Epilepsie nach Schlaganfall vorhersagen
Autor:
Dr. med. Michael Schubert, PhD1,2
1 Klinik für Neurologie, Klinisches Neurozentrum, Universitätsspital Zürich und Universität Zürich
2 UCL Queen Square Institute of Neurology, National Hospital for Neurology and Neurosurgery, London
E-Mail: KaiMichael.Schubert@usz.ch
Ein Schlaganfall ist eine der wenigen erworbenen Epilepsieursachen, bei denen der Zeitpunkt der Hirnschädigung bekannt ist. Validierte Scores, frühe EEG-Befunde und Merkmale der Routinebildgebung erlauben heute eine individuelle Risikoabschätzung, die Beratung, Nachsorge, EEG-Einsatz und Studieneinschluss gezielter machen kann; zugleich kann eine Post-Stroke-Epilepsie eine über den einzelnen Anfall hinausgehende Verletzlichkeit von Hirnnetzwerken markieren. Ein hoher Risikowert bleibt jedoch weder Epilepsiediagnose noch Indikation zur medikamentösen Prophylaxe.
Keypoints
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Risiko strukturiert einschätzen: SeLECT2.0 ohne frühen Anfall, SeLECT-EEG mit frühem EEG und SeLECT-ASyS nach akut symptomatischem Anfall; Status epilepticus, Anfallszeitpunkt und -typ kennzeichnen besondere Risikokonstellationen. Modellrechner stehen auf entsprechenden Internetseiten zur Verfügung.
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Akut symptomatische Anfälle nicht reflexhaft dauerhaft behandeln: Wird ein anfallsunterdrückendes Medikament begonnen, früh reevaluieren und wenn überhaupt meist nur kurz behandeln; Hochrisikomerkmale können ein anderes Vorgehen begründen.
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Post-Stroke-Anfälle können eine ungünstige Hirngesundheit und Netzwerkverletzung markieren; Kausalität und beschleunigte Hirnalterung sind jedoch noch unzureichend belegt.
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Scores, EEG und Nachsorge risikoadaptiert einsetzen, aber nicht als automatische Behandlungsschwelle: Eine wirksame medikamentöse Antiepileptogenese nach Schlaganfall ist bisher nicht belegt.
Ein bekanntes Zeitfenster
Der Schlaganfall ist eine der wichtigsten Ursachen einer neu auftretenden Epilepsie im höheren Lebensalter. Etwa 5–6% der Schlaganfallüberlebenden entwickeln eine Post-Stroke-Epilepsie; das individuelle Risiko variiert jedoch stark. Die ersten unprovozierten Anfälle treten meistens in den ersten ein bis zwei Jahren auf. Diese Latenz macht frühe Risikostratifikation und geplante Nachsorge sinnvoll.
Anfälle innerhalb von sieben Tagen nach dem Schlaganfall gelten konventionell als akut symptomatisch. Spätere unprovozierte Anfälle werden der Post-Stroke-Epilepsie zugerechnet. Ein erster solcher Anfall begründet in diesem Kontext meist bereits die Epilepsiediagnose. Die Siebentagegrenze ist klinisch nützlich, aber kein abrupter biologischer Übergang.
Epilepsie als Marker der Hirngesundheit
Vor und nach einem Schlaganfall haben Risikofaktoren und Marker unterschiedliche Bedeutungen. Vor dem Ereignis erklären Hypertonie, Diabetes, Rauchen oder Vorhofflimmern einen Teil des Schlaganfallrisikos und zeigen Ansatzpunkte für die Prävention. Nach dem Schlaganfall beschreiben Vorhofflimmern und aktive Gefässerkrankung das Rezidivrisiko, während kortikale Beteiligung, Läsionslast und Hyperintensitäten der weissen Substanz die bereits entstandene Gefäss- und Hirnschädigung abbilden. Ein Anfall liegt weiter stromabwärts und verlangt deshalb eine eigene Einordnung: Ein akut symptomatischer Anfall kann vor allem die Schwere der kortikalen Akutverletzung anzeigen; ein später unprovozierter Anfall spricht dafür, dass sich ein dauerhaft epileptogenes Netzwerk etabliert hat. Post-Stroke-Epilepsie ist damit kein klassischer modifizierbarer Risikofaktor, kann aber eine besondere zerebrale Verletzlichkeit markieren.
