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Jahreskongress SGPP & SGKJPP

Depressiv, weil gestresst

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<p class="article-intro">Das Thema, das am Jahreskongress der Schweizer Gesellschaften für Psychiatrie und Psychotherapie am meisten diskutiert wurde, war die transgenerationale Vererbung von psychischen Krankheiten. Dabei spielen nicht so sehr genetische Veränderungen eine Rolle, sondern vielmehr epigenetische, die ebenfalls vererbt werden können. Mit Medikamenten und Psychotherapie versuchen Forscher, diese epigenetischen Veränderungen rückgängig zu machen.</p> <hr /> <p class="article-content"><p>Die gesamte Familie wollten die Organisatoren des Jahreskongresses von SGPP und SGKJPP ins Zentrum r&uuml;cken. Mehr als 1600 Teilnehmer aus &uuml;ber 30 L&auml;ndern tauschten sich in Basel &uuml;ber Neuigkeiten aus, &uuml;ber das t&auml;gliche Vorgehen in der Praxis und wie man die neuen Erkenntnisse in den Alltag umsetzen k&ouml;nne. Das Thema, welches am Kongress am meisten diskutiert wurde, war die transgenerationale Vererbung.</p> <p>&laquo;Zwillings- und Familienstudien zeigen eindeutig, dass das Risiko, eine psychische Krankheit zu erleiden, vererbt wird&raquo;, sagte Prof. Gregor Hasler, Chef-Psychiater an der Uniklinik in Bern. Hierbei w&uuml;rde die genetische Vererbung aber nur eine kleine Rolle spielen. Ob die Krankheit wirklich ausbricht, scheinen epigenetische Ver&auml;nderungen zu bestimmen, die ebenfalls vererbt werden k&ouml;nnen. &laquo;Wie wir heute wissen, bewirken bestimmte Umwelteinfl&uuml;sse solche epigenetischen Ver&auml;nderungen, zum Beispiel Stress&raquo;, sagte Hasler. &laquo;Deshalb kann es sein, dass von genetisch identen Zwillingen der eine Zwilling depressiv wird und der andere nicht.&raquo;</p> <h2>Epigenetik auf dem Vormarsch</h2> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2016_Leading Opinions_Neuro_1606_Weblinks_s41_1.jpg" alt="Zitat Prof. 'Hasler" width="250" /></p> <p>Der &laquo;Startschuss&raquo; f&uuml;r die Epigenetik-Revolution sei 2004 eine Studie an Ratten gewesen, erz&auml;hlte der Psychiater.<sup>1</sup> Die Forscher hatten Jungtiere miteinander verglichen, die entweder von ihren M&uuml;ttern liebevoll umsorgt oder missachtet worden waren: Im Gehirn der vernachl&auml;ssigten Rattenbabys war das Gen f&uuml;r den Glukokortikoidrezeptor, das NR3C1-Gen, st&auml;rker methyliert. Es wurde vom Gen also nicht so viel abgelesen und damit wurden weniger Glukokortikoidrezeptoren produziert. An den Rezeptor binden Cortisol und andere Stresshormone, was normalerweise die Stressreaktion d&auml;mpft. Meaney und sein Team &uuml;berpr&uuml;ften dann, ob ihre Entdeckung auch f&uuml;r den Menschen gilt,<sup>2</sup> und zwar bei Leichen von Personen, die sich das Leben genommen hatten. Im Hippocampusgewebe von zw&ouml;lf Erwachsenen, die als Kinder sexuell oder physisch missbraucht worden waren und sp&auml;ter Suizid begangen hatten, fanden sie bei den Probanden deutlich weniger Boten-RNA des NR3C1-Gens als bei den Kontrollpersonen; das Gen war also nicht so aktiv. Weitere Untersuchungen zeigten, dass das Gen durch angelagerte Methylgruppen blockiert worden war. Im Gegensatz dazu zeigte das NR3C1-Gen bei zw&ouml;lf Vergleichspersonen, die zwar ebenfalls Suizid begangen hatten, denen aber ein kindliches Martyrium erspart geblieben war, eine vollkommen normale Aktivit&auml;t der Boten-RNA. &laquo;Damit wiesen die Kollegen erstmals nach, dass sich traumatische Erlebnisse in das Erbgut der Betroffenen einbrennen&raquo;, sagte Hasler. &laquo;Gene und Umwelt wirken aufeinander ein &ndash; in diesem Fall zum Nachteil f&uuml;r die Kinder, die psychische und sexuelle Gewalt erlebt haben.