Von Psychoserisiko bis Leistungsoptimierung: die Jugend als vulnerable Lebensphase im Fokus
Bericht:
Dr. Therese Schwender
Sie sind bereits registriert?
Loggen Sie sich mit Ihrem Universimed-Benutzerkonto ein:
Sie sind noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt kostenlos auf universimed.com und erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln, bewerten Sie Inhalte und speichern Sie interessante Beiträge in Ihrem persönlichen Bereich
zum späteren Lesen. Ihre Registrierung ist für alle Unversimed-Portale gültig. (inkl. allgemeineplus.at & med-Diplom.at)
Am Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP) in Bern beleuchteten Expert:innen neue Ansätze zur Früherkennung psychotischer Erkrankungen sowie Leistungsdruck und Anabolikakonsum im Leistungs- und Freizeitsport bei Jugendlichen.
Obwohl sich psychotische Erkrankungen häufig erst im jungen Erwachsenenalter manifestieren, beginnt ihre Entwicklung oft wesentlich früher. Gerade in dieser Phase können sich erste klinische Hinweise auf eine spätere Psychose zeigen. Entsprechend kommt der Früherkennung von Jugendlichen mit einem erhöhten Psychoserisiko eine grosse Bedeutung zu. Wie sich solche Risiken über die Zeit entwickeln und welche Rolle dabei auch die familiäre Vorgeschichte spielt, das waren die Themen des Keynote-Vortrags von Prof. Dr. med. Andrea Raballo, Università della Svizzera italiana, Lugano.
Risiko ist nicht statisch
Ein Ansatz zur Früherkennung von Personen mit erhöhtem Psychoserisiko ist das Konzept des «Clinical High Risk for Psychosis» (CHR-P). Es zielt darauf ab, subklinische beziehungsweise prodromale Phänomene zu erfassen, die einer manifesten Psychose vorausgehen können. Der klinische Hochrisikostatus wird dabei anhand definierter Kriterien erfasst, zu denen insbesondere abgeschwächte psychotische Symptome gehören.1 Gerade bei Jugendlichen ist die Beurteilung solcher Symptome jedoch anspruchsvoll, treten doch Psychose-ähnliche Erfahrungen in dieser Entwicklungsphase häufig auf und können vorübergehender Natur sein. Dennoch lässt sich anhand der definierten CHR-P-Kriterien eine Gruppe mit deutlich erhöhtem Psychoserisiko identifizieren. In einer aktuellen Metaanalyse mit 28 Kohorten und insgesamt 2951 Jugendlichen mit CHR-P entwickelte rund jeder Fünfte im weiteren Verlauf eine manifeste Psychose.2
Prof. Raballo betonte allerdings, dass auch bei denjenigen, die keine Psychose entwickeln, keineswegs automatisch von einem günstigen Verlauf auszugehen ist. Auch sie bleiben häufig symptomatisch oder funktionell beeinträchtigt. Risiko ist damit nicht als statisches Merkmal zu verstehen, sondern kann sich über die Zeit verändern. «Risk is a process, not a trait», fasste er zusammen.
Familienanamnese als Risikofaktor
Neben diesem klinisch definierten Hochrisikostatus kommt der Familienanamnese eine besondere Bedeutung für die Risikoeinschätzung zu. Mehr als die Hälfte der Kinder eines Elternteils mit einer schweren psychischen Erkrankung entwickeln bis zum frühen Erwachsenenalter selbst eine psychische Störung, etwa ein Drittel eine schwere.3,4 Dabei erfolgt die Weitergabe des Risikos nicht zwangsläufig diagnosespezifisch: Die Erkrankung eines Elternteils kann beim Kind mit ganz unterschiedlichen psychischen Störungen assoziiert sein.5 Wie sich die familiäre Vulnerabilität von einer Generation auf die nächste überträgt, lässt sich zudem nicht auf einen einzelnen Mechanismus zurückführen. Neben genetischen und epigenetischen Einflüssen spielen unter anderem Bindung, traumatische Erfahrungen, sozioökonomische Bedingungen und das familiäre Umfeld eine Rolle.6 Selbst von den Eltern nicht vererbte genetische Varianten können indirekt einen Effekt auf die Entwicklung des Kindes haben, etwa indem sie das Verhalten der Eltern und damit das Umfeld des Kindes beeinflussen. Dieses Phänomen wird als «genetic nurture» bezeichnet.7 Gerade die Bedeutung solcher Umwelteinflüsse eröffnet jedoch auch Möglichkeiten für die Prävention. «Risiko ist kein Schicksal», betonte daher Prof. Raballo. Elternverhalten und andere Umweltfaktoren seien zumindest teilweise modifizierbar. Entsprechend sieht Prof. Raballo insbesondere in der Unterstützung von Eltern und Familien einen wichtigen Ansatzpunkt für die Prävention.