Die klinische Bedeutung reicht deshalb über weitere Anfälle hinaus. Eine Metaanalyse von 71 Studien mit 20110 Betroffenen mit Post-Stroke-Anfällen fand Assoziationen mit Mortalität (Odds Ratio 2,1), schlechtem funktionellem Ergebnis (2,2) und Demenz (3,1).1 Diese Zahlen belegen keine einfache Kausalkette: Der Mortalitätszusammenhang wurde vor allem von frühen Anfällen getragen, und Schlaganfallschwere, Läsionsort, Komorbiditäten und konkurrierender Tod können die Ergebnisse mitbestimmen. Klinisch ist daher die Formulierung als Marker und möglicher Mitverursacher einer ungünstigen Hirngesundheit angemessener als die Annahme, der Anfall erkläre den gesamten Verlauf.
Auch biologisch passt die Netzwerkperspektive. Räumlich unterschiedliche epileptogene Läsionen konvergierten in einer Studie auf ein gemeinsames funktionelles Netzwerk.2 In einer kleinen Langzeitkohorte junger Schlaganfallbetroffener war Post-Stroke-Epilepsie mit schwächeren, weniger integrierten Netzwerken und häufiger beeinträchtigter Verarbeitungsgeschwindigkeit assoziiert.3 Bei fokalen Epilepsien ausserhalb des Schlaganfallkontexts zeigen MRT-basierte Modelle zudem ein um etwa vier bis neun Jahre erhöhtes vorhergesagtes Hirnalter.4 Ob dies für Post-Stroke-Epilepsie gilt oder eine beschleunigte Hirnalterung verursacht wird, ist offen. Die Hypothese begründet jedoch, Kognition, Stimmung, Schlaf, vaskuläre Komorbiditäten, Gebrechlichkeit und Medikamenteninteraktionen gemeinsam mit den Anfällen zu erfassen.
Klinische Scores machen das Risiko greifbar
Der SeLECT-Score war der Ausgangspunkt für eine individualisierte Vorhersage nach ischämischem Schlaganfall. Er kombiniert Schlaganfallschwere, makroangiopathische Ätiologie (nach TOAST-Klassifikation), frühen Anfall, kortikale Beteiligung und Infarkt im Stromgebiet der A. cerebri media. In der ursprünglichen Entwicklung und Validierung reichten die vorhergesagten Risiken nach einem Jahr von 0,7–63% und nach fünf Jahren von 1,3–83%.5
Die Weiterentwicklung SeLECT2.0 berücksichtigt den akut symptomatischen Status epilepticus.6 SeLECT-ASyS differenziert nach Zeitpunkt und Typ des akut symptomatischen Anfalls; besonders ein Status epilepticus kennzeichnet ein hohes Risiko.7 Die meisten späteren Epilepsien entstehen allerdings ohne klinisch erkannten frühen Anfall.9 Der IsCHEMiA-Score ergänzt detailliertere Bildgebungsmerkmale und zeigte 2026 eine höhere Diskrimination als SeLECT.8 Welches Modell passt, hängt von Schlaganfalltyp, verfügbaren Variablen und Vorhersagehorizont ab.
Ein praktikabler Pfad
Erstens wird während der Akutbehandlung festgehalten, ob innerhalb von sieben Tagen ein Anfall auftrat, an welchem Tag, mit welcher Semiologie und ob ein Status epilepticus vorlag. Nach ischämischem Schlaganfall gilt praktisch: ohne akut symptomatischen Anfall SeLECT2.0, mit frühem EEG SeLECT-EEG, mit akut symptomatischem Anfall SeLECT-ASyS. Für intrazerebrale Blutungen sind blutungsspezifische Modelle wie CAVE geeigneter.