&raquo;</p> <h2>Wie Umweltfaktoren die Gene beeinflussen</h2> <p>Man sei erst am Beginn, zu erforschen, wie psychiatrische Krankheiten, Trauma und Stress sich &uuml;ber die Generationen weitervererben, sagte Prof. Elisabeth Binder, Direktorin des Max-Planck-Instituts f&uuml;r Psychiatrie in M&uuml;nchen. &laquo;Aus grossen epidemiologischen Studien wissen wir schon seit L&auml;ngerem, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren das Risiko f&uuml;r die Entstehung psychiatrischer Krankheiten beeinflussen. Aber wie Gene und Umwelt dabei interagieren, beginnen wir erst jetzt besser zu verstehen.&raquo;</p> <div id="fazit"> <h2>Factbox</h2> <p>Epigenetik ist eines der zentralen Themen der Genetik in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts. Der Begriff Epigenetik umschreibt Mechanismen und Konsequenzen vererbbarer Chromosomen-Modifikationen, die nicht auf Ver&auml;nderungen der DNA-Sequenz beruhen. Die wesentlichen epigenetischen Modifikationen sind nachtr&auml;gliche Modifikationen bestimmter DNA-Basen (DNA-Methylierung), die Ver&auml;nderungen des Chromatins (Histon-Modifikationen) und RNAi-vermittelte Mechanismen.</p> <p>Quelle: <a href="http://epigenetics.uni-saarland.de/de/home/">http://epigenetics.uni-saarland.de/de/home/</a></p> </div> <p>Forscher der Universit&auml;t in Massachusetts versuchten in Kooperation mit der Genanalyse-Firma 23andMe Genver&auml;nderungen bei psychiatrischen Krankheiten zu finden:<sup>3</sup> Mit Proben von 75 607 Menschen mit gesicherter Depression und von 231 747 gesunden Probanden identifizierten sie 17 Genorte, an denen bei Patienten mit Depressionen h&auml;ufiger Ver&auml;nderungen vorkamen als bei den Gesunden. &laquo;Diese Genvarianten erkl&auml;ren aber nur rund sechs Prozent des erh&ouml;hten Risikos, eine psychische Krankheit zu bekommen&raquo;, sagte Binder, &laquo;ein weiterer Teil k&ouml;nnte durch epigenetische Ver&auml;nderungen verursacht werden.&raquo;</p> <p>Traumata in der Kindheit erh&ouml;hen das Risiko f&uuml;r die Entwicklung von psychiatrischen Krankheiten. So haben Menschen, die als Kind missbraucht wurden, ein erh&ouml;htes Risiko f&uuml;r Depressionen.<sup>4</sup> &laquo;Erfahrungen und Umwelteinfl&uuml;sse in der Kindheit ver&auml;ndern unsere Zellen so, dass die DNA anders abgelesen wird und die Zelle anders reagiert &ndash; zum Beispiel mit weniger Produktion von Proteinen oder Botenstoffen.&raquo; Manche Menschen, die als Kind ein schlimmes Trauma erlebt haben, bekommen allerdings keine psychische Krankheit. Umgekehrt erkranken mitunter Personen an einer schweren Depression, die nur ein leichtes Trauma in der Kindheit hatten oder gar keines. &laquo;Es gibt Leute, die besonders sensibel sind, und solche, die sehr resilient sind&raquo;, sagte Binder. &laquo;Jetzt wissen wir auch, woran das liegen k&ouml;nnte &ndash; n&auml;mlich an der Epigenetik, die in das Stresshormonsystem eingreift.&raquo;</p> <h2>Schl&uuml;sselrolle Stress</h2> <p>Eine wichtige Rolle im Stresshormonsystem spielt FKBP5, das unter anderem als Ko-Chaperon in Stresshormonrezeptorkomplexen wirkt. Chaperone &laquo;helfen&raquo; neu synthetisierten Proteinen, sich korrekt zu falten. FKBP5 schw&auml;cht die Affinit&auml;t von Cortisol f&uuml;r den Glukokortikoidrezeptor ab, das heisst, das Stresshormon wird vom Rezeptor nicht so stark &laquo;angezogen&raquo; und der Rezeptor wird weniger stark aktiviert. Dadurch wird letztlich die Kontrolle des Stresshormonsystems im Gehirn blockiert, was zu einer &uuml;berschiessenden Stressantwort f&uuml;hrt. &laquo;Bei jedem Menschen steigt als Reaktion auf Stress die Konzentration von Cortisol an&raquo;, erkl&auml;rte Binder. &laquo;Wir haben inzwischen aber genetische Varianten von FKBP5 gefunden, bei denen FKBP5 sozusagen aktiver ist&raquo;, erkl&auml;rte Binder. &laquo;Das f&uuml;hrt zu einer verl&auml;ngerten Cortisolantwort im K&ouml;rper.