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Wenn gesund essen krank macht

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<p class="article-intro">Ob Orthorexie als Krankheit gilt, ist umstritten. Klar ist: Ein zwanghaft gesundes Essverhalten kann Beziehungen zerstören und zu Mangelerscheinungen führen. Helfen können dabei Psychoedukation und Psychotherapie.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Bananen isst sie nicht, denn die enthalten zu viel Fett. Sie br&auml;t ihr Gem&uuml;se ohne &Ouml;l, denn &Ouml;l mache krank, sagt die Frau. Sie trinkt fast nur Wasser, aber das auch nur kurz nach einer Mahlzeit, denn zwischendurch oder beim Essen sei das ja ungesund. Ein solches Essverhalten wird als Orthorexie bezeichnet: Die Betroffenen halten sich zwanghaft an &laquo;gesunde&raquo; Essroutinen und selbst aufgestellte Ern&auml;hrungsregeln. &laquo;Ich sehe immer mehr Menschen mit so einem Essverhalten&raquo;, sagt Prof. Gregor Hasler, Chefarzt an der Uniklinik f&uuml;r Psychiatrie und Psychotherapie der Universit&auml;ren Psychiatrischen Dienste (UPD) in Bern. &laquo;Wir sind uns zwar nicht einig, ob das als Krankheit gilt, aber klar ist: Eine &uuml;berm&auml;ssige Besch&auml;ftigung mit Ern&auml;hrung und Gesundheit kann zu psychischen und k&ouml;rperlichen Problemen f&uuml;hren.&raquo;</p> <p>33,3 % der Frauen und 24,8 % der M&auml;nner zeigen hierzulande ein orthorektisches Verhalten.<sup>1</sup> Den Begriff pr&auml;gte der US-amerikanische Arzt Steven Bratman.<sup>2</sup> Meist haben die Betroffenen prim&auml;r nicht den Wunsch, Gewicht zu verlieren. Sie haben vielmehr Angst, krank zu werden, oder m&ouml;chten nach bestimmten ethisch-moralischen Werten leben. Die Forschung habe bisher aber wenige klare Aussagen machen k&ouml;nnen, was gesund sei, sagt Hasler, abgesehen von zu vielen Kalorien. &laquo;Dieses Unwissen spiegelt sich darin, dass die Vorstellungen zur gesunden Ern&auml;hrung Moden unterworfen sind&raquo;, erz&auml;hlt er. &laquo;Einmal ist der Zucker schuld, dann der Fettgehalt, dann das Cholesterin. Diese Annahmen entbehren aber einer soliden wissenschaftlichen Grundlage. Die Angst wird von der Agrar- und Nahrungsmittelindustrie kr&auml;ftig unterst&uuml;tzt.&raquo;</p> <p>Er halte Orthorexie bei einigen Menschen schon f&uuml;r krankhaft, sagt Prof. Ulrich Voderholzer, &Auml;rztlicher Direktor und Chefarzt der Sch&ouml;n Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Oft beginnt es damit, dass die Betroffenen Angst haben, durch ungesunde Ern&auml;hrung krank zu werden. Viele ern&auml;hren sich deshalb vegetarisch oder vegan und reduzieren immer mehr die Menge an &laquo;ungesunden&raquo; Nahrungsmitteln, etwa st&auml;rkehaltigen Produkten oder Fett. Im weiteren Verlauf kann sich dann eine Anorexie entwickeln. &laquo;Die Betroffenen wollen nicht nur wenig essen, sondern haben auch ausgefeilte Theorien, was ihnen guttut und was nicht&raquo;, berichtet Hasler. Eine Patientin habe ihm einmal erz&auml;hlt, sie sei gegen alle Lebensmittel allergisch, bis auf Gummib&auml;rchen und Quark. Etwa 30 % der Patienten mit Anorexie oder Bulimie, sch&auml;tzt Voderholzer, zeigen ein ausgepr&auml;gtes orthorektisches Essverhalten. Doch auch unabh&auml;ngig von Essst&ouml;rungen sei Orthorexie ein zunehmendes Problem, sagt der Psychiater. &laquo;Viele Menschen sind durch die Angst machenden Medienberichte verunsichert, was gesund ist und was nicht. Die Fixierung auf eine vermeintlich richtige und gesunde Ern&auml;hrung ist Ausdruck daf&uuml;r, dass die Leute in einer Welt des Nahrungs&uuml;berflusses und zu vieler Informationen &uuml;berfordert sind.