KI als zweites Paar Augen
Unterstützung bei der Früherkennung von Personen mit Psychoserisiko könnte in Zukunft auch künstliche Intelligenz bieten. Wie anspruchsvoll die diagnostische Einordnung beispielsweise im Schizophrenie-Spektrum sein kann, demonstrierte Prof. Raballo anhand zweier klinischer Vignetten: Während rund 70% der befragten Experten den Fall einer manifesten Schizophrenie korrekt erkannten, gelang die richtige Einordnung des zweiten Falls, mit attenuierter psychotischer Symptomatik und CHR-P-Status, nur rund 40%. Beide Fälle zusammen wurden lediglich von etwa einem Drittel korrekt identifiziert.8 In einem experimentellen Vergleich erkannten dagegen mehrere «large language models» beide Vignetten richtig.9 Prof. Raballo versteht solche Systeme jedoch nicht als Ersatz für die klinische Beurteilung, sondern als mögliche Ergänzung und Entscheidungshilfe – gewissermassen als ein zusätzliches Paar Augen.
Leistungsdruck bei jungen Athlet:innen
Psychische Belastungen im Jugendalter entstehen jedoch nicht nur im Kontext psychischer Erkrankungen. Auch im Leistungssport können junge Menschen erheblich unter Druck geraten. In einem der Parallelworkshops des Kongresses stellte Leonie Seeholzer die Ergebnisse ihrer Maturaarbeit vor, in der sie untersucht hatte, wie verbreitet Leistungsdruck bei jungen Athlet:innen ist und woher dieser kommt. An ihrer Befragung beteiligten sich Jugendliche im Alter von 12 bis 21 Jahren aus 39 Sportarten; 284 Fragebögen konnten ausgewertet werden. Insgesamt gaben 88% aller Befragten an, bereits Leistungsdruck erlebt zu haben. Bei Einzelsportler:innen lag der Anteil höher als bei Teamsportler:innen. Ältere Sportlerinnen und Sportler waren häufiger mit Leistungsdruck konfrontiert als jüngere.
Die wichtigste Quelle des Drucks waren dabei nicht Eltern oder Trainer:innen, sondern die Athlet:innen selbst. Als Folgen des Leistungsdrucks nannten die Jugendlichen unter anderem Nervosität, Motivationsverlust, Konzentrationsprobleme und Ängste. Knapp 10% berichteten zudem über Probleme mit dem Essverhalten beziehungsweise über Essstörungen. Strategien zum Umgang mit dem Druck – am häufigsten wurde mentales Training eingesetzt – gingen mit einem besseren subjektiven Befinden einher.
Anabolika: Körperbild unter Druck
Druck kann im Sport nicht nur durch Leistungserwartungen entstehen, sondern auch durch Vorstellungen vom eigenen Körper und Aussehen. Wie weit der Druck zur Optimierung des eigenen Körpers gehen kann, illustrierte Dr. med. Raphael Magnolini vom Arud Zentrum für Suchtmedizin in Zürich anhand eines 19-jährigen Patienten, der bereits fast 20 verschiedene, auf dem Schwarzmarkt erworbene Substanzen konsumierte – darunter anabole Steroide und synthetische Peptide. In diesem Zusammenhang tauchen auch oft Begriffe wie «Looksmaxxing» oder «Biohacking» auf. Sie stehen für einen Trend, bei dem der menschliche Körper mit Medikamenten, Eingriffen und digitalem Tracking von Körper- und Leistungsparametern möglichst weit optimiert werden soll.
