktion zwischen genetischer Prädisposition und Umweltfaktoren in der Entstehung der PSC besser zu verstehen, präsentierte Karlsen Ergebnisse groß angelegter genomweiter Assoziationsstudien als moderne genetische Analysen.

Mit der jährlich stattfindenden Hans Popper Lecture ehrt die Medizinische Universität Wien seit 2011 einen der bedeutendsten Begründer der modernen Hepatologie mit Wiener Wurzeln. So fanden 2025 die 11. international renommierte Hans Popper Lecture sowie die begleitenden zweitägigen Forschungsseminare an der Medizinischen Universität Wien statt. Die Auszeichnung ging 2025 an Prof. Dr. Tom Hemming Karlsen, PhD, Oslo, einen führenden Experten auf dem Gebiet der cholestatischen und autoimmunen Lebererkrankungen.

Wegbereiter der modernen Hepatologie

Die Hans Popper Lecture erinnert an den in Wien geborenen Pathologen Univ.-Prof. Dr. Hans Popper (1903–1988), der als einer der zentralen Wegbereiter der modernen Hepatologie gilt. Popper verstand es wie kaum ein anderer, grundlegende pathophysiologische Erkenntnisse mit klinischer Medizin zu verbinden – ein Konzept, das heute als translationale Forschung bezeichnet wird. Nach dem Medizinstudium begann Popper seine wissenschaftliche Laufbahn in Wien, wo er unter anderem von namhaften Forschern und Ärzten wie Univ.-Prof. Dr. Otto von Fürth (physiologische Chemie), Univ.-Prof. Dr. Rudolf Maresch (Pathologie) und Ao. Univ.-Prof. Dr. Hans Eppinger (innere Medizin) geprägt wurde. Nachdem er 1938 gezwungen worden war, Österreich zu verlassen, setzte er seine Karriere in den USA fort. Dort spielte Popper eine entscheidende Rolle beim Aufbau der Mount Sinai School of Medicine in New York und prägte die medizinische Fakultät über Jahrzehnte hinweg als Leiter der Pathologie, Gründungsdekan und Präsident.

Mit seinen wissenschaftlichen Leistungen beeinflusste Popper die Hepatologie maßgeblich und brachte das Fachgebiet durch seine wegweisenden wissenschaftlichen Errungenschaften voran. Zu seinen bedeutendsten Beiträgen, welche auch heute noch zu den wichtigsten Meilensteinen der hepatologischen Forschung gehören, zählen zahlreiche Arbeiten zur Cholestase, zu der Rolle hepatischer Stellatzellen bei der Entwicklung von Lebererkrankungen und der Klassifikation der chronischen Hepatitis. Darüber hinaus war Popper Mitbegründer der Association for the Study of Liver Diseases (AASLD) sowie der International Association for the Study of the Liver (IASL) und wirkte maßgeblich an der Etablierung des Fachjournals Hepatology mit, das bis heute zu den führenden Journalen zählt.

Hans Popper Lecture

Tab. 1: Bisherige Vortragende und Themen der Hans Popper Lectures

Als Würdigung des wissenschaftlichen Werkes Hans Poppers wurde 2011, zeitgleich mit der Eröffnung des „Hans-Popper-Labors für Molekulare Hepatologie“ an der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie der Universitätsklinik für Innere Medizin III an der Medizinischen Universität Wien die Hans Popper Lecture durch Univ.-Prof. Dr. Michael Trauner ins Leben gerufen. Seit der Gründung wird im Hans-Popper-Labor translational orientierte Forschung im Sinne von Popper betrieben, was in den letzten Jahren zu bedeutenden neuen Erkenntnissen über die Pathogenese und Behandlung cholestatischer und metabolischer Lebererkrankungen sowie der Fibrose geführt hat.

Mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung als Folge der Covid-19-Pandemie wurde die Hans Popper Lecture seither jährlich abgehalten und dient dabei nicht nur der Fortbildung, sondern auch der Ehrung international anerkannter Wissenschaftler:innen auf dem Gebiet der translationalen Hepatologie (Tab. 1). 2025 fand die Veranstaltung am 4. Dezember in ihrer 11. Ausgabe – begleitet von grundlagenwissenschaftlichen und translationalen Beiträgen von Forschenden der Medizinischen Universität Wien – im Jugendstilhörsaal der Universität statt.

Preisträger 2025

2025 ging die Auszeichnung an Prof. Dr. Tom Hemming Karlsen, PhD, (Abb. 1) vom Oslo University Hospital Rikshospitalet und der University of Oslo, der durch seine Forschungstätigkeiten rund um cholestatische und autoimmune Lebererkrankungen weltweites Renommee erlangt hat. In seinem Vortrag widmete sich Karlsen insbesondere der primär sklerosierenden Cholangitis (PSC) und stellte sowohl genetische als auch translationale Erkenntnisse vor – ganz im Sinne des wissenschaftlichen Ansatzes von Popper (Abb.2). Zugleich reflektierten die Ausführungen von Karlsen auch seine prägende Rolle in den vergangenen zwei Jahrzenten in der Erforschung autoimmuner und immunmediierter Lebererkrankungen.