&raquo; H&auml;ufig wollen Orthorektiker andere Leute davon &uuml;berzeugen, dass ihre Ern&auml;hrung die richtige sei. &laquo;Das kann Beziehungen enorm belasten&raquo;, erz&auml;hlt Voderholzer. Unkompliziert mit jemandem zu essen, sei ein wichtiger Faktor in einer gesunden und stabilen Beziehung. &laquo;An rigiden Ern&auml;hrungsgewohnheiten ist schon so manche Freundschaft oder Partnerschaft zerbrochen.&raquo;</p> <p>Orthorektisches Verhalten kann man mithilfe des Bratman-Tests, bestehend aus 10 Fragen, erkennen.<sup>3</sup> &laquo;Ich halte von dem Test nicht so viel&raquo;, sagt jedoch Voderholzer, &laquo;er bescheinigt vielen, die keine Orthorektiker sind, ein orthorektisches Verhalten.&raquo; So w&auml;ren in der Umfrage vom BAG mit anderen Kriterien &laquo;nur&raquo; 19 % der Frauen beziehungsweise 12,1 % der M&auml;nner orthorektisch. &laquo;Auch wenn der Bratman-Test die H&auml;ufigkeit vielleicht etwas &uuml;bersch&auml;tzt, kann man damit aber das Ausmass des Problems absch&auml;tzen&raquo;, sagt Hasler. Der Fragebogen solle aber nat&uuml;rlich nicht die gr&uuml;ndliche klinische Untersuchung und die Anamneseerhebung ersetzen. &laquo;Wichtig ist, die Gesundheitssorgen im biografischen, medizinischen, kulturellen und sozialen Kontext zu sehen &ndash; daf&uuml;r m&uuml;ssen wir uns Zeit nehmen.&raquo;</p> <p>Ob man Orthorexie behandeln muss, kommt auf den Einzelfall an. &laquo;Man sollte nur dann dem Betroffenen zu einer Therapie raten, wenn negative Folgen psychischer oder k&ouml;rperlicher Art eintreten&raquo;, sagt Voderholzer. Wie bei allen Essst&ouml;rungen ist die Psychotherapie die Therapie der Wahl. Die Betroffenen sollen zum einen ein normales Essverhalten mit einer normalen Mahlzeitenstruktur und einer ausgewogenen Ern&auml;hrung lernen. Auf der anderen Seite sollte sich der Orthorektiker damit auseinandersetzen, was sein Essverhalten ausgel&ouml;st haben k&ouml;nnte, damit er den Zusammenhang zwischen negativen Gef&uuml;hlen und Essverhalten versteht. Wichtig sei vor der Therapie, allf&auml;llige Allergien oder Unvertr&auml;glichkeiten abzukl&auml;ren, sagt Hasler. &laquo;Hat jemand Angst, er k&ouml;nne eine Nahrungsmittelallergie haben, muss man das ernst nehmen und vom Allergologen testen lassen.&raquo; Erst wenn sicher sei, dass keine organische St&ouml;rung vorliege, k&ouml;nne man die &Auml;ngste angehen.</p> <p>Hasler setzt auf Psychoedukation, also darauf, den Betroffenen aufzukl&auml;ren, was gesundes Essen bedeutet. &laquo;Wir versuchen, das Vertrauen in die Nahrung und in die Verdauung zu st&auml;rken &ndash; und damit das Vertrauen in den eigenen K&ouml;rper.&raquo; In weiteren Sitzungen hilft er den Betroffenen, den rein k&ouml;rperlichen und individualistischen Blick auf die Ern&auml;hrung zu erweitern. &laquo;Sie sind sich oft nicht bewusst, dass das gemeinsame Essen ein wichtiges Element des Soziallebens und des sozialen Zusammenhalts ist.&raquo; Als Beispiel erz&auml;hlt Hasler den Betroffenen gerne vom gemeinsamen Fondue-Topf: Dabei geht es weniger ums Essen, sondern vor allem um ein Miteinander. &laquo;Glauben jetzt immer mehr Menschen, Laktose nicht zu vertragen, durch K&auml;semikroben befallen zu werden oder dass K&auml;se und Brot ungesund sind, wird bald ein ungezwungener Fondue-Plausch nicht mehr m&ouml;glich sein&raquo;, sagt Hasler. &laquo;Das f&auml;nde ich extrem schade.&raquo;</p></p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> Schnyder U et al: Pr&auml;valenz von Essst&ouml;rungen in der Schweiz. Im Auftrag des Bundesamtes f&uuml;r Gesundheit (BAG 2012). <strong>2</strong> Bratman S: The health food eating disorder. Yoga Journal 1997. Verf&uuml;gbar unter http://www.beyondveg.com/bratman-s/hfj/hf-junkie- 1a.shtml <strong>3</strong> Bratman S, Knight D: Health Food Junkies: Overcoming the Obsession with Healthful Eating. New York: Broadway Books, 2000</p> </div> </p>
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