Wie Dr. Magnolini weiter betonte, ist der nicht medizinisch indizierte Gebrauch anabol-androgener Steroide (AAS) zudem längst kein Randphänomen des Hochleistungssports mehr. Vielmehr ist der AAS-Konsum heute verbreitet im Freizeitsport anzutreffen. Dabei steht nicht zwingend die sportliche Leistung im Vordergrund: Muskelmasse, Körperbild und Selbstwert können wichtige Motive für den Konsum sein. Besonders relevant für die Kinder- und Jugendmedizin ist der teilweise frühe Einstieg in den AAS-Konsum: In einer Befragung von 2385 männlichen AAS-Anwendern hatten mehr als ein Drittel spätestens im Alter von 21 Jahren, 7,4% sogar bereits vor dem 18. Lebensjahr mit dem Konsum begonnen (Abb. 1).10
Abb. 1: Alter bei Beginn des Konsums anabol-androgener Steroide (AAS) bei 2385 befragten Männern über 18 Jahre, die innerhalb von fünf Jahren vor der Befragung AAS konsumiert hatten. Insgesamt 7,4% berichteten, bereits vor dem 18. Lebensjahr mit dem AAS-Konsum begonnen zu haben (modifiziert nach Bonnecaze AK et al.)10
Die gesundheitlichen Folgen des Einsatzes von AAS können erheblich sein. Sie betreffen unter anderem Leber, Nieren und insbesondere das Herz-Kreislauf-System. Auch psychische Veränderungen, bis hin zu hypomanischen Zuständen, können auftreten. Werden die AAS dann abgesetzt, kann es zu depressiven Symptomen kommen.11 Eine dänische Untersuchung fand zudem bei männlichen AAS-Anwendern eine signifikant höhere Mortalität im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.12
Gleichzeitig werden AAS häufig auf dem Schwarzmarkt bezogen – mit zusätzlichen Risiken hinsichtlich Zusammensetzung und Qualität. Wie relevant dieses Problem ist, machte das in Zürich angebotene Drug Checking für AAS deutlich. Eine 2025 dazu publizierte Pilotstudie zeigte, dass 52% der 71 untersuchten Proben nicht der Deklaration entsprachen: 25% waren gefälscht, weitere 27% enthielten den deklarierten Wirkstoff nicht in der angegebenen Konzentration.13 Für Konsumierende entstehen dadurch zusätzliche, kaum kalkulierbare Risiken.
Nicht zuletzt stellt auch die medizinische Versorgung der AAS-Konsumierenden eine grosse Herausforderung dar. Nur eine Minderheit sucht bei gesundheitlichen Problemen ärztliche Hilfe. Häufig werden Beschwerden zunächst innerhalb der Fitness-Community zu lindern versucht. Medizinische Hilfe wird vielfach erst in Anspruch genommen, wenn bereits mittelschwere bis schwere Probleme bestehen. Als mögliche Gründe nannte Dr. Magnolini unter anderem Stigmatisierung, die Wahrnehmung der gesundheitlichen Probleme als selbstverschuldet sowie mangelndes Vertrauen in die AAS-spezifische Expertise von Ärzt:innen. Er betonte daher, dass die oftmals komplexen körperlichen und psychischen Folgen des AAS-Konsums eine interdisziplinäre Betreuung erfordern, in der internistische, suchtmedizinische und psychiatrische Expertise zusammenkommen.