&raquo;<sup>5&ndash;8</sup></p> <p><img src="/custom/img/files/files_datafiles_data_Zeitungen_2016_Leading Opinions_Neuro_1606_Weblinks_s41_2.jpg" alt="Zitat Prof. 'Hasler" width="250" /></p> <p>Forscher der Universit&auml;ten in Mannheim und Heidelberg setzten 195 junge Erwachsene Stress aus: Sie mussten beispielsweise einen Rechentest durchf&uuml;hren und Fragen in einem fingierten Jobinterview beantworten. Bei allen stieg der Cortisolanteil im Blut an. Bei denjenigen mit der genetischen FKBP5-Variante, also mit &laquo;aktiverem&raquo; Gen, sank aber der Cortisolspiegel im Laufe der darauffolgenden 70 Minuten deutlich langsamer als bei denen mit &laquo;normalem&raquo; FKBP5.<sup>4</sup> &laquo;Genetische Varianten mit aktiverem FKBP5 &auml;ndern die Antwort auf Stress&raquo;, sagte Binder. &laquo;Die Betroffenen nehmen offenbar Bedrohungen oder negative Erlebnisse intensiver wahr, und das erh&ouml;ht das Risiko f&uuml;r psychische Erkrankungen.&raquo;</p> <p>Ob jemand aber wirklich erkrankt, bestimmen epigenetische Faktoren, wie Binders Team vom Max-Planck-Institut herausfand. Menschen mit &laquo;aktiverem&raquo; FKBP5-Gen hatten ein erh&ouml;htes Risiko, eine Depression zu bekommen, wenn sie in der Kindheit traumatisierenden Ereignissen, etwa k&ouml;rperlicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch, ausgesetzt waren. Sind solche belastenden Ereignisse nicht eingetreten, weisen die Probanden trotz Risikogenotyps keine erh&ouml;hte Depressionswahrscheinlichkeit auf.<sup>9</sup> Es musste also an etwas anderem liegen als am FKBP5-Risikogenotyp &ndash; und hier kommt die Epigenetik ins Spiel. Binders Team fand bei Leuten mit kindlichem Trauma epigenetische Ver&auml;nderungen in Glukokortikoidrezeptor-Bindungsstellen im FKBP5-Gen, aber nur bei denjenigen mit gene&shy;tisch bedingtem &laquo;aktiverem&raquo; FKBP5.<sup>10</sup> Die epigenetischen Ver&auml;nderungen, so vermuten die Forscher, wurden vermutlich durch den genetisch bedingten &uuml;berm&auml;ssigen Anstieg von Cortisol als Antwort auf den erlebten Stress in der Kindheit verursacht. &laquo;Umwelt und Genetik bedingen sich gegenseitig&raquo;, sagte Binder. &laquo;Nur wenn mehrere Faktoren zusammenkommen, also eine genetische Pr&auml;disposition und zus&auml;tzlich epigenetische Ver&auml;nderungen, scheint es zum Ausbruch einer psychiatrischen Krankheit zu kommen.&raquo; Die epigenetischen Ver&auml;nderungen k&ouml;nnen durch Einfl&uuml;sse nach der Geburt auftreten, etwa kindliche Traumata, schon w&auml;hrend der Schwangerschaft oder m&ouml;glicherweise sogar schon davor in den Keimzellen. So fand Binders Team gemeinsam mit Kollegen aus New York bei Kindern von Holocaust-&Uuml;berlebenden &auml;hnliche epigenetische Ver&auml;nderungen am FKBP5-Gen wie bei ihren Eltern.<sup>11</sup> Auch wenn eine Schwangere Stress erlebe, k&ouml;nne das epigenetische Ver&auml;nderungen bei ihr hervorrufen, die sie ihren Kindern vererbt, erz&auml;hlte Binder. Das k&ouml;nnte erkl&auml;ren, warum Menschen, deren Eltern Stress erlebt haben &ndash; etwa durch traumatische Erlebnisse im Krieg oder auf der Flucht &ndash;, an einer psychischen Krankheit erkranken. Im Hinblick auf die aktuelle Fl&uuml;cht&shy;lingsdiskussion bekommen die neuen Forschungserkenntnisse eine weitere Brisanz.</p> <h2>Reversibles Epigenom?</h2> <p>&laquo;Wir haben jetzt erste Hinweise darauf, dass epigenetische Ver&auml;nderungen das Risiko f&uuml;r psychiatrische Erkrankungen erh&ouml;hen und dass Psychotherapie und Medikamente das Epigenom des Gehirns wieder zum Gesunden ver&auml;ndern k&ouml;nnen&raquo;, res&uuml;mierte Hasler. &laquo;Es ist aber nicht so einfach, wie es vielleicht die Studien suggerieren.