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Abb. 1: Univ.-Prof. Trauner und Prof. Karlsen bei der Überreichung der Auszeichnung

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Abb. 2: Prof. Karlsen trug im Jugendstilhörsaal der MedUni Wien über die PSC vor

Forschungsschwerpunkt PSC – die „Zirrhose der Gallenwege“

Obwohl PSC zu den seltenen Lebererkrankungen zählt, stellt sie aufgrund ihres progredienten Verlaufes eine der häufigsten Indikationen für eine Lebertransplantation dar. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass die Pathophysiologie der Erkrankung komplex und bislang nur unzureichend verstanden ist – also eine „black box“ der Hepatologie, wie Karlsen in seinem Vortrag in Bezug auf ein sehr treffendes Statement des leider erst kürzlich verstorbenen Prof. Dr. Michael Manns betonte. Als cholestatische Lebererkrankung ist die PSC durch entzündlich-fibrotische Strikturen der Gallenwege gekennzeichnet, die zu Cholestase führen und in weiterer Folge eine Entzündungsreaktion sowie Fibrose der Leber und der Gallenwege auslösen. Die Erkrankung wird aufgrund der cholangiografischen Kriterien erst in einem Stadium diagnostisziert, in dem bereits die fibrotischen Veränderungen der Gallenwege vorliegen, weshalb sie auch als „Zirrhose der Gallenwege“ (© Prof. Dr. Michael Manns) bezeichnet wird. Trotz zunehmender Erkenntnisse zum immunogenetischen Hintergrund der Erkrankung bleiben die zugrunde liegenden Mechanismen und die auslösenden Faktoren weiterhin weitgehend ungeklärt.

Ein besonders relevanter Aspekt in der Entstehung der PSC, der intensiv durch Karlsen erforscht wurde, ist die Interaktion zwischen genetischer Prädisposition, dem Mikrobiom und Umweltfaktoren. Anschaulich illustrierte Karlsen dieses Konzept in seinem Vortrag anhand eines Vergleichs mit dem Weinbau: Entscheidend für die Qualität des Weines sei nicht nur die Traubensorte selbst, sondern ebenso der Boden, auf dem sie wächst. Auf dieser Grundlage präsentierte er die Ergebnisse groß angelegter genomweiter Assoziationsstudien, die genetische Risikoregionen für PSC identifizierten und Überschneidungen mit anderen Autoimmunerkrankungen aufzeigten – insbesondere in Hinblick auf T-Zell-vermittelte Mechanismen. Ergänzend ist hervorzuheben, dass Karlsen die Methodik genomweiter Assoziationsstudien nicht nur erfolgreich in der Hepatologie einsetzte, sondern auch zur Identifikation genetischer Risikofaktoren für schwere Covid-19-Verläufe nutzte – Einblicke, die nicht nur prominent im New England Journal of Medicine publiziert wurden, sondern auch international große Aufmerksamkeit erlangten.

Neben dem bisher unvollständigen Verständnis der Pathophysiologie der PSC bleibt auch die Therapie der PSC bislang unzureichend. Trotz zahlreicher in Entwicklung befindlicher Therapieansätze, welche unter anderem Gallensäurenrezeptoren und -transporter, Integrine oder Fibroblasten-Wachstumsfaktoren beeinflussen, existiert derzeit keine zugelassene medikamentöse Behandlung. Insbesondere in den fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung stellt die Lebertransplantation daher nach wie vor die einzige kurative Option dar, wobei Rezidive der Grunderkrankung leider keine Seltenheit sind. Dennoch zeigen einige der angesprochenen Therapieansätze vielversprechende Wirkungen und geben Anlass zur Hoffnung. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere die halbsynthetische Gallensäure Nor-Ursodeoxycholsäure, deren Entwicklung von präklinischen Modellen bis hin zu aktuellen multizentrischen klinischen Studien zu einem ersten Lichtblick in der Therapie der PSC geführt hat.

Der Preisträger im Porträt

Prof. Dr. Tom Hemming Karlsen, PhD, ist Professor für innere Medizin an der University of Oslo und am Oslo University Hospital Rikshospitalet und leitet das Norwegian PSC Research Center. Er koordiniert große internationale Forschungsprogramme, ist vielfach ausgezeichnet und zählt mit zahlreichen wissenschaftlichen Top-Publikationen in hochrangigen Fachjournalen wie New England Journal of Medicine, Lancet, Nature Medicine, Nature Genetics u.a. zu den einflussreichsten europäischen Forschenden im Bereich der Hepatologie. Sein Team verbindet modernste molekulargenetische Methoden, große Datenbanken und klinische Forschung, um komplexe Lebererkrankungen besser zu verstehen und präziser behandeln zu können. Zusätzlich engagiert sich Karlsen in führenden Funktionen auf europäischer Ebene, unter anderem als President elect der Biomedical Alliance of Europe, als ehemaliger Secretary General der Europäischen Gesellschaft für Hepatologie (EASL), also Co-Vorsitzender der EASL-Lancet-Kommissionen für Lebererkrankungen in Europa sowie als Mitherausgeber des Journal of Hepatology.

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