Zweitens bleibt ein EEG bei Anfallsverdacht oder ungeklärter klinischer Fluktuation dringlich. Zur Risikoverfeinerung kann bei erhöhtem Ausgangsrisiko ein Standard-EEG innerhalb der ersten Woche sinnvoll sein. Epileptiforme Aktivität und regionale Verlangsamung verbessern die Vorhersage.9 Ein «continuous EEG» (cEEG) ist kein Screening für alle; eine Verlängerung ist bei fortbestehendem klinischem Verdacht, hohem Ausgangsrisiko oder auffälliger bzw. unklarer Standardableitung sinnvoll.10 Während einer medianen Nachbeobachtung von 41 Monaten entwickelte in der SeLECT-cEEG-Kohorte niemand mit vollständig normalem cEEG eine Post-Stroke-Epilepsie. Ein normaler Befund machte eine spätere Epilepsie in dieser selektierten Kohorte damit sehr unwahrscheinlich; als allgemeiner Ausschlusstest ist dieser Nullbefund noch nicht validiert.
Ein akut symptomatischer Anfall begründet keine automatische Dauertherapie. Wird in der Akutphase ein anfallsunterdrückendes Medikament begonnen, sollte bereits bei Austritt ein früher Reevaluations- oder Absetzzeitpunkt festgelegt werden. Eine längere Behandlung bleibt ausgewählten Risikokonstellationen vorbehalten; dazu zählen insbesondere ein Status epilepticus, der Zeitpunkt und Typ des Anfalls sowie persistierende epileptiforme EEG-Aktivität. Die Evidenz für die optimale Behandlungsdauer ist weiterhin schwach.11
Drittens gehört das Ergebnis in den Austritts- und Nachsorgeplan. Bei erhöhtem Risiko bietet sich eine aktive Anfallserfassung etwa nach drei, zwölf und 24 Monaten an: Patientin oder Patient und Angehörige gezielt nach stereotypen Episoden fragen, nicht nur auf spontane Meldungen warten. Zusätzlich sollten Funktion, Kognition, Stimmung und Lebensqualität erfasst werden. Routineblutwerte dienen der Suche nach reversiblen Anfallsauslösern, nicht der Epilepsievorhersage. Nach einem späten unprovozierten Anfall sind bei Therapiebedarf eher neuere, nicht enzyminduzierende anfallsunterdrückende Medikamente mit geringerem Interaktionspotenzial zu bevorzugen.
Bildgebung und Biomarker
Die Routinebildgebung liefert bereits klinisch nutzbare Marker: kortikale Beteiligung, Läsionslast, Blutung und hämorrhagische Transformation. Bei intrazerebraler Blutung ist auch kortikale superfizielle Siderose ein wichtiger Marker eines vulnerablen Gehirns. Erweiterte Netzwerkanalysen, flüssigkeitsbasierte Biomarker und komplexe KI-Modelle sind für individuelle Entscheidungen noch nicht ausreichend validiert. Kein einzelner Blutmarker trägt derzeit die Entscheidung.
COSY verständlich erklärt
Kumulative Risiken über fünf oder zehn Jahre sind für die Beratung oft unhandlich. Sie sagen, wie wahrscheinlich bis zu einem fernen Zeitpunkt mindestens ein Anfall ist, obwohl bereits ein erster später unprovozierter Anfall die praktische Epilepsiedefinition erfüllen kann. Das Modell «Chance of Occurrence of a Seizure in the next Year» (COSY) stellt deshalb die unmittelbarere Frage: Wenn die Person bis heute anfallsfrei geblieben ist, wie hoch ist ihr Anfallsrisiko in den kommenden zwölf Monaten? COSY nach drei Monaten beschreibt also die Monate 3 bis 15 unter der Voraussetzung, dass in den ersten drei Monaten kein unprovozierter Anfall auftrat. Mit jedem anfallsfreien Intervall wird die Schätzung aktualisiert.12
Das kann die Fahreignungsberatung strukturieren, ersetzt aber weder nationale Vorschriften noch die Beurteilung anderer neurologischer Defizite. Der direkte SeLECT-Web-Rechner wählt je nach Angaben SeLECT2.0, SeLECT-EEG oder SeLECT-ASyS und stellt auch zeitabhängige Risiken dar. Predict Epilepsy.com bündelt weitere Modelle, darunter IsCHEMiA und CAVE. Alle Rechner sind Entscheidungshilfen: Eingaben, Zielpopulation und Originalpublikation müssen geprüft werden; ein Zahlenwert ist keine automatische Behandlungs- oder Fahrfreigabe.