&raquo; So entst&uuml;nden bleibende gesund machende Effekte meist erst dann, wenn man relativ lange behandle. &laquo;Ausserdem bleiben die krank machenden epigenetischen Effekte oft bestehen, und die therapeutische Wirkung ist mit epigenetischen Ver&auml;nderungen an anderen Stellen des Genoms verkn&uuml;pft. Was das bedeutet, wissen wir noch nicht.&raquo;</p> <p>Die Psychiatrie bef&auml;nde sich in einer sehr spannenden Phase, findet Hasler, und das war auch bei vielen Teilnehmern am Kongress zu sp&uuml;ren. &laquo;Es ist nun m&ouml;glich, psychosoziale und neurobiologische Ans&auml;tze miteinander zu verbinden und Gen-Umwelt-Interaktionen psychisch, sozial und molekular zu verstehen&raquo;, so Hasler. Leider dauere es lange und es sei m&uuml;hsam, die neuen Erkenntnisse aus dem Forschungslabor in einen praktischen Nutzen umzuwandeln. &laquo;Das ist eine grosse Herausforderung. Aber vielleicht werden wir mit anderen Ans&auml;tzen unsere Patienten viel besser behandeln k&ouml;nnen: mit neuen Medikamenten und Psychotherapie oder einfach dadurch, dass wir uns um das psychische Wohlbefinden von Kindern besonders k&uuml;mmern &ndash; vor allem, wenn ihre Eltern schweren Stress erlebt haben.&raquo;</p></p> <p class="article-quelle">Quelle: Jahreskongress der SGPP & SGKJPP: Psychische Gesundheit aus der Generationenperspektive, 17.–19. August 2016, Basel </p> <p class="article-footer"> <a class="literatur" data-toggle="collapse" href="#collapseLiteratur" aria-expanded="false" aria-controls="collapseLiteratur" >Literatur</a> <div class="collapse" id="collapseLiteratur"> <p><strong>1</strong> Weaver IC et al: Epigenetic programming by maternal behavior. Nat Neurosci 2004; 7(8): 847-54 <strong>2</strong> McGowan PO et al: Epigenetic regulation of the glucocorticoid receptor in human brain associates with childhood abuse. Nat Neurosci 2009; 12: 342-8 <strong>3</strong> Hyde CL et al: Identification of 15 genetic loci associated with risk of major depression in individuals of European descent. Nat Genet 2016; 48: 1031-6 <strong>4</strong> Buchmann AF et al: Moderating role of FKBP5 genotype in the impact of childhood adversity on cortisol stress response during adulthood. Eur Neuropsychopharmacology 2014; 24: 837-45 <strong>5</strong> Binder EB et al: Polymorphisms in FKBP5 are associated with in&shy;creased recurrence of depressive episodes and rapid response to antidepressant treatment. Nat Genet 2004; 36: 1319-25 <strong>6</strong> Binder EB et al: Association of FKBP5 polymorphisms and childhood abuse with risk of posttraumatic stress disorder symptoms in adults. JAMA 2008; 299(11): 1291-305 <strong>7</strong> Klengel T et al: Allele-specific FKBP5 DNA demethylation mediates gene-childhood trauma interactions. Nat Neurosci 2013; 16: 33-41 <strong>8</strong> Luijk MP et al: FKBP5 and resistant attachment predict cortisol reactivity in infants: gene-environment interaction. Psychoneuroendocrinology 2010; 35: 1454-61 <strong>9</strong> Zimmermann P et al: Interaction of FKBP5 gene variants and adverse life events in predicting depression onset: results from a 10-year pro&shy;spective community study. American Journal of Psychiatry 2011; 168: 1107-16 <strong>10</strong> Klengel T, Binder E: FKBP5 Allele-specific epigenetic modification in gene by environment interaction. Neuropsychopharmacology 2015; 40: 244-6 <strong>11</strong> Yehuda R et al: Holocaust exposure induced intergenerational effects on FKBP5 methylation. Biol Psychiatry 2016; 80: 372-80</p> </div> </p>
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