Psychische Gesundheit braucht Dialog
AAS-Konsum ist nur eine der Herausforderungen, mit denen medizinische Fachpersonen im Sport konfrontiert sein können. Wie der dipl. Arzt Marcel Ivan Raas, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie -psychotherapie, Winterthur, erläuterte, können junge Athlet:innen aus ganz unterschiedlichen Gründen psychiatrische Unterstützung benötigen – etwa nach Verletzungen oder Leistungseinbrüchen, aufgrund von Problemen im sportlichen Umfeld oder wegen psychischer Erkrankungen, die durch die Anforderungen des Leistungssports besonders akzentuiert werden. Aufgabe der Sportpsychiatrie sei dabei nicht die Leistungsoptimierung, sondern die Prävention und Behandlung psychischer Probleme unter Berücksichtigung des sportlichen Umfelds. Dazu brauche es nicht zuletzt den Dialog zwischen Athlet:innen, medizinischen Fachpersonen, Trainer:innen und weiteren Beteiligten.
Quelle:
Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (SGKJPP). 20. und 21. August 2026, Bern.
Literatur:
1 Raballo A et al.: Clinical High Risk for Psychosis (CHR-P) in children and adolescents: a roadmap to strengthen clinical utility through conceptual clarity. Eur Child Adolesc Psychiatry 2024; 33: 1997-9 2 Raballo A et al.: Clinical high-risk for psychosis in adolescents: updated meta-analysis on transition rates and antipsychotic prognostic value. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 2026; S0890-8567(26)00113-9 3 van Houtum LAEM et al.: Running in the FAMILY: understanding and predicting the intergenerational transmission of mental illness. Eur Child Adolesc Psychiatry 2024; 33: 3885-98 4 Rasic D et al.: Risk of mental illness in offspring of parents with schizophrenia, bipolar disorder, and major depressive disorder: a meta-analysis of family high-risk studies. Schizophr Bull 2014; 40: 28-38 5 Uher R et al.: Transdiagnostic risk of mental disorders in offspring of affected parents: a meta-analysis of family high-risk and registry studies. World Psychiatry 2023; 22: 433-48 6 Raballo A et al.: Dynastic social processes and the transgenerational transmission of risk and resilience to mental illness: implications for prevention. Eur Child Adolesc Psychiatry 2025; 34: 1239-41 7 Kong A et al.: The nature of nurture: effects of parental genotypes. Science 2018; 359: 424-8 8 Urkin B et al.: Schizophrenia spectrum disorders: an empirical benchmark study of real-world diagnostic accuracy and reliability among leading international psychiatrists. Schizophr Bull Open 2024; 5(1): sgae012 9 Raballo A et al.: Diagnosing schizophrenia spectrum disorders: Large language models (LLMs) vs. leading international psychiatrists (LIPs). Psychiatry Clin Neurosci 2025; 79: 599-600 10 Bonnecaze AK et al.: Characteristics and attitudes of men using Anabolic Androgenic Steroids (AAS): A Survey of 2385 Men. Am J Mens Health 2020; 14: 1557988320966536 11 Magnolini R et al.: Feasibility of implementing current best clinical practice for people who are using anabolic androgenic steroids within a Swiss primary care practice: a quality assurance study. Swiss Med Wkly 2025; 155: 4225 12 Windfeld-Mathiasen J et al.: Mortality among users of anabolic steroids. JAMA 2024; 331: 1229-30 13 Magnolini R et al.: Evaluation of implementing drug checking services for anabolic androgenic steroids in Switzerland: a pilot study. Harm Reduct J 2025; 22: 100
Das könnte Sie auch interessieren:
State of the Art: Diagnose und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) gehört zu den häufigsten und zugleich am stärksten stigmatisierten psychischen Erkrankungen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das ...
Long Covid und ME/CFS: Neurobiologie als Basis für Therapie und Forschung
Long Covid und myalgische Enzephalomyelitis/chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) sind komplexe multisystemische Erkrankungen. Neuroinflammation, Immun- und Gefäß-dysregulation, autonome ...
Schizophrenie und Depression: neue Impulse für die Behandlung
Beim Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) wurden aktuelle Ansätze zur Behandlung psychischer Erkrankungen aus unterschiedlichen ...