Vorhersage ermöglicht Präventionsstudien
Trotz grosser internationaler Unterschiede in der Behandlung nach akut symptomatischen Anfällen ist eine routinemässige primäre Prophylaxe mit anfallsunterdrückenden Medikamenten nicht belegt. Der aktuell wichtigste randomisierte Versuch untersuchte eine 30-tägige Behandlung mit Eslicarbazepin bei 125 Personen mit hohem Risiko nach ischämischem Schlaganfall oder intrazerebraler Blutung. Der kombinierte Sechsmonatsendpunkt trat bei 28% unter Eslicarbazepin und bei 37% unter Placebo auf; der Unterschied war nicht signifikant, und die Studie blieb unterpowert.13 Das Ergebnis liefert keinen Wirksamkeitsnachweis, zeigt aber, dass eine risikoangereicherte Antiepileptogenese-Studie machbar ist.
PRe-SeLECT als prospektives Gerüst
Epilepsie bleibt in vielen Schlaganfallstudien ausserhalb des primären Erfassungsplans: Nach Anfällen wird nicht systematisch gefragt, die Nachbeobachtung ist zu kurz oder EEG, Bildgebung und Biomarker werden nicht in einem gemeinsamen Zeitraster erhoben. Dadurch fehlen vergleichbare prospektive Daten, obwohl Epilepsie die Funktion, Sicherheit und Lebensqualität nach dem Schlaganfall wesentlich beeinflussen kann. PRe-SeLECT ist die internationale, multizentrische prospektive Kohortenstudie des SeLECT-Consortiums, eines Forschungsnetzwerks zu Anfällen und Epilepsie nach Schlaganfall. Sie soll dieses prospektive Gerüst liefern: Konsekutiv rekrutierte Schlaganfallbetroffene werden über 24 Monate mit standardisierter Anfallserfassung nachbeobachtet; in einer risikoadaptierten Teilkohorte kommen frühes EEG, Bildgebung und Bioproben hinzu. So sollen bestehende Risikomodelle extern validiert und kalibriert, der Zusatznutzen einzelner Marker sollen geprüft und klar definierte Hochrisikogruppen sollen für künftige Präventionsstudien identifiziert werden. Bis dahin gilt: Das Risiko lässt sich stratifizieren; die vorhergesagte Epileptogenese behandeln können wir noch nicht.
Literatur:
1 Misra S et al.: Outcomes in patients with poststroke seizures: a systematic review and meta-analysis. JAMA Neurol 2023; 80: 1155-65 2 Schaper FLWVJ et al.: Mapping lesion-related epilepsy to a human brain network. JAMA Neurol 2023; 80: 891-902 3 Boot EM et al.: Functional brain connectivity in young adults with post-stroke epilepsy. Brain Commun 2023; 5: fcad277 4 Sone D et al.: White matter brain-age in diverse forms of epilepsy and interictal psychosis. Sci Rep 2024; 14: 19156 5 Galovic M et al.: Prediction of late seizures after ischaemic stroke with the SeLECT score. Lancet Neurol 2018; 17: 143-52 6 Sinka L et al.: Association of mortality and risk of epilepsy with type of acute symptomatic seizure after ischemic stroke and an updated prognostic model. JAMA Neurol 2023; 80: 605-13 7 Schubert KM et al.: Association of the timing and type of acute symptomatic seizures with poststroke epilepsy and mortality. Stroke 2025; 56: 1748-57 8 Leung WCY et al.: Development and international validation of the IsCHEMiA score. Neurology 2026; 106: e214486 9 Schubert KM et al.: The role of EEG in predicting post-stroke seizures and SeLECT-EEG. Ann Neurol 2025; 98: 814-25 10 Schubert KM et al.: Continuous versus short EEG after ischemic stroke. Ann Neurol 2026; 100: 400-15 11 Zaccara G et al.: Acute symptomatic seizures after stroke: primary prevention, treatment and drug discontinuation. Epilepsy Behav 2023; 149: 109499 12 Schubert KM et al.: Implications for driving based on the risk of seizures after ischaemic stroke. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2024; 95: 833-7 13 Koepp MJ et al.: Safety and efficacy of eslicarbazepine acetate for seizure prevention in patients at high risk of post-stroke epilepsy. Lancet Neurol 2026; 25: 256-67
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